Street Walker

Francis Alÿs kann man nicht übersehen. Er ist sehr groß und sehr schlank und sieht sehr gut aus. Er ist immer in Bewegung. Auch wenn er sitzt, sitzt er nicht still. Immer wieder schlägt er ein Bein über das andere, bewegt den Kopf und gestikuliert mit den Händen. Obwohl er ein bekannter und gefragter Künstler ist, der gerade einen angesehenen, von den Medien ausführlich gewürdigten Preis bekommen hatte, scheinen ihn der Medienrummel und die ihn belagernden Journalistinnen und Journalisten etwas zu verunsichern. Trotzdem antwortet er geduldig und ausführlich auf alle Fragen und begleitet seine Worte mit seiner faszinierenden Gestik. "Ich bin kein Kämpfer sondern ein Künstler“, sagt er. "Meine Sprache ist nicht politisch sondern poetisch.“ 

 

Francis Alÿs in Wolfsburg, 2.09.2004. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Francis Alÿs in Wolfsburg, 2.09.2004. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Mit Witz, Eisblock und Pistole

In den letzten zehn Jahren ist der 1959 in Antwerpen geborene Francis Alÿs durch spektakuläre Aktionen immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Er durchwanderte als "Narcotourist“ eine Woche lang Kopenhagen, vollgepumpt mit sieben verschiedenen Drogen. Durch die Straßen von Mexiko City zog er mal einen magnetischen Hund, einen selbstgebastelten Metalldetektor hinter sich her, der am Ende mit den weggeworfenen Metallteilen voll beklebt war und sein Volumen ums vielfache vergrößerte, ein andermal schleppte er einen riesigen Eisblock, der in der Wärme schnell dahinschmolz um sich im Nichts aufzulösen. Er lief in der mexikanischer Hauptstadt mit einer entsicherten Pistole herum, bevor ihn die Polizei nach zwölf Minuten festnahm. Mit fünfhundert freiwilligen Helfern ließ er unweit von Lima eine fünfhundert Meter lange und zweihundert Meter hohe Düne um etwa zehn Zentimeter versetzen. Und er schickte einen Pfau - Symbol des eitlen Kunstbetriebs - als seinen Botschafter zur 49. Biennale nach Venedig. Francis Alÿs ist ein global agierender Künstler, ein moderner Nomade, der auf eine intelligente und witzige Art das Interesse der Medien nutzt, um auf globale Probleme aufmerksam zu machen: Umweltverschmutzung, Gewalt, Armut, die Grenzenlosigkeit und die Grenzen des technischen Fortschritts und dass der Glaube zwar Berge versetzt, doch auf Sand gebaut ist.

Francis Alÿs: Collector, 1990. Fragment der Installation im Kunstmuseum Wolfsburg.  Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Francis Alÿs: Collector, 1990. Fragment der Installation in Wolfsburg.  Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Theater des Alltags

Francis Alÿs hat ein Herz für kleine Leute, kleine Händler und Handwerker, Obdachlose und herrenlose Hunde und ein Auge für kleine Dinge und Begebenheiten, die so offensichtlich sind, dass sie in der Alltagshektik keines Blickes würdig zu sein scheinen oder so allgegenwärtig sind, dass sie von den anderen, nicht mit der Sensibilität eines Künstlers gesegnet, schlicht übersehen werden. Die Bühne, auf der Alÿs agiert, ist die Großstadt. Die Sujets seines Theaters des Alltags liegen wörtlich auf der Straße. Seit achtzehn Jahren wohnt der belgische Architekt in Mexiko City, der weltweit größten Stadt. Mit über 25 Millionen Einwohnern und 3 Millionen Hunden ist Mexiko City ein urbaner Albtraum, eine Megapolis ohne urbane Identität, denn die ländliche Bevölkerung, die es auf der Suche nach einem besseren Leben in die mexikanische Metropole zieht, lebt hier weiter so wie früher in ihren Heimatdörfern. Das Urbane ist - in Mexiko City und überall auf der Welt - für diejenigen, die von seinen Annehmlichkeiten nicht profitieren, für die Gestrandeten und die Verlierer, die sich mehr schlecht als recht mühen, um das nackte Überleben zu sichern, nur eine Kulisse in ihrem Kampf mit den Widrigkeiten und Ungerechtigkeiten der Existenz. Mexiko City mag durch diesen ländlichen Charakter zwar wie ein globales Dorf erscheinen, es ist aber in Wirklichkeit ein Dorf der globalen Misere mit Inseln des prunkvollen Reichtums. Die Reichen sind es aber nicht, die ins Auge des Künstlers Alÿs fallen.

Hundeleben mit menschlichen Antlitz

Francis Alÿs ist ein Reisender durch die selten wahrgenommen Regionen der großen Welt, die er mit kleinen Schritten erwandert und offen legt. So laut und spektakulär seine Aufsehen erregenden Aktionen auch sein mögen, so leise und unspektakulär ist seine multimediale Kunst, in deren Mittelpunkt die gebeutelte Kreatur steht. Er ist ein Wanderer, der nach Mexiko City kam, denn dieses riesige, chaotische, urbane (Un)Wesen ist ein Sinnbild der Ungleichzeitigkeit der Entwicklung, die für die heutige Zeit charakteristisch ist. Vor der großstädtischen Fassade, vor den prunkvollen Amtssitzen, Kaufhäusern, Geschäften, Restaurants, Reklamen, vor den die Straßen säumenden Autos, die alle aus der Jetztzeit sind, spielen sich Szenen ab, die zu anderen, längst vergangenen Zeiten gehören. Der aus Antwerpen stammende Wanderkünstler, dem die besten Ideen beim Gehen und Sehen kommen, ist ein Chronist einer parallelen, vorindustriellen, vormodernen und ländlichen Gesellschaft, die an den Straßen von Mexiko City vorbeizieht, wandelt, ruht. Er ist ein Vertreter der art trouvée, denn die Objekte (die für ihn Subjekte sind) seiner Kunst findet er auf der Straße. Auf seinen Fotos und in seinen Video- und Klanginstallationen, in seinen meist kleinformatigen Bildern und Zeichnungen hält er Menschen fest, die zwar in einer sonnigen Stadt, aber nicht auf der Sonnenseite des Lebens ihr Dasein fristen müssen. Es sind fliegende Händler, die ihre mit verschiednen Waren oder auch Müll beladenen Handwagen mühsam durch die Straßen schleppen, manche haben nicht einmal ein Gefährt, sondern nur ein zusammen geschnürtes Bündel Elend. Es ist meisterlich, wie Alÿs die Eigentumsunterschiede selbst unter den Ärmsten der Armen zeigt - es scheint, als ob es bei der Armut keine Grenzen nach unten gibt. Wer überleben will, muss immer in Bewegung bleiben, immer etwas hinter oder vor sich ziehen, tragen, schleppen. Dieser beweglichen und bewegenden Mittellosigkeit, die er aber fern von jeder sie rechtfertigenden Exotik in Szene setzt, verleiht der Künstler ein individuelles Gesicht. In seinen Fotoserien "Ambulantes“ und "Sleepers“ zeigt er nämlich das Individuum, den unvergänglichen einzelnen Sisyphus und seinen allen Widrigkeiten trotzenden Selbsterhaltungstrieb. Das Faszinierende an diesen Arbeiten ist die Spannung, die aus der Bewegung der fliegenden Händler und der Bewegungslosigkeit der auf den Straßen schlafenden Menschen und Hunde entsteht. Es ist ein Hundeleben mit menschlichem Antlitz.

 Fatalistischer Humanist

Francis Alÿs möchte vor allem ein Dokumentartist, ein August Sander des 21. Jahrhunderts sein und trotz der Distanz, die er als Fotograf bewahren muss, merkt man, dass er die Fotografierten liebt. Er ist ein Chronist der inmitten und doch am Rande der Großstadt, Gesellschaft und Existenz lebenden Mittellosen, des neuen landflüchtigen Subproletariats, das in die Zentren der Metropolen eindringt. Er zeigt, dass der globale und unbegrenzte Handel in Wirklichkeit eine Parallelökonomie erzeugt, eine Art Tauschhandel. Und er zeigt, dass die Ungleichheit als etwas naturgegebenes hingenommen wird, denn sie ist allgegenwärtig, leise und schicksalsergeben und steht selten im Rampenlicht der Öffentlichkeit. "Sagen wir, ich versuche, dieses absolute Akzeptieren der conditio humana anzudeuten, das mir in so vielen Personen begegnet, die das bilden, was ich - mehr oder weniger treffend - als la cour des miracles bezeichne ... Über den Begriff kann man natürlich streiten - es ist eben meine Weise, eine Situation zu sublimieren, die ansonsten verzweifelt oder schäbig wäre. Aber eine Inspiration ist auch die Reaktion, die eben diese Personen in meinem Viertel entwickelt haben, wenn sie bestrebt sind, das Alltägliche, das sonst nicht zu ertragen sein würde, um jeden Preis irgendwie zu fiktionalisieren.“ Francis Alÿs ist ein fatalistischer Humanist, denn er zeigt uns die Welt so, wie wir sie nicht sehen (wollen), weiß aber zugleich, dass man sie mit einer noch so beeidruckenden Fotoserie nicht verändern kann. In einer auf Erfolg und Leistung getrimmten Welt gibt es keinen Platz für die Gescheiterten und die Gestrandeten, obwohl sie soviel Platz auf den Straßen unserer Städte belegen.

Alÿs im Wunderland

Das Viertel rund um den zentralen Zócalo-Platz in Mexiko City, wo der fremde Künstler auf der Flucht vor dem Militärdienst in Belgien seit achtzehn Jahren heimisch geworden ist, ist seine kleine Welt, in der er, in einer Entfernung von etwa zehn Blocks, zu Fuß und mit wachem Auge fürs Detail die Probleme der großen Welt registriert. Die Ergebnisse seiner gar nicht so vergeblichen Kreativität, obwohl die Vergeblichkeit der organischen und materiellen Existenz zu seinen Hauptthemen gehören, kann man gegenwärtig im Kunstmuseum Wolfsburg, in der Ausstellung "Walking Distance from the Studio“ bewundern. Man erlebt dort eine leise und unspektakuläre Kunst, die sich tief ins Bewusstsein einprägt, die zum Denken anregt und manchmal auch sehr stark berührt, ohne anrührend oder gar sentimental zu sein. Sie zeigt, dass die Not immer ein individuelles menschliches Gesicht hat. Alÿs Kunst, wie sie in Wolfsburg zu sehen ist, hat etwas Unfertiges, befindet sich ständig in Bewegung, fließt wie die von oben gefilmten Massen auf dem Zócalo-Platz, ist ein noch lange nicht abgeschlossener Prozess. Das Unfertige und Prozesshafte wird auch durch die spröde Innenarchitektur unterstrichen, die der Künstler persönlich für seine Einzelpräsentation entworfen hat. Es ist eine Konstruktion aus rohem ungebeiztem Holz mit Gerüsten, Treppen und Podesten, wie auf einer Baustelle. Man füllt sich wie auf der Baustelle einer Großstadt, denn im ersten Stockwerk des Wolfsburger Kunstmuseums werden die Geräusche aus Mexiko City abgespult: Gesprächsfetzen, Lärm der Autohupen, Bellen - eine Symphonie des Alltags. Man hört auch die Lieder der Mariachi, der mexikanischen Musikanten, die über Liebe, Leben, Leid und Tod singen. Hinter der verglasten Fassade des Museums tobt überraschend auch das Leben, denn die lieblos zubetonierte und sonst fast menschenleere Wolfsburger Fußgängerzone hat sich Anfang September in einen bayerischen Rummelplatz verwandelt. In der niedersächsischen Autostadt, durch deren Straßen Francis Alÿs im regnerischen Frühjahr dieses Jahres einen aus der Mode und 2003 aus der Produktion im mexikanischen Pueblo gekommenen roten VW-Käfer vor sich schob, wird Oktoberfest gefeiert. Blau-weiß, heiter und sonnig ist die Stimmung und das Wetter, ein Karussell dreht sich im Kreis und in einem großen Festzelt singen die deutsche Musikanten über kein schöneres Land. Wunder gibt es also immer wieder. Der Künstler, der sich Alÿs nennt und in einem cour des miracles die Kunst des Überlebens dokumentiert, ist ein Alÿs im Wunderland. Und weil er an so vielen Mirakeln teilnehmen darf, spendet er den mit 77.000 Euro dotierten und zum ersten Mal an ihn vergebenen Blue-Orange-Preis des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken für ein Straßenkinderprojekt in Mexiko City. Das der gefeierte und anerkannte Lebens(nahe)künstler zu einer solchen Geste fähig ist, ist kein Wunder. Das ist konsequent, denn der street walker Francis Alÿs ist in Wirklichkeit ein street worker.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

13.09.2004


Francis Alÿs
Walking Distance from the Studio

4. 09. - 28. 11. 2004
Kunstmuseum Wolfsburg

 


Katalog
Francis Alÿs
Walking Distance from the Studio
160 S., 80 farbige Abbildungen
mit einem Vorwort von Gijs van Tuyl,
einem Text von Annelie Lütgens
und einem Interview zwischen
Corinne Diserens und dem Künstler.
Hatje Cantz Verlag 2004
Preis 19 €
ISBN 3 - 7757 - 1541 - X

 

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