DER KÜNSTLER UND DAS MEER

Landschaftsbilder prägen das Gesamtwerk von Max Beckmanns (1884 - 1950), dokumentieren seine Aufenthaltsorte und Lebensstationen. Stadtlandschaften Berlins und Frankfurts stehen am Anfang seiner künstlerischen und akademischen Laufbahn. Mit Vorliebe widmete er sich auch der Landschaft Oberbayerns, wo die Mutter seiner zweiten Frau "Quappi" lebte, in den Sommermonaten malte er die Mittelmeerküste Frankreichs und Italiens. Ansichten von Amsterdam und der niederländischen Landschaft, oft mit dem allgegenwärtigen Motiv der Windmühle, entstanden während seines Exils in den Niederlanden. Kurz vor seinem Tod im Jahre 1950 malte er Landschaften seiner neuen amerikanischen Heimat.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Welterkenntnis aus Naturerfahrung

Von den rund achthundert Gemälden, die Max Beckmanns Gesamtwerk umfasst, sind beinahe ein Drittel Landschaftsdarstellungen. Standen bislang die großen Figurenbilder im Zentrum der Beschäftigung mit dem Künstler, so wird langsam deutlich, dass Beckmann - wie kein anderer Künstler im 20. Jahrhundert - auch die Landschaftsmalerei erneuert hat. Seine künstlerischen Welterkenntnis schöpfte er aus Naturerfahrung und erhob das gemalte Naturbild zur ästhetischen Kategorie, um existenzielle Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Welt zu versinnbildlichen, denn, wie er 1948 sagte: Nichts liegt mir ferner, als Sie zu einer gedankenlosen Nachahmung der Naturerscheinungen anregen zu wollen. Immer wieder muss jede Form des Natureindrucks zu einem Ausdruck Ihrer eigenen Freude oder Ihres eigenen Leids werden, und daher in der Gestaltung die Veränderungen erhalten, die erst die Kunst, die echte Abstraktion, ausmacht. Aber überschreiten Sie nicht die "Linie“: sobald Sie nicht aufpassen, sobald Sie müde werden und doch gestalten wollen, rutschen Sie ab - entweder in gedankenlose Imitation der Natur oder in sterile Abstraktionen, die kaum zu einem anständigen Kunstgewerbe reichen.

Urszula Usakowska-Wolff: Max Beckmann. Aus der Serie "Bild-Kunst macht unsterblich", 2004. Copyright Urszula Usakowska-Wolff 

Urszula Usakowska-Wolff: Max Beckmann. Aus der Serie "Bild-Kunst macht unsterblich", 2004 

Lebenslange Leidenschaft

Durch große Retrospektiven in Paris, London und New York und Auktionsrekorde hat das Werk Max Beckmanns in jüngster Zeit eine gesteigerte internationale Beachtung gefunden. Seltener wurde es bislang jedoch unter einem spezifischen thematischen Aspekt ausgestellt, wie etwa seine Selbstbildnisse (1993) oder seine Landschaften (1998). Nun widmet das Bucerius Kunst Forum seine gegenwärtige Präsentation unter dem Titel Max Beckmann. Menschen am Meer der lebenslangen Faszination des Künstlers für das Meer und den Auswirkungen dieser Leidenschaft auf seine Kunst. Von den rund hundert Gemälden, die sich auf das Meer beziehen, können mehr als ein Drittel in der Ausstellung gezeigt werden. Zusammen mit den gut zwanzig bildhaften Zeichnungen markieren sie die außergewöhnliche Bedeutung dieses Themas in Beckmanns Gesamtwerk. Die Leihgaben für diese Ausstellung kommen aus internationalen Museumssammlungen wie dem Centre Georges Pompidou, Paris, der Tate Gallery, London, dem Walker Art Center, Minneapolis, dem Saint Louis City Art Museum, dem Kunsthaus Zürich und aus wichtigen Privatsammlungen.

Urszula Usakowska-Wolff: Am Meeresstrand gibt es viel Sand, 2004. Copyright by Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Am Meeresstrand gibt es viel Sand, 2004. 

Zeitlose Bedeutung

In der Entwicklung der Meeresbilder Max Beckmanns spiegeln sich Anregungen von der Romantik bis zur zeitgenössischen Kunst. In der frühen Phase zeigt sich der Rückblick auf die französische Romantik eines Delacroix, in den zwanziger Jahren das Kräftemessen mit einem Zeitgenossen wie Matisse. In den Strandbilder und Uferpromenaden wird der Künstler zum distanzierten Betrachter, der das gesellschaftliche Leben durch das Prisma der Badekabine sieht. In den vierziger Jahren machte Beckmann das Meer zum Leitmotiv seines niederländischen Exils, zur Metapher der Freiheit. Mythologische Szenarien, die Beckmann vor dem Meereshorizont spielen lässt, verleihen seinen Beobachtungen eine zeitlose Bedeutung.

Urszula Usakowska-Wolff: Hinter dem Fels ein kleiner Wels, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Hinter dem Fels ein kleiner Wels, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff 

Beckmanns Weltmeer

Beckmanns Förderer Stephan Lackner schrieb: Mag sein, dass Claude Monet das Meer überzeugender, wässriger abgebildet hat, dass Courbets Wogen plastischer, dass Munchs Fjorde geheimnisvoller wirken. Aber Beckmanns Weltmeer hat die anthropomorphe Ausdruckskraft voraus. Es wölbt sich vor Sehnsucht, es stellt die ungelösten Fragen des Menschendaseins.

Text: © Urszula Usakowska-Wolff, 23.11.2003
unter Verwendung eines Pressetextes des Bucerius Kunst Forums Hamburg

Letzte Aktualisierung: 24.04.04


Max Beckmann. Menschen am Meer
Bucerius Kunstforum Hamburg
9.11.2003 - 1.02.2004


Als Kuratoren haben zwei Kenner des Werkes von Max Beckmann die Verantwortung übernommen: Professor Dr. Klaus Gallwitz, vormals Direktor des Städelschen Kunstinstituts in Frankfurt und Herausgeber von Beckmanns Briefen, und Dr. Ortrud Westheider, Kuratorin der Hamburger Ausstellung Max Beckmann. Landschaft als Fremde (1998) und ständige Kuratorin am Bucerius Kunst Forum.

 

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Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, herausgegeben von Heinz Spielmann und Ortrud Westheider, bearbeitet von Klaus Gallwitz und Ortrud Westheider, 160 Seiten, farbige Abbildungen aller ausgestellten Werke, im Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit, € 24,80
ISBN: 3775713921

 

 

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Stephan Reimertz:
Max Beckmann
Rowohlt Taschenbuch, 2003
ISBN: 3499505584
Preis 7,90 €

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