Die Welt um uns herum:

Der Citibank Fotopreis 2003  

Der 1996 gestiftete und mit £ 20.000 dotierte Citibank Photography Prize ist einer der renommiertesten Preise zur Förderung zeitgenössischer Fotografie weltweit. Er wird seit 1997 jährlich verliehen und die bisherigen Preisträger waren: Shirana Shahbazi (Iran, 2002), Boris Mikhailov (Ukranie, 2001), Anna Gaskell (USA, 2000), Rineke Dijkstra (Niederlande, 1999), Andreas Gursky (Deutschland, 1998) und Richard Billingham (Großbritannien, 1997). In diesem Jahr gastiert die von der Photographers' Gallery in London organisierte Ausstellung erstmals in Deutschland (Düsseldorf) und Spanien (Madrid).

Aus einer Liste von über achtzig Nominierungen wählte eine unabhängige Jury (Frits Gierstberg, Kurator am Netherlands Foto Institut, Rotterdam; Paul Mellor, Direktor der Open Eye Gallery, Liverpool und Brett Rogers, Deputy Direktor of Visual Arts, British Council, London) in diesem Jahr zwei Finalistinnen und zwei Finalisten aus:

Jitka Hanzlová (*1958, Tschechien/Deutschland)

Bertien van Manen (*1942, Niederlande)

Simon Norfolk (*1963, Großbritannien)

Juergen Teller (*1964, Deutschland/Großbritannien)

Ihr Werk signalisiert eine Rückkehr zu verstärkt dokumentarischen Tendenzen in der Gegenwartsfotografie. (...) In den Werken der vier Finalisten finden sich Schilderungen verschiedener Gemeinschaften in Großbritannien und China, eine erschütternde Studie der vom Krieg gezeichneten Landschaften in Afghanistan und neuartige Modefotografien in Verbindung mit Familienportraits. Jedes Oeuvre ist ein kraftvolles Zeugnis der engagierter Beschäftigung zeitgenössischer Fotografie mit aktuellen Zeitthemen durch talentierte Fotografen, begründete der Jury-Vorsitzende Paul Wombell, Direktor der Photographers´Gallery in London, seine Wahl.

 

Paul Wombell, Direktor The Photographers´ Gallery, London. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Paul Wombell, Direktor The Photographers´ Gallery in London

Gewinner des mit £20.000 dotierten Citibank Photography Prize 2003 wurde der aus Deutschland stammende, in London lebende Juergen Teller, einer der international bekanntesten und erfolgreichsten Modefotografen. Das Urteil der Jury bezog sich auf die große Ausdruckskraft seiner Fotoserie „Märchenstüberl“ und im Besonderen auf seine Installation in der Photographers´Gallery. Die Jury betonte Tellers intelligente, provokante und geistreiche Präsentation und seine Begabung, herauszufinden, wie Fotografie möglichst greifbar und persönlich wird.

Juergen Teller vor seinen Arbeiten im museum kunst palast, März 2003. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Juergen Teller vor seinen Arbeiten im museum kunst palast, März 2003

Die zwei anderen Finalistinnen, Jitka Hanzlová, Bertien van Manen und der dritte Finalist Simon Norfolk, erhielten je einen Scheck über £ 2.000.

Juergen Teller (*1964 in Erlangen, lebt in Deutschland) zählt zu den erfolgreichsten Fotografen des letzten Jahrzehnts. Er arbeitete für unzählige Anzeigenkampagnen, seine Aufnahmen erschienen in einer Vielzahl von Top-Modemagazinen sowie auf den Plattencovern zahlreicher Rock- und Popstars, von Elton John über Hole bis zu Fischerspooner. Im Vergleich zu den kommerziellen Arbeiten ist sein künstlerisches Werk anderer Natur. Es ist oft autobiografisch und intim. Dazu zählen private, ungestellte Aufnahmen berühmter Freunde und Freundinnen wie der isländischen Sängerin Björk, oder sehr persönliche Fotos seiner Familie und seines Elternhauses in seiner fränkischen Heimat. Für den Citibank Fotopreis 2003 wurde Teller aufgrund seiner Ausstellung „Märchenstüberl“ bei „Moden Art“ in London nominiert. Sie ist auf Tournee, u.a. im Folkwang-Museum Essen, Galleria d´Arte Moderna in Bologna und im Frans Hals Museum in Haarlem.

Die Jury merkte an: Kein anderer Modefotograf tut Ähnliches wie Juergen Teller. Er vermischt die Modewelt mit seinem privaten Leben auf einzigartige mitfühlende Weise.

Jitka Hanzlová (*1958 in Nachod/Tschechien, lebt in Essen) wurde mit ihrem Werk „Female“ bekannt, einer Portraitserie von Frauen, denen sie auf Straßen in der ganzen Welt begegnete. In den Fotos wird eine große Sensibilität für die Portraitierten spürbar. Im vergangenen Jahr portraitierte sie Frauen in Brixton/England, unter dem Titel „Brixton Studio“. Diese Fotos kombinierte sie mit Stilllebenaufnahmen aus dieser Gegend. Obwohl der Focus auf dem Individuum liegt, ergeben die Bilder das Portrait einer einzigartigen Umgebung. Hanlová zeigt das „Brixton Studio“ zusammen mit neuen Aufnahmen der tschechischen Wäldern, aus der Gegend, in der sie aufwuchs, bevor sie nach Deutschland emigrierte. Hanzlová stellte ihre Fotoarbeiten in vielen europäischen Städten aus. 2001 hatte sie eine Einzelausstellung im Stedelijk-Museum in Amsterdam. Sie war für den Citibank Fotopreis 2000 nominiert.

Die Jury schrieb zu ihrer Entscheidung 2003: Hanzlovás sehr einfühlsame Portraits von Frauen in Brixton vermitteln einen Blick auf deren Lebensumfeld von einer Außenstehenden, der die Sensibilität und das enge Verhältnis zu ihren Modellen spüren lässt.

Bertien van Manen (*1942, lebt in Amsterdam) wurde für ihre in der Photographers´Gallery bereits im April 2002 ausgestellte Werkgruppe „East Wind West Wind“ ausgewählt. Seit 1997 bereiste die Künstlerin China mehrmals. Dort portraitierte sie ein großes Netzwerk von Freundschaften und Bekanntschaften in Städten und Dörfern. Ihre Bilder sind sehr intim: Menschen in ihren Wohnungen, Arm in Arm, in einer Shanghaier Disko, am Strand oder unter der Dusche. So entstand ein sehr persönliches Portrait einer Nation in der Umbruchszeit. Neben „East Wind West Wind“ verfolgte van Manen eine Reihe weiterer Projekte. Sie fotografierte Minenarbeiter in den Appalachen, katholische Frauen in den Niederlanden sowie verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der ehemaligen Sowjetunion, in Nicaragua, West-Sahara und Rumänien.

Die Jury befand: Bertien van Manens China-Serie verrät ein inniges Gefühl der Vertrautheit mit ihren Modellen.

Simon Norfolk (*1963 in Lagos, lebt in London) wurde für seine Serie „Afghanistan“ nominiert, die als Buch von Dewi Lewis publiziert wurde (deutsche Ausgabe in der Edition Braus, Heidelberg). Sie war ausgestellt bei Photofusion (London), Open Eye Gallery (Liverpool) und an anderen Orten in Großbritannien, Deutschland und den USA. Norfolk fotografiert mit einer großformatigen Kamera und schafft epische Landschaften. Sie sind fast menschenleer und vermitteln ein beinahe biblisches, archäologisches Gefühl. Die Schönheit des goldenen Lichts und der weiten Landschaft wirkt jedoch angesichts der furchtbaren Verwüstungen in den Dörfern, der zerstörten Denkmälern sowie der zurückgelassenen Waffen wie eine Lüge.

Von 1990 - 1994 bereitete Norfolk für „Living Marxism“ u.a. Fotoreportagen über die britische Kopfsteuer, den Nordirland-Konflikt und den Golfkrieg. 1994 wandte er sich vom Fotojournalismus ab, um eine von Kunstgeschichte und Politik gleichermaßen beeinflusste Landschaftsfotografie zu entwickeln.

Die Jury meinte dazu: Simon Norfolk nutzt die Sprache der Dokumentation auf seine ganz eigene Weise. Sein sehr beachtliches Oeuvre ist äußerst intelligent und ein atemberaubendes Zeugnis für die aktuellen Themen der heutigen Welt.

Die 86 im Düsseldorfer museum kunst palast ausgestellten Bilder der vier Finalistinnen und Finalisten des Citibank Fotopreises 2003, Jitka Hanzlová, Bertien van Manen, Simon Norfolk und Juergen Teller dokumentieren also die Welt um sie herum. Soziales Engagement ist das eigentliche Thema ihrer Arbeiten, die eine Rückkehr zu verstärkt dokumentarischen Tendenzen in der Gegenwartsfotografie andeuten. Sie sind ein kraftvolles Zeugnis der engagierter Beschäftigung zeitgenössischer Fotografie mit aktuellen Zeitthemen.

Text © Urszula Usakowska-Wolff   


Katalog

Englischsprachig, 75 S. mit zahlreichen Farbreproduktionen

ISBN 0907879659

Preis 19 €  

Weitere Informationen auf der Seite der Citibank
und The Photographers´Gallery

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