Chinesische Fotografie so umfangreich wie noch nieDie
Kunstentwicklung im China der neunziger Jahre verlief so rasant wie der
wirtschaftliche Aufschwung des Landes. Bereits 1999 hatten die Chinesen
ihren großen Auftritt auf der Biennale von Venedig. Anschließend
wurden sie in Überblicksausstellungen im In- und Ausland, wie Living
in time, 29 zeitgenössische Künstler aus China 2001 im Hamburger
Bahnhof, Berlin oder Alors, La
Chine? 2003 im Centre Pompidou, Paris gezeigt.
Visualisierungen
aufregender Veränderungen Noch
nie hat sich allerdings eine Ausstellung der ganzen Breite der zeitgenössischen
chinesischen Fotografie gewidmet. Somit war es an der Zeit, diese einmal
in einer Übersichtsausstellung ausführlich vorzustellen. Gijs van Tuyl,
Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, sagte zum Ausstellungsschwerpunkt: Das
Kunstmuseum Wolfsburg entschied sich für eine Übersicht der
chinesischen Fotografie, ergänzt um einige Videofilme, nicht zuletzt
deshalb, weil in der internationalen visuellen Sprache der Fotografie
die aufregenden Veränderungen in China und ihre Auswirkungen auf die
Menschen am deutlichsten abzulesen sind .
Fotografieren
und interpretieren In
der chinesischen Kunstszene spielt die Fotografie eine zunehmend
wichtige Rolle. Vor 1979 galt sie als luxuriöses Hobby oder blieb
Fotojournalisten vorbehalten. Parallel zu den sich verbessernden
Lebensumständen wurde die Fototechnik immer größeren Bevölkerungskreisen
zugänglich. Und die im Kunstkontext arbeitenden Fotografen führten
neben der rein dokumentarischen mehr und mehr eine subjektive Sehweise
in ihre Werke ein. So avancierte die Fotografie für Künstler zu einem
Leitmedium, um die sich rasch verändernde gesellschaftliche
Wirklichkeit und ihre damit verbundenen Identitätsprobleme darzustellen
und zu interpretieren.
Kapitalisierung
stört die Orientierung Bis
auf zwei Ausnahmen konzentriert sich die Ausstellung chinesischer
Fotografie auf die Künstlergeneration der heute Dreißig- bis Vierzigjährigen,
die sich mit der Darstellung ihrer aktuellen Lebensbedingungen und
Lebensweise, mit ihren Gefühlen und Erfahrungen beschäftigt.
Insbesondere die Herausforderungen der Metropolen im wirtschaftlich
boomenden Süden, wie Guangzhou (Kanton), Shenzhen und Shanghai, aber
natürlich auch das Kunstzentrum Peking sind ihr Thema. Hier werden auch
die Schattenseiten der Kapitalisierung, wie Auflösung des
Familienverbandes, Orientierungslosigkeit der Jugend und Vereinsamung
der Alten spürbar. Leidenschaftlich
gesellschaftlich Die
Ausstellung zeigt ca. 60 Werke von 19 chinesischen Künstlerinnen und Künstlern
und beginnt mit zwei historischen Positionen -
Ausnahmen im Kontext der Gruppenschau. Dazu gehören Beispiele aus dem
Werk der in Deutschland geborenen Fotografin Eva
Siao, die als junge Frau an der Seite ihres Mannes Emi Siao den
Aufbau des sozialistischen China unter Mao Zedong miterlebte, und
Arbeiten des Paares Hou Bo und Xu Xiaobing,
die ab 1949 die offiziellen Fotografen Mao Zedongs und seines Zirkels
waren. Xu Xiaobing war Dokumentarfilmer im chinesisch-japanischen Krieg
an der Seite der Kommunisten gewesen. Von diesen historischen
Positionen ausgehend, widmet sich die Ausstellung dann den
Themenschwerpunkten Geschichte, Familie,
Individuum, Urbanität, Stadt und Land, Cultural Clash. Sie zeigen, dass
der Reichtum gegenwärtiger fotografischer Positionen in China einer
ebenso lustvollen wie kompromisslosen Hinwendung der Künstler zur
gesellschaftlichen Wirklichkeit entspringt, gepaart mit einem neuen
individuellen Selbstverständnis. Kunst
starrt auf Gegenwart Doch
ganz abgesehen von der künstlerischen Auseinandersetzung mit den großen
sozialen Fragen, ist diese Ausstellung ein Beleg für den immensen
Entwicklungssprung, den China in der zeitgenössischen Kunst seit 1978
vollzogen hat. Ein Vergleich der heutigen Situation mit den Bedingungen,
unter denen Leute wie Hou Bo und Xu Xiaobing noch arbeiten mussten,
zeigt nur zu deutlich, dass der Staat toleranter geworden ist, obwohl künstlerische
Äußerungen jedweder Art auch immer noch Gefahr laufen, zensiert zu
werden. Hierzu haben die Fotografie und die Videokunst wohl auch durch
die entsprechende Verfügbarkeit der technischen Gerätschaften Beträchtliches
beigetragen, und sei es auch nur, weil sie die Künstler dazu gezwungen
haben, ihre Ateliers zu verlassen, sich in die Gesellschaft zu begeben
und sich auf einen echten Dialog mit der Gegenwart einzulassen. Während
der Ausstellung Die Chinesen wird der Film China, September - Oktober 1978,
Beijing, Yanan, Xian, Luoyang von Klaus Mettig und Katharina
Sieverding gezeigt. Den Künstlern war es gelungen, im Jahr der Öffnung
des Landes mehrere Städte in China zu bereisen und so den Status quo
kurz nach dem Tod von Mao Zedong festzuhalten.
Quelle:
Kunstmuseum Wolfsburg Teilnehmerinnen
und Teilnehmer der Ausstellung Die
Chinesen: Hai
Bo (*1962), Hong Hao (*1965), Hou Bo & Xu Xiaobing (*1924) &
(*1916),
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