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Gedächtnisspuren im Sand Sand
ist der Stoff, aus dem ihre Bilder sind: Auf Leinwand und
Hartfaserplatte legt die polnische Künstlerin Małgorzata Bielecka
bis zu fünf Schichten Sand, in die sie Silhouetten menschlicher und
tierischer Körper, Früchte und Pflanzen und abstrakte Schriftzüge
ritzt. Ihre Bilderwelt ist anthropomorph, denn der Mensch, in seiner
biologischen Identität als Mann oder Frau gefangen, ist das Hauptthema
ihrer großformatigen Malerei. Das Leben, ein Schichtwerk der vergänglichen
Zeit, geht vorbei und hinterlässt nur wenige Spuren, die die Künstlerin
in ihren zarten organischen Gebilden einzufangen versucht. Ihre Bilder,
wie vom Nebel verhüllt, enthüllen die Vergänglichkeit des Daseins und
die Unvergänglichkeit der Mythen, Legenden und Symbole. Die großen Gefühle
und Leidenschaften werden zwangläufig domestiziert und die Liebenden,
die sich entscheiden, ein gemeinsames bürgerliches Leben zu führen,
sind gezwungen, im Käfig des Alltags ihre Träume vom Glück und dem
ewig jungen willigen Körper zu begraben. Als Trost bleiben ihnen dann
die Bilder "Aus der Geschichte des Apfels“ und das ewig
lockende Weib, das als Hausfrau und Mutter vom Baum der Erkenntnis schon
genügend gekostet hat. Traum und Wirklichkeit - im häuslichen Leben häufig
unvereinbar.
Poetik
des Alltags Małgorzata Bielecka, 1961 in der polnischen Stadt Kielce, zwischen Warschau und Krakau geboren, arbeitet in großangelegten Zyklen. Sie heißen "Psychogramme“, "Gedächtnisspuren“, "Einschränkungen“, "Käfige“, "Adam und Eva", "Reifung" und "Legenden“ und bilden ein Panorama des menschlichen Lebens, das sie "Poetik des Alltags“ nennt. Ihre Kunst erzählt - sehr poetisch, subtil, leise und vielleicht deshalb so sinnlich - über die Körperlichkeit und Metaphysik des Daseins. Im Käfig des Häuslichkeit gefangen, werden die Liebenden, im Liebesakt nackt und lustvoll vereinigt und der Wirklichkeit für kurze Augenblicke entgleitend, schon bald ein züchtiges Nachthemd anziehen, bevor sie, jede(r) in seinem Bett, ihre gemeinsamen Nächte einzeln verbringen. Umrisse nackter Körper sind häufig mit abstrakten Schriftzügen bedeckt und weisen darauf hin, dass niemand ein unbeschriebenes Blatt bleiben kann. Die Menschen, in ihrer Geschlechtsidentität gefangen, müssen ihr Leben als Frauen und Männer, als Evas und Adams meistern, für die häufig ihr Geschlecht ein Feigenblatt ist. Liebe und Sünde sind vergänglich, sagt uns die junge Künstlerin, die um den Lauf allen Irdischen Bescheid weiß, aber ihre Symbole: Äpfel und Schlangen und lockende weibliche Hände sind unvergänglichere Mythen und Legenden, die unser Leben seit eh und je begleiten. Das macht eben diese Poetik des Alltags aus: banale Früchte, Pflanzen und Tiere sind alltäglich und mythisch zugleich, unter den Schichten unserer Existenz schlummern Legenden.
Tiefe hinter der Oberfläche Małgorzata Bielecka arbeitet wie eine Archäologin, die in den Schichten ihrer Existenz nach "Gedächtnisspuren“ sucht um sie in ihren Materialbildern offen zu legen und über den Alltag hinaus festzuhalten. Ihre Malerei, die stellenweise an Turner erinnert, handwerklich und inhaltlich perfekt, fragil und kräftig, getönt und leuchtend, pastös, monochrom und farbenfroh, kehrt das Innere nach außen. Aus der Tiefe ihrer Gemälde, die wie ein intimes Tagebuch anmuten, dringt ein leiser Hauch von Melancholie und Ironie an die Oberfläche. Denn wenn man lange, so wie diese Künstlerin, an der Oberfläche des Alltags ritzt, kommen verschüttet geglaubte Spuren ans Licht, im Gedächtnis für immer eingegraben. Vielleicht ist das ein Ausdruck der Einsamkeit dieser Künstlerin, die immer tiefer - wie in einen bodenlosen Brunnen - in ihr eigenes Unterbewusstsein eindringt? In die intimsten Erinnerungen an Erfahrungen, Ahnungen, Gefühle und Erkenntnisse, Schatten vergangener Leidenschaften, verschmolzen im Unterbewusstsein zu einem lebendigen, den Charakter eines Menschen prägenden Ganzen? Für Małgorzata Bielecka sind sie eine grundlegende, unerschöpfliche Quelle der Inspiration, schreibt die Kunsthistorikerin Stanisława Zacharko.
Małgorzata Bielecka, 1961 in Kielce geboren, studierte im Institut für Kunsterziehung an der Maria-Curie-Skłodowska-Universitąt in Lublin. Seit 1987 arbeitet sie an der Akademia Świętokrzyska in Kielce, gegenwärtig als Professorin im Institut für Kunsterziehung dieser Hochschule. Im Jahr 2000 war sie Stipendiatin des Polnischen Kulturministeriums, 2003/2004 war sie DAAD-Stipendiatin und Gastdozentin im Fachbereich Literatur und Linguistik an der Universität Bielefeld, wo sie Maltherapie und Malerei lehrte. Sie nahm an siebzehn Einzel- und zahlreichen Gruppenausstellungen in Polen, Dänemark und der BRD teil. Sie ist Mitglied im Polnischen Künstlerverband. Text © Urszula
Usakowska-Wolff Małgorzata
Bielecka
Bilder von der Ausstellungseröffnung am 7. März 2004
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