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Hybriden
aus der Libido-Hölle Vor dem Eingang in das vor zwei Jahren für 78 Millionen DM umgebaute Gebäude aus dem Jahr 1902, in dem sich das klein geschriebene "museum kunst palast“ in Düsseldorf befindet, stehen zwei Baumaschinen: die größere in der Allee, die kleinere in der noch nicht sprudelnden Fontäne. Sie gleichen einem Kind, das unter dem fürsorglichen Auge seiner Mutter im Sandkasten spielt. Den rechten Flügel des Museums dürfen Kinder - wie eine Tafel an der Kasse verkündet - auch nur in Begleitung Erwachsener besichtigen. Dort wird nämlich gegenwärtig die Ausstellung "Enjoy More“ gezeigt, die verschiedene "Gefühle“, vor allem ethische und ästhetische, "verletzen“ kann.
Vaginen
ohne Sinn An
Kindern, genauer genommen an kinderähnlichen Wesen, fehlt es in dieser
Ausstellung ebenfalls nicht: Sie wurden von ihren Autoren, den Brüdern
Jake und Dinos Chapman (geb. 1966 und 1962) aus Fiberglas gefertigt und
mit Geschlechtsmerkmalen an den von der Natur dafür nicht vorgesehenen
Stellen versehen. Diese einzelnen oder Gruppenwesen, zu seltsamen
Organismen verwachsen, die an monströse siamesische Geschwister (mit
zahlreichen Köpfen, Händen und den in Nike-Markenschuhen steckenden Füssen)
erinnern, haben Penisse anstelle von Nasen und Ani anstelle von Mündern
und stellenweise auch Vaginen ohne, wie es scheinen könnte,
ersichtlichen Sinn.
Grauengenuss
ist ein Muss Zwei
Köpfe können mehr als einer, denn dann verfügt man über vier Hände,
also ist die erste Museumseinzelausstellung der Young Brit Artistischen
Brüder in Deutschland (die vorher im Museum der niederländischen Stadt
Groningen gezeigt wurde) ein großformatiges Unternehmen. Sie besteht
aus zwölf Fiberglasskulpturen aus der Serie "Tragische
Existenzen“, dreißig Eichenholzplastiken aus der "Chapman
Familiy Collection“ (2002), über 200 Radierungen aus vier Serien:
"Disasters of War“ (2001), "Exquisite Corpse (Rotring
Club)“, 2000/2001; "Gigantic Fun“ (2000) und "If you eat
meat, digest this“ (2002) sowie des massivsten Werks, der Aufsehen
erregenden "Hell“ ("Hölle“, 1999/2000), die im Jahr 2000
in der legendären Ausstellung "Apocalypse: Beaty and
Horror in the Contemporary Art“ in der Londoner Royal Academy of Arts
gezeigt wurde. Und weil heute alles einfach, unbeschwert und
unterhaltsam erscheinen muss, wurde ihre gegenwärtige Düsseldorfer
Ausstellung "Enjoy More“ betitelt, was man als "Genieße
mehr“ übersetzen kann. Die Besichtigung der hybriden Werke der seit
1992 im künstlerischen Tandem arbeitenden Brüder Chapman, die trotz
ihres noch jungen Alters bereits zu den Klassikern der Gattung gehören,
von manchen "Horror Art“ genannt, weckt stellenweise ein mehr
oder weniger angenehmes Gefühl des Grauens, und jene Besucher und
Besucherinnen, die mit ihren Werken zum ersten Mal konfrontiert werden,
geben sich empört, einige wollen darin sogar pädophile Inhalte
ausfindig gemacht zu haben. Geschlechtslose
Markenwesen Die
Objekte der Chapman-Brüder, die Mitte der 1990er Jahre, u.a. dank der
Präsenz ihrer Werke in der Sammlung des Reklamemagnaten Charles Saatchi
für internationales Aufsehen sorgten, sind in der Tat irritierend, aufwühlend;
sie brechen jedes Tabu. Die kinderähnlichen Wesen, die an
Schaufensterpuppen erinnern, sind scheinbar der Gipfel einer technischen
Perfektion. Sie haben eine makellose, glatte Oberfläche, große blaue
Augen, helles oder dunkles Haar mit einem süßen Pony. Sie sind, wie es
sich für Schaufensterpuppen gehört, nackt und geschlechtslos, oder -
besser gesagt - anders geschlechtlich, denn sie wurden mit
Geschlechtsmerkmalen an Stellen versehen, an denen menschliche Wesen über
Nasen, Münder oder Nabel verfügen. Ihre Füße zieren dagegen
Markensportschuhe der Firma "Nike“. Die "Tragischen
Existenzen“ von Jake und Dinos Chapman, zu denen sowohl die in der berühmten
Ausstellung "Sensation“ (1997 in der Londoner Royal Academy of
Arts, 1998 im Berliner Hamburger Bahnhof und 1999 im New Yorker Brooklyn
Museum präsentiert) gezeigte Installation "Zygotic acceleration
biogenetic, de-sublimated libidinal model“) als auch die kleine,
ausnahmsweise bekleidete Skulptur "Fuck Face“, beide 1995, gehören,
sind Symbole der heutigen Menschen, Objekte der Manipulation. Vor allem
der Manipulation durch den Konsum, dem auch die elementarsten
biologischen Funktionen unterliegen. Und weil der Massenkonsum nicht
ohne Werbung funktionieren kann, sind ihr Ausdruck vor allem die
makellosen Körperhüllen der nackten oder spärlich bekleideten
Modells, Sinnbilder des Ideals einer ewigen Jugend, bevorzugte Objekte
der Begierde: Ein Ideal, das im wirklichen Leben, von einer
unvollkommenen Körperlichkeit geprägt, unmöglich zu verwirklichen
ist. Jake und Dinos Chapmans Arbeiten haben einen enthüllenden
Charakter. Sie enthüllen die Funktionierung der Ideale und Symbole, die
ebenfalls Objekte der Manipulation sind. Das Ideal eines schönen
gepflegten, ewig jungen und begehrenswerten Körpers ist kein
verdammenswertes Ideal. Wenn
jedoch solch ein Ideal zur geltenden Norm wird, die nicht verwirklicht
werden kann, führt das zu verheerenden psychischen und physischen
Folgen: Die Menschen foltern ihre Körper, um so wie ihre Idole von den
Seiten der Illustrierten oder aus der Fernsehwerbung auszusehen. Durch
eine entsprechende Manipulation verändert sich das Symbol der Schönheit
und der ewigen Jugend in das Symbol der Destruktion und der Selbstverstümmlung,
löst Aggressionen aus. Das Böse bahnt sich seinen Weg. Human
Lex: Crime & Sex Die Welt der Chapman-Brüder ist bipolar: Sie verläuft an der Schnittstelle zwischen Natur und Kultur. Der Ausdruck der Natur ist die Libido und mörderische Instinkte, die Kultur manifestiert sich durch Symbole. Das verhängnisvollste Symbol des zwanzigsten Jahrhunderts, die Verkörperung des Bösen schlechthin ist bekanntlich das Hakenkreuz, das ursprüngliche Sinnbild der Sonne, also des Lebens, das dank der Naziideologie zum Sinnbild der Massenvernichtung, des industriellen Mordes mutierte. Jake und Dinos Chapman bedienen sich also bevorzugt dieses Symbols, denn man kann annehmen, dass jeder Betrachter ihrer Kunst auf Anhieb versteht, dass das Hakenkreuz das Böse an sich personifiziert. Ihre monumentalste Installation ist "Hell“ ("Die Hölle“), die aus neun in Form eines Hakenkreuzes aufgestellten Glasvitrinen besteht. Sie wird von fünftausend kleinen Fiberglasfiguren bevölkert, die an alte Zinnsoldaten erinnern. "Die Hölle“ der Chapman-Brüder ist
Ausdruck der menschlichen Geschichte in neun Aufzügen, ein gigantisches
Konzentrationslager, in dem SS-Männer mit Hakenkreuzen an den Ärmeln
mit nackten Knochenmänner, Häftlingen beider Geschlechter oder den von
den beiden Britartisten so geliebten Mutanten kämpfen. Doch die Grenzen
zwischen den Opfern und den Tätern sind fließend: Unter günstigen
Bedingungen werden die Opfern zu Tätern und umgekehrt, und es wird
niemals an den einen und den anderen fehlen, denn wenn sie nicht foltern
und nicht morden, dann geben sie sich mehr oder weniger genüsslich der
Fortpflanzung hin. Den höllischen Saal des Düsseldorfer Museums schmücken
drei Fahnen, die an jene erinnern, auf denen einst das Nazi-Hakenkreuz
prangte, nur das diesmal dort das "Smiley“-Zeichen zu sehen ist.
Diese Arbeit unter dem auch im Original deutschen Titel "California
über alles“ drückt aus, dass unter entsprechenden Bedingungen auch
das Symbol jenes sonnigen Landes des Lächelns zu einem Tränenreich
werden kann. Fritten
für Afrika Das
Symbol unserer globalen Zeiten ist Mc Donald´s, der den Konsumenten
unifiziertes Hackfleisch in einer unifizierten Verpackung serviert.
Gegenstand der neuesten Arbeiten von Jake und Dinos Chapman ist also der
amerikanische Fast Food Konzern, der die entlegensten Winkel unserer
globalisierten Welt eroberte. Das verblüffendste Werk ihrer Düsseldorfer
Retrospektive ist ein dunkler Saal, aus dem Masken, Toteme und Fetische
zum Vorschein kommen, aus den Ausstellungen der heutzutage so populären
afrikanischen Stammeskunst bekannt. Auf dem ersten Blick bestehen keine
Zweifel, dass auch die Chapman-Brüder, die dank der finanziellen
Erfolge ihrer anders geschlechtlichen Mutanten und den Mini-SS-Männern
in die Reihen der Sammler afrikanischen Kunst gegangen sind. Diese
Tatsache deutet auch der Titel "Works from the Chapman Family Collection“ an. Die ersten Zweifel im Zusammenhang mit der Authentizität
dieser Familiensammlung werden erst beim Betrachten der Symbole wach,
die in der afrikanischen Stammeskunst bisher eher selten anzutreffen
waren: Die afrikanischen Skulpturen ziert hie und da das bekannte Logo
von Mc Donal´s und seine unverkennbare Frittenpapiertasche... Die
afrikanische Sammlung ist ebenfalls das Werk der vier Hände der
Chapman-Brüder, die auf diese (wirklich meisterhafte) Art und Weise
zeigen, dass man alles nachahmen kann und dass sich die Nachahmung vom
Original durch nichts unterscheidet. In der reproduzierbaren Welt gibt
es keine Grenze zwischen der Reproduktion und dem Original, denn jedes
Original kann unendlich oft vervielfältigt werden, also hört es auf,
ein Original zu sein. Fortdauern
und verdauen Jake
und Dinos Chapman verfügen über eine solide und vielseitige
akademische Ausbildung. Sie können gut malen und zeichnen, in ihren
Radierungen bedienen sie sich der heute nicht gerade als zeitgemäß
geltenden Kaltnadeltechnik und sie sind sehr produktive Modelbauer. Sie
sind nämlich, wie sie sich gern selbst bezeichnen, Nachfolger der großen
Meister Bosch und Goya, unter denen man auch Anspielungen an Bellmer
erblicken kann. Die jungen britischen Klassiker fühlen sich dazu befähigt,
die alten Klassiker neu zu beleben, sie also in eine Form zu kleiden, an
unsere nach medialem Massengrauen lechzende Zeiten angepasst. Die höllischen
Bosch-Bilder, Goyas Schrecken des Krieges, Bellmers deformierte Puppen
und die Antlitze der Hauskatzen, durch künstlerische Verfahren zu
wahren Monstern mutiert, sie alle kann man nett und fröhlich und
risikofrei konsumieren. Der Konsum und der gigantische Spaß, jener
"Gigantic Fun“, bereiten immer mehr Vergnügen. Nicht ohne Grund
trägt die im vorigen Jahr entstandene Serie der 23 Radierungen der
Chapman-Brüder den Titel "Wenn du Fleisch isst, verdaue es“.
Auch, wenn du nicht weißt, dass du selbst dieses Fleisch bist, wirst
auch du verdaut. Text
© Urszula Usakowska-Wolff Jake
& Dinos Chapman ENJOY
MORE Kuratorinnen:
Barbara Til, Sue-an van der Zijpp 01.02.
- 04.05.2003 Ehrenhof
4-5 40479
Dűsseldorf Katalog ENJOY
MORE 120
S., auf Englisch, Deutsch und Niederländisch Verlag
der Buchhandlung Walther König, Köln ISBN
3-88375-611-3 |