Kunstrebell im Land der Visionäre

"Art Brut“ steht für eine unabhängig und fern ab vom akademischen Kunstbetrieb entstandene Kunst: roh und unverbildet von Kindern, Sonderlingen, Patienten psychiatrischer Kliniken, Häftlingen und anderen Outsidern geschaffen, die ihre Kunstwerke, lange als minderwertig betrachtet, aus einem tiefen inneren Bedürfnis kreierten. Der Erfinder des Begriffs "Art Brut“ war 1945 Jean Dubuffet (1901 - 1985), französischer Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Philosoph, Komponist und Kunsttheoretiker, einer der originellsten und radikalsten Künstler des 20. Jahrhunderts, ein Multitalent und Rebell, der sich programmatisch gegen den offiziellen Kunstbetrieb wandte und nach authentischen unverfälschten Formen des künstlerischen Ausdrucks suchte, denn die wahre Kunst ist immer da, wo man sie nicht erwartet. Da, wo niemand an sie denkt, noch ihren Namen nennt. Mit "Art brut“ bezeichnete er Werke von ungebildeten, am Rande der Gesellschaft oder in ihren geschlossenen Einrichtungen lebenden Autodidakten, deren Kunst selbsterfundene figurative Systeme und fantastische, häufig verwirrende (Wahn)Vorstellungen ausdrückte. Aus der Gesellschaft ausgeschlossen und um ihrer tristen Existenz zu entkommen, schufen sie sich individuelle künstlerische Fluchtwelten und bestätigten die Überzeugung Jean Dubuffets, dass die wesentliche Aufgabe eines Kunstwerks darin besteht, einen Ausweg aus dem durch Bedingungen blockierten Denkens aufzuzeigen.

Urszula Usakowska-Wolff: © Gebührenfreie Information

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Zweifelhafte Figuren

Der Namensgeber der Art Brut Jean Dubuffet kam am 31. Juli 1901 in Le Havre als Sohn eines Weinhändlers zur Welt und entdeckte seine künstlerischen Neigungen bereits in seiner Schulzeit. Nach dem Abitur ging er nach Paris, wo er an der Academie Julian Malerei studierte, aber bereits nach einem halben Jahr schmiss er das Studium hin, denn er konnte das akademische Kunstverständnis nicht teilen. Er wandte sich Literatur, Ethnologie, Musik und Sprachen zu und versuchte, eine Zeitlang vergeblich, als Künstler Fuß zu fassen. Erst 1942, nachdem er seine Weinhandlung verpachtete, was ihm finanzielle Unabhängigkeit sicherte, konnte er sich als freier Künstler behaupten. Indem er stets mit Farben und Materialien experimentierte und im Zufall die gestaltende Antriebskraft seiner Kunst sah, erweiterte er sein künstlerisches Repertoire. Für seine Collagen verwendete er alltägliche, jedoch für die damalige Kunst ungewöhnliche Materialien wie Sand, Teer, Dreck, Brotkrümel, Nähfäden oder Schmetterlingsflügel. Während sich Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre die abstrakte Kunst durchsetzte, trat Dubuffet mit scheinbar naiven und primitiven, als hässlich empfundenen Menschenbildern in Erscheinung, deren Oberfläche er aus Teer, Kohle, Kieselsteinen, Kordel, Zement und Haaren, also aus Materialien gestaltete, die den Geschmack der Kunstwelt verletzten. Diese unbeholfenen zeichenhaften "Schmierereien“, die häufig die Graffitikunst vorwegnahmen, waren ein doppelter Verstoß gegen die immer mehr an Bedeutung und Ansehen gewinnende abstrakte Kunst: sowohl durch ihre Technik als auch die figürliche Motivwahl. Doch der Kunstrebell Dubuffet lehnte künstlerische Moden und die professionelle Kunst programmatisch ab, denn, wie er meinte, für den Künstler gilt dasselbe wie für den Kartenspieler und die Geliebte: Als Professionelle sind sie etwas zweifelhafte Figuren. Der am Anfang seiner Laufbahn Missverstandene und Verkannte wurde gegen Ende seines Lebens als Künstler vom Weltrang gefeiert. Ein Jahr vor seinem Freitod vertrat er bei der Biennale in Venedig Frankreich. Am 12. Mai 1985 nahm sich Jean Dubuffet in Paris das Leben.

Missbrauchte Sammlung

Auf der Suche nach ursprünglicher und unprofessioneller Kunst, die zum obersten Prinzip seiner künstlerischen Arbeit werden sollte, half ihm das 1922 erschienene Buch "Bildnerei der Geisterkranken“ des Heidelberger Psychiaters Hans Prinzhorn (1886-1933), die zur "Bibel“ vieler Künstler der Moderne wurde. Hans Prinzhorn, Arzt und Kunsthistoriker, der vor allem die Entstehung der Kreativität erforschte, legte für die Psychiatrische Klinik der Universität Heidelberg bereits in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine umfangreiche, über 5.000 Werke von rund 435 überwiegend schizophrenen Patienten psychiatrischer Anstalten zählende Sammlung an. Die bis heute bestehende Prinzhorn Sammlung, die Dubuffet 1950 in Heidelberg besichtigte, wurde während des Dritten Reiches missbraucht und zur Diffamierung jener Künstler benutzt, die vom künstlerischen Wert der Kunst von Geisteskranken begeistert waren und deren Erfahrungen sie in ihre Werken nutzten. In der Ausstellung "Entartete Kunst" hingen 1937 Arbeiten aus der Prinzhorn-Sammlung neben der Kunst der Avantgarde, um deren angebliches krankes Wesen zu dokumentieren.

Liebespaare und Fliegenmenschen

1945 wurde Jean Dubuffet von der Schweizereischen Verkehrszentrale zu einer Reise in die Schweiz eingeladen, wo er in der Westschweiz Arbeiten von Louis Soutter (1871 - 1942) und Aloïse (1886 - 1964) entdeckte. Er besuchte damals auch die psychiatrische Klinik Waldau in Bern und war von der aus mehreren Tausend Werken bestehenden Sammlung schizophrener Künstlern, darunter Adolf Wölfli (1864 -1930) und Heinrich Anton Müller (1869 - 1930) des Psychiaters Walter Morgenthaler (1882 -1965) tief beeindruckt. Besonders angetan war er von Wölfli, Aloïse und Müller und deren in der Abgeschiedenheit der geschlossenen Psychiatrie entstandenen gigantischen Werken, in denen sie sich eine eigene Welt schufen, ihre Fantasien und Visionen auslebten und mit denen sie ihre Verletzungen und Ängste von der Seele malten. Anfang des 20. Jahrhunderts schuf der ehemalige Bauernknecht und Handlanger Adolf Wölfli in der Irrenanstalt Waldau bei Bern ein monumentales, 25.000 Seiten umfassendes multimediales Werk, ein einzigartiges und komplexes System von Texten, Zeichnungen, Collagen und musikalischen Kompositionen, mit denen er sich eine allumfassende, individuelle imaginäre Welt, eine neue Vergangenheit und eine glorreiche, ins Mythische erweiterte Zukunft erbaute. Aloïse, Tochter des Bauern und Postbeamten François Corbaz aus Lausanne, war von 1911 bis 1914 Gouvernante des Kapelans Wilhelms II. und verliebte sich unsterblich in den Kaiser. Sie wurde 1918 in die Irrenanstalt Céry eingewiesen. Von 1920 bis zu ihrem Tod lebte sie in der Anstalt La Rosière in Gimel. Dem religiösen und amourösen Wahn verfallen, schrieb, zeichnete und malte sie ihre Träume und Sehnsüchte nach Glück auf meterlangem, zusammengenähten Packpapier, das sie mit Madonnen und berühmten Liebespaaren bedeckte. Das alter ego des Rebknechts und Erfinders Heinrich Anton Müller, langjährigen Patienten der Irrenanstalt Münsingen, der seit 1914 aus Abfällen, seinen Exkrementen und Sekreten kinetische (nach seinem Tod vernichtete) Skulpturen baute, die er in Gang setzte, sobald sich ihm jemand näherte. war u.a. ein Fliegenmensch mit wuscheligen Haaren und spindeldürren langen Beinchen, der mit einer Riesenschlange Gespräche führte. In der Schweiz wurde also Dubuffet endlich fündig und unmittelbar mit Kunst jener Menschen konfrontiert, die alles aus ihrem eigenen Inneren holen. Er erwarb also ihre Werke, die zum Grundstein seiner mit der Zeit 5000 Exponate umfassenden Collection de l’Art Brut wurden. Dabei wurde er von der Compagne de l’Art Brut unterstützt, die er zusammen mit André Breton, Jean Paulhan und Michel Tapié gründete. 1971 schenke er seine Sammlung der Stadt Lausanne.

Tiefsitzende kulturelle Prägung

Die "rohe“ Kunst wurde zu einer Inspirationsquelle Jean Dubuffets. Seit Mitte der 1940er Jahre fand er in Darstellungen des Gewöhnlichen, in der auf einfache Formen reduzierten Bildsprache seinen individuellen künstlerischen Ausdruck. Als er starb, hinterließ er 350 Werke, die wir heute als interdisziplinär und multimedial bezeichnen würden: Gemälde, Zeichnungen, Collagen, Skulpturen, Architekturmodelle, Bühnenbilder, Fotografien, Musikstücke, literarische, philosophische und kulturtheoretische Schriften. Der Stil seiner figürlichen Kunst besticht durch sparsame Linienführung und archaische Formen. Er malte Köpfe mit großen Augen, breiten Mündern und bizarr verformten Gesichtzügen, die wie Kinderzeichnungen oder Höhlenmalerei anmuten sowie chaotische Landschaften, Großstadtszenen und Stillleben. Die Oberfläche seiner Reliefs und Skulpturen ist aufgeraunt und porös, erdig und körnig, sie erinnert an verwitterte Steine. Um solche Effekte zu erzielen, mischte er Kalk, Zement, Sand, Erde und Kieselsteine unter die Farben. Um die Plastizität seiner Werke hervorzuheben, ritzte er Linien in den Malgrund. Indem er mit gewöhnlichen und damals kunstfremden Materialien experimentierte, versuchte er, seinen autodidaktischen Vorbildern näher zu kommen, und in roher Form seinen Fantasien, Träumen und Emotionen einen authentischen Ausdruck zu verleihen. Dass er dieses Ziel nicht vollständig erreichte oder nicht erreichen konnte, zeugt seine Aussage: Ich habe mich immer darum bemüht, die kulturelle Kunst zu vergessen und einen vom Denken, dem sie gehorcht, ganz abgekoppelten Denkstandpunkt zu beziehen, doch die aus der Kultur rührende Prägung sitzt tief, ist in Fleisch und Blut übergegangen, man kann sich ihrer wahrscheinlich nicht ganz entledigen, so sehr man sich auch anstrengt. Es ist also kein Zufall, dass Dubuffets Arbeiten seit Anfang der 1960er Jahre immer bunter und voluminöser wurden. Hässliche erdfarbene archetypische Figuren ersetzte er durch raumergreifende puzzleartige Formen, die er mit blauen, roten, schwarzen und weißen Ölfarben bemalte. Sie gehörten zur Serie, die er mit dem frei erfundenen Wort "Hourloupe" betitelte.

Verbindende Unmittelbarkeit

Heute ist der einstige Kunstrebell Jean Dubuffet, der sich dem klassischen, traditionellen, etablierten also musealen Kunstbetrieb und dessen Regeln und Zwängen stets widersetzte, selbst zu einem museumswürdigen Klassiker geworden. Das zeigt die Ausstellung "Im Rausch der Kunst. Jean Dubuffet und Art Brut“ im Düsseldorfer museum kunst palast, in der auf zwei Stockwerken 80 Arbeiten des Franzosen zum ersten Mal knapp 350 Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen oder Objekte der "rohen" Kunst von über 50 Autodidakten: Outsidern und Geisteskranken aus seiner und der Prinzhorn Sammlung aber auch solchen, die er nicht kannte, gegenübergestellt werden. Es ist schon komisch, dass man eine solche Ausstellung noch nie gemacht hat, sagt Jean-Hubert Martin, Direktor des museum kunst palastes in Düsseldorf und Chefkurator der Schau. Bei ihrer Besichtigung lässt es sich anschaulich nachvollziehen, inwiefern Dubuffet, der über 40 Jahre lang Werke der Art Brut sammelte, sich von den verschiedenen kreativen Prozessen der Art Brut für das eigene Kunstschaffen und seine Kunsttheorie hat inspirieren lassen. Es ist aber schwierig, formale Vergleiche zu finden. Das bleibt dem Publikum überlassen, denn die Werke der einzelnen Künstler unterscheiden sich sowohl thematisch als auch formell sehr stark voneinander. Das was ihnen allen eigen ist und was sie verbindet, ist ihre Unmittelbarkeit und Authentizität, denn sie sind aus einem inneren Bedürfnis heraus entstanden, sich der Welt mitzuteilen und der Tristesse der an den Rand gedrängten Existenz durch künstlerische Kreativität zu entfliehen. Dazu gehören u.a. die großformatigen bunten Zeichnungen des Amerikaners Henry Darger (den Dubuffet nicht kannte) mit zum Teil gewalttätigen Szenen aus dem Leben der von ihm ausgedachten sieben "Vivian Girls“, kindlichen weiblichen Figuren mit männlichem Geschlecht. Henry Darger (1892 - 1972), der mit 17 Jahren aus einer Einrichtung für geistig Behinderte floh, in die er als Zwölfjähriger wegen Masturbation eingesperrt wurde, war ein unauffälliger Mensch, der ein halbes Jahrhundert als Putzmann in einem Chicagoer Krankenhaus arbeitete. Er wurde erst nach seinem Tod entdeckt, als man in seiner heruntergekommener Wohnung eine 2.000 Seiten umfassende Autobiografie, 15.000 Seiten literarische Werke und Hunderte von Zeichnungen mit den "Vivian Girls“ und den "Schrecken des Krieges“ fand.

 Ihrer Zeit voraus

Einen Höhepunkt der Düsseldorfer Schau bildet Dubuffets Bühnenprojekt im Hourlope-Stil, das 1971 entstandene "Coucou Bazar": ein interdisziplinäres und multimediales Gesamtkunstwerk. Die überlebensgroßen, abstrakten Figuren sollten von Schauspielern wie Roboter zu Klängen der vom Künstler selbst komponierten Musik bewegt werden. Der Künstler und Kunstsammler Jean Dubuffet war seiner Zeit stets voraus. Wie übrigens auch die von ihm bewunderten Autodidakten, auch sie wahre Visionäre, denn Adolf Wölfli (1864 - 1930) hatte bereits 1929 ein Reklamebild von Campbell's Tomato Soup in eine Collage integriert und dem geisteskranken Kaufmann Josef Heinrich Grebing (1879 in Magdeburg geboren und1940 im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms in Heidelberg -Wiesloch ermordet), einem Künstler aus der Sammlung Prinzhorn, ist ein Blatt mit Jahreszahlen zu verdanken. Die unverbildeten und unmittelbaren Quellen der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind in der  Düsseldorfer Ausstellung "Im Rausch der Kunst“ mit eigenen Augen zu sehen: Art brut als Vorwegnahme der Pop Art und des Nouveau Réalisme, der Arte Povera und der Conceptual Art, um nur einige Kunstrichtungen zu nennen.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

14.03.2005


Im Rausch der Kunst - Dubuffet und Art Brut
19. 02. - 29. 05. 2005 
museum kunst palast Düsseldorf

23. 06. -  25. 09. 2005
Collection de l'Art Brut Lausanne

Herbst 2005
Musée d'art moderne Lille Métropole


Künstler: Jean Dubuffet und 51 Vertreter der Art Brut:

ACM, Aloïse, Les Barbus Müller, Carlo, Gaston Chaissac, Henry Darger, 
Philippe Dereux, Jules Doudin, Ferdinand Cheval*, Eugène 
Gabritschevsky, Robert Garcet*, Madge Gill, Richard Greaves, Johann 
Hauser, Magali Herrera, Vojislav Jakic, Augustin Lesage, Alexander 
Lobanov, Raphaël Lonné, Dwight Mackintosh, Pascal-Désir Maisonneuve, Heinrich Anton Müller, Michel Nedjar, Petit Pierre*, Guillaume Pujolle, Martin Ramirez, Émile Ratier, André Robillard, Henri Salingardes, Friedrich Schröder-Sonnenstern, Armand Schulthess*, Louis Soutter, Robert Tatin*, Theo, Jeanne Tripier, Willem van Genk, Josef Wittlich, Adolf Wölfli,
 
sowie aus der Sammlung Prinzhorn:
 
Franz Karl Bühler, Karl Genzel, Josef Heinrich Grebing, Emma Hauck, Oskar Herzberg, Johann Knopf, Carl Lange, Heinrich Hermann Mebes, August Natterer, Joseph Schneller, Babara Suckfüll, Louis Umgelter, Hyacinth Freiherr von Wieser

- Kinderzeichnungen aus der Sammlung Dubuffets
* Künstler, über deren Werk ein Film gezeigt wird


Chefkurator: Jean-Hubert Martin
Kuratorenteam: Lucienne Peiry, Michel Thévoz, Mattijs Visser
Projektleitung: Isabel Kauenhoven
Ausstellungsarchitektur: Mattijs Visser


Katalog:
 
Zur Ausstellung erscheint ein deutsch- sowie ein französischsprachiger, 192 Seiten starker, reich bebildeter Katalog im Verlag 5 Continents Éditions (Mailand). Mit Essays von Jean-Hubert Martin, Lucienne Peiry, Michel Thévoz, Thomas Röske, Savine Faupin, mit Künstlerbiographien, der Chronologie der Art Brut und einer Bibliographie sowie dem Verzeichnis der ausgestellten Werke.
Preis: 29,90 €


Jean Dubuffets Biografie >>>


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