Blue is beautiful

"Es ließe sich denken, dass jemand eine Monographie des Blaus schriebe": Rainer Maria Rilkes Wunsch könnte der Ideengeber für eine farbthematische Teil-Sammlung gewesen sein, die Siegfried Loch, Jazzmusik-Produzent und Kunstsammler, präsentiert. Eine andere, sicherlich überzeugendere Quelle der Inspiration wäre Wassily Kandinsky, der in seinen form- und farbästhetischen Reflexionen "Über das Geistige in der Kunst" (1911) von den vier Hauptklängen jeder Farbe sprach: "entweder ist sie I. warm und dabei 1. hell oder 2. dunkel, oder sie ist II. kalt und 1. hell oder 2. dunkel." Daraus folgte für den Kunsttheoretiker und Lehrer am berühmten Bauhaus eine farbliche Gegenüberstellung: "Die Wärme oder die Kälte der Farbe ist eine Neigung im allgemeinen zu Gelb oder zu Blau." Doch beide farbliche Bestimmungen würden die Idee des Sammlers Loch bzw. des Kurators Ahrens der Bremer Ausstellung nur teilweise absichern. Vielmehr assoziiert der Titel "Paint it Blue" die vielfältige Ausdrucksdichte, die 'Blau' in der Malerei - in Verbindung mit Musik - hervorrufen kann. Auf dem geistesgeschichtlichen Hintergrund von räumlichen, sakralen und tonalen Aspekten, die 'Blau' in verschiedenen kulturellen Kontexten auslöst, wirkt das Ensemble der etwa sechzig Gemälde aus der zweiten Hälfte des 20. und den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts wie ein spannender Anschauungsunterricht über die farbliche und musikalische Assoziationsbreite einer epochenübergreifenden Empfindung. Ausgelöst wurde sie durch Yves Kleins Bekenntnis zum Blue am Ende der 1940er Jahre und in dessen "Blauer Revolution" im Jahre 1958, die das Denken und Handeln des französischen Volkes verändern sollte.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information

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 Blue is cool

Blau als Farbe einer Kälte, die sich im coolness der Jazzmusik der späten 1950er Jahre artikulierte, verdichtete sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem übergreifenden Gefühl der Ernüchterung, von dem die meisten Nachkriegsgenerationen, trotz der revolutionären Ansätze in den späten 60er Jahren, erfasst wurden. Yves Kleins Gemälde "ant 49", Pigment auf Papier und Leinwand, aus dem Jahr 1960, ein auf graublauem Grund aufsteigender, mit schwarzen Streifen durchsetzter, tiefblauer Tierkörper, könnte in der Bremer Ausstellung, in mit blauem Teppich ausgelegten Sälen, wie ein Impulsgeber wirken. Wenn es nicht zwei aus den fünfziger Jahren stammende Werke gäbe, die von der "blauen Revolution" bereits inspiriert waren: Francis Picabia, der in "U" (1950) auf die tiefblaue Grundierung gelbe Kreise setzt, Ernst Wilheln Nays "Blauklang" (1953), in dem die blauen Farbfelder von weiß, rot und schwarz durchbrochen sind, und Lucio Fontanas aufgeschlitzte graublaue Leinwand, "concetto speziale" (1959). Wie eine kongeniale Antwort auf Yves Klein mutet Sam Francis "Composition in blue and white" (1960) an, weil die zentrale Verdichtung des Blaus bei Yves Klein in marginalen blauen, federleichten Feldern bei Francis aufgeht. Rupprecht Geigers Werk o.T. aus dem Jahr 1961 greift die kosmische Dimension verschiedener Blau-Schattierungen auf, die über eine weiße Markierung in das endlose Schwarz des galaktischen Raumes transzendieren. In Philip Gustons Bild "The actors VI" (1962) hingegen verschwindet das Blau im heftigen gestischen Grau und Schwarz. Die blaue Blume der romantischen Sehnsucht, wie sie Novalis als Inbegriff eines verborgenen Schatzes thematisierte, scheint in Elaine Sturtevants "Warhols Flower" (1969) auf grünen Halmen und schwarzem Untergrund wiederbelebt zu sein, wenn es nicht den spontanen Gedanken an die serielle Beliebigkeit des Verfahrens beim Betrachter gäbe.

Blue is gag

Auf den Gemälden der 1980er Jahre zeichnet sich, wie bei Georg Baselitz in "Seeadler" und "Night in Tunisia II", die Abrechnung mit einem Expressionismus ab, der gestische Figürlichkeit in Farbfelder und Eingravierungen auflöst. Konrad Klapheck versieht in "Schicksal" (1979/1990) sein Stahlross mit emailleblauen Schattierungen. Gotthard Graubners tiefblaues Farbkissen ist im Katalog durch eine Arbeit ersetzt worden, die in der Verbindung von Acryl und Aquarell-Farben ein wolkiges blau-graues Gebilde ist. Jörg Immendorfs "Sammler" (1987) greift gleichsam die Intention des Kollektionärs und Musikexperten Loch auf: die gelb-rötlichen Gliedmaßen der Gestalt des Sammlers umschließen die hell- und tiefblauen Konturen des Körpers. Eine wunderschöne Farbvision mit Raum- und Klangfeldern bietet Franz Gertschs "Cima del mar" (blauer Klang), ein Holschnitt auf Japan-Papier, der eine beinahe sphärische Dimension erreicht. Emil Schumachers Gemälde "Gag" (1984) assoziiert den parodistischen Umgang mit einem "blauen" Thema, das von schwarzen Strichen unterminiert wird.

Blue is soft

Einige der Gemälde aus den 1990er Jahren reflektieren die elektronische Revolution, wie Tatsuo Myjajima, der digitale Zahlen auf seinen hellblauen und tiefblauen Hintergründen aufleuchten lässt, andere, wie Martin Noel und David Ortins, spielen mit ornamentalen Gebilden auf blauem Grund, eine eindrucksvoll thematische Lithographie, Claes Oldenburgs "Soft saxophone (blue, yellow, red)" präsentiert ein hellgelbes Instrument, das wie ein Hosenbein aussieht. Gerhard Richter ist mit drei sehr unterschiedlichen Arbeiten vertreten: "Vierwaldstädter See" (1969), Öl auf Leinwand, assoziiert ein klangräumliches Gefühl, die kleinformatige Arbeit "J.S.Bach, Goldbergvariationen" (Acryl auf Schallplatte, 1984) wirkt wie ein Blick durch ein Bullauge in exotische Meerestiefen, während das "Abstrakte Bild" (1995) wie eine blaue Frottage auf grauem Untergrund wirkt. Rolf Roses monochromatische fünfteilige Arbeit (Öl auf Hartfaser, 1995) wie auch "Blue Monk" (2007) überraschen durch hermetische Dichte und geradlinige Textur.

Blue is top

Unter den ausgestellten Gemälden, die Anfang des 21. Jahrhunderts entstanden sind, brilliert zweifellos Sigmar Polkes großformatige Arbeit "Ohne Titel", 2006 (225x300 cm), auf der sechs gerasterte Topmodells gleichsam wie Elfen aus einer virtuellen Realität, auf blau verwischtem Bildgrund abgebildet sind. Diese Transparenz des Bildaufbaus und die von ihm ausgehende erotische Spannung dupliziert der Katalog auf seinem kartonierten Einband. Die Überraschung bietet die beigefügte, leider sehr behelfsmäßig an der Innenseite des Katalogs angebrachte  CD mit dem Titel "Act: Jasper Van’t Hof: Blau". Zwölf Musikstücke ehren dort neun der in der Ausstellung und im Katalog vertretenen Künstler unter Verweis auf die Titel ihrer Gemälde, einschließlich der weltweit renommierten Joseph Beuys, Gilbert & George und Henri Matisse. Eine farblich, räumlich und musikalisch überzeugende Ausstellung, die durch die spannungsgeladene Hängung der Bilder wie auch durch die synkretistische Überlagerung von Klangfarben dem unterkühlten Grundton 'Blau' eine überraschende Dynamik verleiht. Siegfried Loch, ein Sammler der ersten Stunde, hat mit dieser thematisch abgestimmten Kollektion dem Museum für moderne Kunst in Bremen wieder eine Attraktivität verliehen, die die Institution unter seinem neuen Direktor Carsten Ahrens in jeglicher Hinsicht verdient.

Text © Wolfgang Schlott

Fotos © Joachim Fliegner, Courtesy NMWB

26.03.2006


Paint it blue. Act Art Collection Siegfried Loch .
Love of my Life. 50 Jahre Musikgeschichte. Fotografien von Siegfried
Loch .
Neues Museum Weserburg
10.03. - 28.05. 2007

Katalog
Preis 20 €.


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Weiter zum Text über die Ausstellung "Die Macht des Dinglichen. Skulptur heute!" im Georg-Kolbe-Museum Berlin, 11.02. - 28.05.2007