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Er
war das Auge von Paris
Die kleinen schwarz-weißen Fotografien zeigen große Männer, die der Kunst des 20. Jahrhunderts ihren Stempel aufgedrückt haben, und Räume, in denen ihre Werke entstanden. Im Museum Berggruen, gegenüber vom Schloss Charlottenburg gelegen, begeben wir uns zusammen mit Brassaï auf eine Reise, die vorwiegend durch Pariser Ateliers der 1930er bis in die 1960er Jahre führt. Wir blicken sowohl in die aufgeräumten und hellen Studios von Georges Braque, Henri Matisse und Henri Laurens, als auch in die dunklen, vollgestopften und chaotischen Arbeitsstätten von Pablo Picasso und Alberto Giacometti. Die Bilder sind unspektakulär und unscheinbar: Sie stellen gewöhnliche Menschen bei der Arbeit oder in ihrer Freizeit dar. Der bebrillte und betagte Matisse trägt einen weißen Arbeitskittel, wie ihn früher Ärzte anhatten, und zeichnet den Akt einer jungen Frau, die vor ihm in einer aufreizenden Pose Modell sitzt. Er ist in sein Tun so vertieft, dass er die Anwesenheit der sich direkt vor ihm streckenden nackten Schönheit nicht zu merken scheint. Picasso thront mit lässig übereinander geschlagenen Beinen und einer Zigarette in der rechten Hand auf einem Stuhl. Auf einem anderen Foto ist sein abgenutzter Sessel mit einem Stapel alter Zeitungen, Büchern und einem Bild zu sehen. Davor stehen abgetragene karierte Hausschuhe: Picasso trägt also Filzpantoffeln – wie andere Sterbliche auch. Braque gestikuliert auf einer Wiese in der Normandie vor einer schwarz-weiß gescheckten Kuh. Dass, was die fünf Künstler von den gewöhnlichen Sterblichen unterscheidet, sind einzig und allein ihre außergewöhnliche Kreativität und ihre Werke, die immer noch bewundert und begehrt werden. "Die Möglichkeit, diese Fotografien im Kontext der Sammlung des Museums zu zeigen, ist von besonderem Gewinn, erlaubt sie es doch, Brassaïs Sicht auf die Künstler mit der Sicht der Künstler selbst in Verbindung zu bringen. So stoßen wir in den Porträts und Atelieraufnahmen Brassaïs immer wieder auf Elemente, die auch in den Werken der Künstler eine Rolle spielen, sei es der geheimnisvolle Schattenwurf eines einer archaischen Skulptur ähnelnden Ofens, der an Picassos Interesse für mythologische Themen und primitive Kunst erinnert, oder die Abgeklärtheit der Aufnahmen des Licht durchfluteten Ateliers von Matisse, die mit der konzisen Klarheit der späten Scherenschnitte des Malers korrespondiert", erklärt die Ausstellungskuratorin Kyllikki Zacharias.
Brassaï
aus Brasso "Das Banale und Konventionelle aufzusaugen und daraus etwas Neues und Packendes zu machen, einen Aspekt des Alltags so zu zeigen, als sähe man ihn zum ersten Mal", lautete das künstlerische Credo Brassaïs. In Wirklichkeit hieß der Fotograf, den sein Freund Henry Miller "das Auge von Paris" nannte, Gyula Halàs. Er wurde am 9. September 1899 als Sohn eines Universitätsprofessors für französische Literatur im damals ungarischen Brasso (Kronstadt) in Siebenbürgen geboren, einer Stadt, die seit 1918 Braşov heißt und zu Rumänien gehört. Damit konnte sich der künftige Wahlfranzose nicht abfinden, hatte seine Heimatstadt später nie besucht; in Rumänien bleibt er bis heute weitgehend unbekannt. Er emigrierte 1920 zunächst nach Berlin, wo er die Kunstakademie in Charlottenburg besuchte und Bekanntschaft mit Wassily Kandinsky, Oskar Kokoschka und Laszlo Moholy-Nagy schloss. 1924 zog er nach Paris, wo er seine berufliche Laufbahn nicht als Fotograf, sondern als Journalist begann und vorwiegend für deutschsprachige Zeitschriften arbeitete. Die journalistische Tätigkeit führte ihn schließlich zur Fotografie. Parallel dazu beschäftigte er sich mit Literatur und Bildhauerei. In Paris legte sich der Künstler sein Pseudonym Brassaï zu, das er aus dem Namen seiner Heimatstadt ableitete. Vielfach geehrt und mit etlichen Preisen ausgezeichnet starb Brassaï am 7. Juli 1984 in Beaulieu-sur-Mer. Er wurde auf dem Friedhof Montparnasse in Paris beigesetzt.
Primitive
Motive Berühmt wurde Brassaï durch seine Nachtansichten von Paris. In den 1930er Jahren durchstreifte er alleine oder zusammen mit Schriftstellern wie Henry Miller oder Raymond Queneau die nächtliche Metropole. Der Erfolg seines 1933 veröffentlichten Bildbandes "Paris de Nuit" ermutigte Brassaï, auch am Tag zu fotografieren. Der Kontakt zu den Surrealisten wiederum erweckte in ihm das Interesse am "Primitiven", und es entstanden in der Folge die fotografischen Werkgruppen der "Sculptures involontaires", der "unwillkürlichen Skulpturen". Fundstücke wie Fahrscheine, Seife, Zündhölzer oder Fingerhüte wurden zum Bildgegenstand und erhielten skulpturale Qualitäten. Bei den „Transmutationen“ benutzte er belichtete Glasnegative als Rohmaterial für Zeichnungen. Er ritzte seine Zeichnungen in die Negative und belichtete diese erneut. Für seine Graffiti-Fotografien fand Brassaï die Motive an zerschlissenen Wänden und zerkratzten Mauern der Stadt. Er sah in diesen zufälligen und anarchischen zeichnerischen Äußerungen eine Verwandtschaft mit der Höhlenmalerei. Die zeichnerische Betätigung Brassaïs wurde von Pablo Picasso gefördert, so dass er 1945 eine ganze Ausstellung diesem Medium widmete. Parallel dazu versuchte er sich als Bildhauer, schuf Skulpturen mit Darstellungen primitiver Göttinnen und Tiere. "Selbst im Bruchstückhaften, Mangelhaften, Vulgären entdeckt er das Neue und die Vollkommenheit. Er erkundet mit derselben Geduld, mit demselben Interesse den Riss in einer Mauer wie das Panorama einer Stadt. Sehen wird für ihn zu einem Zweck an sich. Denn Brassaï ist ein Auge, ein lebendiges Auge", schrieb Henry Miller 1937 im Essay "The Eye of Paris".
Enthusiast
des Alltagslebens Brassaï,
der vor allem als Fotograf bekannt wurde, hatte große künstlerische
Ambitionen. Sein umfangreiches, doch stellenweise recht dilettantisches
Werk zeigte 2006 eine Retrospektive im Martin-Gropius-Bau. Die gegenwärtige
Doppelschau "Im Atelier & Auf der Straße" beschränkt sich
dagegen auf zwei Werkgruppen: die Aufnahmen seiner illustren Künstlerfreunde
im Museum Berggruen und Fotografien der in die Pariser Hauswände und
Mauern eingeritzten Graffiti in der gegenüberliegenden Sammlung
Scharf-Gerstenberg. Es sind anonyme, unbeholfene und archaisch wirkende
Artefakte die um Liebe, Sex und Tod kreisen. Sie werden zusammen mit Gemälden
und Collagen von Jean Dubuffet gezeigt, auf denen zum Teil echte
Schmetterlingsflügel zu sehen sind. Dubuffet, der seine Inspirationen
aus der "rohen" Kunst von Kindern, Naiven, Geisteskranken und
Primitiven schöpfte, fühlte sich Brassaï verwandt und sah in ihm
einen ebenbürtigen Vertreter der Art Brut. Doch Brassaï hielt nicht
viel von den Künstlern seiner Zeit. "Die Maler des modernen Lebens
sind die Fotografen und die Filmregisseure", schrieb er 1949.
"Zusammen mit dem Filmemacher ist der Fotograf der einzige Überlebende,
der Alleinerbe der großen Künstlerfamilie. Und so ist es auch nicht
ungerechtfertigt, seine Ahnenreihe zurückzuverfolgen – nicht zu
Daguerre, Niepce oder Talbot, nicht zu den großen Renaissance-Malern,
die von der Fotografie träumten –, sondern zu jenen Enthusiasten des
Alltagslebens wie Lautrec, Goya, Hokusai und Rembrandt es waren." Text © Urszula
Usakowska-Wolff
Brassaï
Brassaï
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