Postexotik im Kunstpalast

Am Anfang stehen Hindernisse, die beim Springreiten verwendet werden. Reiter werden in einem Video-Loop an die Wand projiziert. Weil ihre Pferde ihnen abhanden gekommen sind, irren sie ziellos herum oder drehen eine Runde auf einem Pferdekarussell. Reiter ohne Pferde sind lächerlich, denn die Uniform allein macht noch keinen Reiter. Neben dem Bildschirm mit den pferdelosen Reitern steht grün auf weiß geschrieben: Seitdem mein Vater keine Zähne mehr hat, beiße ich ihn. Kann es eine treffendere Metapher für das Ende des Kolonialismus geben? Die Kolonialmächte sind zwar abgezogen, doch die ehemaligen Kolonien - statt jetzt endlich Zähne zu zeigen, ahmen ihre einstigen Unterdrücker nach. Die Installation Obstacles (2003) des Marokaners Mounir Fatmi, mit der die Besichtigung der Ausstellung Afrika Remix im Düsseldorfer museum kunst palast beginnt, ist symptomatisch für die bisher größte Präsentation der zeitgenössischen Kunst eines Kontinents hierzulande: Sie hat viel Biss, Witz und Humor, erstaunt und begeistert durch poetische und ironische Werke, die zugleich verblüffend einfach, tief beeindruckend und leicht verständlich sind.

© Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information

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 Afrikanischer Kunstmix

Wer die sonst für die afrikanische Kunst als typisch und charakteristisch verschrieenen Masken, Nagelfetische und andere Ahnenfiguren erwartet, ist im Düsseldorfer kunst palast fehl am Platz: Die 137 Werke von 88 Künstlerinnen und Künstlern aus 25 Ländern ermöglichen einen umfassenden Blick auf die aktuelle Kunstproduktion in Nord-, Zentral- und Südafrika und damit auf Schwarz- und Weißafrika. Neben Malerei, Zeichnung, Skulptur, Assemblage, mehrteiligen Installationen, Foto- und Videoarbeiten, kann man afrikanisches Möbeldesign und afrikanische Mode bestaunen und afrikanischer Musik lauschen, die man vorher selbst mixen kann. Die in drei Themenbereiche: Geschichte & Identität, Körper & Seele, Stadt & Erde gegliederte Ausstellung Afrika Remix mischt unsere Vorstellungen und Klischees über die Kunst und Kultur des afrikanischen Kontinents auf, indem sie Arbeiten zeigt, die im letzten Jahrzehnt entstanden sind oder extra für diese Schau geschaffen wurden. Und sie zeigt, dass gute Kunst keine Grenzen kennt, denn die Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzt, zwar hie und da als typisch afrikanisch erscheinen mögen, haben doch letztendlich einen universellen Charakter.

 Unsere neuen Kleider

Kleider machen Leute: Dieses wohl globale Sprichwort gibt der in Belgien lebende Aimé Ntakiyica aus Burundi der Lächerlichkeit preis, indem er sich, in der Diainstallation WIR in verschiedenen als national geltenden Trachten: im Schottenröckchen, in den tiroler Seppelhosen und im spanischen Torerolook zeigt. Die Verkleidungen des Fotokünstlers Samuel Fosso aus Kamerun dienen ebenfalls der Enthüllung der Klischees: Er schlüpft gern in fremde Kleider und posiert in seinen Autoportraits als Emanzipierte Amerikanerin der 1970er Jahre, als eine Bourgeoise mit glattem langen Haar, einem Paillettenkleidchen und Pelzjäckchen, als Pirat oder Matrose und schließlich - um die herkömmlichen Vorstellungen von den korrupten afrikanischen Herrschern und ihrer Verkörperung Mobutu zu bestätigen - als Chef, der Afrika an die Kolonisatoren verkaufte. Ihre einstigen Salons zeigt der in London lebende Nigerianer Yinka Shonibare in der Installation Victorian Philantropist´s Parlour, in der er die viktorianischen Möbel, Wände und Fußböden mit den scheinbar typisch afrikanischen, doch bekanntlich in den Niederlanden produzierten bunten Bekleidungsstoffen auskleidet. Des heutigen Kaisers neue Kleider lässt wiederum der in Frankreich lebende Sudanese Hassan Musa in seiner Textilarbeit Great Amerikan Nude fallen. Sie ist eine kunsthistorische Anspielung an Tom Wesselmann, nur dass der große amerikanischer Akt diesmal den beliebten Terrorheld Osama bin Laden entblößt. Wir zeigen euch, wie ihr uns seht, deutet Ernest Weangaϊ aus der Zentralafrikanischen Republik an und fertigt Das Kostüm eines Negers, das - wie könnte es anders sein, aus Kokosfasern genäht ist. Nackt und manchmal antiquiert bekleidet sind die hybriden Wesen des Afrikanischen Abenteuers von Jane Alexander aus Südafrika. Sie machen den Eindruck, als ob die einstigen Höllenbilder eines Hieronymus Bosch unter den Händen dieser Künstlerin dreidimensional geworden sind. Höllenqualen erleidet auch ein schmächtiger Schwarzer auf dem Gemälde des Kenianers Richard Onyango Die Beute, der beim Liebesakt unter einer mächtigen weißen Frau begraben wird. Ist das diese Umarmung, aus der sich Afrika bis heute nicht lösen kann?

Bilder ohne Denkfallen

Die Ausstellung wirft Fragen auf: Was ist zeitgenössische afrikanische Kunst und was können wir heute darüber sagen und zeigen, nach all den Erfahrungen, die in Europa gemacht wurden? Gibt es irgendeine brauchbare Definition? Kommt sie dem westlichen Ansatz nahe oder ist sie weit davon entfernt? In welcher Hinsicht? Wir geben gar nicht vor, die Antworten liefern zu wollen, sondern möchten Fragen stellen, die nie zuvor gestellt worden sind. Wir möchten uns auf den Zauber eines Kunstwerkes konzentrieren, das im Rahmen des Konzeptes einer Ausstellung gezeigt wird, welche einen Überblick darüber gibt, was Afrika heute sein könnte. Wie die afrikanische Kunst von morgen aussehen könnte und welches die fehlenden Bindeglieder zwischen dem alten Afrika und dem Afrika von heute sind. Wir haben keine klare Vorstellung von den Ergebnissen. Wir wissen aber, dass wir versucht haben, uns aus den zahlreichen Denkfallen zu befreien, durch die unser allgemeines Bild von Afrika gekennzeichnet ist, schreibt Simon Njami, aus Kamerun stammender und in Paris lebender Schriftsteller und Chefredakteur der „Revue Noire“, der das Ausstellungskonzept erarbeitete und die Künstlerinnen und Künstler auswählte.

Meisterwerke der Schrottkunst

Afrika ist auch der Kontinent, auf dem viel Schrott der Wohlstandsgesellschaften "entsorgt“ wird. Kein Wunder, dass die dortigen Künstler meisterhafte Recyclingkünstler sind. Zu ihnen gehören der Südafrikaner Willie Bester mit seiner raumfüllender Installation For those left behind - ein furchteinflössender Uniformierter mit Hund sowie der Nigerianer Diplomprizulike mit Waiting for Bus, in der er den auf einen Bus wartenden Menschen ein liebevoll-melancholisches und buntes Denkmal setzt. Der Kameruner Joseph-Francis Sumegné setzt sich in seinen Schrott- und Stoffskulpturen Les Notables mit den gierigen Würdenträgern seines Landes auseinander. Bidon armé betitelt Romuald Hazoumé aus Benin seine Säule aus Benzinkanistern, in denen seine Landsleute auf Motor- und Fahrrädern Wasser transportieren. Titos, ein würdiger Nachfolger Panamarenkos, bastelt aus den Fundstücken, die er in Townships und im Busch von Mosambik sammelt, aus Blechen, Pappen und Bambus sogar ein Flugzeug (Plane) samt Pilot. Aus Wellblech, Türen, Fenstern und Verkehrszeichen baut der Angolaner Antonio Ole einen Townshipwall. Ein unübertroffenes Meisterwerk der Schrottkunst ist der monumentale Wandteppich Sasa (640 x 840 cm) aus Aluminium und Kupferdraht, der seinen Schöpfer El Anatsui aus Ghana wie einen neuen Gustav Klimt erscheinen lässt.

Zum Kotzen und Staunen

Afrika ist ein von Konflikten und Bürgerkriegen geplagter Kontinent. Es ist beeidruckend, wie subtil, einfach und doch sehr aufrüttelnd die aus den afrikanischen Ländern stammenden Künstlerinnen und Künstler die Gewalt in ihren Werken thematisieren. Der Mosambikaner Gonçalo Mabunda baut aus den nach dem Ende des Bürgerkriegs eingesammelten Waffen: AK-47 Gewehren, Raketenwerfern und Handgranaten den Eifelturm und einen Stuhl, dessen Anblick das Publikum schaudern lässt. Dass die Welt zum Kotzen ist, denn sie spuckt vor allem todbringende Waffen aus, malt der in Kinshasa und Paris lebende Chéri Samba im gleichnamigen Bild aus. In einem siebenteiligen Gemälde unter dem Titel L´Initiation zeigt Abdoulaye Konaté aus Mali den Menschen als Spielball und Zielscheibe der Großmächte und ihrer imperialen Ideologien. Geradezu prophetisch muten die 20 Zeichnungen Bilndfolded der in Amsterdam lebenden Südafrikanerin Marlene Dumas an, auf denen sie Männer mit verbunden Augen darstellt, worunter sich ein Mann befindet, dem man eine Kapuze über den Kopf übergestülpt hat: eine Vorwegnahme des Folterskandals in den irakischen Gefängnissen. Ihr südafrikanischer Landsmann William Kentridge lässt in seinem wunderbaren Zeichentrickfilm Ubu sagt die Wahrheit die Geschichte und die Gegenwart seines Landes Revue passieren. Es ist eine atemberaubende, brutale und doch sehr poetische Folge von bewegten und bewegenden Bildern, auf denen die Welt einem gigantischen Gefängnis ähnelt, in dem gefoltert und gemordet wird und die Davongekommenen auf Krücken eine ungewisse Zukunft beschreiten. Den von Kriegen, wuchernder Urbanisierung und Umweltzerstörung beschädigten Landschaften und ihren Bewohnern widmen zahlreiche afrikanische Fotokünstler (u.a. Akinbode Akinbiyi aus Nigerien, Yto Barrada aus Maroko, Rui Assubuji, Luis Basto und Sérgio Santimano aus Mosambik, Tracey Derrick, Santu Mofekeng, Zwelethu Mthethwa, Guy Tillim und David Goldblatt aus Südafrika, Ananis Leki Dago von der Elfenbeinküste, Sabah Naim aus Ägypten, Otobang Nkanga aus Nigerien, Pascale Marthine Tayou aus Kamerun) ihre Aufmerksamkeit. Je düsterer die Wirklichkeit, desto bunter die Utopien, deren Meister Bodys Isek Kingelez aus der Demokratischen Republik Kongo ist. Aus Stanniolpapier, Karton und Getränkedosen baut er urbane Architekturmodelle zukünftiger Städte, wie La Ville de Sète en 3009 mit riesigen Prestigebauten, in denen vor allem Banken untergebracht sind. Kein einziger Baum und kein grüner Rasen trübt die Landschaft. Dass alles eine Frage der Technik ist, sieht man beim Betrachten des Meisterstücks des in Sierra Leone geborenen und in den Niederlanden lebenden Abu Bakarr Mansaray. Es ist ein Universalgefährt: Flugzeug, Panzer und Baumaschine in einem. Und sein Turbo Changer ist ein Gerät zur elektrischen Stimulation der Erektion. Eine kurze Geschichte der kleinen und großen Dinge, also wie zum Beispiel aus einer Schildkröte eine Mütze und aus einem Stück Holz eine Rakete entstanden ist, erzählt  auf seinen mit Schriftzügen verzierten Zeichnungen Fréderic Bruly Bouabré von der Elfenbeinküste.

Baguetten in Benin

Es gibt in Afrika Remix auch andere Werke, die durch ihre Poetik und visuellen Reiz lange in Erinnerung bleiben. Dazu gehören vor allem die Klang- und Videoinstallationen Eingefrorene Erinnerung von Abd El Ghany Kenawy & Amal Kenawy aus Ägypten und die wie von alleine musizierenden Trommeln Tabla ihres Landsmanns Moataz Nasr sowie die wunderbare vierteilige Fotoarbeit Schwimmer von Berry Bickle aus Simbabwe, die ein Elefantenembryo zwischen den ersten und achten Monat zeigt. Monumental und zugleich fragil sind die aus Treibholz gefertigten Skulpturen Adam und Evas Geburt und Tigerfisch des Südafrikaners Jackson Hlunghwani. Denen, die Begegnungen mit exotischer Kunst erwarten, hält der in Luanda und Brüssel lebende Fernando Alvim einen echten Spiegel mit dem Spruch We are all post exotics vor: Beim Lesen sieht man das eigene Gesicht. Was ist denn heute schon exotisch, wenn eine Afrikanische Bäckerei - so der Titel der Instalation von Maschac Gaba aus Benin - Baguetten produziert und ein orientalisch geschmückter Bauch, wie auf dem Video Dansons der in Moskau geborenen und in Paris lebenden Zouikha Bouabdellah, zur Marseillaise tanzt. Eins ist offensichtlich: die Zahnlücken der Menscher schwarzer und weißer Hautfarbe sind, wie auf der zehnteiligen Fotoarbeit Grace der Londonerin ghanaischer Abstammung Eileen Perrier zu sehen, gleich anmutend und charmant. In Afrika und dem Rest der (auf)gemischten Welt ist die postexotische Lückenhaftigkeit eine wahre Kunst.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

1.09.2004



AFRIKA REMIX - Zeitgenössische Kunst eines Kontinents
museum kunst palast düsseldorf
24. Juli - 7. November 2004


Anzahl der Werke:

Über 130 Werke/Werkgruppen (Gemälde, Zeichnungen, Videos, Skulpturen, mehrteilige Installationen, Filme, Photographien, Multimedia).


Es gibt zudem eine Music-Bar mit Möbeldesign von Balthazar Faye und afrikanischer Musik, ausgewählt von Lucy Duran und Dudu Sarr, sowie einen mit afrikanischer Literatur ausgestatteten Reading Room, dessen Möbeldesign von Cheik Diallo stammt. Ebenso werden in einem eigens dafür gestalteten Bereich afrikanische Kurzfilme und Videos gezeigt.


Weitere Ausstellungsstationen:


Hayward Gallery London
10. Februar - 17. April 2005

Centre Georges Pompidou Paris
25. Mai - 15.
August 2005

Mori Art Museum Tokio
Februar - Mai 2006

Weitere Stationen in Afrika, in Mali und Südafrika sind ebenso in Erwägung gezogen wie eine Station in Nordamerika.


Katalog:

Zur Ausstellung erscheint im Hatje Cantz Verlag ein Katalog mit ca. 352 Seiten und ca. 320 Abb., davon ca. 240 farbig.
Texte von Jean Loup Amselle, Francois Bensignor, Marie-Laure Bernadac/Abdelwahab Meddeb, Clémentine Deliss, Manthia Diawara, David Elliott, Yukita Kawaguchi, Jean-Hubert Martin, Bernard Müller, Hudita N. Mustafa, Simon Njami, John Picton.
Preis: 29,90 Euro
Buchhandelsausgabe (gebunden mit Schutzumschlag): 49,80 Euro


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