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Die
Kraft der Metamorphose "Diese Räume sind für einen Bildhauer nicht unkompliziert", sagt Tony Cragg. Und tatsächlich scheinen die beiden Hallen im ersten Stock der Akademie der Künste im Hanseatenweg 10 in Berlin für Kunst-, vor allem für Skulpturenausstellungen recht ungeeignet zu sein: Die Pfeiler, auf denen das Dach ruht, wirken wie Fremdkörper, grenzen die Sicht ein und zerstreuen die Aufmerksamkeit, die Holzdecke fällt den Besuchern fast auf den Kopf, so dass sie sich instinktiv bücken. Die Räume wirken niedriger, kleiner, enger und dunkler als sie wirklich sind: Der Berliner Düttmann-Bau ist eben ein typisches Beispiel der Architektur der 1960er Jahre. Und doch sind die Werke des seit fast dreißig Jahren in Wuppertal lebenden Briten, der seit 2001 Mitglied der Berliner Akademie der Künste ist, für dieses "nicht unkomplizierte“ Ambiente wie geschaffen: Seine dort gezeigte Ausstellung "Das Potential der Dinge" zeigt, dass sich hochwertige, also durch Inhalt und Form überzeugende Kunst auch in einem schwierigen Umfeld behaupten kann.
Die
Aufhebung der Gegensätze Tony
Cragg legt Wert darauf zu betonen, dass "Das Potential der Dinge"
keine Retrospektive ist. Die Ausstellung soll vielmehr zeigen, wie sich
in den letzten zwanzig Jahren seine Skulpturen und Zeichnungen
hinsichtlich der Form und der Bedeutung der Form veränderten. Was in
seinen Arbeiten unveränderlich bleibt, ist die Perfektion ihrer Ausführung
und die "Leichtigkeit" ihrer Wirkung. Sogar die tonnenschweren
Figuren aus Bronze und Stahl vermitteln einen federleichten, keramischen
Eindruck. Sie sehen aus, als seien sie aus Ton gefertigt worden. Die
Aufhebung der Gegensätze zwischen Masse und Leichtigkeit, Starre und
Bewegung, Unbeweglichkeit und Dynamik gehört zu den faszinierendsten
Eigenschaften der Kunst des britischen Bildhauers und Zeichners, dessen
knapp dreißig Skulpturen, darunter zahlreiche raumgreifende
Objektgruppen und 177 Zeichnungen gegenwärtig in Berlin zu sehen sind.
Das Schwere wirkt leicht, das Starre scheint sich zu bewegen, das
Ruhende birgt eine enorme Dynamik in sich. Die von Energie strotzenden
Formen seiner Zeichnungen und Radierungen sprengen den sie eingrenzenden
Rahmen, als ob sie sich im Raum dreidimensional ausbreiten wollten. Es
sind Energie geladene Kraftpakete, die aus ihrer Haut hinausgehen
wollen, immer auf dem Sprung, ihre Form zu verändern. Wenn man sie
umgeht, hat man den Eindruck, dass sie sich bewegen, fließen, tanzen,
schweben. Creggs gegossenen, geschnitzten und gezeichneten "Dinge"
sind Sinn- und Denkbilder einer fortwährenden Metamorphose, die er
"formales Denken mit Materie" nennt. Seine räumlichen oder
flachen Denkfiguren sind sowohl organisch-abstrakt als auch
antropomorphisch: Was auf den ersten Blick wie eine erstarrte Windhose
oder eine verwitterte Felsformation, wie man sie aus der Natur kennt,
anmutet, entpuppt sich beim genauen Hinschauen als ein menschliches
Profil, eine Büste, eine stehende oder liegende menschliche Figur.
Alles ist fließend, ändert sich mit jedem Blickwinkel. Die Dinge sind
nicht so, wie sie erscheinen, sondern so, wie wir bereit sind, sie
wahrzunehmen, auf uns wirken zu lassen, sie zu sehen. Mit seinen
vielseitigen und vielschichtigen Arbeiten versucht der Bildhauer, der
auch sein großes Interesse für Naturwissenschaften und Philosophie
nicht verbirgt, unsere häufig erstarren Seh- und Denkgewohnheiten
aufzubrechen und zu demonstrieren, dass man das scheinbar Gewohnte und
Vertraute auch anders sehen, denken und empfinden kann. "So wie wir
vergessen, das Leben zu feiern und - was noch schlimmer ist - den Wert
des menschlichen Lebens vergessen haben, so neigen wir auch dazu, zu
vergessen, dass die Projektion von Intelligenz in Materie, generell
betrachtet, ein äußerst rares Ereignis ist", sagt Tony Cragg im
Gespräch mit Jon Wood, das im empfehlenswerten Künstlerbuch zu seiner
Ausstellung nachzulesen ist.
Die Anhäufung von Partikel Die
Ausstellung "Das Potential der Dinge" erinnert an eine archäologische
Ausgrabungsstätte inmitten einer fantastischen Felsenlandschaft. Man
findet dort Formen, die an Panzer und Gliedmassen ausgestorbener Tiere
oder Objekte religiöser Kulte denken lassen. Es ist eine untergegangene
Zivilisation, die jedoch durch ihre allgegenwärtige Dynamik äußerst
vital erscheint. Die häufig seltsam verdrehten, geschichteten, gelöcherten
und immer asymmetrischen Figuren strahlen eine kühle Eleganz und
Distanz sowie Wärme und das Bedürfnis nach Nähe aus. Sie erzeugen
gegensätzliche Gefühle, die jedoch nicht im Widerspruch zueinander
stehen. Man möchte ihre kühl glänzenden Oberflächen bewundern und
sie zugleich haptisch wahrnehmen, also berühren, denn sie sind betörend
sinnlich und weich. Manche sind aus verblüffendem Material wie Knobelwürfeln
gefertigt und zeigen, wie aus dem Seriellen eine individuelle Form
entsteht. Andere - wie das ebenfalls serielle Glasobjekt "Fields of
Heaven" (1998) aus Gläsern, Vasen und Schalen mutet wie ein
dreidimensionales Stillleben des italienischen Malers Giorgio Morandi
an. "Die Anhäufung von Partikeln ist eine sehr weit verbreitete künstlerische
Technik. Sie ist das Grundprinzip des Malens und Zeichnens und wird auch
vielfach in der Bildhauerkunst eingesetzt. Ich habe sie bei einigen
meiner Arbeiten verwendet und weiß, dass die komplexen
Wechselbeziehungen zwischen Malerei, Objekt und Bild ein nahezu unerschöpfliches
Potential an Formen und Bedeutungen in sich bergen", erklärt Tony
Cragg im zitierten Künstlerbuch. Text und Fotos © Urszula
Usakowska-Wolff 3.10.2006 Tony
Cragg 18.02.
bis 15.04.2007 Künstlerbuch
zur Ausstellung: Tony Cragg
1949
geboren in Liverpool, Mitglied der Royal Academy of Arts in London und
seit 2001 der Akademie der Künste, lebt und arbeitet seit 1977 in
Wuppertal. Lehrtätigkeit 1976 an der Ecole des Beaux-Arts in Metz, ab
1979 an der Kunstakademie in Düsseldorf, seit 2001 an der Universität
der Künste in Berlin. Seine international geschätzten Arbeiten sind im
öffentlichen Raum und weltweit in Ausstellungen zu sehen, wiederholt
auch in namhaften Überblicksveranstaltungen zur Entwicklung der zeitgenössischen
Kunst, wie z.B. auf der Kasseler documenta 7 (1982) und 8 (1987) und auf
Biennalen, wie der in Venedig (1980, 1986, 1988 Britischer Pavillon), in
Sao Paulo (1983) und in Sydney (1984). Preise u.a. 1988 Turner-Preis
(London) und 2002 Piepenbrock-Preis für Skulptur (Berlin). |