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Bilder des bedeutenden Augenblicks Das
20. Jahrhundert war eine Epoche des Bildes. Mit der technischen
Vervollkommnung der Fotografie und ihrer Reproduzierbarkeit ergoss sich
ein immer breiterer Strom von Bildern in die Welt und bestimmte unser
Bild von der Welt. Was bis dahin von besonderer Bedeutung und damit
eines Bildes würdig war, wurde nun überlagert von einem unabsehbaren
Bildermüll, der schnell wieder vergessen wurde, weil das Abgebildete
der bildhaften Gestaltung kaum würdig war. Die Bilder blieben in
unserem Gedächtnis meist nicht länger als die Verschlusszeiten der
Kameras. Exempel der künstlerischen Fotografie Jewgeni Chaldej hat mit der Fotografie des siegreichen Akts nicht nur ein Dokument des Zweiten Weltkriegs geschaffen sondern auch ein Exempel der künstlerischen Fotografie. Es ist kein gelungener Schnappschuss eines großen Augenblicks zu sehen. Alles ist inszeniert und bearbeitet. Die Rote Fahne brachte Chaldej aus Moskau mit nach Berlin. Weil er keine originale Fahne zur Verfügung hatte, ließ er sich eine nähen. Als er am 2. Mai 1945 in Berlin eintraf, waren die Kampfhandlungen im Reichstagsgebiet schon beendet. Also nahm er sich ein paar Soldaten, die dort zufällig anwesend waren, und bestieg mit ihnen die Reichstagsruine. Der Fahnenträger musste von Kameraden gehalten werden. Die Aufnahme wurde an einem der Seitenflügel gemacht, um einen besseren Blick auf das Trümmerfeld zu erhalten. Da der stützende Soldat an jedem Arm eine Uhr trug, musste dieser verräterische Hinweis auf Plünderung retouchiert werden. Schließlich montierte Chaldej die großen Rauchwolken in das Bild, um einerseits die Aktualität, andererseits die drohende Gefahr des dramatischen Kampfes darzustellen. Alltag und große Ereignisse im Bild Es
ist eines der Verdienste der Ausstellung Jewgeni
Chaldej – Der bedeutende Augenblick, die der Berliner
Martin-Gropius-Bau zeigt, dem Künstler am Beispiel seiner berühmtesten
Arbeit über die Schulter schauen zu lassen. Vor allem aber wird das
Lebenswerk des Künstlers ausgebreitet, in dem er seit den 1930er Jahren
des 20. Jahrhunderts den Alltag ebenso wie die großen Ereignisse im
Bild festhält. Jewgeni Chaldej kam am 10. März 1917 in Jusowka, dem heutigen Donezk, als Kind jüdischer Eltern zur Welt. 1918 wurde seine Mutter während eines Pogroms umgebracht. 1941 oder 1942 wurden sein Vater und seine drei Schwestern von deutschen Einsatzgruppen ermordet. Chaldej arbeitete seit 1932 als Fotograf, zuerst bei einer Regionalzeitung, dann ab 1936 für die Nachrichtenagentur TASS. 1941 – 1945 war er offizieller Kriegsfotograf der Roten Armee, 1945 arbeitete er bei der Potsdamer Konferenz, 1946 bei den Nürnberger Prozessen. 1948 wurde Chaldej wegen angeblicher Unprofessionalität von der TASS entlassen und schlug sich danach mit Gelegenheitsaufträgen durch. Erst 1956 fand er wieder eine Anstellung als Fotograf bei der Prawda. Chaldej starb am 6. Oktober 1997 in Moskau. Glück und Preis des Sieges Die
gezeigten Bilder reichen von den großartigen und heldenhaften
Fotografien des technischen Fortschritts in der Sowjetunion bis zum
Alltag der Werktätigen, sie zeigen vor allem aber immer wieder den
Krieg in seiner Schrecklichkeit. Da geht eine alte Frau mit einem Bündel
Habseligkeiten auf dem Rücken durch die Ruinen des zerstörten
Murmansk, liegen die Leichen von Opfern auf den Straßen. Aber auch in
diesen Tagen geht das Leben weiter: Bürger Sewastopols sonnen sich
unter possierlichen Schirmchen vor den Ruinen ihrer zerstörten Stadt.
Als Kriegsreporter fängt Chaldej diese Momente ein, beginnend mit den Bürgern,
die in Moskau die Nachricht vom Kriegsbeginn aus den Lautsprechern hören,
und endend mit den Bildern der Angeklagten in den Nürnberger Prozessen. Es
ist der bedeutende Augenblick, den Chaldej festhält, wie in dem Bild,
das Marschall Schukow zeigt, als er zur Siegesparade auf dem Roten Platz
reitet, exakt der Augenblick, als das Pferd im Schritt alle vier Füße
gleichzeitig vom Boden erhoben hat. Der Marschall schwebt.
Unbeschreibliches Glück erfüllt den Augenblick des Sieges, der auch
der Sieg Chaldejs ist. Daneben steht der Preis dieses Glücks: eine
Frau, ärmlich gekleidet, in Begleitung ihres Mannes, ein
hochdekorierter Offizier in Paradeuniform – ein einbeiniger Invalide
auf Krücken. Text © Manfred
Wolff 09.07.2008 Jewgeni Chaldej
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