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Kunst
am richtigen Gleis Berlin, vor allem seine Mitte, ist eine Baustelle. Straßen werden aufgerissen, Häuser abgerissen, neu gebaut, saniert; Gleise werden repariert, Züge und Busse umgeleitet Lärm, Staub, Straßen voller Stolperfallen, durch die sich eine pulsierende Menschenmasse durchzwängt und schlängelt, prägen das Bild der Metropole. Hier verändert sich alles ständig, bewegt sich fortwährend, fließt. Berlin ist auch eine Stadt der Kontraste: Heruntergekommene Fassaden und buntbemalte besetzte Häuser stehen neben glitzernden Prunkbauten, türkische, russische, polnische, indische, vietnamesische und sonstige Tante-Emma-Läden und Trödelgeschäfte aus allen Herren Ländern neben schicken shopping malls, Luxuslimousinen neben Trabis, verschleierte muslimische Mütter neben Geschäftsfrauen in Prada-Kostümen. Diese Kontraste, vor allem zwischen Alt und Neu, zwischen prämodern und supermodern, zwischen marode und protzig, zwischen Anarchie und Anpassung machen den flüchtigen Charme dieser Stadt aus, den man noch eine Zeit lang auf sich wirken lassen sollte, bevor hier alles so aussehen wird wie auf dem Potsdamer Platz: gigantisch, gestylt, erdrückend makellos und apart langweilig, eine Kulisse für Touristen und Globalisten der schönen neuen Welt, Tempel des Konsums.
Ende
der Routine Bahnhöfe sind das Spiegelbild einer Großstadt, häufig das Zerrbild ihres Strebens nach Monumentalität, Bedeutung und Rang. Die schöne neue Welt hält bereits Einzug in die modernisierten oder neugebauten Bauhöfe in Berlin. Der Gesundbrunnen ist eine Mischung aus einem schummerigen Bunker mit breiten unpersönlichen Gängen wie aus einem Science-Fiction-Film und einem Open-Air-Bereich, mit einem DB-Store und einem Asia-Imbiss auf einer riesigen Fläche, die man, bisher ziemlich erfolglos, an zwei Wochentagen in einen Markt zu verwandeln versucht. Der Hauptbahnhof ist eine sich über mehrere Etagen erstreckende Einkaufsmeile mit Fastfood-, Drogerie und Buchhandlungsketten mit recht gut getarnten S-Bahn- und Fernzuggleisen. Riesige Entfernungen, Massen der Gaffer, die diesen Glaspalast bestaunen und unübersichtliche Informationsschilder erschweren den Reisenden den Zugang zu ihrem Zug. Der gerade sanierte und modernisierte S- und U-Bahnhof Berlin Alexanderplatz befindet sich in einem Übergangsstadium zwischen dem untergegangenen Orient (DDR und ihre "Bruderländer") und dem neuen Okzident (wobei man weiß, dass die Reise unvermeidlich Richtung Westen geht). Die Eingangshalle erscheint bereits im neuen Glanz, von Frisör-, Blumengeschäften, Modeboutiquen und Pizzaimbissen gesäumt, der Übergang zur S- und U-Bahn gleicht stellenweise einem nostalgischen sozrealistischem Trödelmarkt, mit kleinen Läden, in denen man das kaufen kann, was früher das Herz eines Sowjet- oder DDR-Bürgers begehrte: kobaltblaue Porzellantassen und Matrioschkas, Briefmarken, Fahnen, Postkarten und Uhren aus der guten alten Zeit. Doch an diese Kontraste zwischen Alt und Neu haben sich die Reisenden bereits gewöhnt, ansonsten ist der Bahnhof am Alex seit einiger Zeit ein Ort der Desorientierung. Die Sanierung erfordert es, dass manche vertraute Ein- und Ausgänge gesperrt werden und man sich zu neuen auf Umwegen vortasten muss: Ein Bahnhof im Umbruch bedeutet das Ende der Routine. Pure
Energie Zur Routine des Bahnhofs Berlin Alexanderplatz gehörten die Punks, die mit ihren Hunden im Übergang von der U8 zur S-Bahn unterhalb der Treppe saßen oder eher lagen. Obwohl sie laut, bunt und selten nüchtern waren, waren sie so vertraut und mit diesem Ort verwachsen, dass man sie nicht wahrnahm. Durch die Vertrautheit wurden sie unsichtbar. Seit einer Woche sind sie einem Gewirr aus Plüschtieren, Vasen mit frischen oder verwelkten Blumen, Kartons mit Büchern, Herzchen, einem Fernseher, Bildern und Zetteln mit handgeschriebenen Gedichten und Liebesbriefen gewichen. Der Ort, den Vertreter einer Subkultur sich zu eigen machten, verwandelte sich in einem Ort, an dem "hohe Kultur" und ihre Vertreterin Ingeborg Bachmann mit Mitteln der spontanen Massenkultur verehrt und zelebriert wird. Es ist nämlich ein Altar, wie ihn die trauernden Massen für ihre Popidole, zum Beispiel Lady Di, für die Opfer der Terroranschläge oder Katastrophen im städtischen, also säkularen Raum bauen: Ein anrührender quasi religiöser Kitsch, eine posthume Anbetung mit Hilfe banaler Waren des Massenkonsums. Das subversive an dem "Ingeborg Bachmann Altar“, den der in Paris lebende Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn für die österreichische Dichterin errichtete, ist, dass sie - als Vertreterin der "hohen Kultur“ - niemals den Status eines Popidols oder eines Objekts der Massenverehrung erreichen konnte oder wollte. Nun hat der "Ingeborg Bachmann Altar“ die Chance, zu einem Kultobjekt auf Zeit zu werden: Bis zum 29. Oktober haben Berliner und Durchreisende, die den Bahnhof Alexanderplatz frequentieren, der (für die meisten wohl unbekannten) Toten ihre Referenz zu erweisen, einen Augenblick inne zu halten, einen Blumenstrauß nieder zu legen, eine Kerze anzuzünden, mit der großen Gemeinschaft der Trauernden zu verschmelzen. "Diese wilde Mischung aus Dingen, Liebesbotschaften und Gaben an den Verstorbenen verfolgt keine ästhetische Absicht", sagt Thomas Hirschhorn. "Mich interessiert vielmehr die persönliche Verbindung, die sich darin ausdrückt. Sie kommt von Herzen. Sie ist pure Energie." Nette
Banalitäten Die "Welt der kuscheligen Trauer“ - wie man den Hirschhorn-Altar alternativ betiteln könnte - ist nur durch ein Paar Schritte von der "Welt der Weisheit" getrennt. Diese Weisheiten, im gesamten Transitbereich zwischen der U2 und der U8 verbreitet, sind nette Banalitäten in Form von Sprüchen wie "Die meisten verwechseln das Dabeisein mit Erleben" oder "Global denken, lokal handeln", verkündet die in New York und Berlin lebende amerikanische Künstlerin Christine Hill auf Plakaten, Schrifttafeln, handgemalten Schildern und bunten Flyern, vorwiegend in den Farben gelb, rosa und blau. Es ist eine visuelle Ästhetik, die einerseits an die Bildsprache des real existierenden Sozialismus anknüpft (die "Weisheiten" befinden sich in unmittelbarer Nähe zu den ostalgischen Geschäften mit sowjetischem und DDR-Allerlei), sich andererseits der fortgeschrittenen kapitalistischen Werbesprache bedient: Befriedigte Konsumenten sind glücklich und optimistisch, ihr Leben ist so einfach, wie ein Werbeslogan. Es ist eine Art Psychologie für Arme. Die Grenzen zwischen Kunst und Werbung sind fließend, denn Werbung ist schließlich auch eine Kunst. Den Massen, die an der "Welt der Weisheit" vorbeiziehen, ist das sowieso egal: Sie werden im Alltag mit so vielen Bildern, Texten, Handzetteln, Worten und Verheißungen bombardiert, dass sie sie einfach nicht wahrnehmen oder ignorieren: Das Vertraute ist unsichtbar. Wahre
Fanfaren "Der
Ingeborg Bachmann Altar“ und "Die Welt der Weisheit" sind
zwei von insgesamt drei künstlerischen Interventionen im Bereich des
U-Bahnhofs Berlin Alexanderplatz. Sie sind ein Projekt der Neuen
Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), das bisher alljährlich
ausschließlich auf dem Gleis der U2 stattfand. Bis 2005 waren die dort
gezeigten Arbeiten das Ergebnis eines von der NGBK ausgeschriebenen
Wettbewerbs. Wegen der gegenwärtigen Sanierungsmaßnahmen wurde das
offene Wettbewerbsverfahren einmalig ausgesetzt. Stattdessen lud die
NGBK zwei Künstlerinnen und einen Künstler, die durch ihre Eingriffe
in den öffentlichen städtischen Raum eine internationale Bekanntheit
erlangten. Die Arbeit der dritten Teilnehmerin, Ayşe Erkmen, auch
sie eine Kunstnomadin, die zwischen Istanbul und Berlin pendelt, macht
auf dem Gleis der U8 auf sich aufmerksam, ohne dass man etwas sieht, außer
die aus Richtung Hermannstraße nach Wittenau und umgekehrt einfahrenden
und haltenden Züge. Sie ist trotz der für einen Bahngleis typischen
Kulisse unüberhörbar. Bei jedem einfahrenden Zug ertönt eine wahre,
jedes Mal andere Fanfare, welche die Künstlerin, die dadurch bekannt
wurde, dass sie 1997 historische Skulpturen, die an einem Hubschrauber
hingen, über Münster fliegen ließ, aus Musiktrailern der in der Türkei
beliebten Seifenopern mixte. Wie auf dem Bildschirm so jetzt auch auf
dem Bahnhof sind das Melodien für Millionen. Text © Urszula
Usakowska-Wolff 6.10.2006 U2 Alexanderplatz |