Berliner Kunstherbst 2008:

Messemasse unterschiedlicher Klasse

In den letzten zwölf Jahren leitete das Art Forum Berlin Ende September die Saison der internationalen Kunstmessen ein. In diesem Jahr musste es ausnahmsweise einen Monat später stattfinden: vom 31. Oktober bis zum 3. November. Trotz des späten Termins nahmen am 13. Art Forum 127 Galerien aus 26 Ländern teil, die über 2000 Künstler aus aller Welt präsentierten. Die Hälfte der Galerien kam aus dem Ausland. Die viertägige Messe für zeitgenössische Kunst, diesmal mit dem Titel Desiré (Verlangen), besuchten 38 000 Menschen, darunter 1700 Journalisten aus aller Herren Ländern. Auf der Messe wurde vor allem Malerei, Zeichnung und Fotografie angeboten, Installationen und Videoarbeiten waren nicht so allgegenwärtig, wie bisher. Das tat der Berliner Kunstmesse gut. Das Angebot war nicht so bunt und schrill, wie in den vorigen Jahren, den größten Eindruck machten sorgfältig konzipierte, komponierte und ausgeführte Werke: die Zeichnungen von Marc Brandenburg in der Galerie Thaddaeus Ropac (Salzburg/Paris), ornamentale Fotokompositionen von Zofia Kulik, die zwei polnische, zum ersten Mal am Art Forum teilnehmende Galerien zeigten: żak/Branicka (Berlin/Krakau) und Le Guern aus Warschau. In der Letzteren stieß die Malerei von Tomasz Partyka auf besonderes Interesse von Kuratoren und Sammlern. Sehenswert waren auch Objekte und Dioramen des kanadischen Malers und Musikers Marcel Dzama bei Sies + Höke aus Düsseldorf. Die rumänische Galerie Plan B (Cluj/Berlin), die sich an der Berliner Kunstmesse ebenfalls zum ersten Mal beteiligte, war überrascht: Das Gemälde des von ihr vertretenen Künstlers Adrian Ghenie Der Sammler wollten sieben Sammler kaufen! Die Galerie Zderzak aus Krakau, die seit Jahren am Art Forum teilnimmt, enttäuschte auch in diesem Jahr nicht und stellte erstklassige Malerei, Zeichnung und Fotografie aus Polen aus (u.a. von Jarosław Modzelewski, Monika Szwed, Radek Szlaga, Tom Vernimmen).

Art Forum Berlin 2008. Galerie Zak/Branicka. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Zak/Branicka. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Zderzak. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Zderzak. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Le Guern. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Le Guern. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Sies + Höke. Arbeiten von Marcel Dzama. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Sies + Höke. Arbeiten von Marcel Dzama. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Nathalie Obalia. Installation von Joana Vasconcelos. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Nathalie Obalia. Installation von Joana Vasconcelos. 
Foto © Urszula Usakowska-Wolff

  Ostkunst im Westen, Westkunst aus Fernost

Andere Galerien hatten auch polnische Künstlerinnen und Künstler im Programm: Fotografien von Patrycja German und Objekte von Anna Kołodziejska konnte man in der Innsbrucker Galerie Bernd Kugler, Objekte von Alicja Kwade, der diesjährigen Trägerin des Piepenbrock Förderpreises für Skulptur, in der Berliner Galerie Lena Brüning und Gemälde von Wawrzyniec Tokarski in der Galerie Meyer aus Karlsruhe sehen. Interessant war auch das Angebot der Galerie scq aus Santiago de Compostela: Skulpturen von Mónica Alonso und Gemälde von Pedro Calapaz. Die Galerie Guy Bärtschi aus Genf zeigte ein witziges Objekt von Oliver Blanckart: einen sitzenden Mann mit dem Transparent Fuck The Context. Diese Aufforderung könnte wohl als Motto nicht nur dieser Kunstschau dienen. Die etablierten Galerien, vorneweg Eigen + Art (Berlin/Leipzig) und Alexander Ochs (Berlin/Peking) stellten eine Fülle von Arbeiten zur Schau, die sich, gelinde gesagt, vorwiegend am Kunstmarkt orientieren: die erste die bewährten mehr oder weniger Neuen Deutschen (Neo Rauch, Tim Eitel, Martin Eder, Maix Mayer), die zweite handwerklich begabte Chinesen, wie sie die aktuellen und gefragten Trends der Westkunst in ihren Arbeiten adaptieren, denn die Kunst der Nachahmung hat in Fernost bekanntlich eine lange Tradition. Selbstverständlich konnten sich die die beiden Großen im Kunstbusiness über mangelnde Verkäufe nicht beklagen: Finanzkrise hin, Finanzkrise her, die Leute kaufen vor allem mit den Ohren. Mehr sollte man darüber nicht schreiben: Geschwiegen ist genug gelobt.

Art Forum Berlin 2008. Galerie scq. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie scq. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Bernd Kugler. Objekte von Anna Kolodziejska. Foto © U. Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Bernd Kugler. Objekte von Anna Kołodziejska. Foto © U. Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Alexander Ochs. Foto © U. Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Alexander Ochs. Foto © U. Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Alexander Ochs. Foto © U. Usakowska-Wolff

  Beste Kojen haben die Neuen

Dass jede vierte Galerie zum ersten Mal am Art Forum teilnahm, verlieh der 13. Berliner Messe für zeitgenössische Kunst einen jungen und frischen Charakter. Es ist also kein Zufall, dass dort zwei Neulinge von der Landesinitiative Projekt Zukunft ausgezeichnet wurden: die in fluoreszierendes gelbes Licht getauchte Koje von SEPTEMBER aus Berlin mit dem Preis für die beste Galerie und der aus Neonröhren konstruierte Raum von INGLEBY, Edinburgh (nach einem Konzept von Peter Liversidge) mit dem Preis für den besten Freestyle-Stand. Eine Neuigkeit des diesjährigen Art Forums war auch die Form der Ausstellung, die diesmal Jürgen Hafner kuratierte. Seine Schau mit dem Titel difference, what difference, über Beziehungen zwischen Kunst und Kommerz, konnte man in 32 Kojen in allen drei Messehallen (11, 18, 20) als eine Art Ausstellung in der Ausstellung besichtigen. Dadurch verwandelte sich die Halle Nr. 11, in der bisher Kuratoren ihre für das Art Forum konzipierten Themenausstellungen zeigten, in eine Freestyle-Halle mit dem Angebot und Aufgebot von 26 jungen Galerien. Jede hatte dieselbe Größe und konnte von zwei Seiten betreten werden. Inmitten dieses offenen und demokratischen, vom Berliner Architekten Roger Bundschuh entworfenen Trakts befand sich eine Erholungszone mit einer Bar und großen Liegekissen. Die Verschnaufpause war notwendig, denn nicht nur in den Messehallen am Funkturm musste man viel gehen, um zu sehen, was der heimische und internationale Kunsthandel sonst noch zu bieten hat.

Art Forum Berlin 2008. Galerie September. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie September. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. INGLEBY. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. INGLEBY. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Peter Friedl: Brother in crime. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Peter Friedl: Brother in crime. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Freestyle-Halle. Foto © Manfred Wolff

Art Forum Berlin 2008. Freestyle-Halle. Foto © Manfred Wolff

Massen mögen Messen

Parallel zum Art Forum Berlin fanden in diesem Herbst nämlich vier, und nicht, wie bisher, drei Kunstmessen statt: die Preview Berlin - The Emerging Art Fair im Hangar 2 des am 1. November stillgelegten Flughafens Tempelhof (57 Galerien aus Deutschland, Frankreich, Dänemark, Holland, Italien, Rumänien, Spanien, Griechenland, Israel, der Schweiz und den USA); die Berliner Liste in den Zimmern der einstigen, heute leider heruntergekommenen und leer stehenden Nobelherberge Hotel Cumberland am Kurfürstendamm (74 Galerien aus Deutschland, Litauen, Rumänien, Italien, Frankreich, Polen, Südkorea und den USA); der Berliner Kunstsalon im denkmalgeschützten Humboldt-Umspannwerk im Prenzlauer Berg, und – als Premiere – die Miami Beach brigdeArtFair in den leer geräumten Wohnungen des Apartmenthotels in der Schönhauser Alle 5, in Berlin-Mitte (18 Galerien, vorwiegend aus den USA, Deutschland und Polen). Auch diese Messemasse lockte Massen an, die meisten Besucher verzeichneten der Berliner Kunstsalon (15 000) und die Berliner Liste (14 000), während The Emerging Art Fair 12 000 Kunstinteressierte von ihrem, wie gewohnt, hohen Niveau überzeugen konnte. Die Preview Berlin war auch die einzige unter den vier, die den Namen einer Kunstmesse verdiente. Sie war übersichtlich und überraschte mit jungen und frechen Werken, die sich über die hoch- und überschätzten Stars des internationalen Artbusiness häufig lustig machten. Dazu gehörte zum Beispiel das in der Galerie KraskaEckstein aus Bremen ausgestellte Gummiobjekt von Friederike Hamann und Moritz Hirsch Man besitzt, was man zurücklässt, eine Anspielung an den Balloon Dog von Jeff Koons.

Preview Berlin 2008.  Galerie KraskaEckstein. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Preview Berlin 2008.  Galerie KraskaEckstein. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Preview Berlin 2008. Galerie Steinle Contemporary. Installation der Gruppe Famed.  Fot. U. Usakowska-Wolff

Preview Berlin 2008. Galerie Steinle Contemporary. Installation der Gruppe Famed.
 
Fot. U. Usakowska-Wolff

  Gespritzte und entblößte Möpse

Im Berliner Kunstsalon war nur die Innen- und Außenarchitektur des Humboldt-Umspannwerks wirklich sehenswert: ein Meisterwerk der Industriekultur vom Anfang der 1920er Jahre, worauf die Aussteller leider nicht eingegangen sind und vor allem mit auffallend vielen Werken, die nackte männliche Körperteile zeigten, Aufsehen erregen wollten. Doch vergeblich, denn auch der geilste Arsch und der längste Schwanz verlieren in der Masse ihren Glanz. Die Atmosphäre, die im heruntergekommenen Hotel Cumberland herrschte, das die Berliner Liste beherbergte, konnte Literatur- und Filmfans an das Hotel New Hampshire von John Irving erinnern, nur dass die Rolle des ausgestopften Hundes viele schwarze oder gar goldene Plastikmöpse spielten, die man bei ihrem Produzenten, dem Serienkünstler Ottmar Hörl persönlich für bescheidene 100 bis 150 Euro pro Stück erwerben konnte. In der Berliner Liste ist die Kunst, in diesem Falle eine Art Airport Art, auf den Mops gekommen. Das Angebot richtete sich überwiegend an Liebhaber nackter Haut und präsentierte auffallend viele gemalte, abgelichtete und geschnitzte entblößte Möpse. Zu den wenigen Ausnahmen, die der wahren Kunst eine Ehre machten, gehörten zwei polnische Galerien, die auf diese Messe wohl aus Versehen geraten waren. Man musste eine gewisse körperliche Anstrengung unternehmen, um zu ihnen zu gelangen. Sie waren nämlich im dritten und vierten Stockwerk untergebracht, und die altersschwachen Fahrstühle gaben den Geist auf. Wenn man diese Mühe auf sich nahm, wurde man belohnt: mit den grandiosen bösen antikatholischen und antimilitärischen Objekten und Installationen von Leszek Knaflewski in der Galerie Piekary aus Posen, in appendix2 aus Warschau mit den Schildern von Ryszard Grzyb und den Fotoarbeiten von Wojciech Gilewicz sowie der Installation Little Boy von Olaf Brzeski, in der er sich mit dem Atomkrieg auseinandersetzt.

Berliner Liste 2008. Ottmarl Hörl: Möpse.  Foto © U. Usakowska-Wolff

Berliner Liste 2008. Ottmar Hörl: Möpse.  Foto © U. Usakowska-Wolff

Berliner Liste 2008.  a.i.p.galerie artists in progress, Berlin. BALAVAT: Buddha bei die Fische. Foto © U. Usakowska-Wolff

Berliner Liste 2008.  a.i.p.galerie artists in progress, Berlin. BALAVAT: Buddha bei die Fische.
Foto © U. Usakowska-Wolff

Berliner Liste 2008. appendix2. Ryszard Grzyb: Blumen für kranke Wesen. Foto © U. Usakowska-Wolff

Berliner Liste 2008. appendix2. Ryszard Grzyb: Blumen für kranke Wesen. Foto © U. Usakowska-Wolff

Berliner Liste 2008. appendix2. Olaf Brzeski: Little Boy. Foto © U. Usakowska-Wolff

Berliner Liste 2008. appendix2. Olaf Brzeski: Little Boy. Foto © U. Usakowska-Wolff

 Masse bringt Kasse

Zu den Höhepunkten der neuesten und kleinsten Hauptstadt-Kunstmesse brigdeArtFair gehörten die Schauräume der Galerien Collectiva aus Berlin und LETO aus Warschau. Die erstere wurde vor einem Vierteljahr von Ewa Bojarowski in einem Hinterhaus in der Brunnenstraße mitbegründet und bietet junge, auffallend gute Kunst an. Erwähnenswert sind vor allem die meisterlichen Groß- und Kleinskulpturen der diesjährigen UdK-Absolventin Ina Sangenstedt. Und die Fotoarbeit Tropical Toxic von Maurycy Gomulicki, eines Künstlers der Galerie LETO, schaffte es aufs bridgeArtFair-Plakat. Gut, dass es in dieser erdrückenden und weitgehend enttäuschenden Messemasse einige wenige sehenswerte Kunstwerke gab. Abgesehen davon verkommen die Art-Forum-Satellitenmessen immer mehr zu Massenverkaufsschauen, die dem Massengeschmack huldigen. Der Massengeschmack sorgt bekanntlich, wie in allen Massenmedien, zu denen heute zunehmend auch Kunst gehört, für Quote. Und Quote bringt Kasse.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

22.11.2008

Art Forum Berlin >>>
31. 10. – 03.11.2008

Eva & Adele auf dem Art Forum Berlin 2008.  Foto © U. Usakowska-Wolff

Eva & Adele auf dem Art Forum Berlin 2008. Foto © U. Usakowska-Wolff

Alexandra Holownia auf dem Art Forum Berlin 2008.  Foto © U. Usakowska-Wolff

Alexandra Holownia auf dem Art Forum Berlin 2008. Foto © U. Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Contemporary Fine Arts. Arbeiten von Georg Herold.  Foto © Manfred Wolff

Art Forum Berlin 2008. Contemporary Fine Arts. Arbeiten von Georg Herold. Foto © Manfred Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Mehdi Chouakri. Saâdane Afif: Ohne Titel. Foto © U. Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Galerie Mehdi Chouakri. Saâdane Afif: Ohne Titel. Foto © U. Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Magazin art.es.international_contemporyry_art, Madrit. Projekt "Urban ducks". Foto © U. Usakowska-Wolff

Art Forum Berlin 2008. Magazin art.es.international_contemporyry_art, Madrit. Projekt Urban ducks.
Foto © U. Usakowska-Wolff

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Weiter zur Ausstellung "1968 - Die unbequeme Zeit". Fotografien von Michael Ruetz in der Akademie der Künste Berlin, Pariser Platz 4, bis 31.08.2008