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Mekka der Weltkunst Kassel - das war nach dem Krieg eine Stadt wie viele andere
in Deutschland auch. 90 % der Stadt im Bombenkrieg zerstört, überbevölkert
durch die Vertriebenen und Flüchtlinge aus dem Osten, ohne die
traditionellen Arbeitsplätze. Bei Henschel in Kassel wurden erst
Lokomotiven und dann auch Panzer gebaut. Kassel hatte keine Altstadt
mehr, und auch die kulturellen Bauten lagen in Schutt und Trümmern.
Aber man baute auf. Zuerst die Innenstadt. Da entstand die erste Fußgängerzone
Deutschlands. Dabei gab es noch gar nicht so viele Autos. Mit den
Theatern und Museen ging es nur schleppend voran. Dafür gewann Kassel
1955 die begehrteste Großveranstaltung der Bundesrepublik: die
Bundesgartenschau. Alljährlich pilgerten - immer an einem anderen Ort -
Millionen von Schrebergärtnern, Eigenheimbesitzern oder nur glückliche
Inhaber eines Balkons zu diesen Schauveranstaltungen und ergötzten sich
an Tulpen, Rosen und Dahlien, fuhren mit dem Tretboot auf einem künstlichen
See oder mit einer Liliputbahn durch einen Märchenpark und vertilgten
Unmengen von Bockwurst mit Kartoffelsalat sowie Buttercremetorte. Da
machte es sich dann auch immer gut, wenn ein kulturelles Beiprogramm
geboten wurde. In Kassel nahm sich Arnold Bode dieser Aufgabe an.
Avantgarde in der Ruinenarchitektur Arnold Bode (1900 - 1977), selbst Architekt, Designer und
Maler, stammte aus Kassel und war bis 1933 einer der Leiter des Berliner
Werklehrerseminars. Die Nazis belegten den Sozialdemokraten mit Berufs-
und Malverbot. 12 Jahre malte er "im Dunkeln“, wie er selbst
sagte. Nach 1945 war er wieder in seiner Vaterstadt ansässig geworden
und hatte dort die Kasseler Kunstakademie, die schon 1931 ihre Pforten
geschlossen hatte, wiederbelebt. Seine Bilder, der Neuen Sachlichkeit
verbunden, erreichten nur ein begrenztes Publikum, ein größeres fand
er als Ausstellungsmacher von Toronto bis Venedig. In der Lagunestadt
traf er 1954 mit dem dort damals lebenden Kunsthistoriker Werner
Haftmann (1912-1999)
zusammen, und die beiden "erfanden“ die documenta. Ein Jahr später
berief Bode einen Arbeitsausschuss in Kassel und gewann als Träger des
Projekts eine "Gesellschaft Abendländische Kunst des XX.
Jahrhunderts“, über die r auch die Kommunalpolitik einband. 200.000
DM aus öffentlichen Mitteln konnte er so für die Herrichtung des
Ausstellungsgebäudes Fridericianum ergattern. Darin sollten den
Deutschen die Stile und Künstler gezeigt
werden, die ihnen in der Nacht der Nazijahre vorenthalten wurden.
Arbeiten von Max
Beckmann, Marc
Chagall, Barbara
Hepworth, Paul Klee, Giorgio
Morandi, Pablo
Picasso, Fernand
Léger, Georges
Rouault, Georg
Meistermann, Henry
Moore, Ernst
Wilhelm Nay, Pierre
Soulages, Heinz
Trökes, Emilio
Vedova, Fritz
Winter, Wols
- insgesamt 670 Werke von 148 Künstlern aus 13 Ländern,
darunter 58 aus Deutschland - demonstrierten, was die Kunst geleistet
hatte, während über Deutschland der Mehltau der nazistischen Schamhaarästhetik
lag. Was über Jahre hinweg als "entartet“ denunziert war und wie
der Name Picasso für wirres Zeug stand, füllte nun die Räum des nur
notdürftig reparierten Fridericianums. Das Fridericianum in Kassel
wurde im Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen und war bis 1955 noch
nicht restituiert - gerade diese aufs Elementare reduzierte
Ruinenarchitektur faszinierte Arnold Bode, und er setzte durch, dass die
Exponate in nur bewusst notdürftig wiederhergestellten Räumen des
Fridericianums gezeigt wurden.
Großer kleiner Mann Bode sprach davon, dass das Fridericianum "in der Zerstörung
auf geheimnisvolle Weise in seinen Baumassen und den Raumvolumen
essentiell geworden ist". Gelobt wurde von der damaligen
Kunstkritik, dass eine "Raumstimmung von wunderbarer Klarheit und
festlicher, fast tempelhafter Sammlung und Stille" entstanden sei.
Das raue Mauerwerk wurde nur leicht geschlemmt, so dass alle Fugen und
Brüche sichtbar blieben, als Raumteiler wurden faserige, meist weiß
gestrichene Dämmplatten eingesetzt, milchigweiße Kunststoffbahnen, die
vor die Fenster in langen Bahnen gehängt wurden, dämmten den
Lichteinfall. 2,8 Millionen besuchten die Gartenschau, fast alle mussten
am Fridericianum vorbei, aber nur 134.850 verirrten sich zu Henry Moore
und Henri Matisse. Und auch die 200.000 Kasseler waren wohl eher
skeptisch gegenüber dem provisorischen Musentempel und ahnten wohl
kaum, dass dies der erste Schritt war, Kassel immer wieder für die
inzwischen sprichwörtlichen 100 Tage des Museums auf Zeit zur
Kulturhauptstadt Europas zu machen mit einer Ausstellung, die Venedigs
Biennale bald in den Schatten stellen sollte. Es sollte noch 44 Jahre
dauern, bis sich Kassel ganz offiziell und stolz „documenta-Stadt“
nannte. Die 134.000 Besucher der ersten documenta inner halb zweier
Monate (vom 15.Juli bis zum 18. September) waren jedoch eine ebenso
machtvolle Bestätigung des Bodeschen Plans wie die durchweg
begeisterten Kritiken der Presse. Der nur 1,65 m kleine Bode war der Größte,
und eine Fortsetzung des Unternehmens in vier Jahren eine beschlossene
Sache, zumal die Gesamtkosten von 364.000 DM erträglich schienen.
Überschreitungen
und Proteste Die documenta 2 1959 verdoppelte die Anzahl der ausgestellten
Kunstwerke, konzentrierte sich auf die unmittelbare Nachkriegszeit und
richtete den Blick zum ersten Mal auf die amerikanische Szene. Jackson
Pollock und Willem de Kooning waren in Kassel zu sehen. Die Erweiterung
ließ die documenta auch räumlich wachsen: die Orangerie und das Palais
Bellevue wurden einbezogen, und die Plastik eroberte die angrenzende
Karlsaue. Wieder kamen 137.000 Besucher nach Kassel. 1964 war das Jahr
der verschlafenen Gelegenheiten. Zwar hatte Werner Haftmann mit seiner
Retrospektive der Handzeichnung seit 1890 noch einmal den
kunsthistorischen Aspekt in der documenta 3 betont, aber die aktuelle
Revolution der Pop-Art fand in Kassel nicht statt. Dafür war zum ersten
Mal ein Künstler vertreten, der in den nächsten Jahren zum festen
Inventar gehören sollte: Joseph Beuys. (1921 - 1986). 200.000 Besucher wurden gezählt.
Dennoch entstand ein Defizit von 402.000 DM, und die Kasseler
Kommunalpolitiker wollten das Geld von Arnold Bode persönlich. Schließlich
hatte er doch alles geplant, und schon 1959 hatte Bode eine Kostenüberschreitung
von 250.000 DM produziert… Bode kam noch einmal davon. Zur documenta 4
kamen schon 220.000 Besucher, und die documenta-GmbH hatte Bode einen
Beirat an die Seite gestellt, der auf die Qualität (?) achten sollte.
Aber schon um die Konzeption gab es Ärger mit denen, die auf den
retrospektiven Charakter der Werkschau bestanden. So lief der Rat
auseinander und Bode hatte wieder freie Hand, diesmal mit dem
Schwerpunkt der nordamerikanischen Kunst. In dem legendären Jahr 1968
erlebte auch die documenta ihre Protestkultur: vor dem Fridericianum
wurde ein Transparent entfaltet: "Wir Blinden danken Professor Bode
für diese schöne Ausstellung.“ Es war Bodes letzte documenta.
Bilderwelten und Worte Für die documenta 5 1972 wollte sich Arnold Bode der
Mithilfe des Schweizer Ausstellungsmachers Harald Szeemann (1933-2005)
versichern
und lud ihn nach Kassel ein, damit er sich im Rathaus vorstellte. Dort
fand man Gefallen an ihm und seinem Konzept
- und machte ihn zum alleinigen Chef der documenta. Mit Szeemann
begann der zweite Abschnitt der documenta-Geschichte. Statt der
belehrenden Retrospektiven wurden nun thematische Ausstellungen
konzipiert. 1972 war es die "Befragung der Realität - Bilderwelten
heute“, fünf Jahr darauf lenkte Manfred Schneckenburger (* 1938) die
Aufmerksamkeit auf die neuen künstlerischen Ausdrucksformen wie
Performance, Environments und Video, Joseph Beuys installierte seine
legendäre Honigpumpe und es gab heftige Kontroversen um die erstmals
eingeladene DDR-Kunst um Sitte,Tübke, Heisig und Mattheuer. 1982 unter
der Leitung von Rudi Fuchs (* 1942) hatten die Jungen Wilden ihre
Kasseler Premiere und Joseph Beuys legte vor dem Fridericianum 7.000
Basaltsäulen ab, die jeweils neben einer zu pflanzenden Eiche im
Stadtgebiet vergraben werden sollten. Design und Architektur sollten
1987 während der documenta 8 unter der erneuten künstlerischen Leitung
Manfred Schneckenburgers zu einer die Gesellschaft reflektierenden Kunst
zurückführen. Und die documenta 9 befreite der Belgier Jan Hoet (*
1936) von der "Last eines erdrückenden theoretischen Überbaus“,
was ihm den Vorwurf konzeptioneller Beliebigkeit einbrachte, eine
Lebensform, der er fortan treu blieb. Mit der Französin Catherine David
(* 1954) übernahm 1997 zum ersten und bisher einzigen Mal eine Frau die
Leitung der documenta X. Sie wollte eine "manifestation culturelle“
schaffen, Kunst als Ausdruck ihres sozialen und politischen Umfelds
verstehen. Es war eine documenta der Worte, die sich der ästhetisch-sinnlichen
Wahrnehmung entzog. Und auch der in New York lebende Nigerianer Okwui
Enwezor (* 1963) vertraute als Leiter der documenta 11 2002 mehr der
Parole als dem Bild, wenn er die Globalisierung zum Thema der
Ausstellung machte.
Ganz neu und anders In diesem Jahr feiert die documenta ihren 50. Geburtstag. Mit
ihrem steten Konzept der Selbsterfindung hat sie sich ihren jugendlichen
Schwung erhalten, wenngleich sie schon längst zum Mythos geworden ist.
Annähernd vier Millionen Menschen sind nach Kassel gepilgert, um diesen
Mythos mitzuerleben. Mehr als 10.000 Werke von 2.800 Künstlern waren zu
sehen. Die Stadt Kassel ist nicht nur zum wichtigsten Kunstort weltweit
geworden, sie ist auch von den Hinterlassenschaften der Ausstellungen
geprägt, seien es nun die 7000 Eichen von Beuys oder die Spitzhacke von
Claes Oldenburg oder Jonathan Borofskys "Himmelsstürmer“. Und
die "Treppe ins Nichts“, (1992 von Gustav Lange) war ein heißes
Thema im Oberbürgermeisterwahlkampf und wurde 2000 als Einlösung eines
Wahlversprechens ("Weg mit dem Schandfleck!“) bei Nacht und Nebel
abgerissen. Bilder und Aktionen der documenta haben sich tief in das
Bewusstsein unzähliger Menschen eingebrannt. Und wer einmal da war,
fiebert der nächsten documenta entgegen, mag er diese auch noch so
schrecklich gefunden haben - die nächste ist ja ganz neu und anders. Text ©
Manfred Wolff Fotos ©
Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff
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