Leonardo da Vinci aus Brusy

An der Einfahrt zum Anwesen des kaschubischen Künstlers Józef Chełmowski erhebt sich ein riesiger Bildstock mit der Aufschrift "Der dritte Fall Polens", der in der für ihn typischen Weise den Kreuzweg Christi darstellt, indem er die biblische Geschichte mit dem Schicksal der polnischen Nation verbindet. Am Haus spricht ein apokalyptischer Engel mit einem Megaphon mahnende Worte, und daneben dreht sich ein großes Rad, an dem kleine Metallbehälter angebracht sind: Es ist die "Maschine zum Einfangen der Elemente". Im Hof verharrt der heilige Ambrosius, Schutzpatron der Imker, als überlebensgroßer geschnitzter Bienenstock, mit den Jahren ziemlich mit Moos bewachsen. Das ist nun mal Natur, meint Józef, der selbstverständlich auch selbst Imker ist: Kunst muss mit der Natur leben. Und in der Tat gewinnen die zahlreichen Skulpturen, die seinen Hof und seinen Garten bevölkern, durch die Patina, die Wind und Wetter verleihen, einen Zauber, den der Autodidakt selbst ihnen nie mitgeben könnte.

Józef Chelmowski: Der dritte Fall. Foto: © Arno Giese

Józef Chelmowski: Engel. Foto © Arno Giese

Józef Chełmowski: Der dritte Fall. Foto © Arno Giese

Józef Chełmowski: Engel. Foto © Arno Giese

Kunst mit Kommentar

In Józef Chełmowskis Zaubergarten stehen unzählige in Holz geschnitzte Engel und Teufel, Bären und Bergleute, Bäuerinnen und Bauern in kaschubischen Trachten, Heilige und Räuber, sie alle im Schatten der Obstbäume, durch deren Zweige die Nachmittagssonne springende Lichtpunkte auf ihre Nasen und Augen wirft. Im Sommer summen die Bienen dazwischen herum, und über allem wohnt eine Storchenfamilie auf einem Mast, deren Junge das Fliegen erlernen. Im Winter stellt der Künstler Störche aus Holz in den Garten. Józef Chełmowski ist ein Leonardo da Vinci aus der kaschubischer Kleinstadt Brusy. Er ist Bildhauer, er malt auf Glas und Leinwand. Er ist Philosoph, Erfinder, Astronom. Er sammelt Zeugnisse der deutsch-polnischen Vergangenheit der Kaschubei, die ab Frühjahr 2005 in dem neben seinem Haus gebauten Museum besichtigt werden können. Er denkt auch viel über die Welt nach, verfolgt und kommentiert in seinen Werken das Zeitgeschehen. Er bemüht sich, die ewigen Geheimnisse: des Lebens und des Todes, der menschlichen Existenz und des Kosmos, der Natur und Gottes zu ergründen. Seine Gedanken und die Probleme, mit denen er sich auseinandersetzt, stellt er in Skulpturen und in der Malerei dar, die er mit seinen Kommentaren in verschiedenen Sprachen (Polnisch, Kaschubisch, Deutsch, Lateinisch, Englisch, Französisch und Kurdisch) beschriftet. Józef hat sogar mit seinem in Schweden lebenden kurdischen Schwiegersohn ein polnisch-kurdisches Wörterbuch verfasst. Er ist ferner Autor der Kunstbücher Das Geheimnis der Welt der Welten und Das Buch der Engel, in denen er sich mit philosophischen, ethischen und religiösen Begriffen auseinander setzt und sie mit seinen Bildern illustriert. Ich beschreibe Geheimnisse, die nicht ergründet und erklärt werden können, sagt er. Sie müssen also auch für die nächsten Generationen ein Geheimnis bleiben. Deshalb lebe ich am liebsten in der Natur, denn sie hat immer recht, und nur ich kann Fehler machen, wie auch mein Gedanke und meine Tat...

Józef Chelmowski mit seinem Buch  "Das Geheimnis der Welt der Welten", 2000. Foto © Usakowska-Wolff

Józef Chełmowski mit seinem Buch  "Das Geheimnis der Welt der Welten", 2000. Foto © Usakowska-Wolff

Multitalent ohne Abschluss

Józef Chełmowski baut Spielzeug und Musikinstrumente und hat einen Architekturwettbewerb gewonnen. Er ist leidenschaftlicher Erfinder, hat einen Drachenflieger konstruiert, und arbeitet an einem Perpetuum mobile. Ich bemühe mich, bekennt Chełmowski, immer an etwas Anderes, Neues zu denken, um für mich selbst und die anderen nicht langweilig zu werden. Das am 26. Februar 1934 in Brusy, in demselben Haus, wo er heute noch lebt, geborene Multitalent, das heute zu den bekanntesten polnischen Volkskünstlern gehört, schnitzte und malte schon im Kinderalter. In seiner Familie hatte das vor ihn niemand getan. Als Erwachsener schlug er sich mit verschiedenen Arbeiten durch, da es ihm nicht gegönnt war, eine Schule zu Ende zu besuchen und einen Beruf zu erlernen. Er war Land- und Straßenarbeiter, Eisenbahner, Kinokartenverkäufer, er arbeitete sogar als Interviewer in einem Meinungsforschungsinstitut. Bis Anfang der 1990er Jahre bewirtschaftete er seinen kleinen Bauernhof von 7 Hektar.

Józef Chelmowski: Teufelsgeige, 2000. Foto © Usakowska-Wolff

Józef Chelmowski: Kaschubischer Engel,  2000. Foto © Usakowska-Wolff

Józef Chełmowski: Teufelsgeige, 2000

Józef Chełmowski: Kaschubischer Engel,  2000

Internierte Skulpturen

In seinen Arbeiten greift Józef Chełmowski politische Ereignisse und Themen auf, die ihm wichtig erscheinen. Er ist wohl der einzige Künstler in Polen, dessen Kunst nach der Einführung des Kriegsrechtes im Dezember 1981 ... interniert wurde. Seine Skulpturen, die er der Gewerkschaft Solidarność und Lech Wałęsa widmete, stuften die Militärbehörden als eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung ein. Eine davon, aus dem Jahre 1982, zeigt einen Adler mit ausgestreckten Flügeln, der versucht, eine Schlange zu töten. Diese Skulptur ist mit folgendem Kommentar versehen:

August 1980
Obwohl man dem Volk Gewalt angetan hat
wurde der Tisch festlich geschmückt
aber zum Fest hat man das Volk nicht eingeladen

Eine andere Skulptur aus dem Jahre 1982 stellt Lech Wałęsa dar. Sein Herz wird von einer Klemme gedrückt. Unter der Klemme befindet sich ein offenes Buch, in dem zu lesen ist:

Sei dieser Verlierer
mit sehr weiten Zielen
die aber letztendlich
für immer gewinnen

Józef Chełmowski widmete Lech Wałęsa noch eine Skulptur, als dieser zum polnischen Präsidenten gewählt wurde. Es ist die Büste des ehemaligen Arbeiterführers mit der Unterschrift Solidarność, Lech Walesa, Präsident, Dezember 1990. Auf dem Sockel befinden sich folgende wahrhaft prophetischen Zeilen:

Wirst du, Präsident
jener Mann, der vom Volk gehasst aber
mit Ehre empfangen wird?

Józef Chelmowski: Adler mit Schlange. Foto © P. Cielecki

Józef Chelmowski: Solidarität, Foto © P. Cielecki

Józef Chełmowski: Adler mit Schlange

Józef Chełmowski: Solidarität, Foto © P. Cielecki

Gott hat viele Namen

Die Figuren des kaschubischen Künstlers haben strenge Gesichter, vor allem die Engel. Sie blicken ernst. Ihr Blick ist eine Mahnung. Sie warnen die Menschheit vor dem Anstoß, der die niederträchtigste Sünde ist, und diese Welt zum Untergang bringt, wie er in seinem Traktat Apokalypse nach Józef Chełmowski schreibt. Es sind apokalyptische Engel. Sie warnen vor der veränderten Welt, in der die Traditionen verwischen, die Gleichgültigkeit den Geist in Besitzt nimmt, überall Chaos, Egoismus, Hass und Verzweiflung herrscht. Einer Welt, in der eine tödliche Langeweile die einen auffrisst, die Armut die anderen dezimiert und alle unglücklich sind. Józef Chełmowski ist zwar ein religiöser Mensch, aber sein Gott hat viele Namen. Es ist der jüdische, der christliche und der islamische Gott, der den Menschen Zeit lässt, damit sie sich bessern können. Auf einem Bild lesen wir: Ich habe viele Schafe, aber die, die würdig sind, mich zu erblicken, werden im Himmel sein. Und er nennt die Namen der großen Religionen: Hinduismus, Orthodoxie, Buddhismus, Katholizismus, Judaismus, Islam und Protestantismus.

In einer Frauenbüste mit auffallend männlichen Gesichtszügen stellt Józef eine Frage, auf die er keine Antwort in der Bibel gefunden hatte:

Allmächtiger Herr
Allwissender Herr
Allgegenwärtiger Herr
Vollkommener Herr
Herr, nur Du weißt wie
Du aussiehst, Du schöpftest den Menschen
zu Deinem Ebenbild
wir wissen nicht: Frau
oder Mann

Neben den religiösen Motiven, denen er seine Holzfiguren, Hinterglas- und Ölbilder widmet, finden wir in seiner Welt auch Szenen aus dem Alltagsleben. Aus einem Baumstamm schnitzt er ein altes Bauernehepaar, das in Eintracht und Frieden alt geworden ist, und als Bienenstock in der Natur weiterlebt. Seine Hinterglasbilder und Holzfiguren erzählen Geschichten aus dem Dorfleben: ein Paar pflückt Äpfel vom Baum, ein Fischer hat gerade einen Fisch geangelt. Eine seiner Erfindungen sind bauchige Kissenbilder. Danach gefragt, was sich in ihrem Innern befindet, antwortet er: Es ist ein Geheimnis. Obwohl er immer bemüht ist, Geheimnisse zu ergründen.

Józef Chelmowskis Skulpturengarten in Brusy, Polen. Foto © Usakowska-Wolff

Józef Chełmowskis Skulpturengarten in Brusy, Polen. Foto © Usakowska-Wolff

 Das Neue Jerusalem

Der Höhepunkt seiner bisherigen Arbeit bleibt die Apokalypse. An diesem  monumentalen Gemälde von 50 Meter Länge, das 1994 zum ersten Mal in Stadtlohn und Herbstein ausgestellt wurde und heute zu der Sammlung des Kaschubischen Museums in Bytów (in der ehemaligen Festung der Kreuzritter ) gehört, hat Chełmowski mehrere Jahre gearbeitet und es beinhaltet seine ganze Weltanschauung, seine ganze Philosophie und ist ein Beispiel für seine unglaubliche Ausdruckskraft. Aus der neueren Kunstgeschichte ist mir nur ein einziges Beispiel eines solchen Gemäldes bekannt: Es ist die 1978 entstandene, 60 Meter lange  Apokalypse des italienischen Malers Enrico Baj, eines akademischen Künstlers wohlgemerkt. Zu seiner Apokalypse hat Chełmowski den bereits erwähnten Text geschrieben. Darin lesen wir: Am Ende existiert ein Neuer Himmel und eine Neue Erde. Gott wird unter den Menschen sein und wird jede Träne trocknen ... und es entsteht eine Hauptstadt mit zwölf Toren und Türmen... Mit den Augen des Künstlers betrachtet sind das die Türme der Kirchen von Brusy und Danzig, das neue Jerusalem.

Józef Chelmowski: Apokalypse. Öl auf Leinwand, 5000 x 100 cm. Foto: Muzeum Zachodnio-Kaszubskie, Bytów

Józef Chelmowski: Apokalypse. Öl auf Leinwand, 5000 x 100 cm. Foto: Muzeum Zachodnio-Kaszubskie, Bytów

Józef Chełmowski: Apokalypse. Öl auf Leinwand, 5000 x 100 cm. Foto: Muzeum Zachodnio-Kaszubskie

Fabrik der Imagination

Die vielschichtige geistige und künstlerische Welt des Künstlers aus Brusy kann man gegenwärtig in seiner Retrospektive unter dem Titel Fabrik der Imagination im Westkaschubische Museum (Muzeum Zchodnio-Kaszubskie) in Bytów bewundern, das - mit über 300 Exponaten - über die größte Józef-Chełmowski-Sammlung verfügt. Einige seiner Skulpturen werden ferner in der Ausstellung Engelhaftes im Deutschen Märchen- und Wesersagenmuseum in Bad Oeynhausen gezeigt.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

27.11.2004


Józef Chełmowski
Fabryka Wyobraźni (Fabrik der Imagination)
29.10.2004 - 28.02.2005
Muzeum Zachodnio-Kaszubskie
ul. Zamkowa 2
PL 77-100 Bytów
Tel./Fax 004859/822-26-23
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag von 10:00 - 16:00 Uhr

Józef Chelmowski mit seinen Bildern und Vogelskulpturen. Foto © Usakowska-Wolff

Józef Chełmowski mit seinen Bildern und Vogelskulpturen. Foto © Usakowska-Wolff

Deutsches Märchen- und Wesersagenmuseum
Engelhaftes
21.11.2004 - 30.01.2005
Am Kurpark 3
32545 Bad Oeynhausen
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag von 14:00 - 17:00 Uhr

Józef Chelmowski: Engel. Ausstellung "Engelhaftes" im Deutsche Märchen- und Wesersagenmuseum Bad Oeynhausen, 2004/05. Sammlung Usakowska-Wolff. Foto ©  Manfred Wolff

Józef Chelmowski: Der kaschubische Engel. Ausstellung "Engelhaftes", Deutsches Märchen- und Wesersagenmuseum Bad Oeynhausen. Sammlung Usakowska-Wolff, Foto © Manfred Wolff

Józef Chelmowski: Engel (der rote und der blaue vorne). Ausstellung "Engelhaftes", Deutsches Märchen- und Wesersagenmuseum Bad Oeynhausen. Sammlung Usakowska-Wolff, Foto © Manfred Wolff

Józef Chełmowski: Engel. Ausstellung "Engelhaftes" in Bad Oeynhausen

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Weiter zum Text über die  Ausstellung "Engelhaftes. Der Traum von einer Sache" im Kunstforum des Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen