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Was
stellt die Akademie der Künste im Sommer aus? Wer bis Mitte August die Akademie der Künste am Pariser Platz 4 besucht, kann dort internationale Kunst im Doppelpack erleben: Zum einen beunruhigende multimediale Installationen, in denen Geräusche und Sinnestäuschungen eine große Rolle spielen, zum anderen harmonische Acrylbilder mit geometrischen Mustern, die in der Tradition des Konstruktivismus und der britischen Op Art stehen.
Unter der Treppe, die in die oberen Geschosse der Akademie führt, steht ein Holzverschlag mit einem engen Schlitz. Um einen Blick ins Innere der seltsamen Konstruktion zu werfen, müssen sich die Besucher tief bücken, fast in die Hocke gehen. Was sie mit einiger Mühe und Anstrengung erspähen können, ist ein schmuckloses Zimmerchen von der Größe einer Puppenstube, wo sich ein Doppelbett befindet, das aussieht, als sei es vor kurzem verlassen worden. In dem kleinen Raum gibt es sonst nur wenige Gegenstände und Möbel: einen Wandspiegel mit einem davor stehenden Hocker, einen Schrank und ein Tischchen, einen Sessel in der Ecke sowie einen Plattenspieler an der vierten Wand. Das ganze mutet an, als befände es sich am Boden eines tiefen Schachts. Weil man von oben hineinguckt, scheint sich alles, außer dem Bett, recht unsicher an die schrägen Wände anzulehnen. Je höher das Auge wandert, entsteht der Eindruck, als fielen sie im nächsten Augenblick auseinander. Täuschend echt hört sich dagegen das Knistern einer hängen gebliebenen Nadel auf einer zerkratzten Schallplatte an. Doch dieses Geräusch ist nur Menschen vertraut, die in Zeiten lebten, in denen es solche Tonträger gab. Kino
im Kopf Diese Installation mit dem Titel "Secret Hotel" (2005/2011) ist das Werk des kanadischen Künstlerduos Janet Cardiff und Georges Bures Miller, das mit dem Käthe-Kollwitz-Preis in Höhe von 12.000 Euro, verbunden mit einer Ausstellung in der Akademie der Künste, ausgezeichnet wurde. Dass 2011 mit diesem, seit 1960 jährlich vergebenen Preis die beiden Kanadier bedacht werden, begründete die aus den Akademie-Mitgliedern Arnold Dreyblatt, Birgit Hein und Wulf Herzogenrath bestehende Jury damit, dass sie sich "mit einem Raumbegriff beschäftigen, der mit Mitteln akustischer Wahrnehmung die Illusion unterschiedlicher Realitätsebenen konstruiert und dekonstruiert." Das, was für Marcel Proust Gerüche waren, die seine bildhaften Erinnerungen weckten und ihn zum Schreiben inspirierten, sind für Janet Cardiff und Georges Bures Miller Geräusche. In ihrer Arbeit "The Paradise Institute" auf der Biennale von Venedig 2001, wo sie im kanadischen Pavillon einen alten Kinopalast nachbauten, zeigten sie, wie das Kino im Kopf entstehen kann: Auch wenn kein Film ausgestrahlt wird, erzeugt die einer Filmvorführung eigene Geräuschkulisse imaginäre bewegliche Bilder.
Ton
nicht synchron In ihren anderen Installationen, darunter den drei neben dem "Secret Hotel" in der AdK ausgestellten, scheinen die diesjährigen Käthe-Kollwitz-Preisträger uns zu sagen: „"Traut euren Augen nicht, traut eher euren Ohren, obwohl das, was ihr hört, nicht immer mit dem übereinstimmt, was ihr zu hören gewohnt seid." Wie sie sich auf ihre Berliner Ausstellung vorbereiteten, ist ihrer neuesten Zweikanal-Videoinstallation im Vierkanalton "Sync No Sync" (2011) zu entnehmen. Die Künstler, von hinten im Auto auf der Fahrt durch British Columbia gefilmt, sprechen darüber, was sie im Sommer am Pariser Platz präsentieren werden. Doch erst nach einiger Zeit merken die Zuschauer, dass die Gespräche nicht synchron verlaufen. Die Tonspuren der Projektionen auf zwei gegenüberliegenden Wänden driften auseinander, überlagern sich, Wortfetzen fliegen so schnell vorbei wie Landschaften. Das Publikum erlebt viele Überraschungen, vor allem im persönlichen Kontakt mit den interaktiven Werken des Künstlerduos. Wobei der Kontakt wörtlich gemeint ist, denn viele Installationen funktionieren nur dann, wenn sie von den Besuchern berührt oder angefasst werden.
Räume
für Geräusche Die 1957 geborene Janet Cardiff und ihr drei Jahre jüngerer Partner George Bures Miller leben und arbeiten seit Anfang der 1990er zusammen. Sie wohnen in Britisch Columbia und in Berlin, denn "Berlin ist im Gegensatz zu anderen Metropolen sehr ruhig, vor allem in den Morgenstunden am Wochenende fast geräuschlos." Ihre multimedialen Installationen begeistern gleichermaßen die Kritik und die Ausstellungsbesucher, denn das Duo, von den Medien gern „akustische Tüftler“ genannt, treibt ein witziges, häufig verwirrendes Spiel mit der Wahrnehmung, versetzt Menschen in einen Zustand zwischen Traum und Traumata. Die Künstler sind zugleich Sammler, und zwar von Geräuschen, für die sie Räume bauen. Ihre Werke sind dreidimensionale Hörspiele. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint – und das Ohr hat auch manchmal Mühe, die Geräusche, Töne und Klänge mit dem Gesehenen und Erlebten unter einen Hut zu bringen.
Kakophonie
aus dem Klangschrank Es ist auf Anhieb schwer zu verstehen, warum ein gepflegter alter Zettelkastenschrank aus Holz, der womöglich früher in einer Bibliothek stand, den Titel „"Wunderkammer" trägt. Des Rätsels Lösung ist der Griff nach einer der 20 Schubladen dieses 2010 zu einem Kunstwerk umfunktionierten Möbels, in denen man keine hängenden Karteikarten mit dem alphabetischen Bücherverzeichnis findet, sondern aus denen beim Herausziehen Geräusche zu hören sind. In jeder Schublade "steckt" ein anderes Geräusch: u.a. Wagner-Musik, eine von Maria Callas gesungene Arie, eine imperiale Churchill-Rede, plätscherndes Wasser und das Spiel einer Gitarre. Wenn man alle Schubladen herauszieht, entsteht eine eigentümliche Kakophonie, eine Geräuschkulisse: wie die in Einkaufszentren oder Fußgängerzonen. Der Klangschrank ist ein Instrument, das durch die menschliche Hand zum Leben erweckt wird: nicht anders, als jeder andere Klangkörper.
Moderne
Mordmaschine Die Installation "The Killing Machine" (2007), in Berlin zum ersten Mal gezeigt, visualisiert die von Franz Kafka 1914 geschriebene Erzählung "In der Strafkolonie", wo jeder Angeklagte, schuldig oder unschuldig, von einem Apparat in präziser Abfolge stundenlang gefoltert und anschließend getötet wird. Die "Mordmaschine" des kanadischen Künstlerduos sieht wie ein alter Zahnarztsessel mit zwei Roboterarmen aus, an deren Enden sich spitze Bohrer befinden. Auf Knopfdruck wird dieser gespenstische Mechanismus in Bewegung gesetzt, vom höllischen Lärm und beängstigender Musik begleitet. Obwohl sich auf dem Sessel kein Mensch befindet, erleidet das Publikum physische Qualen. Es entsteht der Eindruck, selbst ein Folteropfer oder auf einer Liege fixiert zu sein, auf der die tödliche Injektion verabreicht wird.
Quadratisch,
harmonisch, gut Von
Franz Kafkas beklemmenden Visionen, die in vielen Ländern der Welt
gestern wie heute leider zur Wirklichkeit gehören und wo echte Folter-
und Mordmaschinen eingesetzt werden, kann man sich in den zwei hinteren
Räumen der Akademie erholen. Dort taucht man in eine wohltuende Atmosphäre
ein, die alle Ängste und Traumata vergessen lässt: Geschaffen von der
1951 geborenen Londoner Malerin Gina Burdass, die in der Reihe "Ausgewählt"
ihre 20 Klein- und Mittelformate ausstellt. Es sind perfekt gemalte
rhythmische Acrylbilder, auf denen genau aufeinender abgestimmte
quadratische und rechteckige Farbpaneele zu sehen sind: Eine Kunst, die
der Liebe zur Geometrie und Harmonie entspringt und an die Tradition des
Konstruktivismus und der Op Art anknüpft. Es wundert nicht, dass die Künstlerin
vom AdK-Miglied Bridget Riley zur diesjährigen
Akademie-Sommerausstellung nach Berlin eingeladen wurde. Inmitten der
"ausgewählten" Bilder kann auch ein Werk dieser bedeutenden
Vertreterin der britischen Op Art besichtigt werden: Das riesige Wandgemälde
"Composition with Circles" (606 x 757,5 cm), 2006 von der heute 80-jährigen
Riley für das Haus am Pariser Platz 4 entworfen. Doch bald bleibt von
den schwarzen "Kreisen" keine Spur, denn im nächsten Jahr steht der
Akademie eine Renovierung bevor – und alle Wände werden weiß
gestrichen. Text und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
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