|
Abgründe
und Hoffnungen Das
Jahr 2009 ist wirklich an historischen Gedenkterminen reich gesegnet,
die in zahlreichen Veranstaltungen gewürdigt werden. Das Deutsche
Historische Museum in Berlin nimmt den 70. Jahrestag des deutschen Überfalls
auf Polen zum Anlass, die wechselvolle Geschichte des deutsch-polnischen
Verhältnisses zu beleuchten und zu analysieren. Die Ausstellung
"Deutsche und Polen. Abgründe und Hoffnungen“ geht von der
unseligen Teilungspolitik des ausgehenden 18. Jahrhunderts aus. Die
polnischen Aufstände sind Zeugnisse des Freiheitswillens der Polen, der
in der Polenbegeisterung der Zeit von 1830 bis 1849 in den deutschen Ländern
ein lebhaftes Echo fand. Die freiheitlichen Kräfte in Deutschland
wussten, dass nur im Zusammenwirken mit einem freien Polen ein freies
Deutschland entstehen konnte. Diesem „für eure und unsere Freiheit“
stand eine staatlich vorangetriebene Germanisierungspolitik gegenüber,
die schier unüberwindliche Gräben zwischen Deutschen und Polen
aufriss. Die Wiedererrichtung des polnischen Staates 1918 vermochte
nicht, dieses Spannungsverhältnis zu heilen. Auf beiden Seiten wurden
die Grenzen nicht anerkannt, wurde die Revision der Grenzen verlangt, in
Deutschland sprach man von Polen als einem Saisonstaat. Zeit
des Leidens und des Widerstands Die
Kriegsjahre 1939 bis 1945 bilden den Schwerpunkt der Ausstellung. Die
grausame Härte der Wehrmacht vom ersten Kriegstag an, die
Einsatzkommandos der Polizei und die SS überzogen Polen mit Mord,
Zwangsarbeit, Kolonisierung, Vertreibung und Ghettoisierung. Aber es war
nicht nur eine Zeit des Leidens, es war auch eine Zeit des heldenhaften
Widerstands, der in den beiden Aufständen des Warschauer Ghettos 1943
und der Armia Krajowa (Heimatarmee) 1944 seine Höhepunkte fand. Mit den
Vertreibungen der Polen aus den ostpolnischen Gebieten und der Deutschen
aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße fand diese Zeit ihren
Abschluss. Der historische Diskurs über diese leidvolle Geschichte war
in der Bundesrepublik Deutschland ("Dreigeteilt niemals") und
in Polen mit der begründeten Angst vor einer Revision der neuen Grenzen
extrem belastet. Erst die Neue Ostpolitik Willy Brandts und Walter
Scheels führte zu einer vorsichtigen Normalisierung. In der DDR wurde
alles Störende mit dem Schlagwort der antifaschistischen Waffenbrüderschaft
verdeckt. So waren es auf deutscher wie polnischer Seite Einzelpersonen
und NGO-Gruppen wie die Aktion Sühnezeichen, die eine Annäherung
zwischen Polen und Deutschland vorantrieben. Die
Ausstellung im Deutsche Historischen Museum zeigt auf über 900 qm 750
Objekte, die von erläuternden Texttafeln begleitet werden. Besondere
Beachtung findet der Umstand, dass dieses Projekt in deutsch-polnischer
Zusammenarbeit ausgeführt wurde: Neben dem Projektleiter Burkhard
Asmuss wirkte auch der Warschauer Historiker Tomasz Szarota an der
Gestaltung der Ausstellung mit. Es ist beruhigend, wenn in Zeiten, in
denen so viel von historischer Politik die Rede ist, die Historiker eine
gemeinsame Sicht und Sprache für die Geschichte finden. Friedliche
Revolution mit Fehler Wie
notwendig eine solche historische Bestandsaufnahme ist, zeigt ein Blick
in eine andere große Ausstellung derzeit in Berlin. Am Alexanderplatz
präsentiert die Robert-Havemann-Gesellschaft auf 13 großformatigen
Tafeln ihren Blick auf die "Friedliche Revolution 1989/90".
Dabei wird auch auf die Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel verwiesen
und das Bild von Brandts Kniefall in Warschau gezeigt – Text:
"Brandt kniet am Denkmal des Warschauer Aufstands". Trotz
Hinweisen wird der Fehler nicht korrigiert. Es ist wohl aus deutscher
Sicht für einige nicht so wichtig, dass es in Warschau zwei Aufstände
gegen die Naziherrschaft gab, den Ghetto-Aufstand von 1943, an dessen
Denkmal Brandt 1970 kniete, und den Warschauer Aufstand von 1944, dessen
Denkmal erst nach der Wende 1989 errichtet werden durfte. Na gut, die
Havemann-Gesellschaft ist mit diesem skandalösen Verhalten in guter
Gesellschaft: Roman Herzog hat das 1994 auch nicht besser gekonnt. Text © Manfred Wolff Deutsche
und Polen 1.9.39 Abgründe und Hoffnungen
|