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Das sehende Auge Die Heilige Lucia, deren besondere Sorge dem Auge gilt, thront inmitten einer Landschaft voller beziehungsreicher Anspielungen und Zitate aus der Kunstgeschichte und Mythologie: das ist das Schlüsselbild der Ausstellung "One Hundred Women“, der ersten großen Werkretrospektive George Condos, die die Kunsthalle Bielefeld vom 19.06. bis 14.08. 2005 zeigt, nachdem sie vorher schon in Salzburger Museum der Moderne zu sehen war. Wie in der Welt Lucias, in der Augen allgegenwärtig sind, ziehen sie auch auf den übrigen Arbeiten immer wieder den Blick des Betrachters auf sich: mal in sich blickend, dann schreckerstarrt, lüstern glotzend oder weit schweifend. Wo sie hinter einem Symbol verborgen sind, scheinen sie heimlich dahinter hervorzulugen. Blick
über den Atlantik Das sehende Auge ist George Condos principium artis. Weil man ihn in der Baseball-Mannschaft nicht wollte, schickten ihn die Eltern in die Jugendkunstschule seiner Heimatstadt Concord (New Hampshire), und so sieht und malt Condo (* 1957) seit seiner Jugend unzählige Bilder. Painter statt Pitcher könnte man sagen … Nach dem College, das er nur zweieinhalb Jahre besuchte und wo er Musiktheorie und Kunstgeschichte belegte, eignete er sich in Boston Siebdrucktechnik an und arbeitete dann acht Monate in der legendären Factory Andy Warhols, die er als wahren sweatshop erlebte. Von dort ging er nach Kalifornien und hatte sein erstes eigenes Atelier - der erste Schritt zum Künstlerberuf. Condo geht dabei den traditionellen amerikanischen Weg. Er blickt über den Atlantik zum klassischen Europa, bewundert, verwirft, eignet sich an und spielt auf unbekümmerte Weise mit dem, was ihm gefällt. Anfang der 1980er Jahre arbeitet er eine Weile in Köln, ausgerechnet zur Karnevalszeit - sind die roten und grünen Pappnasen in seinen Porträts Erinnerungen an diese Zeit? Wieder in New York gehören Keith Haring, Jean-Michel Basquiat und William Burroughs zu seinem Freundeskreis. In dieser Zeit beginnt auch die lange Reihe seiner Einzelausstellungen in den USA und Europa. 1999 erhält George Condo den Kunstpreis der Akademie der Kunst und Wissenschaft der USA. 2000 macht John McNaughton einen Film über ihn unter dem Titel "Condo Painting“. Spiel
mit dem Vorgefundenen Alles, was Condo gesehen und für gut befunden hat, findet sich in seinen Bildern wieder, die Größen der klassischen Moderne ebenso wie Goya und Velasquez. Dabei parodiert er die Olympier nicht, auch das Kopieren liegt ihm fern. Er spielt mit dem Vorgefundenen und gibt ihm neue Bedeutungsmöglichkeiten. Sein handwerkliches Können erlaubt es ihm, auf jeden Stil zuzugreifen, der ihm geeignet erscheint, die seelische Situation der Portraitierten einzufangen, mal grotesk, mal altmeisterlich, mal surrealistisch, mal in neuer Sachlichkeit. Um dieses Spiel nachvollziehen zu können, sollte allerdings auch der Betrachter einen gehörigen Fundus an Bilderfahrung mit in die Ausstellung bringen. Ein Nachrichtenmagazin, das sich immer mal wieder um Zugang zur zeitgenössischen Kunst bemüht, machte es sich zu einfach, wenn es aus der wenige Monate dauernden Tätigkeit Condos in einer Filiale von Andy Warhols Factory, bei der er den Chef nur zweimal kurz sah, ableitete, daher rühre seine Vorliebe für Exzentrik und Glamour, und das auch in den Frauenbildern mit "Giraffenhälsen“ und "Wurstfingern“ wiedererkennen wollte. Chaos
des Abscheus Condos
Frauen - kaum einer außer Picasso hat vielleicht so viele gemalt - sind
nicht glamourös, auch nicht schön im herkömmlichen Sinne, vielmehr
oft fratzenhaft, mit Zähnen von Bugs Bunny und bunten Pappnasen, oder
mit ausgelöschten Gesichtern. Ihre Geschichten erzählen sie
enigmatisch in kleinen Beigaben der Kleidung oder anderem Beiwerk. Die
Doppelansichten der Gesichter verweisen - Picasso ähnlich - auf die
Ambivalenz der Figuren. Augen sind sowohl blau als auch braun, als ob
zwei verschiedene Personen aus den Gesichtern schauen. Die Hintergründe,
vor denen die Figuren stehen, sind in leicht changierenden Farben
gemalt, ohne eine Horizontlinie. So betonen sie die Universalität der
Bildaussage wie der Goldgrund mittelalterlicher Heiligendarstellungen.
Scherzhaft merkt Condo an, er male die Frauen so hässlich, damit sich
die Betrachterinnen nicht zurückgesetzt fühlten. Der Schock des 11.
September spiegelt sich in den Gesichtern zweier Gemälde ("Terrorism
on Sept. 11, 2001" und "For
the Victims of the W. T. C., 2001 Laboratorium
der Bildideen Ein Raum ist in der Bielefelder Ausstellung dem zeichnerischen Werk Condos gewidmet. Beherrscht wird er von der Collage "Mental State“ - Papierarbeiten auf einer Leinwand. In den Zeichnungen dokumentiert sich der Denkprozess, der das einzelne Gemälde und das künstlerische Schaffen überhaupt begleitet. "Was soll man auch sonst den ganzen Tag machen, während man wartet, dass die Farbe trocknet?“ meint George Condo scherzhaft. In seinen Zeichnungen kopiert er einerseits seine Vorbilder, damit die Hand den Duktus erlernt, der in den Bildern den Pinsel führen soll.. Anderseits ist die Zeichnung das Laboratorium, in dem ganze Bildideen oder auch nur Details erprobt werden. Hier zeigt sich die Vielseitigkeit Condos: man sieht sowohl den feinen Strich, der sich forschend dem Sujet nähert, als auch den kraftvollen Hieb über das Papier, der den Bildhauer verrät. Die Bielefelder Ausstellung zeigt aus diesem Schaffensbereich Condos die Goldbronze-Köpfe aus dem Jahr 2002, die Electric Ballerina von 1989, bei der sich Condo auch in der Plastik dem Grundsatz des Verarbeitens der großen Vorbilder (hier Degas und Picasso) als treu erweist. Zeitgleich mit der Bielefelder Retrospektive sind noch weitere Plastiken Condos in Ostwestfalen zu sehen. Im Staff-Landschaftspark in Lemgo sind vier "Extended Forms“ zu sehen. Schon 2002 war Condo im Schlosspark Wendlinghausen mit seinen Jazz-Skulpturen zu bewundern. Diesen Faden hat er in diesem Jahr wieder aufgenommen und bereichert die ostwestfälischen Gartenlandschaften mit seinen farbig gespritzten Aluminiumfiguren. Großer
Künstler der Gegenwart Warum
ist Condo, von dem in Bielefeld fünfzig Gemälde, dreißig Zeichnungen und
fünf Plastiken
gezeigt werden, außerhalb der ihn hoch einschätzenden Fachwelt eher
ein Unbekannter? Thomas Kellein, Direktor der Bielefelder Kunsthalle,
will mit dieser Retrospektive einen großen unentdeckten Künstler der
Gegenwart vorstellen und angemessen würdigen. Das ist ihm vorzüglich
gelungen. Drei Monate früher hätte ihm das zum Internationalen
Frauentag aber sicher eher Ärger als Beifall eingetragen. Text
© Manfred Wolff 28.06.2005 Georg
Condo Katalog Parallel zur Ausstellung "George Condo: One Hundred Women" in der Kunsthalle Bielefeld zeigt der amerikanische Künstler im Rahmen der Rauminszenierungen der "Gartenlandschaft Ostwestfalen-Lippe“ (19.06. - 16.10.2005, Öffnungszeiten täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr) vier Aluminiumskulpturen im Park der Staff Stiftung im Lemgo. Mit der Werkgruppe der Skulpturen aus dem Zyklus "Extended Forms" (2002) öffnet die Staff Stiftung erstmals ihren "Wohnpark". Die Skulpturen "Gate", "Gil Evans", "One Armed Bandit" und "Space Ship" wurden von der Staff Stiftung in Lemgo eigens erworben. In dem von Raseninseln und Gehölzen idyllisch abgeschirmten Teil des Parks sind ebenfalls bedeutende Werke von Max Ernst und Erich Hauser zu sehen.
George Condo
George Condo, geb. 1957 in Concord, New Hampshire, USA, ging mit 21 Jahren nach New York, wo er in der Factory von Andy Warhol mitarbeitete und schnell Kontakt zu Künstlern seiner Generation wie Jean-Michel Basquiat, Keith Haring oder Julian Schnabel fand. 1983 führte ihn eine erste Reise nach Europa, wo sein freier und zugleich versierter Malduktus die Aufmerksamkeit der "Neuen Wilden“ weckte. Köln wurde deshalb neben Paris eine Stadt, in die Condo in den 1980er und 1990er Jahren immer wieder für längere Arbeitsaufenthalte zurückkehrte. George Condo lebt und arbeitet seit 1982 in New York. |