Familie in der Kunst

Louise Bourgeois ist ein Weihnachtskind: Sie kam am 25. Dezember 1911 zur Welt. Zu ihrem 95. Geburtstag wird die Künstlerin, eine der bedeutendsten Bildhauerinnen unserer Zeit, die erst Anfang der 1980er Jahre, also im Alter, wo andere sich zur Ruhe setzen, Anerkennung fand, mit Retrospektiven in renommierten Museen in London, New York und Los Angeles bedacht. Noch bevor jedoch die kleine und zierliche Französin, zu deren Markenzeichen riesige Objekte aus der Serie "Die Zellen“ gehören, in internationalen Kunstzentren gefeiert wird, richtet ihr die Kunsthalle Bielefeld eine thematische Präsentation mit dem Titel "La famille" aus, in der über 200 Werke: Zeichnungen, Druckgrafiken, Gemälde, Skulpturen und Installationen aus den Jahren 1936 - 2005 (etliche davon zum ersten Mal) gezeigt werden. Es ist bereits die zweite große Bourgeois-Schau in Bielefeld, denn 1999 war in der Kunsthalle ihre Ausstellung "Spinnen, Außenseiter, Paare" (und im Sommer 2004 eine einzelne "Spinne" im Schlosspark Wendlinghausen im Rahmen der vom Kunsthallendirektor Dr. Thomas Kellein kuratierten "Gartenlandschaft OWL“) zu sehen.

© Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information

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  Geschlecht und Materie

Der Titel der Bielefelder Ausstellung "La famille" ist kein Zufall. Für Louise Bourgeois ist ihre eigene Familie Segen und Fluch, Inspirationsquelle und Motor ihrer künstlerischen Arbeit. In ihren Werken setzt sie sich mit ihren Eltern, zu denen sie ein ambivalentes, zwischen Abneigung und Anerkennung schwankendes Verhältnis hat, mit ihrer Schwester und ihrem geliebten Bruder, mit ihren beiden Cousins, die nach dem Tod ihres Onkels väterlicherseits zu Beginn des Ersten Weltkriegs in die Familie aufgenommen wurden, mit ihren drei Söhnen und ihrem Mann auseinander. Schon als Kind war sie von den widersprüchlichen Gefühlen gegenüber ihrem Elternhaus, zu dem auch eine Geliebte ihres Vaters gehörte, hin und hergerissen. Zuflucht fand sie seit ihrem zehnten Lebensjahr im Zeichnen. Weil ihre Eltern mit alten Teppichen handelten, besaßen sie eine Werkstatt, in der diese Gobelins, die sich häufig in einem miserablen Zustand befanden und von ihrer Mutter in Bauernhäusern, auf Dachböden und in Scheunen aufgespürt wurden, restauriert werden mussten. Die kleine Louise fertigte Skizzen der fehlenden Gobelin-Stellen an und besserte sie mit Wolle und Seide aus. Auf Wunsch puritanischer Amerikaner, die zu den Kunden der Bourgeois-Werkstatt gehörten, bedeckte sie die Geschlechtsteile der Putti mit Blumen- und Pflanzenornamenten. Die Probleme des Geschlechts und der Materie beeinflussten ihre Kindheit, die sie - trotz Wohlstands - mitnichten als glücklich in Erinnerung behielt. Ihr Vater Louis war enttäuscht, dass sie nicht als Sohn zur Welt gekommen war und akzeptierte sie nur deshalb, weil sie ihm außerordentlich ähnelte. Ihre kränkliche Mutter Josephine, 1932 frühzeitig an den Folgen der Spanischen Grippe verstorben, tolerierte zehn Jahre lang das Verhältnis ihres Mannes mit der englischen Gouvernante Sadie Gordon Richmond. Ein stilles Drama spielte sich in den eleganten Interieurs der Schlösschen in Choisy-le-Roi und Antony bei Paris ab, hinter dem Vorhang der bürgerlichen Normalität entluden sich verbotene Leidenschaften. Das störte Louises Vater nicht daran, sich über die Künstler - für ihn Paradebeispiele moralischer Verkommenheit - zu empören. "Meine Kindheit hörte nie auf, magisch, geheimnisvoll und dramatisch zu sein. Alle meine Arbeiten aus den letzten fünfzig Jahren, alle meine Themen wurden von der Kindheit inspiriert", sagte die Künstlerin 1997.

  Angst und Kunst

Louise entschied sich jedoch zuerst für ein sichereres Fach: Mit 21 Jahren begann sie, an der Pariser Sorbonne Mathematik und Geometrie zu studieren. Diese emanzipierte und elegante junge Frau, die bereits mit 18 Jahren ihren Führerschein gemacht hatte und Kostüme von Coco Chanel und Sonya Delaunay trug, knüpfte auch - ihrem Vater zum Trotz - Kontakte mit den Künstlern und sympathisierte offen mit dem Kommunismus: Anfang der 1930er Jahre besuchte sie zweimal Moskau. Nachdem sie an der Geometrie das Interesse verloren hat, wollte sie Kunst studieren, aber nicht an der Akademie, so dass sie fünf Jahre lang verschiedene Ateliers in Montparnasse und Montmartre besuchte. Fernand Léger, der ihr bildhauerisches Talent entdeckte, gestattete ihr, an seinen Kursen unentgeltlich teilzunehmen. In einem anderen Atelier, in dem sie für die Wahl der Modele zuständig war, lernte sie Prostituierte mit blassen Gesichtern, violetten Lippen und roten Haaren kennen, wie den Bildern und Plakaten eines Toulouse-Lautrec entsprungen. Sie erfuhr damals, dass Menschen, die sehr ungezügelt leben, die Reinheit fetischisieren. 1936 ließ sich Louise Bourgeois im Pariser Viertel Saint-Germain, in der Rue de Seine, über der "Galerie Gradiva" nieder, die vom Vater der Surrealisten André Breton geleitet wurde. Weil der Respekt gegenüber irgendwelchen "Vätern" und Autoritäten ihr (nicht nur) damals fremd war, ließ sie sich von Breton nicht besonders beeindrucken. Während der Gespräche über den Surrealismus lernte sie den amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater kennen, Autor eines Aufsehen erregenden Buchs über den Einfluss der primitiven Kunst auf die Moderne. Sie heirateten 1938, obwohl sie zwei vollkommen gegensätzliche Persönlichkeiten waren. "Ich habe in erster Linie einen Intellektuellen geheiratet", erklärte die Künstlerin fünfzig Jahre später. "Er war an nichts anderem als an Ideen interessiert. Das bedeutet, er war daran interessiert, was wahr ist und was nicht wahr ist." Ihr Mann wiederum "hatte das Gefühl, einen Diamanten gefunden zu haben, den er liebte - einen rohen, sehr rohen Diamanten -, und ich fühlte, einen wirklichen Fang gemacht zu haben. Aber wir konnten uns nicht wirklich verständlich machen, so dass jeder von uns immer ein Mysterium für den anderen blieb." Nach der Hochzeit zogen sie nach New York. Aus Angst vor Unfruchtbarkeit entschied sich Louise einen Jungen mit dem Namen Michel zu adoptieren, zwei Jahre später kam ihr Sohn Jean-Louis und 1941 der letzte Sohn Alain zur Welt. Doch die treueste Begleiterin in Louises Leben war und ist die Angst: in ihrer Kindheit die Angst vor dem Scheitern der Ehe ihrer Eltern, dann die Angst davor, die Rolle der Mutter, Ehefrau und Künstlerin nicht unter einen Hut bringen zu können, die Angst, unverstanden zu sein, zu versagen, schließlich die Angst vor der Einsamkeit nachdem ihr Mann bereits 1979 verstorben war. Der Nährboden, auf dem seit über einem halben Jahrhundert die beunruhigende Kunst der französischen Zeichnerin, Performerin und Bildhauerin gedeiht, ist die Angst.

  Kampf und Mord

Während andere Menschen vor der Angst kapitulieren und noch ängstlicher werden, geht Louise Bourgeois mit ihrer Angst, die sie seit ihrer Kindheit begleitet, kreativ um. Die Angst vor und um ihre Familie, der gegenüber sie eine Hassliebe empfindet, sind Gefühle, aus denen ihre verstörenden Kunstwerke entstehen. Das Publikum, das gegenwärtig die "Familie" der Grande Dame in der Bielefelder Kunsthalle besucht, betritt eine düstere Bühne, auf der sich das Theater des Familienlebens abspielt. Es ist eine Vorführung in alten Dekorationen, denn die geschnitzten, gegossenen, gezeichneten, genähten und objekthaften Dramen der betagten, aber immer noch sehr vitalen Künstlerin spielen sich vor allem in der Vergangenheit ab. Die Welt, wie Louise Bourgeois sie erlebte und zeigt, ist keine Idylle, denn sie ist vom Unheil, Kampf, Misstrauen und Verrat geprägt. Der Mann betrügt die Frau, die Kinder rivalisieren um die Zuneigung der Eltern oder verweigern sich ihrer Liebe. Die Beziehungen zwischen Mann und Frau sind ein Kampf, nicht nur im Bett. Die Mütter sind entweder Spinnen oder sie verspeisen ihre Kinder, denn sie wachsen ihnen - wie ihre Häuser - über den Kopf. Die Väter behandeln ihre Töchter, von denen eine ein Holzbein hat, schlecht, weil sie keine Söhne sind, und die Söhne misshandeln sie, weil sie ihnen als Schwächlinge erscheinen. Die misshandelten Kinder begehen einen rituellen Vatermord und verspeisen ihren Herrn und Peiniger auf einem roten Altar der Rache. Was bleibt, sind alte Kleider und Nippes der bürgerlichen gar nicht so heilen Welt in Käfigen und eine Treppe - Symbol der Häuslichkeit, die ins Nichts führt. Bei Louise Bourgeois sieht die Familie nicht einmal auf einem Bild gut aus. Doch ihre Familie nimmt das alles angeblich nicht so ernst, denn wie Jerry Gorovoy, seit 1979 Assistent und Manager der Künstlerin erklärte: "Sie hat ihr eigenes Leben und es geht sie wenig an, Gegenstand der Kunst ihrer Mutter zu sein." So bleibt die Kunst in der Familie und die Familie in der Kunst. Toute proportion gardée.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

27.03.2006  


Louise Bourgeois
La famille
12.03. - 5.06.2006
Kunsthalle Bielefeld

Katalog
Louise Bourgeois
La famille
Mit einer Einführung von Thomas Kellein
228 S.
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2006
ISBN 3-86560-075-1
Preis 28 €
 


Louise Bourgeois

Louise Bourgeois wurde am 25. Dezember 1911 in Paris als zweite Tochter von Josephine und Louis Bourgeois, Inhaber einer Restaurierungswerkstatt für Gobelins und Antiquitäten geboren. 1932 studierte sie Mathematik und Geometrie an der Sorbonne, in demselben Jahr starb ihre Mutter. Seit 1936 besuchte sie mehrere Kunstschulen in Paris und lernte den Bildhauer Constantin Brancusi und den Maler Fernand Léger kennen. Anschließend studierte sie Kunstgeschichte an der École du Louvre, wo sie auch als Englischlehrerin und Museumsführerin im Louvre arbeitete. 1938 heiratete sie den Kunstkritiker Robert Goldwater, Autor des Standardwerks "Primitivismus in der zeitgenössischen Kunst“, mit dem sie nach New York zog. Dort setzte sie ihr Kunststudium in der Art Students League fort. 1938 adoptierte das Ehepaar Bourgeois-Goldwater ihren Sohn Michel, 1940 und 1941 kamen ihre Söhne Jean-Louis und Alain zur Welt. In den 1940er Jahren beschäftigte sich die Künstlerin vor allem mit der Malerei und fertigte auch Zeichnungen, die zur Serie "Femme-Maison“ gehören. Der Bildhauerei wandte sie sich Ende der 1940er Jahre zu.

Es entstanden die "Personnages“, Stelen aus bemaltem Holz, auf Metallquadraten befestigt und direkt auf dem Boden gestellt oder an die Wand gelehnt. Ihre "Schlafende Figur“ erwarb 1951 das Museum of Modern Art in New York. In demselben Jahr starb ihr Vater, was sie in eine tiefe psychische Krise stürzte. 1954 wurde sie Mitglied im Verband der amerikanischen abstrakten Künstler. 1956 kaufte das Whitney Museum of American Art ihre Skulptur "One and Others”. In den 1960er Jahren arbeitete sie als Kunsterzieherin an verschiednen Colleges in New York, sie leitete auch eine Galerie für Altdrucke in der Madison Avenue. In dieser Zeit begann sie die Serie "Lair“ - spirale, innerlich hohle und meistens weiße, raumgreifende Formen aus Gips, Latex oder Gummi, die von der Decke herunterhingen oder auf Podesten befestigt waren. Angefangen von 1969 schuf sie im italienischen Pietrasenta Marmorskulpturen, phallische Torsi mit mehreren Brüsten, eine Anspielung und ein Diskurs mit den Werken von Lorenzo Bernini und August Rodin. 1973 starb ihr Mann Robert Goldwater. 1977 erhielt sie den Ehrendoktortitel der Yale University. 1978 wurde Jerry Gorovoy ihr Assistent und Manager. 

 

Jerry Gorovoy, Assistent und Manager von Louise Bourgeois, Bielefeld, 9.03.2006. Foto: Manfred Wolff

Jerry Gorovoy, Assistent und Manager von Louise Bourgeois, Bielefeld, 9.03.2006. Foto: Manfred Wolff

Die erste bedeutende Ausstellung und zugleich Retrospektive der Künstlerin wurde erst 1982 im MoMa eröffnet, wo sie als wichtigste und lange Zeit verkannte Vertreterin der amerikanischen Nachkriegskunst gefeiert wurde. Den Ausstellungskatalog sollte ihr Bild mit "Fillette“, einem überdimensionalen Latex-Phallus zieren, mit dem sie 1968 Robert Mappelthorpe posierte. Doch "Fillette“ wurde vom Bild entfernt, so wie früher die "unanständigen“ Geschlechtsteile der Putti auf den Gobelins. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begann Louise Bourgeois ihre Arbeit an der bis heute fortgesetzten Serie mit dem Titel "Cell“, riesigen raumgreifenden Installationen, die an ihre Erlebnisse aus der Kindheit und Jugend anknüpfen. Seit Ende der 1980er Jahren feiert die Künstlerin endlich auch internationale Triumphe. Ihre Arbeiten wurden u.a. auf der documenta 9 (1992) und 11 (2002) in Kassel und der Biennale von Venedig (1993) gezeigt. 1999 wurde sie - neben Bruce Nauman - mit dem Goldenen Löwen der Biennale von Venedig ausgezeichnet. Im Jahr 2000 bereitete sie eine monumentale Installation für die Turbinenhalle der Tate Modern in London vor. Das Modell dieser Arbeit kann man noch bis zum 5. Juni 2006 neben ihren anderen über 200 wichtigen Werken in der Ausstellung "Louise Bourgeois. La famille“ in der Kunsthalle Bielefeld besichtigen.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

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