Wunderbarer Abgesang

Im Kunstmuseum Wolfsburg ertönen die Klänge der Melodie La Petite Fleure, die von Sydney Bechet auf dem Saxofon einst meisterhaft gespielt wurde. Die kleine Blume, ein beliebtes Pariser Chanson, begleitet die Ausstellung Brassaï. Das Auge von Paris, die nach Stationen in Paris, Wien und Budapest gegenwärtig in der Volkswagenstadt zu sehen ist.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Ungewöhnliche Reihenfolge

Dass die Brassaï-Retrospektive in Wolfsburg präsentiert wird, ist nichts Ungewöhnliches, betonte Gijs van Tuyl, Direktor des Kunstmuseums. Ungewöhnlich ist nur die Reihenfolge, denn bisher wurden alle bedeutenden Ausstellungen zuerst in Wolfsburg gezeigt, bevor sie dann auf Reisen in die internationalen Kunstmetropolen geschickt wurden. Und Alain Sayag, Fotokurator des Pariser Centre Pompidou und Kurator der Brassaï-Ausstellung in Wolfsburg ergänzte: Es war nicht schwer, Frau Brassaï zu überzeugen, dass die Bilder ihres 1984 verstorbenen Mannes in Wolfsburg gezeigt werden sollen. Wir haben ihr erklärt, dass diese Stadt ein Berliner Vorort ist. Und Brassaï war Berlin sehr verbunden, denn er hatte dort seine Studienjahre verbracht. Abgesehen von der faktischen geografischen Lage und der Bedeutung Wolfsburgs als Kunstmetropole, ist die umfangreiche Brassaï-Schau kein Zufall, denn immer wieder hat das dortige Kunstmuseum in monographischen Ausstellungen das Werk einzelner Fotografen vorgestellt, die zu den Meistern dieses Genre im zwanzigsten Jahrhundert gehören. So ist Das Auge von Paris  in der Reihe der Fotoklassiker wie Man Ray und Pietro Donzelli, aber auch Ed van der Elsken und Richard Avedon zu sehen.

Urszula Usakowska-Wolff: Brassaï.  Aus der Serie "Bild-Kunst macht unsterblich", 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Brassaï.  Aus der Serie "Bild-Kunst macht unsterblich", 2004

Brassaï aus Brasso

Brassaï wurde 1899 als Gyula Halàs im damals ungarischen Brasso in Transsilvanien (Siebenbürgen) geboren, einer Stadt, die die dort lebenden Siebenbürger Sachsen Kronstadt nannten und die heute zu Rumänien gehört und Brasov heißt. Er emigrierte 1920 zunächst nach Berlin, wo er die Kunstakademie besuchte und Bekanntschaft mit Künstlern wie Wassily Kandinsky, Oskar Kokoschka und Laszlo Moholy-Nagy schloss. 1924 siedelte er nach Paris über, wo er seine berufliche Laufbahn nicht als Fotograf, sondern als Journalist begann und vorwiegend für deutschsprachige Zeitschriften arbeitete. Die journalistische Tätigkeit führte ihn schließlich zur Fotografie. Parallel dazu beschäftigte er sich jedoch ebenso mit Literatur und der Bildhauerei. In Paris legte sich der Künstler sein Pseudonym „Brassaï“ zu, das er aus dem Namen seiner Heimatstadt ableitete. Vielfach geehrt und mit Preisen ausgezeichnet starb Brassaï am 7. Juli 1984 in Beaulieu-sur-Mer. Er wurde auf dem Friedhof Montparnasse in Paris beigesetzt.

Urszula Usakowska-Wolff: Platzhalter für Brassaï, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Platzhalter für Brassaï, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Pariser Ansichten

Die ersten Fotografien Brassaïs entstanden genau zu dem Zeitpunkt, als der Surrealismus in Frankreich Fuß fasste und das Interesse der Künstler- und Intellektuellenavantgarde jener Epoche weckte. Der Einfluss des Surrealismus war auf dem Gebiet der Fotografie besonders stark, da ihr eine zentrale Rolle bezüglich der Wahrnehmung von Realität zukam. Brassaïs Hinwendung zur Fotografie hatte vermutlich auch ökonomische Gründe, denn er erkannte, dass er in diesem Medium wohl mehr Geld verdienen könnte als mit seinen Artikeln. Berühmt wurde Brassaï durch seine Nachtansichten von Paris. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts durchstreifte er alleine oder zusammen mit Schriftstellern wie Henry Miller oder Raymond Queneau die nächtliche Metropole. Der Erfolg einer Veröffentlichung dieser Aufnahmen ermutigte Brassaï auch bei Tag Szenen in den Straßen von Paris zu fotografieren. Der Kontakt zu den Surrealisten wiederum erweckte in ihm das Interesse am "Primitiven“ und es entstanden in der Folge die fotografischen Werkgruppen der "Sculptures involontaires“, der "unwillkürlichen“ Skulpturen. Fundstücke wie Fahrscheine, Seifen, Zündhölzer oder Fingerhüte wurden zum Bildgegenstand und erhielten skulpturale Qualitäten. Bei den Transmutationen wurden belichtete Glasnegative als Rohmaterial für Zeichnungen verwendet. Brassaï ritzte seine Zeichnungen in die Negative und belichtete diese erneut. Vorzugsweise Aufnahmen weiblicher nackter Körper verwandelte er dabei in graphische Gebilde, in Gitarren-, Geigen- oder Mandolinenfrauen und ließ so den Einfluss Pablo Picassos offensichtlich werden. Für seine Graffiti-Aufnahmen fand Brassaï seine Motive an zerschlissenen Wänden und zerkratzten Mauern der Stadt. Er sah in diesen zufälligen und anarchischen zeichnerischen Äußerungen eine Verwandtschaft zu Höhlenzeichnungen. Hier werden die Wechselbeziehungen zu künstlerischen Positionen wie jenen von Jean Dubuffet oder Jean Fautrier mit ihrer Art Brut spürbar. Die zeichnerische Aktivität Brassaïs wurde von Pablo Picasso gefördert, so dass er im Jahr 1945 gar eine ganze Ausstellung diesem Medium widmete und parallel zu seinem fotografischen Werk stets neue Zeichnungen entstanden und auch das skulpturale Oeuvre immer weiter wuchs.

Urszula Usakowska-Wolff: Abgesang auf das Auge, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Abgesang auf das Auge, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Schöner Untergang

Das Banale und Konventionelle aufzusaugen und daraus etwas Neues und Packendes zu machen, einen Aspekt des Alltags so zu zeigen, als sähe man ihn zum ersten Mal, lautete das künstlerische Credo Brassaïs. Seine Ausstellung Das Auge von Paris ist ein wunderbarer und ergreifender Abgesang auf eine Welt, die dem Untergang geweiht ist. Jenes Paris, das Brassaï vorwiegend in den 1930er Jahren mit dem Auge seiner Kamera registrierte, gibt es nicht mehr. Seine schwarz-weißen Aufnahmen der nächtlichen Pariser Straßen und ihrer Protagonisten: kleinen Ganoven und der üppigen Schönheiten der Nacht, skurrilen Typen und obskuren Bordells, sich in den Café streitenden und küssenden Paaren, sind mit einem Schleier bedeckt. Es ist der Schleier der Vergänglichkeit, der so malerisch und so melancholisch der Gegenwart trotzt. Brassaïs untergehendes Paris ist so schön, dass man dort unendlich lange verweilen möchte. Um zum letzten Mal in eine Welt einzutauchen, die so bunt, so alltäglich exotisch und so warmherzig war.

Text: Urszula Usakowska-Wolff

unter Verwendung des Presseinformation des Kunstmuseums Wolfsburg

20.12.2003
Letzte Aktualisierung: 23.04.2004


Brassaï
Das Auge von Paris
Kunstmuseum Wolfsburg
13.12.2003 - 21.03.2004

Die Ausstellung wurde vom Centre Georges Pompidou in Paris
konzipiert und organisiert.


Der Katalog wurde herausgegeben von Alain Sayag und Annick Lionel-Marie und enthält Beiträge von Jean-Jacques Aillagon, Brassaï, Gilberte Brassaï, Roger Grenier, Henry Miller, Jacques Prévert, Klaus Albrecht Schröder und Werner Spies. Preis 28 €.


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