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Ganz
gewöhnliche Orte Das Erdgeschoss der Neuen Nationalgalerie in Berlin sieht aus, als hätte sich ihr Inneres in einen noblen Bankettsaal verwandelt. Die Wände sind mit edlem grafit- und gedämpft gelbfarbenem, fast perfekt drapiertem Wollstoff verhängt. Darauf hängen Bilder, wie das in Hotelempfangsräumen der gehobenen Klasse zu sein pflegt. Davor stehen Vitrinen, in denen dicke Bücher mit aufgeschlagenen Seiten liegen. Speisekarten? Nur das Büffet und die mit weißen Tüchern bedeckten runden Stehtischchen fehlen. Sie sind auf dem Hof aufgestellt.
Später
Weltruhm in Berlin Das sind die Kulissen der neuesten Kunstaufführung mit dem Titel "Nationalgalerie" in der Neuen Nationalgalerie. Fast fünf Kilometer Stoff in drei Grautönen und dem speziell für diese Inszenierung kreierten gedämpften Gelb, vom dänischen Textilhersteller Kvadrat extra für diesen Anlass produziert: Hat etwa Christo, der nach zwanzigjährigen erfolglosen Bemühungen vor fünfzehn Jahren doch noch den nahegelegenen Reichstag verhüllen durfte, jetzt – entgegen seinen bisherigen Gepflogenheiten – keine Fassade, sondern das Interieur dieses Tempels moderner Architektur, erbaut 1968 nach Entwürfen von Mies van der Rohe, also, wie der Reichstag, ebenfalls deutsches Nationalerbe, verhüllt? Nein, der Künstler, der gegenwärtig in der Neuen Nationalgalerie endlich gezeigt und gefeiert wird, ist der 1964 in München geborene Thomas Demand. Dass er seit dreizehn Jahren in Berlin lebt und arbeitet, war den hiesigen Museumsmachern entgangen, obwohl der Mann zu den bekanntesten und gefragtesten Künstlern seiner Generation gehört. Allein in den letzten fünf Jahren hatte er Einzelausstellungen in vielen renommierten Museen und Galerien weltweit, u.a. im Kunsthaus Bregenz (2004), Museum of Modern Art, New York (2005), in der Serpentine Gallery, London (2006), in der Fondazione Prada, Venedig (2007) und bei Sprüth Magers, London (2008). Nun hat Thomas Demand auch in Berlin Weltruhm erlangt, was er Udo Kittelmann (* 1958 in Düsseldorf, zuletzt Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt am Main) verdankt, der seit einem Jahr die Alte und die Neue Nationalgalerie und auch andere Berliner Museen (u.a. den Hamburger Bahnhof) leitet und hoffentlich dafür sorgen wird, dass sie mit ihrem Programm und der Künstlerwahl möglichst bald im 21. Jahrhundert ankommen.
Kinderzimmer,
Copyshop, Klause Die Ausstellung "Nationalgalerie" in der Neuen Nationalgalerie, die in den letzten Jahren vor allem durch importierte Megaevents ("Das MoMa in Berlin", "Die schönsten Franzosen kommen aus New York") und Celebrity-Shows (Jeff Koons) für viel Aufsehen und etwas weniger Ansehen sorgte, ist ein erfreulicher Schritt in diese Richtung. Sie ist, auch wenn unbeabsichtigt, ein Beitrag zu den vielen runden Jubiläen, die hierzulande in diesem Jahr gefeiert werden, darunter der 60. Jahrestag der Bundesrepublik Deutschland und der 20. Jahrestag des Mauerfalls, obwohl diese Tatsache dem Kurator Kittelmann und dem Künstler Demand nicht bewusst war, als sie seine Einzelpräsentation planten. Für die Ausstellung "Nationalgalerie" – sie heißt so, weil sie halt in der Nationalgalerie stattfindet und woanders in dieser Form angeblich nicht gezeigt werden könnte – wurden insgesamt vierzig meistens großformatige Werke ausgewählt, die einen Bezug zu Deutschland haben, was man auf den ersten Blick nicht erkennen muss. Tomas Demand ist ein präziser Mensch, der die Dinge und Orte, die er abbildet, schlicht und einfach danach betitelt, was sie zeigen: ein Archiv heißt "Archiv", ein Badezimmer heißt "Badezimmer", ein Kinderzimmer heißt "Kinderzimmer", eine Haltestelle heißt "Haltestelle", eine Klause heißt "Klause", ein Studio heißt "Studio", die Brennerautobahn heißt "Brennerautobahn", ein Copyshop heißt "Copyshop" u.s.w. Nur der Deutschen liebster Wald heißt "Lichtung", weil er sich eben an einer Stelle lichtet. Thomas Demand, ein eigenwilliger und konsequenter Künstler, bedient sich der Medienbilder Aufsehen erregender, aber auch unbedeutender Ereignisse oder Orte (aus denen er Menschen, ferner alle narrativen Elemente entfernt), baut die Orte, an denen etwas oder nichts Medientaugliches geschah, mit seinen Assistenten im Maßstab 1:1 aus Papier und Pappe nach, leuchtet sie aus und fotografiert sie, sodass aus eindimensionalen Fotos zuerst dreidimensionale Skulpturen und anschließend zweidimensionale Wandbilder entstehen. Danach werden die den Bildern zugrunde liegenden Modelle geschreddert und landen im Altpapiercontainer.
Eine
global banale Welt Diese Bilder, von denen viele ursprünglich individuelle Dramen, persönliche Tragödien und historische Ereignisse, die die Welt verändern könnten, abbildeten, drücken nichts Individuelles, Persönliches oder Geschichtliches aus. Thomas Demand zeigt darauf Fragmente und Ausschnitte einer Welt, die entpersonifiziert, genormt, gesichts- und geschichtslos ist: Ein Ordnungssystem, das aus genormten, seriellen Elementen besteht, die sich zu geometrischen Mustern zusammenfügen. Es sind gekachelte Badezimmer mit gekachelten Badewannen, Lamellen, Zeichentische, Kopierer, Balkone, Fassaden, mit schalldichten Paneelen verkleidete Labore, Treppenhäuser, die überall gleich aussehen und in einem Museum unheimlich wirken, weil man sich an sie im Leben so sehr gewöhnt hat, dass sie nicht mehr wahrgenommen werden. Dieses Ordnungssystem gerät manchmal aus den Fugen: Die Badematte im “Badezimmer“ ist etwas verschoben, in der Badewanne steht schmutziges Wasser, das “Büro“ ist mit Papieren übersät und im “Raum“ muss sich auch etwas Gewaltsames ereignet haben, denn es liegt dort alles herum und wirkt ziemlich kaputt – wie nach einem Einbruch oder einer Detonation. Man muss die wahren Ereignisse, die mit diesen Orten verbunden sind, nicht kennen, um die Aussage der Demandschen Bilder zu verstehen. Tatsächlich wurde in der Badewanne des “Badezimmers“ einst Uwe Barschel tot aufgefunden, das “Büro“ befand sich in der von aufgebrachten Ostberlinern und etlichen Stasileuten gestürmten Stasizentrale in der Normannenstraße und der “Raum“ sah so aus nach dem missglückten Attentat auf Hitler in der Wolfsschanze. Es ist aber letztendlich unwichtig, wann und wo sich etwas ereignet hatte und ob es durch die Bilder in den Zeitungen oder Schulbüchern ins “kollektive Gedächtnis“ (?), das Kunstkritiker im Zusammenhang mit Thomas Demands Werk liebend gern bemühen, eingedrungen sei. Indem der Künstler seine Bilder von den narrativen Elementen und dem zeitgeschichtlichen Kontext befreit, reduziert er sie auf das Wesentliche und zeigt, wie banal, langweilig, gewöhnlich und unansehnlich Orte sind, in denen Außergewöhnliches und Aufsehen erregendes geschehen ist und geschehen kann. Platz für ein Verbrechen ist auch in der aufgeräumtesten und kleinsten “Klause“ in der tiefsten Provinz, wo sich brave Spießbürger treffen, Bier trinken und auf abwegige Gedanken kommen, die sie manchmal zu bösen, mörderischen Taten verleiten. Doch die Tatorte sind meistens ganz gewöhnliche Orte, unabhängig davon, wer und wann dort Opfer eines Verbrechens wurde. Sie sind genauso gewöhnlich wie Orte, wo nichts Außergewöhnliches geschieht: eine “Terrasse“, ein “Campingtisch“, eine “Spüle“. Unsere Welt ist eine global banale Welt, mit gewöhnlichen Orten und Dingen übersät, unabhängig davon, ob wir in Deutschland oder in irgendeinem anderen Land auf dem Globus, ob wir in einer Groß-, einer Kleinstadt oder in einem Dorf leben. Orte und Dinge gleichen sich, das, was sie für einen Augenblick interessant macht, sind die mit ihnen verbundenen schaurigen Geschichten, die von den Medien ausgeschlachtet werden, die schnell vergessen, von neuen Horrormeldungen, von neunen Katastrophenbildern verdrängt werden.
Magische
Leere und viele Worte Es
ist ein aufwendiger Prozess, in dem Thomas Demand seine Bilder
produziert, deshalb muss ihre Präsentation in einer Nationalgalerie
(die heute auch nicht mehr ist und bedeutet, was sie einmal war) eine
aufwendige Inszenierung sein. Die Ausstellungsarchitektur, die das
Londoner Architekturbüro Caruso St. John entworfen hatte, lässt die
Ausstellungsräume nobel und erhaben erscheinen: Man merkt sofort, dass
dort, auf den edlen, an den Wänden drapierten Wollvorhängen,
bedeutende und tiefgründige Kunstwerke hängen und die Vitrinen, die
vor ihnen stehen, auch etwas Bedeutendes enthalten müssen. So ist es
auch: Weil Thomas Demand zu Recht seine Bilder ungern erklärt, er ist
ja Künstler und kein Kunstkritiker, hatte er Botho Strauß (* 1944)
gebeten, zu jedem Bild etwas zu schreiben. Also hatte das literarische
Schwergewicht vierzig eher kurze Texte verfasst, die keine direkten
Bildlegenden sind, sondern zeigen, dass dieser Schriftsteller sich viele
ernste Gedanken machte, u.a. zum "Modell": "Es sind
ausnahmslos überfüllte Räume, in denen wir hausen. Das bildliche Gedränge.
Alles ist voll. Man kann nicht einfach wegsehen. Das Vielzuviele, das
wir sehen, sagen und erfahren, kennt außer der Kunst keinen Wiederpart.
Sie allein vermag das Viele in das Wenige zu tauschen. Man betrachte
Thomas Demands Modelle des sublimierten Raums. Die magische Leere
schafft eine Menge von Vielzuvielem aus der Welt.“ Das stimmt: Weil
das Leben, im Gegensatz zur Kunst, keine Leere liebt, darf parallel zur
Ausstellung “Nationalgalerie“ in der Neuen Nationalgalerie in Berlin
sehr viel gesprochen werden. In der wöchentlichen Vortragsreihe "How
German is it?" (sie startet am 23. September) werden renommierte Künstler,
Politiker, Wissenschaftler, Ökonomen und Museumsdirektoren aus dem In-
und Ausland zu Wort kommen, und, jeweils von einem Werk Thomas Demands
ausgehend, über Probleme debattieren, die sie, Deutschland und die Welt
bewegen. Text
und Fotos © Urszula
Usakowska-Wolff 22.09.2009 Thomas
Demand Vortragsreihe
"How German is it?" >>>
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