Alvar Aalto hat den Bogen raus

Seine Werke gehören zu den Glanzleistungen der Architektur- und Designgeschichte des 20. Jahrhunderts: Das Tuberkulosesanatorium in Paimio (1928-1933) leitete das Neue Bauen ein, die Stadtbibliothek in Viipuri (1930-1935) war ein Meisterwerk der klassischen Moderne, der finnische Pavillon auf der Weltausstellung in New York 1939 und die Technische Hochschule in Otaniemi bei Helsinki (1955-1964) eröffneten neue Dimensionen organisch-räumlicher Gestaltung und des Umgangs mit natürlichen Materialien wie Holz und Ziegelstein. Der "Finnische Europäer“ Alvar Hugo Henrik Aalto (1898 - 1976) - neben Le Corbusier, Mies van der Rohe und Frank Lloyd Wright - einer der "großen Vier": Erneuerer der Bau- und Gebrauchskunst im vorigen Jahrhundert, erkannte schon früh die Gefahr des Abgleitens der Moderne in einen auf modische Formen begrenzten Modernismus, denn, wie er 1929 schrieb: Nationale Besonderheiten bedeuten in dieser Hinsicht letztlich nichts, denn echte Größe beweist der, der den Mut zum Universalismus aufbringt - seine Persönlichkeit kommt so oder so in seinen Arbeiten zum Ausdruck.

Alvar Aalto: Wandlampe, 1932. Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design. Sammlung Bischofberger", Kunsthalle Bielefeld, 2004/2005. Foto © Manfred Wolff

Alvar Aalto: Wandlampe, 1932. Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design", Kunsthalle Bielefeld

  Eigene Sprache führt zum Erfolg

In der jungen Republik Finnland, die erst 1917 ihre Unabhängigkeit errungen hatte, sah man verständlicherweise mit besonderem Interesse auf die Entwicklungen in Europa und machte die Modernität zum Programm, so vor allem Alvar Aalto, der 1923 sein eigenes Büro in Jyväskylä eröffnete, in dem ab 1925 auch seine erste Frau Aino Marsio (1894 - 1949) mitarbeitete. 1927 wurde ihr Architekturbüro nach Turku, 1933 nach Helsinki verlegt. Das deutsche Bauhaus setzte damals die Maßstäbe, und die Aaltos maßen ihren Erfolg an den Vorgaben des Bauhauses, indem sie diese weiter entwickelten und für ihre Arbeiten eine eigene Sprache fanden.

Alvar Aalto: Easy Chairs, Freischwingende  Liegestühle, 1937/47. Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design. Sammlung Bischofberger", Kunsthalle Bielefeld, 2004/2005. Foto © Manfred Wolff

Alvar Aalto: Easy Chairs, Freischwingende Liegestühle, 1937/47.
  Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design", Kunsthalle Bielefeld 2004/2005

Formgebung mit erotischem Charakter

Besonders deutlich wird dieser Prozess am Beispiel des Paimio-Stuhls aus dem Jahr 1932. Steht am Anfang noch das gebogene Stahlrohr des Breuerschen Vorbilds, das durch eine geschwungene Sitz-Lehnenfläche aus geformtem Holz erste Zeichen des Aalto-Stils ausweist, so findet dieser Klassiker des Aalto-Designs seine Vollendung in einem gänzlich aus Birkenholz gefertigten Möbel, bei dem die Formsprache des Bauhauses mit dem technischen Können der Thonet-Fabrik eine gelungene Verbindung eingeht. Aalto führt beide weiter, indem er dem Quader des Bauhauses seine weichen fließenden Formen (die Welle als organische Grundform) gibt, die dem Möbel einen erotischen Charakter verleihen. Die elegante Formgebung wurde in den Folgejahren auf zahlreiche weitere Sitzmöbel und Tische ausgedehnt. Alvar Aalto bekam etliche internationale Aufträge und konnte sein Wohnprogramm in privaten und öffentlichen Häusern realisieren. Mit der Zeit hat sich aus seinem Design eine geschwungene Architektur entwickelt.

Alvar Aalto: Freischwingender stapelbarer Stuhl, 1929/30. Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design", Kunsthalle Bielefeld

Alvar Aalto: Paimio-Stühle, 1932.  Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design. Sammlung Bischofberger", Kunsthalle Bielefeld, 2004/2005. Foto © Manfred Wolff

Alvar Aalto: Paimio-Stühle. 1932. Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design",
 Kunsthalle Bielefeld, 2004/2005

  Höchste Funktionalität und Ästhetik

Mit dem Auftrag für den Bau und die Gestaltung des Lungensanatoriums Paimio bei Turku konnten die Aaltos die Idee eines ganzheitlichen Entwurfs erstmalig verwirklichen und ihre neue Formensprache einem alltäglichen Gebrauch vermitteln. Kein Detail ist unbedeutend genug, um nicht neu bedacht zu werden: von der Türklinke bis zum geräuschlosen Handwaschbecken. Es entstand ein an den menschlichen Bedürfnissen orientiertes Gesamtgebrauchskunstwerk von höchster Funktionalität und Ästhetik. Ein bewusster Respekt vor den Problemen unserer Zeit schließt im künstlerischen Schöpfungsprozess ein gewaltiges Ziel ein: den Industrialismus Schritt für Schritt dahin zu bringen, wo er eines Tages ohnehin ankommen muss - in der Position eines harmonischen Kulturelements, schrieb Aalto bereits 1928.

Alvar Aalto: Hocker. Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design. Sammlung Bischofberger", Kunsthalle Bielefeld, 2004/2005. Foto © Manfred Wolff

Alvar Aalto: Hocker, 1932. Ausstellung  "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design", Kunsthalle Bielefeld

  Gerundete Design-Ikonen

Die einmal gefundene geschwungene Form wurde in den 1930er Jahren in dem amöbenhaft gerundeten Glaskörper fortgesetzt, den Aalto zum Wettbewerb mit dem Namen „Lederhose einer Eskimofrau“ einreichte, der allerdings mit der Bezeichnung „Savoy-Vase“ zur Design-Ikone wurde. Mit „Bölgeblick“ bediente Aalto auch den Massenmarkt der Pressglaswaren. Eine besondere Beachtung schenkte Aalto den Lampen. In einem Land, das über einen langen Zeitraum des Jahres kaum vom Sonnenlicht erreicht wird, spielt die Schaffung und Gestaltung von künstlichen Lichtquellen eine wichtige Rolle.

Alvar Aalto: Gläser aus der Serie "Bölgeblick", 1932. Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design. Sammlung Bischofberger", Kunsthalle Bielefeld, 2004/2005. Foto © Manfred Wolff

Alvar Aalto: Gläser aus der Serie "Bölgeblick". Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design", Kunsthalle Bielefeld, 2004/2005

  Nähe zur modernen Kunst

Mit ihrer gegenwärtigen, sehr gelungenen und sehenswerten Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design. Sammlung Bischofberger“ zeigt die Kunsthalle Bielefeld fast 230 Sessel, Stühle und Hocker, Tische, Schränke, Lampen sowie Vasen und Gläser aus der Zürcher Sammlung Christina und Bruno Bischofberger, die seit 1980 besteht und über 4000 Objekte zählt. Ebenso werden die Originalzeichnungen der Aaltos und historische Fotografien aus der Alvar Aalto Foundation in Jyväskylä und Helsinki präsentiert. Diese einzigartige, schlüssig konzipierte und räumlich hervorragend arrangierte Schau gibt damit nicht nur einen Überblick über das Lebenswerk dieser beiden Künstler, sondern auch einen Einblick in ihren Schaffensprozess vor dem Hintergrund der bildenden Künste, die zeitgleich eine neue Sicht der Welt vermitteln. Die Nähe von Aaltos Entwürfen und Erzeugnissen zum Vokabular der modernen Kunst war erstmals bei der Ausstellung "Aalto. Architecture and Furniture“ 1938 im New Yorker Museum of Modern Art zu sehen. Philip Johnson, der 1968 die Kunsthalle Bielefeld erbaut hat, nahm bereits 1930 mit Alvar Aalto Kontakt auf. Das Museum of Modern Art sprach damals von einer zweiten Generation des "Internationalen Stils“, als deren Erfinder Gropius, Mies van der Rohe, J. P. Oud und Le Corbusier galten. Mit Deutschland verbanden Alvar Aalto besondere Kontakte, denn außerhalb seiner finnischen Heimat verwirklichte er hier die meisten seiner Architekturprojekte: Das Wohnhaus im Hansaviertel in Berlin und in Bremen-Neue Vahr, das Kulturzentrum sowie die Gemeindezentren Heilig Geist und Detmerode in Wolfsburg, ferner das berühmte Aalto-Theater in Essen, das erst 1987, also neun Jahre nach seinem Tod,  fertiggestellt wurde.

Fragment der  Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design. Sammlung Bischofberger", Kunsthalle Bielefeld, 2004/2005. Foto © Manfred Wolff

Fragment der  Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design", Kunsthalle Bielefeld, 2004/2005

  Historisch und denkerisch synchron

Es ist das didaktische Verdienst der Ausstellung in der Bielefelder Kunsthalle, dass sie die gezeigten Objekte unrestauriert darbietet (was übrigens zum Grundsatz der Sammlung Bischofsberger gehört) und somit den Vergleich mit einem Einrichtungshaus der Spitzenklasse vermeidet und dass sie die Möbel wie selbstverständlich mit den historisch und denkerisch synchronen Kunstwerken verbindet, was anderswo eher zu sehr bemüht wirkenden Ergebnissen führt. Die Aalto-Ausstellung füllt den gesamten Johnson-Bau. Sie wird durch Exponate aus der eigenen Sammlung vom Bauhaus bis zu Alexander Calder ergänzt. Im Dezember erscheint ein ausführlich bebilderter, an Dokumenten reicher Katalog in deutscher und englischer Ausgabe.

Fragment der  Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design. Sammlung Bischofberger", Kunsthalle Bielefeld, 2004/2005. Foto © Manfred Wolff

Fragment der  Ausstellung "Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design", Kunsthalle Bielefeld, 2004/2005

  Museal und erfrischend aktuell

Die Bielefelder Ausstellung zeigt einen wichtigen Ausschnitt der Designgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Klassiker der Wohneinrichtung und ihre - wie im Fall Alvar Aalto - geschwungenen oder - wie bei seiner Frau Aino - eher nüchtern-rechteckigen Erzeugnisse: Sitzmöbel, Tische, Lampen und Vasen sind einerseits museal, andererseits erfrischend aktuell. Den beiden finnischen Künstlern ist es gelungen, die Funktionalität mit der Ästhetik zu verbinden und sie massenproduktionstauglich zu machen: Das bekannteste Erzeugnis ihrer bis heute bestehenden Produktionsfirma "Artek“ in Helsinki ist der dreibeinige Aalto-Hocker, von dem über 50 Millionen Stück verkauft wurden und der sich weiterhin ungebrochener Nachfrage erfreut. Von dem berühmten Paimio-Stuhl, der in Handarbeit gefertigt werden muss, werden ganze vier Exemplare im Jahr veräußert. Kein Wunder, denn Qualität ist äußerst schwer zu sozialisieren, so dass das breite Publikum sie goutieren könnte. Diese Anmerkung des "Europäischen Finnen“ Alvar Aalto von 1950 hat gegenwärtig an seiner universellen Geltung nichts verloren.

Text © Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff

Fotos © Manfred Wolff

30.11.2004


Alvar und Aino Aalto. Möbel und Design.
Sammlung Bischofberger
28.11.2004 - 27. 02.2005
Kunsthalle Bielefeld


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Katalog
Alvar & Aino Aalto. Design
Collection Bischofsberger
Hrsg. Thomas Kellein, Text von Björn Egging, Thomas Kellein
Deutsch/Englisch
2005. 224 Seiten, 159 farbige Abb.
17,30 x 24,50 cm
gebunden
Hatje Cantz Verlag
2005
€ 29,80, SFR 49,00
ISBN 3-7757-1597-5


Stuhl, 1928 von Alvar Aalto in der Kunsthalle Bielefeld. Foto © Manfred Wolff

Freischwingende Armlehnstühle "Tank",  1936, von Alvar Aalto in der Kunsthalle Bielefeld. Foto © Manfred Wolff

Hocker, 1932 von Alvar Aalto in der Kunsthalle Bielefeld. Foto © Manfred Wolff

Schribtischlam, 1950er Jahre, von Alvar Aalto in der Kunsthalle Bielefeld. Foto © Manfred Wolff

Savoy-Vasen, 1936, von Alvar Aalto in der Kunsthalle Bielefeld. Foto © Maija Holma/The Alvar Aalto Museum

Stuhl, Sessel, Hocker, Lampe und Vasen von Alvar Aalto in der Kunsthalle Bielefeld


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zum Text über den polnischen Volkskünstler Józef Chelmowski aus Brusy in der Kaschubei