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Berliner
Kunstherbst 2010: Art-Schopping-Mall Am zweiten Oktoberwochenende drehte sich in der deutschen Hauptstadt alles um Kunst. Das zum 15. Mal stattfindende Art Forum Berlin zog, wie auch in den vorigen Jahren, 40.000 Besucher an. 1300 Medienvertreter berichteten über dieses kommerzielle, internationale Mega-Event, zu dem 110 Galerien aus 18 Ländern, darunter auffallend wenige aus Osteuropa, zugelassen wurden. In den beiden historischen Ermischhallen im Palais am Funkturm in Charlottenburg zeigten sie Werke oder ganze Werkgruppen von über zweitausend Künstlern, angefangen von den 1960er Jahren bis heute. Die Messe, seit zwei Jahren von den früheren Mitarbeitern der Art Basel Eva-Maria Häusler und Peter Vetsch geleitet, wurde verkleinert und gestrafft. Die bisher in einer eigenen Halle, im Sektor Focus ausstellenden jungen Galerien, das heißt solche, die nicht länger als sechs Jahre bestehen, wurden in die Hallen der etablierten Galerien eingebettet. Im Marshall-Haus hinter den Messehallen zeigten 50 Berliner Galerien in der Parallelmesse ABC (Art Berlin Contemporary) die Light Camera Action, also das Filmische in der Kunst. Es gab ferner fünf weitere Kunstmessen, über ganz Berlin verstreut: Preview – The Emerging Art Fair im ehemaligen Flughafen Tempelhof, den Berliner Kunstsalon im Alten Schlachthof in Friedrichshain, die Berliner Liste in den Räumen der ehemaligen Staatlichen Münze in Mitte, die Stroke.Artfair im ehemaligen Postbahnhof am Gleisdreieck in Kreuzberg sowie die Arttower Show in der Alten Kindl-Brauerei in Neukölln. Vom 7. bis zum 10. Oktober konnte man viel fahren, gehen und sehen, vorausgesetzt, dass man nicht ganz mittellos war. Um das alles zu erleben, musste man für die Eintrittskarten über 50 Euro ausgeben (allein die Tageskarte für das Art Forum kostete 18 Euro), es sei denn, man begnügte sich am 9. und 10. Oktober mit einem eintrittsfreien Rundgang durch vierzig Galerien im Stadtteil Mitte. Doch das Hauptereignis des Kunstherbstes war auch diesmal das Art Forum Berlin. Obwohl es im Vergleich zu früher übersichtlicher und kompakter erschien, weckte es zwiespältige Gefühle. Man hatte den Eindruck, sich auf einer Messe für die breite Kunstmasse, in einer Art-Shopping-Mall zu befinden, die, neben bewährter und markterprobter Qualität, also "teuren" Namen wie etwa Neo Rauch, Imi Knoebel, Georg Baselitz oder Sigmar Polke, mit auffallend viel Kitsch kokettierte.
Readymades-Remake-Kabinett Genau genommen war es eine Schau der Extreme: neben arrivierten Künstlern wie dem sonst grandiosen Douglas Gordon, dessen Einzelpräsentation in der zum ersten Mal am Art Forum teilnehmenden Pariser Galerie Yvon Lambert leider etwas museal, ja, sogar antiquiert wirkte, was aber einen Schweizer Sammler nicht davon abgehalten hatte, die Holzvitrinen mit künstlerischem und privatem Schickschnack – Konzertkarten, Tierknochen, Spielkarten und Skizzen – für eine halbe Million Euro zu erstehen, konnte man die monströse Holzskulptur Unrasiert und fern der Heimat von Kati Heck in der Stella Lohaus Gallery aus Antwerpen bestaunen. Ob und für welchen Betrag ein kunstsinniger Biergartenbesitzer den tatsächlich unrasierten, nackten Biertrinker kaufte, ist unbekannt, doch er verdient sicherlich ein angemessenes Ambiente. Mit einer ähnlichen "Kunstkeule“ wartete die Team Gallery aus New York auf, wo auf dem Boden ein hölzern wirkendes, jedoch bronzenes Objekt von Gardar Eide Einarsson mit der Aufschrift Kultur lag. Es gab auch "authentischen" Kitsch – mehrere auf Flohmärkten gekaufte Seestücke, die eine minimalistische Bodeninstallation aus Sisal-Fußabtretern ergänzten: das Werk Horizont von Eftihis Patsourakis in der Galerie Rodeo aus Istanbul für 15.000 Euro, eine Art Carl Andre für Arme, von den Seestücken abgesehen. Einen echten Carl Andre hatte die Galerie Alfonso Artiaco aus Neapel im Angebot. Bei vielen Arbeiten der jüngeren Künstler hatte man das Gefühl, als befände man sich in einem Readymades-Remake-Kabinett. Die großen, mit Abfall gefühlten Glasvitrinen des dreißigjährigen Hamburger Kunststudenten Max Frisinger, die von der Contemporary Fine Arts (CFA) Berlin mit großem Erfolg für 35.000 Euro pro Stück verkauft wurden, muteten wie eine Mischung aus Jean Tinguely und Georg Herold an. Wahrscheinlich muss jede neue Künstlergeneration die Kunst ihrer Vorgänger neu erfinden, ungeachtet dessen, dass John M. Armleder sie bereits 1997 davor warnte, wovon seine in der Koje der Berliner Galerie Anselm Dreher gezeigte Installation Don´t do it. Readymades of the 20th and 21st Century zeugte. Die einen Künstler legen also die Klassiker neu auf, die anderen stilisieren sich zu Klassikern und schätzen ihre Readymades sehr hoch. Zu den letzteren gehört Rirkrit Tiravanija, von dem man früher leichtere Kost gewohnt war, denn er hatte lange Zeit vor allem als Kunstkoch für Aufsehen gesorgt. Auf dem Art Forum stellte die Galerie Neugeriemschneider seinen alten Peugeot 205 XS in einer orangenfarbigen Glasvitrine aus und verlangte für das Auto, mit dem der Künstler einst durch Berlin gefahren sein soll, stolze 150.000 Euro. Soll dass heißen: Kunst ist einfach alles, was einem Künstler gehört(e)? Wenn ja, dann zeigte das diesjährige Art Forum vor allem eins: die Geburt einer neuen Kunstrichtung – der Fetish Art. Text und Fotos ©
Urszula Usakowska-Wolff Art
Forum Berlin. The International Art Show Katalog
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