Die Kraft der Metamorphose

"Diese Räume sind für einen Bildhauer nicht unkompliziert", sagt Tony Cragg. Und tatsächlich scheinen die beiden Hallen im ersten Stock der Akademie der Künste im Hanseatenweg 10 in Berlin für Kunst-, vor allem für Skulpturenausstellungen recht ungeeignet zu sein: Die Pfeiler, auf denen das Dach ruht, wirken wie Fremdkörper, grenzen die Sicht ein und zerstreuen die Aufmerksamkeit, die Holzdecke fällt den Besuchern fast auf den Kopf, so dass sie sich instinktiv bücken. Die Räume wirken niedriger, kleiner, enger und dunkler als sie wirklich sind: Der Berliner Düttmann-Bau ist eben ein typisches Beispiel der Architektur der 1960er Jahre. Und doch sind die Werke des seit fast dreißig Jahren in Wuppertal lebenden Briten, der seit 2001 Mitglied der Berliner Akademie der Künste ist, für dieses "nicht unkomplizierte“ Ambiente wie geschaffen: Seine dort gezeigte Ausstellung "Das Potential der Dinge" zeigt, dass sich hochwertige, also durch Inhalt und Form überzeugende Kunst auch in einem schwierigen Umfeld behaupten kann.

Tony Cragg; "Das Potential der Dinge", Ausstellungsfragment, Halle 1, Akademie der Künste, 2006. Foto ©  Urszula Usakowska-Wolff

Tony Cragg: "Das Potential der Dinge", Ausstellungsfragment, Halle 1, Akademie der Künste, 2006

 Die Aufhebung der Gegensätze

Tony Cragg legt Wert darauf zu betonen, dass "Das Potential der Dinge" keine Retrospektive ist. Die Ausstellung soll vielmehr zeigen, wie sich in den letzten zwanzig Jahren seine Skulpturen und Zeichnungen hinsichtlich der Form und der Bedeutung der Form veränderten. Was in seinen Arbeiten unveränderlich bleibt, ist die Perfektion ihrer Ausführung und die "Leichtigkeit" ihrer Wirkung. Sogar die tonnenschweren Figuren aus Bronze und Stahl vermitteln einen federleichten, keramischen Eindruck. Sie sehen aus, als seien sie aus Ton gefertigt worden. Die Aufhebung der Gegensätze zwischen Masse und Leichtigkeit, Starre und Bewegung, Unbeweglichkeit und Dynamik gehört zu den faszinierendsten Eigenschaften der Kunst des britischen Bildhauers und Zeichners, dessen knapp dreißig Skulpturen, darunter zahlreiche raumgreifende Objektgruppen und 177 Zeichnungen gegenwärtig in Berlin zu sehen sind. Das Schwere wirkt leicht, das Starre scheint sich zu bewegen, das Ruhende birgt eine enorme Dynamik in sich. Die von Energie strotzenden Formen seiner Zeichnungen und Radierungen sprengen den sie eingrenzenden Rahmen, als ob sie sich im Raum dreidimensional ausbreiten wollten. Es sind Energie geladene Kraftpakete, die aus ihrer Haut hinausgehen wollen, immer auf dem Sprung, ihre Form zu verändern. Wenn man sie umgeht, hat man den Eindruck, dass sie sich bewegen, fließen, tanzen, schweben. Creggs gegossenen, geschnitzten und gezeichneten "Dinge" sind Sinn- und Denkbilder einer fortwährenden Metamorphose, die er "formales Denken mit Materie" nennt. Seine räumlichen oder flachen Denkfiguren sind sowohl organisch-abstrakt als auch antropomorphisch: Was auf den ersten Blick wie eine erstarrte Windhose oder eine verwitterte Felsformation, wie man sie aus der Natur kennt, anmutet, entpuppt sich beim genauen Hinschauen als ein menschliches Profil, eine Büste, eine stehende oder liegende menschliche Figur. Alles ist fließend, ändert sich mit jedem Blickwinkel. Die Dinge sind nicht so, wie sie erscheinen, sondern so, wie wir bereit sind, sie wahrzunehmen, auf uns wirken zu lassen, sie zu sehen. Mit seinen vielseitigen und vielschichtigen Arbeiten versucht der Bildhauer, der auch sein großes Interesse für Naturwissenschaften und Philosophie nicht verbirgt, unsere häufig erstarren Seh- und Denkgewohnheiten aufzubrechen und zu demonstrieren, dass man das scheinbar Gewohnte und Vertraute auch anders sehen, denken und empfinden kann. "So wie wir vergessen, das Leben zu feiern und - was noch schlimmer ist - den Wert des menschlichen Lebens vergessen haben, so neigen wir auch dazu, zu vergessen, dass die Projektion von Intelligenz in Materie, generell betrachtet, ein äußerst rares Ereignis ist", sagt Tony Cragg im Gespräch mit Jon Wood, das im empfehlenswerten Künstlerbuch zu seiner Ausstellung nachzulesen ist.

Tony Cragg: TC_Out of Sight, 2003, Bronze. Ausstellung "Das Potential der Dinge", Akademie der Künste Berlin, 2006. Foto ©  Urszula Usakowska-Wolff

Tony Cragg: TC_Out of Sight, 2003, Bronze. Ausstellung "Das Potential der Dinge", Berlin, 2006

  Die Anhäufung von Partikel

Die Ausstellung "Das Potential der Dinge" erinnert an eine archäologische Ausgrabungsstätte inmitten einer fantastischen Felsenlandschaft. Man findet dort Formen, die an Panzer und Gliedmassen ausgestorbener Tiere oder Objekte religiöser Kulte denken lassen. Es ist eine untergegangene Zivilisation, die jedoch durch ihre allgegenwärtige Dynamik äußerst vital erscheint. Die häufig seltsam verdrehten, geschichteten, gelöcherten und immer asymmetrischen Figuren strahlen eine kühle Eleganz und Distanz sowie Wärme und das Bedürfnis nach Nähe aus. Sie erzeugen gegensätzliche Gefühle, die jedoch nicht im Widerspruch zueinander stehen. Man möchte ihre kühl glänzenden Oberflächen bewundern und sie zugleich haptisch wahrnehmen, also berühren, denn sie sind betörend sinnlich und weich. Manche sind aus verblüffendem Material wie Knobelwürfeln gefertigt und zeigen, wie aus dem Seriellen eine individuelle Form entsteht. Andere - wie das ebenfalls serielle Glasobjekt "Fields of Heaven" (1998) aus Gläsern, Vasen und Schalen mutet wie ein dreidimensionales Stillleben des italienischen Malers Giorgio Morandi an. "Die Anhäufung von Partikeln ist eine sehr weit verbreitete künstlerische Technik. Sie ist das Grundprinzip des Malens und Zeichnens und wird auch vielfach in der Bildhauerkunst eingesetzt. Ich habe sie bei einigen meiner Arbeiten verwendet und weiß, dass die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Malerei, Objekt und Bild ein nahezu unerschöpfliches Potential an Formen und Bedeutungen in sich bergen", erklärt Tony Cragg im zitierten Künstlerbuch.

Text und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

3.10.2006


Tony Cragg
Das Potential der Dinge

16. 09 - 29.10.2006
Akademie der Künste Berlin
Projektleitung / Programmkonzept:
Christian Schneegass, Sekretär der Sektion Bildende Kunst

18.02. bis 15.04.2007
Lehmbruck Museum Duisburg


Künstlerbuch zur Ausstellung:

Tony Cragg
"In and Out of Material“
mit Beiträgen von Christoph Brockhaus, Tony Cragg, Robert Kudielka,
Christian Schneegass, Jon Wood
Verlag der Buchhandlung Walther König
Köln 2006, 240 S
ISBN 978-3-86560-130-8
Preis 34 €


Tony Cragg

Tony Cragg mit seinen Skulpturen "Early Forms", Bronze, Ausstellung "Das Potential der Dinge", Akademie der Künste Berlin, 2006. Foto ©  Urszula Usakowska-Wolff

Tony Cragg mit seinen Skulpturen "Early Forms", Bronze, Akademie der Künste Berlin, 2006

1949 geboren in Liverpool, Mitglied der Royal Academy of Arts in London und seit 2001 der Akademie der Künste, lebt und arbeitet seit 1977 in Wuppertal. Lehrtätigkeit 1976 an der Ecole des Beaux-Arts in Metz, ab 1979 an der Kunstakademie in Düsseldorf, seit 2001 an der Universität der Künste in Berlin. Seine international geschätzten Arbeiten sind im öffentlichen Raum und weltweit in Ausstellungen zu sehen, wiederholt auch in namhaften Überblicksveranstaltungen zur Entwicklung der zeitgenössischen Kunst, wie z.B. auf der Kasseler documenta 7 (1982) und 8 (1987) und auf Biennalen, wie der in Venedig (1980, 1986, 1988 Britischer Pavillon), in Sao Paulo (1983) und in Sydney (1984). Preise u.a. 1988 Turner-Preis (London) und 2002 Piepenbrock-Preis für Skulptur (Berlin).

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Weiter zum Text über die  Ausstellung von Matthias Haase: Diesel - Malerei und neue Medien im artbuero berlin, 26.08. - 14.10.06