|
Meister
der surrealen Realität Der
Künstler, den sein Freund Henry Miller "das Auge von Paris"
nannte und dem wir einzigartige Nachtaufnahmen der französischen
Hauptstadt in den 1930er Jahren verdanken, ist eher aus Not Fotograf
geworden. "Brassaï wie
die anderen ungarischen Emigranten, die sich nach dem Ersten und vor dem
Zweiten Weltkrieg in Paris niederließen, mussten ja überleben",
sagt Alain Sayag, Fotokurator des Pariser Centre Pompidou.
"Die Notwendigkeit zu überleben scheint eine gute Möglichkeit zu
sein, ein Fotograf zu werden." Für Sayag, den Kurator der
Ausstellung "Brassaï
(1899 - 1984). Die große Retrospektive", die nach Stationen in
Paris, Verona, Budapest, London, Wien und Wolfsburg nun auch im Berliner
Martin-Gropius-Bau gezeigt wird, ist der gebürtige Ungar mit dem bürgerlichen
Namen Gyula Halàs, der über Berlin in die französische Kunstmetropole
kam und dort unter dem Künstlernamen Brassaï
international bekannt wurde, ein französischer Fotograf, "der in
der erzählenden und inszenierenden französischen Tradition
steht." Das Vorbild des aus einer frankophilen Familie stammenden Künstlers
war jedoch Johann Wolfgang von Goethe, mit dem er die Liebe zu den
Gegensätzen, zu den Menschen und zum "ewig Weiblichen"
teilte. Neben Goethe sah er keinen, der "dem Wort 'Mensch' mit
seinem Leben und seinem Werk (die in Wahrheit untrennbar verbunden sind)
einen so tiefen Sinn gegeben, keinen, der so sehr wie er die Möglichkeiten
einer menschlichen Existenz an ihre äußeren Grenzen getrieben
hat." Genauso wie Goethe wollte Brassaï sein Leben lang "die
frische Sicht des Amateurs bewahren und sie jedes Mal neu mit dem
Wissen, dem Bewusstsein des Profis verbinden, daher meine ständigen
Untreuen, meine verschiedenerlei Neugierden, meine zahlreichen
Parallelberufe … diese scheinbare Inkohärenz war meine Kohärenz."
Denn der Künstler, der in die Kunstgeschichte vor allem als Fotograf
eingegangen ist, war - wie in seiner Berliner Retrospektive zu sehen -
mit vielen Talenten gesegnet. Er war Zeichner, Schriftsteller und
Bildhauer, der von sich behauptete: "Ich wollte nur die Realität
zum Ausdruck bringen, denn nichts ist surrealer als sie."
Brassaï
aus Brasso Gyula
Halàs, der sich als Erwachsener Brassaï nannte, wurde am 9. September
1899 als Sohn eines Universitätsprofessors für französische Literatur
im damals ungarischen Brasso in Transsilvanien (Siebenbürgen) geboren,
einer Stadt, die die dort lebenden Siebenbürger Sachsen Kronstadt
nannten und die seit 1918 Brasov heißt und zu Rumänien gehört. Damit
konnte sich der künftige Wahlfranzose nicht abfinden, hatte seine
Heimatstadt später nie besucht; in Rumänien bleibt er bis heute
unbekannt. Er emigrierte 1920 zunächst nach Berlin, wo er die
Kunstakademie in Charlottenburg besuchte und Bekanntschaft mit Wassily
Kandinsky, Oskar Kokoschka und Laszlo Moholy-Nagy schloss. 1924 zog er
nach Paris, wo er seine berufliche Laufbahn nicht als Fotograf, sondern
als Journalist begann und vorwiegend für deutschsprachige Zeitschriften
arbeitete. Die journalistische Tätigkeit führte ihn schließlich zur
Fotografie. Parallel dazu beschäftigte er sich mit Literatur und
Bildhauerei. In Paris legte sich der Künstler sein Pseudonym Brassaï
zu, das er aus dem Namen seiner Heimatstadt ableitete. Vielfach geehrt
und mit Preisen ausgezeichnet starb Brassaï am 7. Juli
1984 in Beaulieu-sur-Mer. Er wurde auf dem Friedhof Montparnasse
in Paris beigesetzt. Primitive
Motive und das ewig Weibliche Die
ersten Fotografien Brassaïs entstanden genau zu dem Zeitpunkt, als der
Surrealismus in Frankreich Fuß fasste und das Interesse der Künstler-
und Intellektuellenavantgarde jener Epoche weckte. Der Einfluss des
Surrealismus war auf dem Gebiet der Fotografie besonders stark, da ihr
eine zentrale Rolle bezüglich der Wahrnehmung von Realität zukam.
Brassaïs Hinwendung zur Fotografie hatte vermutlich auch ökonomische
Gründe, denn er erkannte, dass er in diesem Medium wohl mehr Geld
verdienen könnte als mit seinen Artikeln. Berühmt wurde Brassaï durch
seine Nachtansichten von Paris. In den dreißiger Jahren des letzten
Jahrhunderts durchstreifte er alleine oder zusammen mit Schriftstellern
wie Henry Miller oder Raymond Queneau die nächtliche Metropole. Der
Erfolg einer Veröffentlichung dieser Aufnahmen ermutigte Brassaï auch
bei Tag Szenen in den Straßen von Paris zu fotografieren. Der Kontakt
zu den Surrealisten wiederum erweckte in ihm das Interesse am
"Primitiven“ und es entstanden in der Folge die fotografischen
Werkgruppen der "Sculptures involontaires“, der "unwillkürlichen"
Skulpturen. Fundstücke wie Fahrscheine, Seifen, Zündhölzer oder
Fingerhüte wurden zum Bildgegenstand und erhielten skulpturale Qualitäten.
Bei den "Transmutationen" wurden belichtete Glasnegative als
Rohmaterial für Zeichnungen verwendet. Brassaï ritzte seine
Zeichnungen in die Negative und belichtete diese erneut. Vorzugsweise
Aufnahmen weiblicher nackter Körper verwandelte er dabei in graphische
Gebilde, in Gitarren-, Geigen- oder Mandolinenfrauen und ließ so den
Einfluss Pablo Picassos offensichtlich werden. Für seine
Graffiti-Aufnahmen fand Brassaï seine Motive an zerschlissenen Wänden
und zerkratzten Mauern der Stadt. Er sah in diesen zufälligen und
anarchischen zeichnerischen Äußerungen eine Verwandtschaft zu Höhlenzeichnungen.
Hier werden die Wechselbeziehungen zu künstlerischen Positionen wie
jenen von Jean Dubuffet oder Jean Fautrier mit ihrer Art Brut spürbar.
Die zeichnerische Aktivität Brassaïs wurde von Pablo Picasso gefördert,
sodass er im Jahr 1945 gar eine ganze Ausstellung diesem Medium widmete
und parallel zu seinem fotografischen Werk stets neue Zeichnungen
entstanden und auch das bildhauerische Werk mit an die primitiven Göttinnen
und Tierdarstellungen erinnernden Figuren immer weiter wuchs.
Ein
Auge, ein lebendiges Auge "Das
Banale und Konventionelle aufzusaugen und daraus etwas Neues und
Packendes zu machen, einen Aspekt des Alltags so zu zeigen, als sähe
man ihn zum ersten Mal", lautete das künstlerische Credo Brassaïs.
Seine Retrospektive im Martin-Gropius-Bau, vor allem die Aufnahmen des nächtlichen
Paris und seiner Schattenexistenzen, sind ein wunderbarer und
ergreifender Abgesang auf eine Welt, die dem Untergang geweiht ist.
Jenes Paris, das Brassaï vorwiegend in den 1930er Jahren mit dem Auge
seiner Kamera registrierte, gibt es nicht mehr. Seine schwarz-weißen
Aufnahmen der nächtlichen Pariser Straßen und ihrer Protagonisten:
kleinen Ganoven und der üppigen Schönheiten der Nacht, skurrilen Typen
und obskuren Bordells, sich in den Cafés streitenden und küssenden
Paaren, den aus dem Nebel herausragenden Statuen und Häusern, sind mit
einem Schleier bedeckt. Es ist der Schleier der Vergänglichkeit, der so
malerisch und so melancholisch der Gegenwart trotzt. Brassaïs
untergehendes Paris ist so schön, dass man dort unendlich lange
verweilen möchte. Das, was Henry Miller über seinen Freund vor über
siebzig Jahren schrieb, hat auch heute nichts an Aktualität verloren:
"Selbst im Bruchstückhaften, Mangelhaften, Vulgären, entdeckt er
das Neue und die Vollkommenheit. Er erkundet mit derselben Geduld, mit
demselben Interesse den Riss in einer Mauer wie das Panorama einer
Stadt. Sehen wird für ihn zu einem Zweck an sich. Denn Brassaï ist ein
Auge, ein lebendiges Auge." Text
© Urszula Usakowska-Wolff 30.03.2006 Brassaï
(1899 - 1984). Die große Retrospektive Die
Ausstellung wurde vom Centre Georges Pompidou in Paris konzipiert und
organisiert. Ihre Kuratoren sind Alain Sayag und Annick Lionel-Marie. Katalog |