Meister mit streunenden Händen

Er war versunken im Ich-Gestein und schuf Wund-Denkmale, die die Verstümmelung des Menschen und der Natur in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts offen legen. Der Zeichner und Lyriker Gerhard Ströch, der sich seit Mitte der 1950er Jahre Altenbourg nannte, ist eine der außergewöhnlichsten Persönlichkeiten der deutschen Kultur: ein Einzelgänger und Einsiedler, der sein kleines Haus im thüringischen Altenburg in einen Elfenbeinturm seiner inneren Emigration verwandelte. Zeit seines Lebens verließ er dieses bis ins kleinste Detail nach eigenen Vorstellungen zu einem Gesamtkunstwerk gestaltete Refugium nur selten. Dort arbeitete er häufig 16 Stunden am Tag, dem Alltag entrückt, den seine sich um den Haushalt kümmernde Schwester von ihm fern hielt, umgeben von wertvollen Papierbögen, die er mit seinen Flügeln streifte und mit seinen Wunden verzierte.

© Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information

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Berg der Erkenntnis

Mein Leben ist so gefährdet, sagte Altenbourg, dass ich mir eine ganz bestimmte Form geschaffen habe, um nicht einfach zu unterliegen. Der 1926 als Sohn eines Baptistenpredigers im Rödichen-Schnepfenthal bei Friedrichsroda geborene Künstler wurde 1944 als Panzerjäger und Infanterist in die Wehrmacht eingezogen und das Trauma des Krieges, in dem sein Vater und sein Bruder fielen, wurde auch ihm zuteil. Sein Feldzug endete zwar im Lazarett, doch die Erfahrungen, die der in der Gegend des polnischen Łysa Góra (mein Berg der Erkenntnis und der Schau) Verwundete machte, prägten sein Leben und seine Kunst nachhaltig: Menschenschau, Ekel. Inneres Verletzsein. Grenzkräfte und Schocküberwindungsversuche. Anderswerden. Hineinschauen. Der Schock des Krieges, der das humanistische und christliche Menschenbild des schöngeistigen Abiturienten zutiefst erschütterte, das Töten und getötet werden, das jeder Pietät beraubte elende und anonyme Sterben spiegeln sich in den Blättern der 1940er Jahre wider: Das Bild des Menschen, das sich der junge Künstler im Krieg machte, ist gewaltsam, verzerrt, fragmentarisiert und mit Wundmalen bedeckt, wie in den Ecce-homo-Zeichnungen von 1949 und 1950: grinsende Skelette, in alle Ewigkeit verdammt , denn obwohl aus den Schützengräben vereinzelt auferstanden, doch ohne Hoffnung auf Auferstehung und Erlösung.

Das Vögeln ist köstlich

Menschenbilder, aus denen ein beachtlicher Teil des Altenbourgschen Werk besteht, sind eine Chronik seiner Enttäuschung von der vermeintlichen "Krone der Schöpfung.“ Der Mensch, wie ihn der Künstler sieht und zeichnet, ist ein biologisches Wesen, in seiner Triebhaftigkeit gefangen, eine Kopulationsmaschine, auf die äußeren Geschlechtsmerkmale reduziert. Krude, jeder Sublimierung beraubte Darstellungen des Geschlechtsakts (Es ist kein Meister vom Himmel gefallen, 1949; Beim Ficken, 1949; Quellender Schöpfungstag, 1953; Penisamphora, 1966, Preis der Lockung, 1970), gehören zum Lieblingsmotiv des Künstlers, der als Junggeselle, also ein ewiger Knabe versuchte, sich hinter seinen Phantasien zu verstecken, so der Titel seines Aquarells aus dem Jahr 1955. Das Vögeln ist köstlich (1957) steht für einen überschäumenden Phallus, der den Mann auch in seinem Kopf (Selbstbildnis 26.9.50) bewegt, während die Frau bloß eine Reklame (1949) ihrer Vulva darstellt.

Amoralische Motivwahl

Sein Studium an der Staatlichen Hochschule für Baukunst und Bildende Künste in Weimar, das er 1948 begann, musste Gerhard Altenbourg vorzeitig beenden, denn er wurde 1950, nach nur zwei Jahren wegen "Amoralität seiner Motivwahl” exmatrikuliert. In der DDR kaum beachtet und bis 1983 vom öffentlichen Kunstbetrieb weitgehend ausgeschlossen, erfreute er sich seit Anfang der 1950er Jahre in der BRD, vor allem durch Ausstellungen in den Galerien Springer (Berlin) und Brusberg (Hannover) einer gewissen Popularität. Er nahm zwar 1959 an der documenta II teil und wurde 1970 als erster DDR-Künstler in die Westberliner Akademie der Künste aufgenommen, doch einer breiten Öffentlichkeit bleib er unbekannt. In den 1990er Jahren wurde er vom wiedervereinigten Deutschland als großer künstlerischer Einzelgänger entdeckt, doch der Ruhm kam zu spät: Am 30. Dezember 1989 starb Gerhard Altenbourg an den Folgen eines Autounfalls in Meißen.

Tränen der Landschaft

Neben den weitgehend phallisch-vulvalen Menschenbildern gehören Landschaften zu den bevorzugten Motiven des Meisters aus der thüringischen Kleinstadt. Die Landschaft seiner hügeligen Heimat ist seine Insel, auf der er sich geborgen fühlt und wo er der Allmacht der qualvollen Schöpfungsakte entkommen kann. Der Mensch, der sich seiner Zivilisation wie lästiger Kleider entledigte, ist ein Opfer seiner Triebe und ein williger Triebtäter geworden. Im Gegensatz dazu ist die Natur jenseits von Gut und Böse: Ausdruck einer ewigen, sanften und idyllischen Welt. Doch diese Idylle, die 1962 noch Verschattet ruht, verpestet neun Jahre später Fabrikqualm, so dass der Künstler Tränen der Landschaft, ungeweinte (1973) vergießt.

Mimosen im Fluss der Zeit

Gerhard Altenbourg war ein begnadeter Zeichner, der einzigartige Bilderwelten schuf. Es sind organische Gebilde, auf denen Zeichen und Worte, Linien und Formen, Striche, Tupfer und Punkte wuchern und sich zu seltsamen mal farbefrohen mal düsteren Bildteppichen verdichten. Seine Arbeiten bestehen aus einer Reihe von Miniaturen, von "Bildern in Bildern“, aufgeschichtet zu einem Ganzen, dessen Sinn häufig schwer zu entziffern ist. Wirklichkeit und Imagination, Konkretes und Phantastisches verquicken sich in seinen Werken, wobei er häufig subversive Momente ins Poetische überführt (...), schreibt Armin Zweite, Direktor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, in der gegenwärtig eine große Altenbourg-Retrospektive zu sehen ist. "Im Fluss der Zeit“ heißt die Schau, in der man 130 Bilder aus 40 Jahren bestaunen kann, und ihr Titel ist einer Zeichnung aus dem Jahr 1962 entliehen. Dass der in der inneren Emigration arbeitende Künstler durchaus auf der Höhe seiner Zeit war, beweist diese Retrospektive eindeutig. Bei manchen Bildern fühlt man sich an Egon Schiele, Max Ernst, Paul Klee und Bernhard Schultze erinnert, andere wiederum lassen an die magischen, mit Linien und Strichen bedecken Zeichnungen der polnischen Künstlerin Erna Rosenstein (*1913) denken. Doch Altenbourgs filigrane Bildkompositionen, aus unzähligen Punkten, Strichen, Haken, Tupfern zusammen gesetzt, sind einmalig und einzigartig: Streunende Horden meiner Hände/ warum wie Mimosen im hereinbrechenden Zeitenvergeh?, lautet die Schlusszeile seines Gedichts "Nichts als Luft und Abgrund“ aus dem Jahr 1976.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

23.02.2004


Gerhard Altenbourg
Im Fluß der Zeit - Retrospektive
13.12.2003 - 7.03.2004
K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen


Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
2.04. - 6.06.2004


Staatliche Graphische Sammlung München
7.07. - 5.09.2004


Katalog

Gerhard Altenbourg

Im Fluß der Zeit

Retrospektive

 

Herausgegeben von Armin Zweite.
Mit Beiträgen von Dieter Brusberg, Ernst-Gerhard Güse, Florian Illies, Andreas Strobl und Armin Zweite
Prestel Verlag
 2003, 195 S
ISBN 3926154683 (Museumsausgabe)
ISBN 3791330330 (Verlagsausgabe)
Preis 28 €.


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