Mekka der Weltkunst

Kassel - das war nach dem Krieg eine Stadt wie viele andere in Deutschland auch. 90 % der Stadt im Bombenkrieg zerstört, überbevölkert durch die Vertriebenen und Flüchtlinge aus dem Osten, ohne die traditionellen Arbeitsplätze. Bei Henschel in Kassel wurden erst Lokomotiven und dann auch Panzer gebaut. Kassel hatte keine Altstadt mehr, und auch die kulturellen Bauten lagen in Schutt und Trümmern. Aber man baute auf. Zuerst die Innenstadt. Da entstand die erste Fußgängerzone Deutschlands. Dabei gab es noch gar nicht so viele Autos. Mit den Theatern und Museen ging es nur schleppend voran. Dafür gewann Kassel 1955 die begehrteste Großveranstaltung der Bundesrepublik: die Bundesgartenschau. Alljährlich pilgerten - immer an einem anderen Ort - Millionen von Schrebergärtnern, Eigenheimbesitzern oder nur glückliche Inhaber eines Balkons zu diesen Schauveranstaltungen und ergötzten sich an Tulpen, Rosen und Dahlien, fuhren mit dem Tretboot auf einem künstlichen See oder mit einer Liliputbahn durch einen Märchenpark und vertilgten Unmengen von Bockwurst mit Kartoffelsalat sowie Buttercremetorte. Da machte es sich dann auch immer gut, wenn ein kulturelles Beiprogramm geboten wurde. In Kassel nahm sich Arnold Bode dieser Aufgabe an.

Mann musste Schlange stehen, um die documenta 9 zu sehen. Foto: Urszula Usakowska-Wolff, 1992

Mann musste Schlange stehen, um die documenta 9 zu sehen. Foto: Urszula Usakowska-Wolff, 1992

  Avantgarde in der Ruinenarchitektur

Arnold Bode (1900 - 1977), selbst Architekt, Designer und Maler, stammte aus Kassel und war bis 1933 einer der Leiter des Berliner Werklehrerseminars. Die Nazis belegten den Sozialdemokraten mit Berufs- und Malverbot. 12 Jahre malte er "im Dunkeln“, wie er selbst sagte. Nach 1945 war er wieder in seiner Vaterstadt ansässig geworden und hatte dort die Kasseler Kunstakademie, die schon 1931 ihre Pforten geschlossen hatte, wiederbelebt. Seine Bilder, der Neuen Sachlichkeit verbunden, erreichten nur ein begrenztes Publikum, ein größeres fand er als Ausstellungsmacher von Toronto bis Venedig. In der Lagunestadt traf er 1954 mit dem dort damals lebenden Kunsthistoriker Werner Haftmann (1912-1999) zusammen, und die beiden "erfanden“ die documenta. Ein Jahr später berief Bode einen Arbeitsausschuss in Kassel und gewann als Träger des Projekts eine "Gesellschaft Abendländische Kunst des XX. Jahrhunderts“, über die r auch die Kommunalpolitik einband. 200.000 DM aus öffentlichen Mitteln konnte er so für die Herrichtung des Ausstellungsgebäudes Fridericianum ergattern. Darin sollten den Deutschen die Stile und Künstler gezeigt werden, die ihnen in der Nacht der Nazijahre vorenthalten wurden. Arbeiten von Max Beckmann, Marc Chagall, Barbara Hepworth, Paul Klee, Giorgio Morandi, Pablo Picasso, Fernand Léger, Georges Rouault, Georg Meistermann, Henry Moore, Ernst Wilhelm Nay, Pierre Soulages, Heinz Trökes, Emilio Vedova, Fritz Winter, Wols - insgesamt 670 Werke von 148 Künstlern aus 13 Ländern, darunter 58 aus Deutschland - demonstrierten, was die Kunst geleistet hatte, während über Deutschland der Mehltau der nazistischen Schamhaarästhetik lag. Was über Jahre hinweg als "entartet“ denunziert war und wie der Name Picasso für wirres Zeug stand, füllte nun die Räum des nur notdürftig reparierten Fridericianums. Das Fridericianum in Kassel wurde im Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen und war bis 1955 noch nicht restituiert - gerade diese aufs Elementare reduzierte Ruinenarchitektur faszinierte Arnold Bode, und er setzte durch, dass die Exponate in nur bewusst notdürftig wiederhergestellten Räumen des Fridericianums gezeigt wurden.

Tony Cragg: "Earth products", documenta 8, Kassel. Foto ©  Manfred Wolff, 1987

Tony Cragg: "Earth products", documenta 8, Kassel. Foto ©  Manfred Wolff, 1987

  Großer kleiner Mann

Bode sprach davon, dass das Fridericianum "in der Zerstörung auf geheimnisvolle Weise in seinen Baumassen und den Raumvolumen essentiell geworden ist". Gelobt wurde von der damaligen Kunstkritik, dass eine "Raumstimmung von wunderbarer Klarheit und festlicher, fast tempelhafter Sammlung und Stille" entstanden sei. Das raue Mauerwerk wurde nur leicht geschlemmt, so dass alle Fugen und Brüche sichtbar blieben, als Raumteiler wurden faserige, meist weiß gestrichene Dämmplatten eingesetzt, milchigweiße Kunststoffbahnen, die vor die Fenster in langen Bahnen gehängt wurden, dämmten den Lichteinfall. 2,8 Millionen besuchten die Gartenschau, fast alle mussten am Fridericianum vorbei, aber nur 134.850 verirrten sich zu Henry Moore und Henri Matisse. Und auch die 200.000 Kasseler waren wohl eher skeptisch gegenüber dem provisorischen Musentempel und ahnten wohl kaum, dass dies der erste Schritt war, Kassel immer wieder für die inzwischen sprichwörtlichen 100 Tage des Museums auf Zeit zur Kulturhauptstadt Europas zu machen mit einer Ausstellung, die Venedigs Biennale bald in den Schatten stellen sollte. Es sollte noch 44 Jahre dauern, bis sich Kassel ganz offiziell und stolz „documenta-Stadt“ nannte. Die 134.000 Besucher der ersten documenta inner halb zweier Monate (vom 15.Juli bis zum 18. September) waren jedoch eine ebenso machtvolle Bestätigung des Bodeschen Plans wie die durchweg begeisterten Kritiken der Presse. Der nur 1,65 m kleine Bode war der Größte, und eine Fortsetzung des Unternehmens in vier Jahren eine beschlossene Sache, zumal die Gesamtkosten von 364.000 DM erträglich schienen.

Haus-Rucker-Co: "Rahmenbau", seit der documenta 6 (1977) in Kassel. Foto ©  Manfred Wolff

Haus-Rucker-Co: "Rahmenbau", seit der documenta 6 (1977) in Kassel. Foto ©  Manfred Wolff

 Überschreitungen und Proteste

Die documenta 2 1959 verdoppelte die Anzahl der ausgestellten Kunstwerke, konzentrierte sich auf die unmittelbare Nachkriegszeit und richtete den Blick zum ersten Mal auf die amerikanische Szene. Jackson Pollock und Willem de Kooning waren in Kassel zu sehen. Die Erweiterung ließ die documenta auch räumlich wachsen: die Orangerie und das Palais Bellevue wurden einbezogen, und die Plastik eroberte die angrenzende Karlsaue. Wieder kamen 137.000 Besucher nach Kassel. 1964 war das Jahr der verschlafenen Gelegenheiten. Zwar hatte Werner Haftmann mit seiner Retrospektive der Handzeichnung seit 1890 noch einmal den kunsthistorischen Aspekt in der documenta 3 betont, aber die aktuelle Revolution der Pop-Art fand in Kassel nicht statt. Dafür war zum ersten Mal ein Künstler vertreten, der in den nächsten Jahren zum festen Inventar gehören sollte: Joseph Beuys. (1921 - 1986). 200.000 Besucher wurden gezählt. Dennoch entstand ein Defizit von 402.000 DM, und die Kasseler Kommunalpolitiker wollten das Geld von Arnold Bode persönlich. Schließlich hatte er doch alles geplant, und schon 1959 hatte Bode eine Kostenüberschreitung von 250.000 DM produziert… Bode kam noch einmal davon. Zur documenta 4 kamen schon 220.000 Besucher, und die documenta-GmbH hatte Bode einen Beirat an die Seite gestellt, der auf die Qualität (?) achten sollte. Aber schon um die Konzeption gab es Ärger mit denen, die auf den retrospektiven Charakter der Werkschau bestanden. So lief der Rat auseinander und Bode hatte wieder freie Hand, diesmal mit dem Schwerpunkt der nordamerikanischen Kunst. In dem legendären Jahr 1968 erlebte auch die documenta ihre Protestkultur: vor dem Fridericianum wurde ein Transparent entfaltet: "Wir Blinden danken Professor Bode für diese schöne Ausstellung.“ Es war Bodes letzte documenta.

Charles Ray: "Oh, Charley, Charley, Charley", documenta 9, Kassel. Foto © Urszula Usakowska- Wolff, 1992

Charles Ray: "Oh, Charley, Charley, Charley", documenta 9,  Foto © Urszula Usakowska- Wolff

  Bilderwelten und Worte

Für die documenta 5 1972 wollte sich Arnold Bode der Mithilfe des Schweizer Ausstellungsmachers Harald Szeemann (1933-2005) versichern und lud ihn nach Kassel ein, damit er sich im Rathaus vorstellte. Dort fand man Gefallen an ihm und seinem Konzept  - und machte ihn zum alleinigen Chef der documenta. Mit Szeemann begann der zweite Abschnitt der documenta-Geschichte. Statt der belehrenden Retrospektiven wurden nun thematische Ausstellungen konzipiert. 1972 war es die "Befragung der Realität - Bilderwelten heute“, fünf Jahr darauf lenkte Manfred Schneckenburger (* 1938) die Aufmerksamkeit auf die neuen künstlerischen Ausdrucksformen wie Performance, Environments und Video, Joseph Beuys installierte seine legendäre Honigpumpe und es gab heftige Kontroversen um die erstmals eingeladene DDR-Kunst um Sitte,Tübke, Heisig und Mattheuer. 1982 unter der Leitung von Rudi Fuchs (* 1942) hatten die Jungen Wilden ihre Kasseler Premiere und Joseph Beuys legte vor dem Fridericianum 7.000 Basaltsäulen ab, die jeweils neben einer zu pflanzenden Eiche im Stadtgebiet vergraben werden sollten. Design und Architektur sollten 1987 während der documenta 8 unter der erneuten künstlerischen Leitung Manfred Schneckenburgers zu einer die Gesellschaft reflektierenden Kunst zurückführen. Und die documenta 9 befreite der Belgier Jan Hoet (* 1936) von der "Last eines erdrückenden theoretischen Überbaus“, was ihm den Vorwurf konzeptioneller Beliebigkeit einbrachte, eine Lebensform, der er fortan treu blieb. Mit der Französin Catherine David (* 1954) übernahm 1997 zum ersten und bisher einzigen Mal eine Frau die Leitung der documenta X. Sie wollte eine "manifestation culturelle“ schaffen, Kunst als Ausdruck ihres sozialen und politischen Umfelds verstehen. Es war eine documenta der Worte, die sich der ästhetisch-sinnlichen Wahrnehmung entzog. Und auch der in New York lebende Nigerianer Okwui Enwezor (* 1963) vertraute als Leiter der documenta 11 2002 mehr der Parole als dem Bild, wenn er die Globalisierung zum Thema der Ausstellung machte.

Fragment einer Installation von John Bock in der Karlsaue, documenta 11, Kassel. Foto ©  Manfred Wolff, 2002

Fragment einer Installation von John Bock in der Karlsaue, documenta 11,  Kassel. Foto ©  Manfred Wolff

  Ganz neu und anders

In diesem Jahr feiert die documenta ihren 50. Geburtstag. Mit ihrem steten Konzept der Selbsterfindung hat sie sich ihren jugendlichen Schwung erhalten, wenngleich sie schon längst zum Mythos geworden ist. Annähernd vier Millionen Menschen sind nach Kassel gepilgert, um diesen Mythos mitzuerleben. Mehr als 10.000 Werke von 2.800 Künstlern waren zu sehen. Die Stadt Kassel ist nicht nur zum wichtigsten Kunstort weltweit geworden, sie ist auch von den Hinterlassenschaften der Ausstellungen geprägt, seien es nun die 7000 Eichen von Beuys oder die Spitzhacke von Claes Oldenburg oder Jonathan Borofskys "Himmelsstürmer“. Und die "Treppe ins Nichts“, (1992 von Gustav Lange) war ein heißes Thema im Oberbürgermeisterwahlkampf und wurde 2000 als Einlösung eines Wahlversprechens ("Weg mit dem Schandfleck!“) bei Nacht und Nebel abgerissen. Bilder und Aktionen der documenta haben sich tief in das Bewusstsein unzähliger Menschen eingebrannt. Und wer einmal da war, fiebert der nächsten documenta entgegen, mag er diese auch noch so schrecklich gefunden haben - die nächste ist ja ganz neu und anders.

Text © Manfred Wolff

Fotos © Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff


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Museum Fridericianum, Documenta 11, Kassel. Foto ©  Manfred Wolff, 2002

Museum Fridericianum, Documenta 11, Kassel. Foto ©  Manfred Wolff, 2002

Orangerie in Kassel, Documenta 11. Foto ©  Manfred Wolff, 2002

Orangerie in Kassel, Documenta 11. Foto ©  Manfred Wolff, 2002

Mariusz Kruk: "Ohne Titel", documenta 9, Kassel. Foto ©  Manfred Wolff, 1992

Mariusz Kruk: "Ohne Titel", documenta 9, Kassel. Foto ©  Manfred Wolff, 1992

Ousmane Sow: "Sitzender Kämpfer - Nuba", documenta 9,  Foto © Urszula Usakowska- Wolff, 1992

Ousmane Sow: "Sitzender Kämpfer - Nuba", documenta 9,  Foto © Urszula Usakowska- Wolff, 1992

Pawel Althamer: "Astronaut II", documenta X, Kassel. Foto ©  Manfred Wolff, 1997

Paweł Althamer: "Astronaut II", documenta X, Kassel. Foto ©  Manfred Wolff, 1997

Peter Kogler: "Tapete" in der documenta-Halle, documenta X, Kassel. Foto ©  Urszula Usakowska- Wolff, 1997

Peter Kogler: "Tapete" in der documenta-Halle, documenta X, Kassel. Foto ©  Urszula Usakowska- Wolff

Rose-Marie Trockel/Carsten Höller: "Haus für Schweine und Menschen", documenta X, Kassel. Foto ©  Urszula Usakowska- Wolff, 1997

Rose-Marie Trockel/Carsten Höller: "Haus für Schweine und Menschen", documenta X, Kassel

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