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Der
halluzinogene Urin der Rene oder wie
Carsten Höller in eine andere Sphäre eintaucht Der kleine Hirsch mit den großen, braunen Augen bleibt vor dem runden Futtertrog aus Edelmetall stehen, dreht den Kopf und blickt etwas verdattert, ja, ein wenig vorwurfsvoll auf die vielen Menschen hinter der weißen Umzäunung aus Edelstahl, die ihn begaffen, fotografieren und filmen: Guck hin, eine tierische Sensation, vielleicht Rudi, auf jedem Fall eines von zwölf lebenden Rentieren, die passend zur Vorweihnachtszeit in Berlin Station machen. Ist das die Herde von Joulupukki, dem vermeintlichen Weihnachtsmann vom finnischen Ohrenberg jenseits des Polarkreises, der in diesem Jahr etwas eher in die deutsche Hauptstadt gekommen ist, um alle Kinderwünsche zu erfüllen? Auf einem Weihnachtsmarkt? In einer Einkaufsmeile? Im Zirkus? Im Zoo? Nein, die "zwölf männlichen, kastrierten Rentiere" sind Exponate und ein Teil der "Werkliste" von "Soma", einer Ausstellung von Carsten Höller, die seit dem 5. November im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin bestaunt werden kann: nur einen Katzensprung vom Hauptbahnhof und dem Naturkundemuseum entfernt.
Big
Brother der Fliegen Die Besichtigung der großen Halle des Hamburger Bahnhofs, die von dem 1961 in Brüssel geborenen und in Stockholm und Köln lebenden Künstler in einen Auslauf für vier- und zweibeinige Lebewesen verwandelt wurde, bereitet Erwachsenen und Kindern tierisches Kunstvergnügen. So viele echte Rentiere aus der Uckermark, die sich manchmal vor den erstaunten Augen des Publikums knipsreif balgen; 24 zwitschernde Kanarienvögel der Gattung Harzer Roller und Timbrado Espagñol, zur Hälfte Weibchen und Männchen, auf zwei Volieren verteilt, die eine Waage bilden; vier süße weiße und vier süße schwarze Mäuschen in zwei weißen und zwei schwarzen Mäuschenhäuschen, die verkleinerte Nachbauten eines französischen Kinderspielplatzes aus dem Jahr 1958 sind; zwei "nicht geschlechtsbestimmte Stubenfliegen", deren Tun von zwei Kameras nach Art der Fernsehshow Big Brother auf acht Monitore projiziert wird; darüber hinaus acht Gefrierkuben und zwei Kühlschränke, in denen echte Fliegenpilze aufbewahrt werden; eine große Skulptur giftiger und essbarer Pilze aus Kunstharz, Plastik und Edelstahl; Urinbehälter und andere Laborutensilien; eine Tribüne am Anfang der Halle sowie eine Empore mit einem runden, schwarzbezogenen, weißen Bett in der Mitte, in dem man einzeln oder zu zweit nächtigen kann. Dieses einmalige Schlafvergnügen im tierischen Kunstgehege, wofür das Museum mit einem eigens dafür eingebauten, "hochwertig durch das Architekturbüro Düttmann + Klemann designten" Badezimmer ausgestattet werden musste, kostet satte eintausend Euro, doch es scheint, dass die "Soma"-Macher(innen) in Zusammenarbeit mit der Nobelherberge InterContinental Berlin eine Kunstmarktlücke entdeckt haben, denn alle achtzig Nächte sind bereits ausgebucht. Zwar ist der Weg vom "schwebenden Schlafzimmer" zum komfortablen Badezimmer mit dem stillen Örtchen ziemlich weit, doch, wenn man schon das Bedürfnis hat, lohnt es sich, für Kunst Blase und Darm zu trainieren. Zumal der Erlös für die Nächte über den Rentieren, Mäusen und Fliegen und auf Augenhöhe mit den Kanarienvögeln einem guten Zweck dient: Er fließt in die Kasse des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, damit dessen Vorsitzende Christina Weiss samt Team auch in Zukunft Ausstellungen verwirklichen können, die "uns nicht einmal in unseren Träumen möglich erschienen." Ein anderer Traum wurde ebenfalls wahr: Pünktlich zur "Soma"-Eröffnung schenkte die Schering Stiftung dem Hamburger Bahnhof ein "phi-phänomenales" Werk von Carsten Höller, in diesem Fall das künstliche "Rentier im Zöllnerstreifenwald" aus vielen, in der Dunkelheit blinkenden, roten und grünen Glühlampen, eine Art tierischer Weihnachtsbaum.
Soma-Saft
der Samen "Bei der ‘Soma’-Ausstellung geht es vor allem darum, ein lebendes Bild, ein tableau vivant zu zeigen, in das man eintauchen kann wie in eine andere Sphäre, was zur Wahrnehmungs- und Bewusstseinserweiterung beiträgt", sagt Carsten Höller. Es ist promovierter und habilitierter Agrarwissenschaftler, der sich in seinem ersten Beruf für Pflanzenkrankheiten und Geruchskommunikation der Insekten interessierte. Als er die Laufbahn eines Aufsehen erregenden Künstlers wählte, wandte er sich größeren Tieren zu: Zusammen mit Rosemarie Trockel baute er u.a. 1997 ein "Haus für Schweine und Menschen" für die documenta X in Kassel und ein "Haus für Menschen, Tauben und Ratten" für die Expo 2000 in Hannover. Nur für Menschen ließ er 2006 in der Turbinenhalle der Tate Modern eine Riesenrutsche errichten und verwandelte zwei Jahre später ein Londoner Lagerhaus in einen teuren, zur Hälfte kongolesischen und westlichen "Double Club", der bevorzugt von der weißen westlichen Elite besucht wurde. Ende 2008/Anfang 2009 und in der ersten Hälfte 2010 konnten zahlungskräftige Kunstliebhaber in seinem "Drehenden Hotelzimmer" im New Yorker Guggenheim und dem Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam übernachten sowie mit der Taschenlampe die Sammlungen beleuchten. Was sich woanders bewährte, kann in Berlin auch nicht scheitern, deshalb strömen seit dem 5. November täglich sechstausend Schaulustige in den Hamburger Bahnhof, um sich an der tierisch-experimentellen Kunst zu berauschen. Denn "Soma" ist nicht nur der Titel der Ausstellung, sondern war ein legendärer Zaubertrank der indogermanischen Veden im 2. Jahrtausend vor Christi, der aus einer bisher nicht identifizierten Pflanze gebraut wurde und den Menschen Glück, Siegeskraft und Zugang zur göttlichen Sphäre ermöglichte. Es könnte der Fliegenpilz gewesen sein, der auch die indigenen Völker in Sibirien und die Samen im Nordosten Skandinaviens in eine solche Ekstase versetzte, dass sie den Eindruck hatten, fliegen zu können. Amanita muscaria, dieser schöne rote Pilz mit weißen Pünktchen auf dem Hut, für Menschen ungenießbar und giftig, ist ein Leckerbissen für Rentiere, in deren Urin er von Schadstoffen gereinigt wird. Manche Hobbyforscher, wie der von Carsten Höller und seiner Kuratorin Dorothée Brill verehrte US-amerikanische Banker Gordon R. Watson, der 1968 ein Buch über den Fliegenpilz verfasste, meinen, dass Rentierurin eben jener Saft war, dessen Konsum den Samen rauschende Momente bescherte.
Erste
Phase mit weißen Mäusen Die
"Soma"-Schau im Hamburger Bahnhof kommt ganz ohne Samen aus.
Sie ist wie ein Doppelblindversuch symmetrisch angeordnet, wobei
ungewiss bleibt, ob der nach dem Genuss des rot-weißen Pilzes
halluzinogene Urin der zwölf Rene, welcher von Carsten Höllers
Assistenten in Urinbehältern gesammelt wird (um der Kunst dienlich zu
sein, dürfen heute manche Leute wahrlich vor nichts zurück
schrecken!), den Kanarienvögeln, Mäusen und Fliegen verabreicht wird.
Es ist nicht bekannt, ob und welche von ihnen den Urin trinken und ob
sich danach auch ihr Bewusstsein erweitert, denn, wie der Wissenskünstler
erklärt: "Unklarheit ist das Wichtigste in dieser Ausstellung."
Vom Fliegenpilzverzehr rät er jedoch den Menschen ab, denn das ist
sogar ihm nicht bekommen, als er dessen Wirkung in einem einmaligen
Selbstversuch erforschte. Direktor Udo Kittelmann beruhigt: "Wir
wollen keinen Soma finden. Wir wollen den Leuten vor allem Zugang zu den
Tieren verschaffen, damit sie erfahren, was die Tiere machen. Wir sind
ja schließlich in einem Kunstmuseum. Der Einzige, der auswertet, ist
der Zuschauer." Also keine Angst: Sollten Sie eines Tages im
Berliner Museum für Gegenwart weiße Mäuse sehen, leiden Sie aller
Wahrscheinlichkeit nach an keinem Delirium tremens. Sie besichtigen
einfach eine psychoSOMAtische Ausstellung und befinden sich in der
"ersten Phase auf dem Weg zur Erforschung einer anderen Welt, einer
alternativen Wirklichkeit", worüber der erläuternde Wandtext
keinen Zweifel aufkommen lässt. Text und Fotos ©
Urszula Usakowska-Wolff 13.11.2010 Carsten Höller Publikation
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