Gedächtnisspuren im Sand

Sand ist der Stoff, aus dem ihre Bilder sind: Auf Leinwand und Hartfaserplatte legt die polnische Künstlerin Małgorzata Bielecka bis zu fünf Schichten Sand, in die sie Silhouetten menschlicher und tierischer Körper, Früchte und Pflanzen und abstrakte Schriftzüge ritzt. Ihre Bilderwelt ist anthropomorph, denn der Mensch, in seiner biologischen Identität als Mann oder Frau gefangen, ist das Hauptthema ihrer großformatigen Malerei. Das Leben, ein Schichtwerk der vergänglichen Zeit, geht vorbei und hinterlässt nur wenige Spuren, die die Künstlerin in ihren zarten organischen Gebilden einzufangen versucht. Ihre Bilder, wie vom Nebel verhüllt, enthüllen die Vergänglichkeit des Daseins und die Unvergänglichkeit der Mythen, Legenden und Symbole. Die großen Gefühle und Leidenschaften werden zwangläufig domestiziert und die Liebenden, die sich entscheiden, ein gemeinsames bürgerliches Leben zu führen, sind gezwungen, im Käfig des Alltags ihre Träume vom Glück und dem ewig jungen willigen Körper zu begraben. Als Trost bleiben ihnen dann die Bilder "Aus der Geschichte des Apfels“ und das ewig lockende Weib, das als Hausfrau und Mutter vom Baum der Erkenntnis schon genügend gekostet hat. Traum und Wirklichkeit - im häuslichen Leben häufig unvereinbar.

Malgorzata Bielecka: Aus dem Triptychon "Reifung", 2002, eigene Technik auf Hartfaserplatte, 122 x 122 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Małgorzata Bielecka: Aus dem Triptychon  "Reifung", Teil III,  2002, eigene Technik, 122 x 122 cm

Malgorzata Bielecka: Aus dem Zyklus "Psychogramme", 2001, eigene Technik, 150 x 125 cm. Foto: BWA

Małgorzata Bielecka: Aus dem Zyklus "Psychogramme", 2001, eigene Technik, 150 x 125 cm

 Poetik des Alltags

Małgorzata Bielecka, 1961 in der polnischen Stadt Kielce, zwischen Warschau und Krakau geboren, arbeitet in großangelegten Zyklen. Sie heißen "Psychogramme“, "Gedächtnisspuren“, "Einschränkungen“, "Käfige“, "Adam und Eva", "Reifung" und "Legenden“ und bilden ein Panorama des menschlichen Lebens, das sie "Poetik des Alltags“ nennt. Ihre Kunst erzählt - sehr poetisch, subtil, leise und vielleicht deshalb so sinnlich - über die Körperlichkeit und Metaphysik des Daseins. Im Käfig des Häuslichkeit gefangen, werden die Liebenden, im Liebesakt nackt und lustvoll vereinigt und der Wirklichkeit für kurze Augenblicke entgleitend, schon bald ein züchtiges Nachthemd anziehen, bevor sie, jede(r) in seinem Bett, ihre gemeinsamen Nächte einzeln verbringen. Umrisse nackter Körper sind häufig mit abstrakten Schriftzügen bedeckt und weisen darauf hin, dass niemand ein unbeschriebenes Blatt bleiben kann. Die Menschen, in ihrer Geschlechtsidentität gefangen, müssen ihr Leben als Frauen und Männer, als Evas und Adams meistern, für die häufig ihr Geschlecht ein Feigenblatt ist. Liebe und Sünde sind vergänglich, sagt uns die junge Künstlerin, die um den Lauf allen Irdischen Bescheid weiß, aber ihre Symbole: Äpfel und Schlangen und lockende weibliche Hände sind unvergänglichere Mythen und Legenden, die unser Leben seit eh und je begleiten. Das macht eben diese Poetik des Alltags aus: banale Früchte, Pflanzen und Tiere sind alltäglich und mythisch zugleich, unter den Schichten unserer Existenz schlummern Legenden.

Malgorzata Bielecka: Aus dem Zyklus "Gedächtnisspuren", Teil I, 2001, eigene Technik auf Hartfaserplatte, 110 x 75 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Małgorzata Bielecka: Aus dem Zyklus "Gedächtnisspuren", 2001, eigene Technik, 110 x 75 cm

Malgorzata Bielecka: Aus dem Zyklus "Psychogramme", 2002, eigene Technik auf Hartfaserplatte, 80 x 100 cm. Foto: BWA Kielce

Malgorzata Bielecka: Aus dem Zyklus "Psychogramme", 2002, eigene Technik, 80 x 100 cm. Foto: BWA 

 Tiefe hinter der Oberfläche

Małgorzata Bielecka arbeitet wie eine Archäologin, die in den Schichten ihrer Existenz nach "Gedächtnisspuren“ sucht um sie in ihren Materialbildern offen zu legen und über den Alltag hinaus festzuhalten. Ihre Malerei, die stellenweise an Turner erinnert, handwerklich und inhaltlich perfekt, fragil und kräftig, getönt und leuchtend, pastös, monochrom und farbenfroh, kehrt das Innere nach außen. Aus der Tiefe ihrer Gemälde, die wie ein intimes Tagebuch anmuten, dringt ein leiser Hauch von Melancholie und Ironie an die Oberfläche. Denn wenn man lange, so wie diese Künstlerin, an der Oberfläche des Alltags ritzt, kommen verschüttet geglaubte Spuren ans Licht, im Gedächtnis für immer eingegraben. Vielleicht ist das ein Ausdruck der Einsamkeit dieser Künstlerin, die immer tiefer - wie in einen bodenlosen Brunnen - in ihr eigenes Unterbewusstsein eindringt? In die intimsten Erinnerungen an Erfahrungen, Ahnungen, Gefühle und Erkenntnisse, Schatten vergangener Leidenschaften, verschmolzen im Unterbewusstsein zu einem lebendigen, den Charakter eines Menschen prägenden Ganzen? Für Małgorzata Bielecka sind sie eine grundlegende, unerschöpfliche Quelle der Inspiration, schreibt die Kunsthistorikerin Stanisława Zacharko.

Malgorzata Bielecka am 7.03.2004 vor ihrem Bild aus dem Zyklus "Psychogramme", 2001, eigene Technik auf Hartfaserplatte, 122 x 150 cm . Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Małgorzata Bielecka am 7.03.2004 vor ihrem Bild aus dem Zyklus "Psychogramme", 122 x 150 cm 

Małgorzata Bielecka, 1961 in Kielce geboren, studierte im Institut für Kunsterziehung an der Maria-Curie-Skłodowska-Universitąt in Lublin. Seit 1987 arbeitet sie an der Akademia Świętokrzyska in Kielce, gegenwärtig als Professorin im Institut für Kunsterziehung dieser Hochschule. Im Jahr 2000 war sie Stipendiatin des Polnischen Kulturministeriums, 2003/2004 war sie DAAD-Stipendiatin und Gastdozentin im Fachbereich Literatur und Linguistik an der Universität Bielefeld, wo sie Maltherapie und Malerei lehrte. Sie nahm an siebzehn Einzel- und zahlreichen Gruppenausstellungen in Polen, Dänemark und der BRD teil. Sie ist Mitglied im Polnischen Künstlerverband. 

Text © Urszula Usakowska-Wolff

15.03.2004


Małgorzata Bielecka
7.03 - 20.04.2004
KunstWerkHerford
Waltgeristr. 50 
32049 Herford
Tel.:  05221  22244
Montag bis Freitag 15:00 - 17:30
oder nach besonderer Vereinbarung



Malgorzata Bielecka: Triptychon  "Aus der Geschichte des Apfels I ", 2002, eigene Technik auf Hartfaserplatte, 117 x 75 cm. Foto: Galeria Wici Kielce

Małgorzata Bielecka:  "Aus der Geschichte des Apfels I ", 2002

Malgorzata Bielecka: Triptychon  "Aus der Geschichte des Apfels II ", 2002, eigene Technik auf Hartfaserplatte, 117 x 75 cm. Foto: Galeria Wici Kielce

Małgorzata Bielecka:  "Aus der Geschichte des Apfels II ", 2002

Malgorzata Bielecka: Triptychon  "Aus der Geschichte des Apfels III ", 2002, eigene Technik auf Hartfaserplatte, 117 x 75 cm. Foto: Galeria Wici Kielce

Małgorzata Bielecka:  "Aus der Geschichte des Apfels III ", 2002

Malgorzata Bielecka: Aus dem Zyklus "Psychogramme",  2002, eigene Technik auf Hartfaserplatte, 80 x 100 cm. Foto: BWA Kielce

Małgorzata Bielecka: Aus dem Zyklus "Psychogramme", 2002

Malgorzata Bielecka: Legende, 2003, 150 x 100 cm, eigene Technik auf Leinwand. Foto: BWA Kielce

Małgorzata Bielecka: Legende, 2003, 150 x 100 cm, eigene Technik

Malgorzata Bielecka: Legende, 2003, 150 x 120 cm, eigene Technik auf Leinwand. Foto: BWA Kielce

Małgorzata Bielecka: Legende, 2003, 150 x 120 cm, eigene Technik


Mehr Bilder von Małgorzata Bielecka in der Galerie Wici in Kielce >>>


Bilder von der Ausstellungseröffnung am 7. März 2004

Eröffnung der Ausstellung von Malgorzata Bielecka im KunstWerkHerford am 7.03.2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Malgorzata Bielecka (links) im KunstWerkHerford am 7.03.2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Malgorzata Bielecka im KunstWerkHerford am 7.03.2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Eröffnung der Ausstellung von Malgorzata Bielecka im KunstWerkHerford am 7.03.2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Malgorzata Bielecka (1. rechts) , Stanislawa Zacharko, Anna-Maria Jolla und Galeristin Sabine Ebmeier bei der Ausstellungseröffnung am 7.03.2004 im KunstWerkHerford. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Musiktrio HIP SHOTS aus Bielefeld spielte bei der Eröffnung der Ausstellung von Malgorzata Bielecka im KunstWerkHerford am 7.03.2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Fotos von der Eröffnung der Ausstellung von Małgorzata Bielecka © Urszula Usakowska-Wolff

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