Parade der Peinlichkeiten

Schön sollte sie werden, zur Bildung des Laienpublikums beitragen und durch die "Ästhetik der Formlosigkeit“ glänzen: die Weltkunstausstellung documenta 12, die alle fünf Jahre wieder in Kassel, diesmal parallel zu den Skulptur Projekten in Münster und der Biennale von Venedig, traditionell hundert Tage lang bis zum 23. September für Aufsehen und großen Andrang sorgt. Die Wahl des künstlerischen documenta-Leiters (nur einmal in der Geschichte dieser internationalen Schau, und zwar der documenta 10, wurde einer Frau, der Französin Catherine David, diese höchste kuratorische Weihe zuteil), war eine perfekte Überraschung. Sie fiel auf den weitgehend unbekannten Robert M. Buergel (*1963 in Berlin), der seit 1983 in Wien lebt, wo er sein Studium an der Akademie der bildenden Künste abbrach, zwei Jahre lang als Assistent des Blutorgienkünstlers Hermann Nitsch arbeitete und anschließend Philosophie und Wirtschaftswissenschaften studierte. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Kunsthistorikerin Ruth Noack (*1964) gründete er in den 1990er Jahren die Zeitschrift "Der Springer“, die dann geschlechtskorrekt in "Die Springerin“ umgenannt wurde. Außer einigen wenigen Gruppenausstellungen (u.a. "Dinge, die wir nicht verstehen“, "Die Regierung“) zum Verhältnis zwischen Kunst und Politik, die das Paar in Ljubljana, Leipzig und Lüneburg organisierte, waren sie in der Kunstszene eine Tabula rasa. Als Robert Buergel 2003 von der Berufungskommission, einer Art Konklave der documenta, zum Vorstellungsgespräch nach Kassel eingeladen wurde, fiel dann auch die Wahl prompt auf ihn, den ersten Deutschen in dieser Funktion seit zwanzig Jahren. "Als einziger Kandidat habe ich in den Bewerbungsgesprächen keinen Künstlernamen genannt. Das hat sie überzeugt“, erklärte er witzelnd seinen Erfolg. Dass auch Ruth Noack eine tragende kuratorische Rolle in der documenta 12 spielen wird, verstand sich dann von selbst: So viel Familiensinn ist in der Kunstwelt wirklich rührend, und vielleicht werden die beiden (Kunst)liebenden auch in die Reihe berühmter KünstlerInnenduos (Gilbert & George, Christo & Jeanne-Claude, Ilya & Emilia Kabakov, Pierre & Gilles) aufgenommen. Vielleicht sogar mit ihren Kindern, die der documenta-Macher im Katalog dankend erwähnt: "Eine Ausstellung macht man nicht allein und auch nicht zu zweit. Ohne die Inspiration, das Engagement und die Leidenschaft so vieler wären wir gescheitert. Zur Ästhetik der Formlosigkeit gehört, dass wir diese vielen nicht namentlich nennen wollen. (…) Zwei Namen aber dürfen fallen: Charlotte und Kasimir - sie haben die oft langen Abwege ihrer Eltern tapfer ertragen.“ Der Aufbau der documenta in einer Familie: Ist das der Abweg einer neuen kuratorischen Praxis?

Cosima von Bonin: Relax it´s only a gost, Installation (Fragment), documenta-Halle. Foto © Manfred Wolff

Cosima von Bonin: Relax it´s only a gost, Installation (Fragment), documenta-Halle. Foto © Manfred Wolff

Cosima von Bonin: Relax it´s only a gost, Installation (Fragment), documenta-Halle. Foto © Manfred Wolff

Cosima von Bonin: Relax it´s only a gost, Installation (Fragment), documenta-Halle. Foto © Manfred Wolff

  Dritte-Welt-Laden im Kristallpalast

Und tatsächlich ist die diesjährige documenta eine familienfreundliche Angelegenheit: die lieben Kleinen und ihre Eltern und Großeltern, vor allem die aus der 68er Generation und ihre heutigen Nachfolger, die Salonantiglobalisten und Genderfetischisten können sich dort wohlfühlen, denn jede(r) kann etwas Korrektes für sich entdecken, was er sonst auch gern sieht. Die auf sechs bedachte Ausstellungsorte ausgedehnte Weltkunstschau (zum ersten Mal kam auch das Schloss Wilhelmshöhe dazu) ist vielerorts eine Mischung aus Dritte-Welt-Laden, Wandzeitung und einer VHS-Präsentation zum Thema: "Malen, Zeichnen, Töpfern und Filmen gegen Krieg, Kolonialismus, Armut, Ausbeutung und Genmanipulation“. Um auf alle Probleme dieser Welt hinzuweisen, scheuten das Kuratorenduo und ihr Team keine Kosten (20 Millionen Euro) und keine Mühe. Die Karlsaue vor der Orangerie, wo während der früheren documenta Skulpturen und Installationen standen und wo Kinder Fußball spielten, wurde von einer gigantischen Halle in der Machart eines Gewächshauses verunziert, ein hässliches Provisorium der französischen Architekten Lacaton & Vassal, das 10.000 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsfläche bietet. Nach der Fertigstellung dieser eine Million Euro teuren Konstruktion, die nach Überzeugung ihrer Macher "den Luxus der armen Dinge“ ausdrückt, kam es zum ersten Eklat. Weil die documenta-Leitung Klimaanlagen einbauen ließ, verdreifachten sich die Kosten des Auepavillons und die Franzosen distanzierten sich von ihrem Bauwerk. Die als "Kristallpalast“ gepriesene Baracke aus Plexiglas; Metallstützen, rötlichem Asphalt und Abluftrohren, die an einen ebenerdigen Centre-Pompidou-Verschnitt entfernt erinnert, ist der größte Ausstellungsort und einer der größten Flops dieser documenta: ein Paradebeispiel für die Beliebigkeit und das Gutmenschentum ihrer Kuratoren. In dem nur spärlich vom Tages- und künstlichen Licht beleuchteten unüberschaubaren Räumen verliert man sich in einer erdrückenden Fülle von Videos, Dokumentarfotos, Malereien und Installationen, die die politischen und sozialen Verhältnisse in Afrika, die Genpatentierung und andere fiese Machenschaften der Großkonzerne offen legen. Gut zu wissen, dass "Saab“ einer der Hauptsponsoren dieser kapitalismuskritischen Schau ist. Es gibt auch Filme über die Stricherszene in spanischen Großstädten, Aufnahmen einer Frau, die ihren von Brustkrebs verunstalteten Körper zur Schau stellt, den Entwurf und das Modell eines Schwulendenkmals für Berlin. Doch die interessanten Arbeiten, wie die aus dem Müll gefertigten Masken oder das aus leeren Benzinkanistern gebaute Boot mit dem ironischen Titel "Dream“ von Romuald Hazoumé, die eierförmigen Gipsskulpturen von Mária Bartuszová und die minimalistischen Objekte aus organischen Stoffen und Gegenständen des täglichen Bedarfs von Béla Kolářova kommen in der Masse der ausgestellten Exponate und im schummrigen Licht nicht zur Geltung.

Ines Doujak: "Siegesgärten", Installation zum Thema "Globale Biopiraterie", 2007, documenta 12, Aue-Pavillon. Foto © Manfred Wolff

Ines Doujak: "Siegesgärten", Installation zum Thema "Globale Biopiraterie", 2007, documenta 12, Aue-Pavillon. Foto © Manfred Wolff

Romuald Hazoumé: Dream, 2007, Installation, Aue-Pavillon, Kassel. Foto © Manfred Wolff

Romuald Hazoumé: Dream, 2007, Installation, Aue-Pavillon, Kassel. Foto © Manfred Wolff

  Migration der Harmlosigkeit

Noch nie, auch in den letzten beiden theorielastigen und zerredeten documenta 10 und 11, war die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Wortbildung, Bildung und Bild so groß wie in diesem Jahr. Schon im Vorfeld der 12. Weltkunstausstellung in Kassel produzierten fast hundert Kunstzeitschriften in aller Welt Beiträge zu den Themen, die sich der Kurator Buergel als Leitmotive seiner documenta ausgedacht hat: "Ist die Moderne unsere Antike?“, "Das bloße Leben“, und (frei nach Lenin) "Was tun?“ Eine zentrale Bedeutung dieser Schau, an der 108 Künstlerinnen, Künstler und Gruppen mit über 500 Werken, darunter alte persische Teppiche, japanische Holzschnitte, chinesische Lacktafeln und indische Miniaturen (vermutlich aus Ausdruck jener gefragten "Antike“) präsentiert werden, und die ohne zentrale Botschaft (also der "Ästhetisierung der Formlosigkeit“) auskommen soll, liegt in der "Migration der Form". Um das zu verdeutlichen, ließ man die Wände im Fridericianum und Schloss Wilhelmshöhe, in der documenta-Halle und der Neuen Galerie mit unbehaglichen Farben: olivgrün, lila und ochsenblutrot anstreichen. Sie schlucken das Licht, und die Besichtigung findet im Halbdunklen statt. Doch die Werke, die für die Kuratoren besonders wichtig zu sein scheinen, werden angestrahlt. Was tun, um "Die Migration der Form“ im Einklang mit der "Ästhetisierung der Formlosigkeit“ zu verstehen, leuchtet notgedrungen auf Anhieb nicht ein. Ist das die Kordelinstallation "And …, 2007“ der indischen Künstlerin Shella Gowda oder das Kordelnetz mit den Kleidungsstücken, in denen eine internationale Jugendtanzgruppe das Tanzstück "Floor of the Forest“ der großen alten Dame und Erneuerin des Tanztheaters Trisha Brown von 1970 stündlich im Fridericianum vorführt? Ist die Kordel die "Migration der Form“ von einer Künstlerin zur anderen oder gar Ausdruck der "Moderne als unsere Antike?“ Oder ist es die ausgestopfte Giraffe mit dem Titel "The Zoo Story“ (2007) von Peter Friedl, ein bewegendes Opfer des israelisch-palästinensischen Konflikts, die hinter der banalen Installation "Relax it´s only a ghost“ (2006) von Cosima von Bonin, bestehend aus lauter selbstgebastelten Stofftierchen, Treppen und anderen Podesten aufgestellt wurde? Soll hier etwa die Form der Giraffe in den Stoffzoo migrieren oder umgekehrt? Das ist alles sehr bemüht und stellenweise auch recht peinlich. Als "ein Stück materieller Kultur und individualisierte Entwicklungslinien“ beschreibt Roger M. Buergel die Kinderzeichnungen von Peter Friedl, auch sie mit allerlei exotischem und heimischem Getier kindergerecht verziert, die in der Neuen Galerie dem Publikum nicht vorenthalten werden. Als Pendant dazu kann man die ebenfalls kindhaften kleinformatigen Zeichnungen der 38jährigen Annie Pootoogook sehen. Sie ist Inuit und lebt als Enkelin und Tochter von Künstlerinnen, nördlich des Polarkreises in der Siedlung Cape Dorset auf Baffin Island in Kanada. Ihre Tusche- und Bleistiftzeichnungen sowie ihre Aquarelle haben vor allem einen ethnografischen Wert, denn sie zeigen den Verfall einer marginalisierten traditionellen Ureinwohnergesellschaft unter dem Einfluss von Fernsehen, Alkohol, Drogen, Gewalt und Sex. Muss eine zeichnende Inuit zwangsläufig eine documentataugliche Künstlerin sein? Ebenso vordergründig und plakativ sind die eine naive Machart vortäuschenden Bilder und Reliefs des in Australien lebenden Chilenen Juan Davila, die Rassismus, Sexismus und verlogene historischen Identitäten in seiner alten und neuen Heimat bis auf die nackte Haupt und primäre Geschlechtsorgane entblößen. Ihre Radikalität ist aber sehr oberflächlich und verliert sich in der narrativen Geschwätzigkeit. Auch Arbeiten, die an einem andren Ort durch Dynamik, Formenreichtum und Leichtigkeit beeindrucken könnten, wie zum Beispiel die titellose Installation von Iole de Freitas (2007), die im Obergeschoss des Friedericianums untergebracht ist, wirken in dem dafür nicht geeigneten Raum, den sie sprengen, deplaziert. Doch in diesem Fall findet tatsächlich eine "Migration der Form“ statt, denn die Installation wuchert auf der Fassade des Museums weiter. Das ist aber eher eine Ausnahme, denn an vielen Stellen dieser documenta erlebt man eher eine "Migration der Harmlosigkeit“.

Sheela Gowda: And..., 2007, Installation, Museum Fridericianum, Kassel. Foto © Manfred Wolff

Sheela Gowda: And..., 2007, Installation, Museum Fridericianum, Kassel. Foto © Manfred Wolff

Iole de Freitas: Untitled, 2007, Installation (Fragment), Museum Fridericianum. Foto © Manfred Wolff

Iole de Freitas: Untitled, 2007, Installation (Fragment), Museum Fridericianum. Foto © Manfred Wolff

  Mangelnde Bildung und fehlender Verstand

In weiser Voraussicht erklärte Roger M. Buergel das Scheitern zum Bestandteil der kuratorischen und künstlerischen Praxis. "Das bloße Leben“, doch anders, als von der Kuratorenschaft ausgebrütet, schlug leider mit voller Wucht zu. Vier Tage nach der Eröffnung der Weltkunstschau wurde Kassel vom Orkan "Franz“ verwüstet. Ihm fiel das Mohnfeld der Künstlerin Sanja Iveković vor dem Museum Fridericianum zum Opfer, wo nur eine einzige symbolträchtige Blume erblühte. Unversehrt blieb dagegen das rund um das benachbarte Denkmal Friedrichs II. von Andreas Siekmann gebaute Karussell mit dem Titel "Die Exklusive. Zur Politik des ausgeschlossenen Vierten“, das sich geben das regionale Abschiebeverfahren von Ausländern dreht. Die für den Innenraum bestimmte, doch vor dem "Kristallpalast“ aufgestellte 12 Meter hohe Skulptur "Template“ aus antiken chinesischen Holztüren und -fenstern, die der Künstler mit dem unverwechselbaren Namen Ai Weiwei restaurieren ließ, stürzte ein und bildete einen monströsen Materialhaufen, wie auf dem Hof eines vernachlässigten Baumarkts. "Die Natur ist doch der fähigere Künstler“, gab der zum Star der documenta 12 gekürte chinesische Künstler zum Besten. "Die Arbeit soll so, wie sie ist, bis zum Ende der documenta liegen bleiben. Das Werk ist jetzt doppelt so viel Wert wie vorher.“ Der Mann muss wohl über prophetische Eigenschaften verfügen, denn prompt meldete das Guggenheim Museum in New York Kaufabsichten an. In den "Kristallpalast“ regnete es ein, sodass er zusätzlich abgedichtet werden musste. Doch die größte Blamage, die von mangelnder Bildung und fehlendem Verstand zeugt, ist das "Terraced Rice Field Projekt“ des Thailänders Sakarin Krue-On vor dem Schloss Wilhelmshöhe. Ein terrassenartiges Reisfeld sollte dort gepflanzt werden als "Vexierbild, das zwischen Ost und West, Ackerbau und Parkkultivierung, Historie und Gegenwart vermittelt“, ist im Katalog zu lesen, doch das Kunstwerk steht nur auf dem Papier. Es war eine riesige Arbeit erforderlich, um zu zeigen, dass auf hessischem Boden kein Reis gedeihen kann: Vor dem Schloss wurden 3200 Quadratmeter Park aufgegraben, mit Wasser aus dem Schlossteich aufgefüllt, das im porösen Grund versickert. Der Hang, aus dem laufend Tausende Liter Wasser ausgepumpt werden müssen, droht abzurutschen. Nur noch Pfützen und Schlammmassen erinnern an das ost-westliche Terrassenprojekt. Man sieht es: nicht alle Formen (des Ackerbaus) können migrieren.

Ai Weiwei: Template, Installation, 2007, vom Orkan "Franz" umgeworfen. Hinten: Kristallpalast von  Lacaton & Vassal, documenta 12, Kassel. Foto © Manfred Wolff

Ai Weiwei: Template, Installation, 2007, vom Orkan "Franz" umgeworfen. Hinten: Kristallpalast von
 
Lacaton & Vassal, documenta 12, Kassel. Foto © Manfred Wolff

Sanja Ivekovic: Mohnfeld, 2007. Hinten: Andreas Siekmann: Die Exlusive. Zur Politik der ausgeschlossenen Vierten, Installation, 2007. documenta 12. Foto © Manfred Wolff

Sanja Iveković: Mohnfeld, 2007. Hinten: Andreas Siekmann: Die Exlusive. Zur Politik der ausgeschlossenen Vierten, Installation, 2007. documenta 12. Foto © Manfred Wolff 

  Ein Märchen für 1001 Chinesen

Und so wundert man sich nicht, dass es in dieser von Pleiten, Pech und Pannen geprägten Schau, von der Kritik als "Desaster“, "Katastrophe“, "Die schlechteste Ausstellung aller Zeiten“, bestenfalls als "Grandioses Scheitern“ bezeichnet, vor allem jene Kunstwerke Aufsehen erregen, die keine sind. Im Licht des veröffentlichten Interesses (zur documenta 12 haben sich 2.7000 Journalistinnen und Journalisten akkreditiert) sonnt sich in diesem launischen Sommer vor allem der erwähnte Ai Weiwei, der - neben seiner (umgestürzten) Skulptur, 1001 antike Holzstühle der Quing-Dynastie (1644 - 1911) und 1001 zeitgenössische Chinesen aus allen Altersgruppen und sozialen Milieus nach Kassel einfliegen ließ und zu einem medialen Dauerbrenner aufstieg. Wenn man drei Millionen Euro zur Verfügung hat, ist es kein Kunststück, eine derart auffallende Aktion durchzuführen. Für seine Landsleute, die in fünf Etappen (vom 12. Juni bis zum 9. Juli) in der Stadt der Brüder Grimm weilten, musste das wie ein "Fairytale“, ein Märchen sein. Der "große Kommunikator“ Weiwei entwarf für die 1001 Chinesen, die in den Gottschalkhallen, einem ehemaligen VW-Zulieferbetrieb, wohnten, Betten und Koffer und schrubbte für sie die Toiletten. Das war seine Referenz an seinen Vater, den bekannten Dichter Ai Quing, der zuerst in den 1930er Jahren wegen linker Ideen zu sechs Jahren Haft, dann 1957 als Rechtsabweichler zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt und erst 1978 rehabilitiert wurde. Auf den 1001 Stühlen, die in allen documenta-Ausstellungsorten stehen, kann man bequem verschnaufen. Nur warum diese schönen und wohl auch kostbaren Sitzgelegenheiten "Palmenhaine“ heißen, bleibt ein Geheimnis. Diese Stühle bringen doch wohl niemanden auf die Palme. Dafür aber die Behauptung des künstlerischen Leiters, dass seine documenta so marktfern wie keine zuvor bleiben sollte: 49 kommerzielle Galerien, die im Katalog dankend erwähnt werden sowie die documenta-Edition mit signierten Künstlerfotos in einer Auflage von 1000 Exemplaren zum Stückpreis von 1000 Euro erfordern keinen Kommentar.

Ai Weiwei: 15 von den 1001 Stühlen bilden einen Palmenhain, documenta 12. Foto © Manfred Wolff

Ai Weiwei: 15 von den 1001 Stühlen bilden einen Palmenhain, documenta 12. Foto © Manfred Wolff

  Entdeckungen trotz chaotischer Hängung

Die documenta 12 bleibt über weite Strecken das Werk von Laien: der unmögliche Anstrich der Wände mit Farben, die einen schaudern und zwielichtige Räume entstehen lassen, die auf mehrere Räume und Ausstellungsorte verteilten Kunstwerke der einzelnen Künstlerinnen und Künstler erzeugen Irritation, denn man weiß nicht, was diese Zersplitterung bewirken soll. Genauso unübersichtlich ist der chronologisch, also nach dem Entstehungsjahr der ausgestellten Werke geordnete Katalog, in dem man lange blättern muss, um Informationen über Künstlerinnen und Künstler, die sich auf verschiedenen Seiten befinden, zusammenzufügen. Das fördert mitnichten die Konzentration, denn es erfordert viele lange Wege, um die Komplexität einer künstlerischen Persönlichkeit zu begreifen. Abgesehen davon, dass man Künstler entdeckt, die keine documenta-Neulinge sind (u.a. die Fotografen David Hasselblatt und Allan Sekula, der Filmemacher und Performer James Coleman, der Maler Kerry James Marshall), kann man, wenn man sich von der chaotischen Hängung und Aufstellung der Exponate nicht entmutigen lässt, auch einige Entdeckungen machen. Dazu gehören (vor allem für das westliche Publikum) die Werke osteuropäischer Künstlerinnen, die in den 1960er und 1970er Jahren zur (im Westen kaum wahrgenommenen) alternativen Szene zählten, allen voran die in Paris lebende und früh verstorbene Polin Alina Szapocznikow (1926 - 1973) und die in Warschau arbeitende Zofia Kulik (*1947). Von der Ersteren, einer Bildhauerin, werden die "Fotoskulpturen“ (1971) mit erotischen Kaugummiformen gezeigt, eher ein Nebenprodukt ihrer künstlerischen Arbeit, in der sie mit Kunststoffen experimentierte und sich (als KZ-Überlebende) mit dem vom Krieg und Krankheit gezeichneten weiblichen Körper auseinander setzte. Zofia Kulik, die Anfang der 1970er Jahre zusammen mit ihrem Mann Przemysław Kwiek unter dem Label Kwiekulik ihr privates Leben im totalitären System dokumentierte, arbeitet seit 1986 als eigenständige Fotokünstlerin, die eigenwillige und einzigartige Fotokollagen mit Ornamenten aus nackten Männern, Architekturfragmenten, Straßenszenen und Zitaten aus der Kunstgeschichte schafft. Ihre aufwendigen Tableaus, in denen sie Einzelbilder aus ihrem Archiv verarbeitet und die häufig Mandalas oder Altären gleichen, erzählt sie mehr oder weniger metaphorisch die Geschichte ihrer Zeit, früher geprägt vom allgemeinen Warenmangel und einem Überangebot an Ideologie, nach der Wende durch den Konsumterror und eine Bilderflut gekennzeichnet. Mit acht großflächigen Fotoarbeiten (eine davon ist das gemeinsame Werk von Kwiekulik) und der Tatsache, dass "The Splendour of Myself (II), 1997, zwischen den Rembrandt-Gemälden im Schloss Wilhelmshöhe hängt, wird sie zur sichtbarsten Künstlerin der documenta, obwohl ihre meistens schwarz-weiß-grauen Collagen sich erst bei näheren Schauen als raffinierte Formgeflechte mit tiefem menschlichen und historischen Inhalt offenbaren. Der dritte Teilnehmer aus Polen ist der international etwas überbewertete Bildhauer Artur żmijewski, der sich in letzter Zeit der Filmkunst verschrieben hat. In seinen Filmen wendet er häufig zweifelhafte Soziotechniken an, um auf das Schicksal von Behinderten, Ausgeschlossenen und anderen Randgruppen hinzuweisen. An zwei etwas abseits gelegenen Ausstellungsorten: im iPod und dem Kulturzentrum Schlachthof führt er zum einen den "Głuchy Bach“, 2003, vor, in dem er gehörlose oder schwerhörige Kinder eine Kantate von Bach vorsingen lässt. Zum anderen zeigt er in der Videoinstallation "Them“, 2007, seinen Glauben an die versöhnende Macht der Kunst. Vertreterinnen und Vertreter antagonistischer Gruppen in Polen: u.a. extreme Rechte und Linke, Schwule und Juden sollen mittels gemeinsamen künstlerischen Aktivitäten Toleranz und gegenseitige Akzeptanz üben. Am Ende wird das gemeinsame Kunstwerk abgefackelt. Kunst allein kann die Klischees, die zum Hass führen, nicht auf Anhieb beseitigen.

 

Peter Friedl: The Zoo Story, 2007 (Ausgestopfte Giraffe Brownie aus dem Zoo Qualqiliyah/Westjordanland. Sie starb am 19.08.2002, als es zu Schießereien zwischen den Einwohnern der Stadt und der israelischen Streitkräfte während der zweiten Intifada kam). documenta 12, documenta-Halle. Foto © Manfred Wolff

Peter Friedl: The Zoo Story, 2007 (Ausgestopfte Giraffe Brownie aus dem Zoo Qualqiliyah/Westjordanland. Sie starb am 19.08.2002, als es zu Schießereien zwischen den Einwohnern der Stadt und der israelischen Streitkräfte während der zweiten Intifada kam). documenta 12, documenta-Halle. Foto © Manfred Wolff

 

Der Koch verführt an die Costa Brava

Es ist also noch ein langer und stellenweise gefährlicher Weg, der von der Kunst zur "Kunst des bloßen Lebens“ führt. Nicht jede kuratorische Parole lässt sich mit Leben füllen, auch wenn viele Ankündigungen und Verheißungen geschickte Werbegags des angeblich so markfernen Philosophen und Wirtschaftswissenschaftlers und seiner Partnerin waren. "Wir sind Lustmenschen und wollen verführen“, bekannten Robert M. Buergel und Ruth Noack und luden den katalanischen Starkoch Ferran Adrià als ersten Kochkünstler zur documenta ein. Weil sein Name noch vor ihrem Beginn gelüftet wurde, breiteten sich die Feuilletonisten über seine Kochkreationen und sein Nobelrestaurant "elBulli“ in Roses an der Costa Brava aus. Der Koch kam zwar zur Vernissage, fand aber am stürmischen Wetter kein Gefallen und reiste umgehend in sein sonniges Land ab. Ausgewählte Gäste lud er in sein Restaurant ein. Obwohl Robert M. Buergel in einem Anflug von Ehrlichkeit anmerkte, er mache immer das, was er nicht kann, hat er für den Koch diesmal viel Gutes getan. Ansonsten ist die documenta 12 weitgehend eine Parade der Peinlichkeiten und gutgemeinter verbaler und künstlerischer Gemeinplätzen. Die Lichtblicke sind eher rar, wie in diesem launischen und verregneten Sommer halt so gewohnt.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

27.08.2007


documenta 12
Kassel
16.06. - 23.09.2007


Katalog
Kurzführer, gebundene Ausgabe, 448 S.
Deutsch/Englisch
Taschen, 2007
ISBN: 978-3-8228-1677-6
Preis 34,99 €

Softcover-Ausgabe (nur in der Ausstellung)
Deutsch/Englisch
Taschen, 2007
ISBN 978-3-8365-0052-4
Preis 25 €  

Das "Bilderbuch“ der ausgestellten Werke, 256 S.
Deutsch/Englisch/Französisch
Taschen, 2007
ISBN: 978-3-8228-1694-3
Preis 39,99 €

documenta 12 Magazine No. 1-3 Reader
Softcover, 672 S.
Deutsch/Englisch
Taschen, 2007
ISBN: 978-3-8228-2530-3
Preis 20 €


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