Kultfotograf des Starkults

Ein Kindermädchen, das begeisterte Hobbyfotografin war, brachte ihn schon früh auf den Geschmack: als Elfjähriger bekam dann Cecil Beaton, Sohn einer wohlhabenden Londoner Holzhändlerfamilie, seinen ersten Fotoapparat, mit dem er zuerst seine Schwester Barbara (Baba) abbildete. Sein Talent förderte Edith Sitwell (1887 - 1964), international bekannte Exzentrikerin, Wegbereiterin moderner Lyrik und mit Virginia Woolf und Gertrude Stein befreundete englische Autorin, die ihm zeitlebens Modell stand und ihm Ende der 1920er Jahre den Weg in die High Society und deren Hochglanzmagazin VOGUE ebnete, dem er mit Unterbrechungen ein halbes Jahrhundert verbunden blieb. In der Welt der Schönen, Reichen und Einflussreichen fühlte sich Cecil Beaton zu Hause und wurde zu ihrem Lieblingsfotografen. Sein Gespür für den Zeitgeist und seine Fähigkeit, sich wechselnden Strömungen und Moden anzupassen und stets die gefragten Persönlichkeiten ins rechte Bild zu setzen, machten ihn zu einem der bedeutendsten Fotografen und einem der ersten Trendsetter des 20. Jahrhunderts. Cecil Beaton, der den Starkult zu seinem Lebensinhalt und Beruf machte, wurde zu seinen Lebzeiten selbst zu einem Kultobjekt. Während seiner Aufsehen erregenden und langen, über ein halbes Jahrhundert währenden Karriere schuf er glamouröse Aufnahmen, u.a. von Marilyn Monroe, Marlene Dietrich, Coco Chanel, Marlon Brando, Greta Garbo, Audrey Hepburn, Maria Callas, Elizabeth Taylor, Grace Kelly, Ingrid Bergman, Sir Winston Churchill, Frank Sinatra, Pablo Picasso, David Hockney, Rudolf Nurejew, Mick Jagger, Twiggy und vielen anderen Stars, die zu Ikonen ihrer Zeit und der modernen Fotografie wurden. Vor allem seine Porträts von Mick Jagger und dem dünnen Model Twiggy wurden zum Sinnbild der Swinging Sixties. Er fühlte immer den Puls seiner Zeit, setzte Maßstäbe und schrieb Kunstgeschichte.

Urszula Usakowska-Wolff © Gebührenfreie Information

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  Geadelter Dandy

Der am 14. Januar 1904 in Hampstead, London als Cecil Walter Hardy Beaton geborene und am 18. Januar 1980 als Sir Cecil Beaton in Broadchalke in der Grafschaft Wiltshire an den Folgen eines Schlaganfalls gestorbene vielseitig begabte Künstler, fühlte sich vom Glanz und Glamour der Starwelt bereits im zarten Alter von drei Jahren angezogen, als er in einer Zeitschrift das Foto der Operettendiva Lily Elsie (1886 - 1962) entdeckte. Seit seinem vierten Lebensjahr besuchte er zusammen mit seinen kultivierten Eltern Theatervorführungen und inszenierte für seine Familie und Verwandten kleine Sketche, die er mit selbstgebastelten Requisiten ausstattete. Und so war er bis 1974, als ihn eine Lähmung an der weiteren Arbeit hinderte, ein außerordentlich produktives künstlerisches Multitalent: gefragter Porträtfotograf, Illustrator, Karikaturist, Maler, Bühnen- und Kostümbildner, Publizist, Schriftsteller und vor allem Dandy, der in Oscar Wilde sein großes Vorbild sah. Den ersten Höhepunkt seiner Karriere und zugleich den Passierschein für die höchsten gesellschaftlichen Kreise erreichte er 1939, als er zum Porträtfotografen des britischen Königshauses aufstieg. Damals hatte er die damals 39 jährige Queen Elizabeth (die spätere Queen Mum) romantisch ins Bild gesetzt und zwar vor einer Kopie des Gemäldes "Mädchen auf einer Schaukel" von Jean-Honoré Fragonard (1732 - 1806), einem der bedeutendsten französischen Rokokomaler. Nachdem ihm 1952 deren Tochter Königin Elizabeth II mit der Fertigung des offiziellen Krönungsbild beauftragte und er auch andere Mitglieder der königlichen Familie ablichten durfte, avancierte der Bürgersohn zum Hoffotografen und wurde 1972 von der Queen in den Adelsstand erhoben. Seine Porträts der gekrönten Häupter werden heute als Ausdruck einer modernen Herrscherikongrafie betrachtet.

Größen im Kleinformat

Zu Ikonen machte Cecil Beaton auch andere Prominente, die sich vor seine Kamera drängten. Alle, die Rang und Namen hatten, befinden sich in seiner Porträtgalerie: berühmte Schauspielerinnen und Schauspieler, Intellektuelle, Politiker, Musiker und Models. Der britische Kultfotograf war einer der Ersten, die den Starkult zelebrierten und das Bedürfnis der Massen nach Glanz und Glamour befriedigten. Und weil spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die "göttlichen“ Filmdiven und pathetische Leinwandhelden durch volksnahe Popstars ersetzt wurden, wurde der exzentrische Brite ein Chronisten der Popkultur und ein Lieblingsheld der Klatschpresse, denn Berichte über seine homoerotischen Neigungen, denen eine Liebesaffäre mit Gerta Garbo nicht im Wege stand, füllten die Spalten der Yellow Press. Berühmt berüchtigt waren auch seine Kommentare über die Größen, die er schwarz-weiß im Kleinformat ablichtete. Katharine Hepburn, die er mit den Worten beleidigte: "Sie hat zerzaustes, Rote-Rüben-rotes Haar, hervortretende Wangenknochen und einen ärgerlichen, hungrigen Blick", erzwang die Unterschreibung eines Vertrags, in dem er sich dazu verpflichtete, nur Solches zu veröffentlichen, was von ihr autorisiert worden war. Über Marilyn Monroe, die mit über einstündigen Verspätung zur Fotosession erschien, sagte er: "Schottische Landschaften ausgenommen, gab es selten solch ein sich immerzu veränderndes Sujet für den Fotografen." Seiner eigenen Person stand er weniger kritisch gegenüber: von seinem Leinwandporträt, mit dem ihn kein Geringerer als Francis Bacon würdigte, war er so empört und schockiert, dass er sich erst dann zufrieden gab, als es der Maler vernichtete.

  Ladys und Gentlemen

Cecil Beaton, der den Stars zur Unsterblichkeit verhalf, lernte auch die Grausamkeiten seines Jahrhunderts kennen. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als offizieller Kriegsfotograf. Aus jener Zeit stammen seine Aufnahmen der Landhilfsdienst-Mädchen sowie das bewegende Porträt des dreijährigen Bombenopfers Eileen Dunne (1940) in einem nordenglischen Krankenhaus. In der Nachkriegszeit fotografierte Beaton die existenzialistischen Schriftsteller Albert Camus und Jean Paul Sartre in Paris sowie die am Anfang ihrer Karriere stehenden amerikanischen Schauspieler Marlon Brando und Yul Brynner. In den 1950er und 1960er Jahren schuf Beaton viele seiner berühmtesten Frauenporträts, wie z.B. von Audrey Hepburn, Maria Callas, Elizabeth Taylor, Grace Kelly und Ingrid Bergman. Er bildete auch berühmte Männer, darunter Maler, Sänger und Schauspieler Salvatore Dali, Picasso, Francis Bacon, Lucian Freud, Andy Warhol, Frank Sinatra, Sammy Davis jr. und Dean Martin ab. Parallel dazu ereichte er als Bühnenbildner und Designer für Theater und Film einen internationalen Ruhm. Er entwarf Kostüme für "Lady Windermeres Fächer" von Oscar Wilde und das Stück erzielte einem spektakulären Erfolg, wodurch der lange Zeit verpönte Autor rehabilitiert wurde und auf dem Spielplan zurückkehrte. 1956 war er Kostümdesigner der ersten amerikanischen Bühnenfassung des Musicals "My Fair Lady“, in der Julie Andrews und Rex Harrison spielten. Für seine kostüm- und bühnenbildnerische Arbeit an den Film-Musicals "Gigi“ (1957) mit Leslie Caron und "My Fair Lady“ (1964) mit Audrey Hepburn erhielt er je einen Oscar. 

Sein ohne Schatten

Am 14. Januar 2004 wäre Cecil Beaton hundert Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass richtete ihm die National Portrait Gallery in London eine große Retrospektive aus. Sie ist nun, nach Stationen in Glasgow und Wien, in Wolfsburg angekommen, wo im dortigen Kunstmuseum in den nächsten drei Monaten 150 Werke aus fünfzig Jahren, darunter die bekanntesten Porträts, aber auch Kriegsbilder sowie nie zuvor gezeigte Arbeiten, wie Seiten aus seinem Schnappschussalbum, Hochzeitsfotos des Herzogs und der Herzogin von Windsor, und idyllische Bildnisse von Wallis Simpson vor dem Château de Candé in Frankreich gezeigt werden. Man kann also mit eigenen Augen sehen, dass Cecil Beaton, genauso wie sein großes Vorbild Oscar Wilde einen ganz einfachen Geschmack hatte: Er liebte immer nur das Beste. Die Bildergalerie des unglaublich produktiven Briten, der prominente Gesichter (ver)sammelte, fügt sich zu einem illustren Panorama, einer Bestenliste des zwanzigsten Jahrhunderts zusammen und erzählt viel darüber, wie die es prägenden Persönlichkeiten vor ihrem Publikum wollten: als stets makellose, glückliche, erfolgreiche, reiche, von der Zeit unberührte und von den Massen vergötterte Stars. Dass sie im wirklichen Leben, jenseits der Scheinwerfer und Kameras häufig Opfer ihres kunstvoll-künstlichen Image wurden, gehörte nicht ins Blickfeld des Fotografen. Sein künstlerisches Sein war der schöne Schein und nicht der Schatten.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

20.03.2005


Cecil Beaton: Porträts
19. 03. - 24. 06. 2005
Kunstmuseum Wolfsburg


Katalog
Cecil Beaton: Porträts
Hrsg. Terence Pepper
Vorwort von Sandy Nairne,
Text von Peter Conrad, Terence Pepper, Roy Strong
240 Seiten, 230 Abb., davon 80 farbig, 150 in Duplex
25,30 x 30,50 cm
Gebunden mit Schutzumschlag
Hatje Cantz Verlag
 2005
ISBN 3-7757-1582-7
Preis 39,80 €


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