Kunst der Täuschung

Gefundene Bilder haben mich gereizt, weil sie nicht als Kunst galten, sondern als simple Bildware. Ich habe in den Abfalleimern von Fotogeschäften herumgestöbert, sagt der amerikanische Künstler John Baldessari (*1931). Aus seinem umfangreichen Archiv, in dem er unzähliges Bildmaterial aus Massenmedien gesammelt hatte, schöpft er bis heute und findet dort Motive für seine Fotobilder, einer Mischung aus Foto und Malerei. Bereits Ende der 1960er Jahre begann er, die Welt der Medien mit der realen Welt zu konfrontieren und zeigte, dass es unmöglich ist, weder eine allgemein gültige Wahrheit zu finden noch ein vollständiges Wissen zu erlangen und zu visualisieren. Indem er Elemente der Pop Art - Fotos aus den Massenmedien mit der Schrift - Ausdruckmittel der Conceptual Art kombinierte, entstanden eigenartige Fotobilder, Serien von Collagen aus beschnittenem und bearbeitetem Bildmaterial aus der Werbung und den B-Movies. Sie waren vielschichtig, irritierend und mehrdeutig und führten vor, wie relativ und dehnbar Bedeutung sein kann: nämlich eine Frage der Deutung und Suggestion, denn die einzelnen Filmbilder waren im kollektiven Gedächtnis so tief eingeprägt, dass sie ganze Erzählsequenzen suggerierten. Also bediente er sich immer häufiger zusammengehörigen und nicht zusammengehörigen Fundbildern, aus denen er Zyklen schuf. Unabhängig davon, ob sie die Form eines Rasters, lineare oder freie Strukturen hatten, waren sie immer Teil eines festgelegten Ordnungsprinzips.

Gebührenfreie Information. © Urszula Usakowska-Wolff

Gebührenfreie Information. © Urszula Usakowska-Wolff

Farben der Maskierung

Nach 1980 verzichtete Baldessari ganz auf den Text und führte vor, dass die Fotobilder allein, so wie die früheren Bild-Text-Montagen, eine Art Pawlowschen Reflex hervorrufen und narrative Inhalte vermitteln, denn die aus den Massenmedien stammenden Bilder setzen Bildsequenzen in Gang, die sich in unseren Köpfen abspulen. Um die Bedeutung zu entdeuten und die Suche nach dem Sinn infrage zu stellen, begann er, abgebildete Gesichter mit einem Farbfleck zu überdecken, also sie zu entindividualisieren: das identifizierbare Subjekt verwandelte sich in ein nicht identifizierbares Objekt. Zuerst wurden die Gesichter oder andere Körperteile mit weißen Aufklebern maskiert, mit der Zeit unter bunten Punkten versteckt. Nicht die Maskierten sondern die Farbe ihrer Maskierung hatte nun eine allgemeinverständliche, in unserem Bewusstsein tief kodierte Bedeutung. Diesen Vorgang erklärt Baldessari folgendermaßen: Ich hasste es, in all diese unbekannten Gesichter (in meinen Bilder) zu blicken, denn sie repräsentierten die reale Welt. Schließlich beschloss ich, sie mit weißen Scheiben abzudecken. Ich begriff, dass ich Individuen in Typen verwandelt hatte. Später begann ich, die Scheiben, die ich benutzen wollte, nach Farben zu kodieren. Eine rote Scheibe ließ eine Figur gefährlich erscheinen, während eine grüne Scheibe den gegenteiligen Effekt hatte. Eine blaue Scheibe stand für ein gewisses Streben, eine platonische Idee, eine gelbe Scheibe für Zufall und Chaos. Die Farben sind also Zeichen kollektiver Bedeutung, auch wenn das Bild, welches sie verhüllen, bedeutungslos zu sein scheint. Die Bedeutung ist eine Frage der Suggestion, denn bestimmte Farb-Signale setzen kollektive Assoziationen in Gang. Das Individuum wird darauf getrimmt, genauso wie die Masse und ihre Dirigenten - die Massenmedien - zu empfinden.

Kontraste im Zwischenraum

John Baldessari weiß das und findet sich damit nicht ab. In den letzten Jahren sucht er die Schnittstelle zwischen dem von der Massen-, also Popkultur entindividualisierten und zum Signalempfänger degradierten Individuum und der auf die Konsumenten reduzierten Masse. Er wird zunehmend zu einem Künstler im Großformat, denn die Maße seiner Fotobilder werden immer raumergreifender und die Kombination der Flächigkeit mit der Plastizität immer beindruckender. Seine großformatigen Bilder sind flach und dreidimensional zugleich, wobei das, was auf den ersten Blick plastisch wirkt, sich beim näheren Hinschauen als flach erweist während das Plastische in Wirklichkeit flach ist. Es ist eine Kunst der Täuschungen, die sich im Zwischenraum abspielt: im Zwischenraum zwischen Kunst und Nichtkunst, dem Individuum und Masse, der Ein- und Mehrdimensionalität, dem Sinn und der Sinnlosigkeit. Am besten sieht man das in seinem neuesten großformatigen dreizehnteiligen Zyklus Somewhere Between Almost Right and Not Quite (With Orange), das 2004 als Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim in Berlin entstand und nun - aus Platzgründen - in einer verkleinerten Form von sieben Bildern im Neuen Museum Weserburg präsentiert wird.

 Orangene Alternative

Orange, die Farbe zwischen Gelb und Rot, die die Leeräume zwischen Harmonie und Dissonanz, Sicherheit und Zerrissenheit, Ordnung und Chaos verdeutlicht, beherrscht diesen Zyklus und zeigt die be(un)ruhigende Existenz des Zwischenraums. Die Standfotos aus alten Schwarz-Weißfilmen sind aus dem ursprünglichen Kontext gerissen. Die ausgeschnittenen Figuren fügen sich zu einem nichtnarrativen dynamischen Ganzen zusammen. Man erkennt zwar Gestalten mit männlichen oder weiblichen Kleidungsstücken, deren Gesten und Bewegungen wie auf einem Standfoto erstarrt sind und affektiert wirken. Ihre Köpfe sind mit bunten Punkten beklebt, manche haben grelle Sprechblasen ohne Text. Jetzt sind das nur beliebig reproduzierbare und austauschbare anonyme Papierfiguren im Tanz der Kopflosen vereint. Nur der durch den Feuerreifen springende Tiger, komplett mit Orange ausgemalt, bewahrt eine individuelle Gestalt. Hat sich etwa der Künstler die noch nicht ganz domestizierte Kreatur als orangene Alternative zur menschlichen Kopflosigkeit ausgemalt? Es fasziniert mich, dass die Menschen in allem einen Sinn sehen möchten, sagt John Baldessari. Und für die, die mehr verlangen, sollen zusätzliche Ebenen vorhanden sein...

Text © Urszula Usakowska-Wolff

 

27.02.2005


John Baldessari
Somewhere Between Almost Right and Not Quite (With Orange)
Auftragsarbeit des Deutsche Guggenheim, Berlin
Kuratoren: Dr. Ariane Grigoteit und Friedhelm Hütte, Sammlung Deutsche Bank,Tracey Bashkoff, Guggenheim Museum New York
21.02 - 27.03.2005
Neues Museum Weserburg Bremen


Katalog
John Baldessari
Somewhere Between Almost Right and Not Quite (With Orange)
In Deutsch und Englisch

Deutsche Guggenheim Berlin

Hatje Cantz Verlag
2004

80 Seiten

ISBN 3-7757-1559-2

Preis 29,00 €


 


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