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Häuser,
Hennen, Helikopter oder
was draußen und drinnen wartet Die Häuser sind echt, die Hennen noch echter, nur die Helikopter sind gezeichnet: Das ist auch logisch auf einer Biennale, welche die Wirklichkeit reflektiert. Und zur Wirklichkeit der 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst gehört, dass ihr jüngster Teilnehmer Petrit Halilaj 1986 in Kosovo geboren wurde, während ihr ältester – Adolph Menzel – 1905 in Berlin starb.
"Es wird eine sehr konzentrierte Biennale, die mit unterschiedlichen Formaten arbeitet", versprach ihre Kuratorin Kathrin Rhomberg aus Wien und sie hielt Wort. Die 6. Berlin Biennale, die an sechs Orten – zwei in Berlin-Mitte und vier in Berlin-Kreuzberg – stattfindet, ist eine seltsam reduzierte, farblose, ja fast schon asketische Schau. Man hat den Eindruck, dass die Zeichnungen, Fotos, Videos und Installationen der 45 Künstler nur ein Vorwand sind, den Blick des Publikums auf die Stadt, vor allem auf Kreuzberg zu richten, um auf Brüche, Kontraste und Widersprüche aufmerksam zu machen. Abgesehen von Michael Schmidts Fotos aus der Serie "Frauen", die überall in der Stadt hängen, zeichnet sich die 6. Berlin Biennale durch das Fehlen der Kunst im öffentlichen Raum aus. Doch ihr Titel – "was draußen wartet" – ist Programm, denn das "Draußen", also die direkte oder indirekte Wirklichkeit, ist der Ort, auf den sich die Künstler beziehen. Und weil das "Draußen" auf der Straße, auf der Datenautobahn, in den traditionellen Medien heute von einer aggressiven, grellen Bilder- und Informationsmasse überfrachtet wird, nehmen an der diesjährigen Biennale solche Künstlerinnen und Künstler teil, die dem "Draußen" mit sparsamen, oft "armen" Mitteln und Materialien begegnen.
Dokumentarischer
Realismus Die Biennale macht einen unansehnlichen Eindruck, ist aber recht sehenswert. Viele Zeichnungen und Fotos sind auffallend klein und schwarz-weiß, die zum Teil ungewöhnlich großen Installationen bestehen überwiegend aus gewöhnlichen Stoffen wie Holzverschalungen, Bretter, Stroh, Haushaltsutensilien, Bettwäsche, gebrauchte Teppiche, Fernseher, Monitore: alles Dinge, die uns im Alltag begleiten und die so offensichtlich sind, dass man sie nicht mehr wahrnimmt. Es sieht so aus, dass nach dem Surrealismus und Hyperrealismus, dem "magischen", "sozialistischen", "kapitalistischen" Realismus nun einerseits die Zeit des "Ready-made-Realismus" gekommen ist, in dem unbelebte und lebendige Ready-mades, also vorgefundene Objekte, eine wichtige Rolle spielen. Andererseits ist die 6. Berlin Biennale auch eine Schau des "dokumentarischen Realismus", nur dass das Skizzenbuch durch die Kamera ersetzt wurde, und Leute, die man früher als Dokumentarfilmer bezeichnete, jetzt als Künstler gehandelt werden. Und sie dokumentieren alles: Wanderarbeiter aus den asiatischen Republiken in Moskau, Proteste in den Pariser Banlieues und in Mexiko, das eigene Verhalten während des Schlafs, Erdölgeschäfte an der Börse in Chicago und Proteste gegen die Erdölkonzerne in Nigeria, Tornados, sensationslüsterne Medienvertreter. Der dokumentarische Eifer der Biennale-Künstler ist vergleichbar mit dem, "was draußen wartet" – eine Bilder- und Informationsmasse, die das Publikum erschlagen kann.
Streichelzoo
im Erdgeschoss Die größten Stars der 6. Berlin Biennale sind – neben dem Klassiker Adolph Menzel, dessen vom US-amerikanischen Kurator Michael Fried kuratierte Ausstellung "Menzels extremer Realismus" man in der Alten Nationalgalerie sehen kann – extrem realistische Hennen, die, zusammen mit einem Hausskelett aus dem Kosovo nach Berlin eingeflogen wurden. Es war ja wirklich höchste Zeit, dass auch diese deutsche Kunstmetropole endlich auf die Henne kommt. Um die freundlichen Vögel zu besichtigen, die ein Teil der Installation mit dem langen, obligatorisch englischen Titel "The places I’m looking for, my dear, are utopian places, they are boring and I don’t know how to make them real" sind, muss man durch den Keller gehen, denn der Eingang zu den Kunst-Werken wurde verbarrikadiert. In der Halle angekommen, fühlt man sich von einer riesigen Holzskulptur förmlich erdrückt: Sie ist ein Haus im Haus, die Holzverschalung vom Petrit Halilajs Elternhaus in Priština, das im Kosovokrieg zerstört wurde und nun dort neu aufgebaut wird. Die gewaltige Konstruktion durchbohrt die Decke und ragt im ersten Stock nach draußen. Die Hennen, vom Künstler "bourgeoise Hennen“ genannt, vermitteln ihm – dem Kriegsflüchtling und Migranten – ein Heimatgefühl. Sie tummeln sich auf dem Ausstellungsparkett und im an die Halle anschließenden Gärtchen. Sehr zur Zufriedenheit der Kulturtouristen, die sie fotografieren und streicheln: Ein toller Streichelzoo außerhalb der Grünen Woche, die in der Auguststraße drei Monate dauert.
Salzkristalle
im Bettzeug Dass Adolph Menzels extremer Realismus auch die heutigen Künstler inspiriert, merkt man während der Biennale-Besichtigung am Oranienplatz 17, wo ein leerstehendes Kaufhaus aus der Gründerzeit in ein begehbares Kunstobjekt verwandelt wurde. In einem solchen Haus, mit den malerischen und nostalgischen Spuren der Abnutzung, sieht alles nach Kunst und die Kunst nach nichts aus, wie die riesige Garderobe am Eingang, eine seltsame Einrichtung im Sommer, in Wirklichkeit Roman Ondáks Werk "Zone", in dem der slowakische Künstler eine Anspielung an die pompöse Ausstattung der ehemaligen sozialistischen Kulturpaläste vermitteln will. Die Fortsetzung von Adolph Menzels Zeichnung "Ungemachtes Bett" mit anderen Mitteln ist wohl die Installation "Das Haus bleibt still" von Adrian Lohmüller, der nicht nur ein Faible für die Kanalisation hat, sondern auch ihre Auswirkungen auf das Bettzeug veranschaulicht, worauf Wasser tropft, verdunstet und auf dem sich Salzkristalle bilden. Auch anderen Biennale-Teilnehmern ist das Stoffliche eine Herzensangelegenheit. Sie legen, wie Marcus Geiger, neue Teppiche mit alten Begriffen ("Kommune"), oder gebrauchte mit neu wirkenden Mustern, wie Hans Schabus in der mehrteiligen Arbeit "Die Wohnung bleibt unverletzlich", auf die Böden. Im Innenhof liegen wiederum seine zwei Tierskulpturen: "Klub Europa", bestehend aus einem Mammut und einem Stegosaurus aus der Konkursmasse des größten Vergnügungsparks der DDR. Etliche Zeichnungen der Helikopter vom Typ H-K-S-II, H-L-T, F-+11, P-H IV schmücken die Wände und sehen echt naiv aus: das Werk von Sven-Åke Johansson, der den Hubschrauber nicht, dafür aber seinen Typ frei erfunden hat.
Privates
überragt alles Die
6. Berlin Biennale ist nichts für müde, alte oder gehbehinderte Beine,
denn man muss sehr viele Treppen steigen: in den Kunst-Werken, am
Oranienplatz, an der Kohlfurter Straße 1, wo der Künstler Danh Vo
Einblick in seine Wohnung im 6. Stock (ohne Fahrstuhl) gewährt. Wenn
man dann wieder auf der Erde steht, versteht man, dass die Berlin
Biennale nun auch in Kreuzberg angekommen ist. Drohung oder Verheißung?
Vor allem ein Zeichen der Gentrifizierung: Zuerst kommen die Künstler,
weil sie sich die billigen Wohnungen und Ateliers leisten können. Dann
kommen Galeristen und mit ihnen Kulturmacher, die mithilfe der öffentlichen
Hand ein verfallenes Gebäude sanieren und es in einen Kunsttempel
verwandeln, wie das Ende der 1990er Jahre mit der ehemaligen
Margarinefabrik in der Auguststraße 69 – heute Kunst-Werke und
Biennale-Mutterhaus – geschah. Dann ziehen viele Künstler und
Galeristen ab, weil sie sich die gestiegenen Mieten nicht mehr leisten können.
Dann ziehen private Sammler ein, die sich ihre Ausstellungshäuser bauen
lassen, am besten an einem exponierten Ort, wie neulich Thomas Olbricht
direkt neben den Kunst-Werken. Und weil seine Sammlung überragend ist,
muss auch sein Sammlungshaus alles überragen. So kann man jetzt die
Kunst-Werke höchstens noch von oben sehen, vielleicht aus einem
Helikopter eines vorhandenen Typs. Bald auch in Kreuzberg der Fall? In
Wirklichkeit ist nichts unmöglich, also warum eigentlich nicht? Text und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff 1.07.2010 6. Berlin Biennale für
zeitgenössische Kunst KW
Institute for Contemporary Art, Auguststr. 69, 10117 Berlin; Oranienplatz
17, 10999 Berlin; Dresdener Str. 19, 10999 Berlin; Kohlfurter Str. 1,
10999 Berlin; Mehringdamm 28, 10961 Berlin; Alte Nationalgalerie,
Bodestr. 1-3, 10178 Berlin Öffnungszeiten:
Dienstag und Mittwoch 10-19 Uhr; Donnerstag 10-22 Uhr; Freitag-Sonntag
10-19 Uhr Alte
Nationalgalerie: Dienstag und Mittwoch, Freitag bis Sonntag 10-18 Uhr Ticket
für alle Ausstellungsorte 14 Euro, ermäßigt 7 Euro Katalog
14,95 Euro (in der Ausstellung 12,95 Euro); Reader 25 Euro |