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Parade
der Peinlichkeiten Schön
sollte sie werden, zur Bildung des Laienpublikums beitragen und durch
die "Ästhetik der Formlosigkeit“ glänzen: die
Weltkunstausstellung documenta 12, die alle fünf Jahre wieder in
Kassel, diesmal parallel zu den Skulptur Projekten in Münster und der
Biennale von Venedig, traditionell hundert Tage lang bis zum 23.
September für Aufsehen und großen Andrang sorgt. Die Wahl des künstlerischen
documenta-Leiters (nur einmal in der Geschichte dieser internationalen
Schau, und zwar der documenta 10, wurde einer Frau, der Französin
Catherine David, diese höchste kuratorische Weihe zuteil), war eine
perfekte Überraschung. Sie fiel auf den weitgehend unbekannten Robert
M. Buergel (*1963 in Berlin), der seit 1983 in Wien lebt, wo er sein
Studium an der Akademie der bildenden Künste abbrach, zwei Jahre lang
als Assistent des Blutorgienkünstlers Hermann Nitsch arbeitete und
anschließend Philosophie und Wirtschaftswissenschaften studierte.
Zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Kunsthistorikerin Ruth Noack
(*1964) gründete er in den 1990er Jahren die Zeitschrift "Der
Springer“, die dann geschlechtskorrekt in "Die Springerin“
umgenannt wurde. Außer einigen wenigen Gruppenausstellungen (u.a.
"Dinge, die wir nicht verstehen“, "Die Regierung“) zum
Verhältnis zwischen Kunst und Politik, die das Paar in Ljubljana,
Leipzig und Lüneburg organisierte, waren sie in der Kunstszene eine
Tabula rasa. Als Robert Buergel 2003 von der Berufungskommission, einer
Art Konklave der documenta, zum Vorstellungsgespräch nach Kassel
eingeladen wurde, fiel dann auch die Wahl prompt auf ihn, den ersten
Deutschen in dieser Funktion seit zwanzig Jahren. "Als einziger
Kandidat habe ich in den Bewerbungsgesprächen keinen Künstlernamen
genannt. Das hat sie überzeugt“, erklärte er witzelnd seinen Erfolg.
Dass auch Ruth Noack eine tragende kuratorische Rolle in der documenta
12 spielen wird, verstand sich dann von selbst: So viel Familiensinn ist
in der Kunstwelt wirklich rührend, und vielleicht werden die beiden (Kunst)liebenden
auch in die Reihe berühmter KünstlerInnenduos (Gilbert & George,
Christo & Jeanne-Claude, Ilya & Emilia Kabakov, Pierre &
Gilles) aufgenommen. Vielleicht sogar mit ihren Kindern, die der
documenta-Macher im Katalog dankend erwähnt: "Eine Ausstellung
macht man nicht allein und auch nicht zu zweit. Ohne die Inspiration,
das Engagement und die Leidenschaft so vieler wären wir gescheitert.
Zur Ästhetik der Formlosigkeit gehört, dass wir diese vielen nicht
namentlich nennen wollen. (…) Zwei Namen aber dürfen fallen:
Charlotte und Kasimir - sie haben die oft langen Abwege ihrer Eltern
tapfer ertragen.“ Der Aufbau der documenta in einer Familie: Ist das
der Abweg einer neuen kuratorischen Praxis?
Dritte-Welt-Laden
im Kristallpalast Und tatsächlich ist die diesjährige documenta eine familienfreundliche Angelegenheit: die lieben Kleinen und ihre Eltern und Großeltern, vor allem die aus der 68er Generation und ihre heutigen Nachfolger, die Salonantiglobalisten und Genderfetischisten können sich dort wohlfühlen, denn jede(r) kann etwas Korrektes für sich entdecken, was er sonst auch gern sieht. Die auf sechs bedachte Ausstellungsorte ausgedehnte Weltkunstschau (zum ersten Mal kam auch das Schloss Wilhelmshöhe dazu) ist vielerorts eine Mischung aus Dritte-Welt-Laden, Wandzeitung und einer VHS-Präsentation zum Thema: "Malen, Zeichnen, Töpfern und Filmen gegen Krieg, Kolonialismus, Armut, Ausbeutung und Genmanipulation“. Um auf alle Probleme dieser Welt hinzuweisen, scheuten das Kuratorenduo und ihr Team keine Kosten (20 Millionen Euro) und keine Mühe. Die Karlsaue vor der Orangerie, wo während der früheren documenta Skulpturen und Installationen standen und wo Kinder Fußball spielten, wurde von einer gigantischen Halle in der Machart eines Gewächshauses verunziert, ein hässliches Provisorium der französischen Architekten Lacaton & Vassal, das 10.000 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsfläche bietet. Nach der Fertigstellung dieser eine Million Euro teuren Konstruktion, die nach Überzeugung ihrer Macher "den Luxus der armen Dinge“ ausdrückt, kam es zum ersten Eklat. Weil die documenta-Leitung Klimaanlagen einbauen ließ, verdreifachten sich die Kosten des Auepavillons und die Franzosen distanzierten sich von ihrem Bauwerk. Die als "Kristallpalast“ gepriesene Baracke aus Plexiglas; Metallstützen, rötlichem Asphalt und Abluftrohren, die an einen ebenerdigen Centre-Pompidou-Verschnitt entfernt erinnert, ist der größte Ausstellungsort und einer der größten Flops dieser documenta: ein Paradebeispiel für die Beliebigkeit und das Gutmenschentum ihrer Kuratoren. In dem nur spärlich vom Tages- und künstlichen Licht beleuchteten unüberschaubaren Räumen verliert man sich in einer erdrückenden Fülle von Videos, Dokumentarfotos, Malereien und Installationen, die die politischen und sozialen Verhältnisse in Afrika, die Genpatentierung und andere fiese Machenschaften der Großkonzerne offen legen. Gut zu wissen, dass "Saab“ einer der Hauptsponsoren dieser kapitalismuskritischen Schau ist. Es gibt auch Filme über die Stricherszene in spanischen Großstädten, Aufnahmen einer Frau, die ihren von Brustkrebs verunstalteten Körper zur Schau stellt, den Entwurf und das Modell eines Schwulendenkmals für Berlin. Doch die interessanten Arbeiten, wie die aus dem Müll gefertigten Masken oder das aus leeren Benzinkanistern gebaute Boot mit dem ironischen Titel "Dream“ von Romuald Hazoumé, die eierförmigen Gipsskulpturen von Mária Bartuszová und die minimalistischen Objekte aus organischen Stoffen und Gegenständen des täglichen Bedarfs von Béla Kolářova kommen in der Masse der ausgestellten Exponate und im schummrigen Licht nicht zur Geltung.
Noch
nie, auch in den letzten beiden theorielastigen und zerredeten documenta
10 und 11, war die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen
Wortbildung, Bildung und Bild so groß wie in diesem Jahr. Schon im
Vorfeld der 12. Weltkunstausstellung in Kassel produzierten fast hundert
Kunstzeitschriften in aller Welt Beiträge zu den Themen, die sich der
Kurator Buergel als Leitmotive seiner documenta ausgedacht hat:
"Ist die Moderne unsere Antike?“, "Das bloße Leben“, und
(frei nach Lenin) "Was tun?“ Eine zentrale Bedeutung dieser
Schau, an der 108 Künstlerinnen, Künstler und Gruppen mit über 500
Werken, darunter alte persische Teppiche, japanische Holzschnitte,
chinesische Lacktafeln und indische Miniaturen (vermutlich aus Ausdruck
jener gefragten "Antike“) präsentiert werden, und die ohne
zentrale Botschaft (also der "Ästhetisierung der Formlosigkeit“)
auskommen soll, liegt in der "Migration der Form". Um das zu
verdeutlichen, ließ man die Wände im Fridericianum und Schloss
Wilhelmshöhe, in der documenta-Halle und der Neuen Galerie mit
unbehaglichen Farben: olivgrün, lila und ochsenblutrot anstreichen. Sie
schlucken das Licht, und die Besichtigung findet im Halbdunklen statt.
Doch die Werke, die für die Kuratoren besonders wichtig zu sein
scheinen, werden angestrahlt. Was tun, um "Die Migration der
Form“ im Einklang mit der "Ästhetisierung der Formlosigkeit“
zu verstehen, leuchtet notgedrungen auf Anhieb nicht ein. Ist das die
Kordelinstallation "And …, 2007“ der indischen Künstlerin
Shella Gowda oder das Kordelnetz mit den Kleidungsstücken, in denen
eine internationale Jugendtanzgruppe das Tanzstück "Floor of the
Forest“ der großen alten Dame und Erneuerin des Tanztheaters Trisha
Brown von 1970 stündlich im Fridericianum vorführt? Ist die Kordel die
"Migration der Form“ von einer Künstlerin zur anderen oder gar
Ausdruck der "Moderne als unsere Antike?“ Oder ist es die
ausgestopfte Giraffe mit dem Titel "The Zoo Story“ (2007) von
Peter Friedl, ein bewegendes Opfer des israelisch-palästinensischen
Konflikts, die hinter der banalen Installation "Relax it´s only a
ghost“ (2006) von Cosima von Bonin, bestehend aus lauter
selbstgebastelten Stofftierchen, Treppen und anderen Podesten
aufgestellt wurde? Soll hier etwa die Form der Giraffe in den Stoffzoo
migrieren oder umgekehrt? Das ist alles sehr bemüht und stellenweise
auch recht peinlich. Als "ein Stück materieller Kultur und
individualisierte Entwicklungslinien“ beschreibt Roger M. Buergel die
Kinderzeichnungen von Peter Friedl, auch sie mit allerlei exotischem und
heimischem Getier kindergerecht verziert, die in der Neuen Galerie dem
Publikum nicht vorenthalten werden. Als Pendant dazu kann man die
ebenfalls kindhaften kleinformatigen Zeichnungen der 38jährigen Annie
Pootoogook sehen. Sie ist Inuit und lebt als Enkelin und Tochter von Künstlerinnen,
nördlich des Polarkreises in der Siedlung Cape Dorset auf Baffin Island
in Kanada. Ihre Tusche- und Bleistiftzeichnungen sowie ihre Aquarelle
haben vor allem einen ethnografischen Wert, denn sie zeigen den Verfall
einer marginalisierten traditionellen Ureinwohnergesellschaft unter dem
Einfluss von Fernsehen, Alkohol, Drogen, Gewalt und Sex. Muss eine
zeichnende Inuit zwangsläufig eine documentataugliche Künstlerin sein?
Ebenso vordergründig und plakativ sind die eine naive Machart vortäuschenden
Bilder und Reliefs des in Australien lebenden Chilenen Juan Davila, die
Rassismus, Sexismus und verlogene historischen Identitäten in seiner
alten und neuen Heimat bis auf die nackte Haupt und primäre
Geschlechtsorgane entblößen. Ihre Radikalität ist aber sehr oberflächlich
und verliert sich in der narrativen Geschwätzigkeit. Auch Arbeiten, die
an einem andren Ort durch Dynamik, Formenreichtum und Leichtigkeit
beeindrucken könnten, wie zum Beispiel die titellose Installation von
Iole de Freitas (2007), die im Obergeschoss des Friedericianums
untergebracht ist, wirken in dem dafür nicht geeigneten Raum, den sie
sprengen, deplaziert. Doch in diesem Fall findet tatsächlich eine
"Migration der Form“ statt, denn die Installation wuchert auf der
Fassade des Museums weiter. Das ist aber eher eine Ausnahme, denn an
vielen Stellen dieser documenta erlebt man eher eine "Migration der
Harmlosigkeit“.
Mangelnde
Bildung und fehlender Verstand In
weiser Voraussicht erklärte Roger M. Buergel das Scheitern zum
Bestandteil der kuratorischen und künstlerischen Praxis. "Das bloße
Leben“, doch anders, als von der Kuratorenschaft ausgebrütet, schlug
leider mit voller Wucht zu. Vier Tage nach der Eröffnung der
Weltkunstschau wurde Kassel vom Orkan "Franz“ verwüstet. Ihm
fiel das Mohnfeld der Künstlerin Sanja Iveković vor dem Museum
Fridericianum zum Opfer, wo nur eine einzige symbolträchtige Blume erblühte.
Unversehrt blieb dagegen das rund um das benachbarte Denkmal Friedrichs
II. von Andreas Siekmann gebaute Karussell mit dem Titel "Die
Exklusive. Zur Politik des ausgeschlossenen Vierten“, das sich geben
das regionale Abschiebeverfahren von Ausländern dreht. Die für den
Innenraum bestimmte, doch vor dem "Kristallpalast“ aufgestellte
12 Meter hohe Skulptur "Template“ aus antiken chinesischen Holztüren
und -fenstern, die der Künstler mit dem unverwechselbaren Namen Ai
Weiwei restaurieren ließ, stürzte ein und bildete einen monströsen
Materialhaufen, wie auf dem Hof eines vernachlässigten Baumarkts.
"Die Natur ist doch der fähigere Künstler“, gab der zum Star
der documenta 12 gekürte chinesische Künstler zum Besten. "Die
Arbeit soll so, wie sie ist, bis zum Ende der documenta liegen bleiben.
Das Werk ist jetzt doppelt so viel Wert wie vorher.“ Der Mann muss
wohl über prophetische Eigenschaften verfügen, denn prompt meldete das
Guggenheim Museum in New York Kaufabsichten an. In den
"Kristallpalast“ regnete es ein, sodass er zusätzlich
abgedichtet werden musste. Doch die größte Blamage, die von mangelnder
Bildung und fehlendem Verstand zeugt, ist das "Terraced Rice Field
Projekt“ des Thailänders Sakarin Krue-On vor dem Schloss Wilhelmshöhe.
Ein terrassenartiges Reisfeld sollte dort gepflanzt werden als
"Vexierbild, das zwischen Ost und West, Ackerbau und
Parkkultivierung, Historie und Gegenwart vermittelt“, ist im Katalog
zu lesen, doch das Kunstwerk steht nur auf dem Papier. Es war eine
riesige Arbeit erforderlich, um zu zeigen, dass auf hessischem Boden
kein Reis gedeihen kann: Vor dem Schloss wurden 3200 Quadratmeter Park
aufgegraben, mit Wasser aus dem Schlossteich aufgefüllt, das im porösen
Grund versickert. Der Hang, aus dem laufend Tausende Liter Wasser
ausgepumpt werden müssen, droht abzurutschen. Nur noch Pfützen und
Schlammmassen erinnern an das ost-westliche Terrassenprojekt. Man sieht
es: nicht alle Formen (des Ackerbaus) können migrieren.
Ein Märchen
für 1001 Chinesen Und so wundert man sich nicht, dass es in dieser von Pleiten, Pech und Pannen geprägten Schau, von der Kritik als "Desaster“, "Katastrophe“, "Die schlechteste Ausstellung aller Zeiten“, bestenfalls als "Grandioses Scheitern“ bezeichnet, vor allem jene Kunstwerke Aufsehen erregen, die keine sind. Im Licht des veröffentlichten Interesses (zur documenta 12 haben sich 2.7000 Journalistinnen und Journalisten akkreditiert) sonnt sich in diesem launischen Sommer vor allem der erwähnte Ai Weiwei, der - neben seiner (umgestürzten) Skulptur, 1001 antike Holzstühle der Quing-Dynastie (1644 - 1911) und 1001 zeitgenössische Chinesen aus allen Altersgruppen und sozialen Milieus nach Kassel einfliegen ließ und zu einem medialen Dauerbrenner aufstieg. Wenn man drei Millionen Euro zur Verfügung hat, ist es kein Kunststück, eine derart auffallende Aktion durchzuführen. Für seine Landsleute, die in fünf Etappen (vom 12. Juni bis zum 9. Juli) in der Stadt der Brüder Grimm weilten, musste das wie ein "Fairytale“, ein Märchen sein. Der "große Kommunikator“ Weiwei entwarf für die 1001 Chinesen, die in den Gottschalkhallen, einem ehemaligen VW-Zulieferbetrieb, wohnten, Betten und Koffer und schrubbte für sie die Toiletten. Das war seine Referenz an seinen Vater, den bekannten Dichter Ai Quing, der zuerst in den 1930er Jahren wegen linker Ideen zu sechs Jahren Haft, dann 1957 als Rechtsabweichler zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt und erst 1978 rehabilitiert wurde. Auf den 1001 Stühlen, die in allen documenta-Ausstellungsorten stehen, kann man bequem verschnaufen. Nur warum diese schönen und wohl auch kostbaren Sitzgelegenheiten "Palmenhaine“ heißen, bleibt ein Geheimnis. Diese Stühle bringen doch wohl niemanden auf die Palme. Dafür aber die Behauptung des künstlerischen Leiters, dass seine documenta so marktfern wie keine zuvor bleiben sollte: 49 kommerzielle Galerien, die im Katalog dankend erwähnt werden sowie die documenta-Edition mit signierten Künstlerfotos in einer Auflage von 1000 Exemplaren zum Stückpreis von 1000 Euro erfordern keinen Kommentar.
Entdeckungen
trotz chaotischer Hängung Die
documenta 12 bleibt über weite Strecken das Werk von Laien: der unmögliche
Anstrich der Wände mit Farben, die einen schaudern und zwielichtige Räume
entstehen lassen, die auf mehrere Räume und Ausstellungsorte verteilten
Kunstwerke der einzelnen Künstlerinnen und Künstler erzeugen
Irritation, denn man weiß nicht, was diese Zersplitterung bewirken
soll. Genauso unübersichtlich ist der chronologisch, also nach dem
Entstehungsjahr der ausgestellten Werke geordnete Katalog, in dem man
lange blättern muss, um Informationen über Künstlerinnen und Künstler,
die sich auf verschiedenen Seiten befinden, zusammenzufügen. Das fördert
mitnichten die Konzentration, denn es erfordert viele lange Wege, um die
Komplexität einer künstlerischen Persönlichkeit zu begreifen.
Abgesehen davon, dass man Künstler entdeckt, die keine
documenta-Neulinge sind (u.a. die Fotografen David Hasselblatt und Allan
Sekula, der Filmemacher und Performer James Coleman, der Maler Kerry
James Marshall), kann man, wenn man sich von der chaotischen Hängung
und Aufstellung der Exponate nicht entmutigen lässt, auch einige
Entdeckungen machen. Dazu gehören (vor allem für das westliche
Publikum) die Werke osteuropäischer Künstlerinnen, die in den 1960er
und 1970er Jahren zur (im Westen kaum wahrgenommenen) alternativen Szene
zählten, allen voran die in Paris lebende und früh verstorbene Polin
Alina Szapocznikow (1926 - 1973) und die in Warschau arbeitende Zofia
Kulik (*1947). Von der Ersteren, einer Bildhauerin, werden die
"Fotoskulpturen“ (1971) mit erotischen Kaugummiformen gezeigt,
eher ein Nebenprodukt ihrer künstlerischen Arbeit, in der sie mit
Kunststoffen experimentierte und sich (als KZ-Überlebende) mit dem vom
Krieg und Krankheit gezeichneten weiblichen Körper auseinander setzte.
Zofia Kulik, die Anfang der 1970er Jahre zusammen mit ihrem Mann Przemysław
Kwiek unter dem Label Kwiekulik ihr privates Leben im totalitären
System dokumentierte, arbeitet seit 1986 als eigenständige Fotokünstlerin,
die eigenwillige und einzigartige Fotokollagen mit Ornamenten aus
nackten Männern, Architekturfragmenten, Straßenszenen und Zitaten aus
der Kunstgeschichte schafft. Ihre aufwendigen Tableaus, in denen sie
Einzelbilder aus ihrem Archiv verarbeitet und die häufig Mandalas oder
Altären gleichen, erzählt sie mehr oder weniger metaphorisch die
Geschichte ihrer Zeit, früher geprägt vom allgemeinen Warenmangel und
einem Überangebot an Ideologie, nach der Wende durch den Konsumterror
und eine Bilderflut gekennzeichnet. Mit acht großflächigen
Fotoarbeiten (eine davon ist das gemeinsame Werk von Kwiekulik) und der
Tatsache, dass "The Splendour of Myself (II), 1997, zwischen den
Rembrandt-Gemälden im Schloss Wilhelmshöhe hängt, wird sie zur
sichtbarsten Künstlerin der documenta, obwohl ihre meistens schwarz-weiß-grauen
Collagen sich erst bei näheren Schauen als raffinierte Formgeflechte
mit tiefem menschlichen und historischen Inhalt offenbaren. Der dritte
Teilnehmer aus Polen ist der international etwas überbewertete
Bildhauer Artur żmijewski,
der sich in letzter Zeit der Filmkunst verschrieben hat. In seinen
Filmen wendet er häufig zweifelhafte Soziotechniken an, um auf das
Schicksal von Behinderten, Ausgeschlossenen und anderen Randgruppen
hinzuweisen. An zwei etwas abseits gelegenen Ausstellungsorten: im iPod
und dem Kulturzentrum Schlachthof führt er zum einen den "Głuchy
Bach“, 2003, vor, in dem er gehörlose oder schwerhörige Kinder eine
Kantate von Bach vorsingen lässt. Zum anderen zeigt er in der
Videoinstallation "Them“, 2007, seinen Glauben an die versöhnende
Macht der Kunst. Vertreterinnen und Vertreter antagonistischer Gruppen
in Polen: u.a. extreme Rechte und Linke, Schwule und Juden sollen
mittels gemeinsamen künstlerischen Aktivitäten Toleranz und
gegenseitige Akzeptanz üben. Am Ende wird das gemeinsame Kunstwerk
abgefackelt. Kunst allein kann die Klischees, die zum Hass führen,
nicht auf Anhieb beseitigen.
Der
Koch verführt an die Costa Brava Es
ist also noch ein langer und stellenweise gefährlicher Weg, der von der
Kunst zur "Kunst des bloßen Lebens“ führt. Nicht jede
kuratorische Parole lässt sich mit Leben füllen, auch wenn viele Ankündigungen
und Verheißungen geschickte Werbegags des angeblich so markfernen
Philosophen und Wirtschaftswissenschaftlers und seiner Partnerin waren.
"Wir sind Lustmenschen und wollen verführen“, bekannten Robert
M. Buergel und Ruth Noack und luden den katalanischen Starkoch Ferran
Adrià als ersten Kochkünstler zur documenta ein. Weil sein Name noch
vor ihrem Beginn gelüftet wurde, breiteten sich die Feuilletonisten über
seine Kochkreationen und sein Nobelrestaurant "elBulli“ in Roses
an der Costa Brava aus. Der Koch kam zwar zur Vernissage, fand aber am
stürmischen Wetter kein Gefallen und reiste umgehend in sein sonniges
Land ab. Ausgewählte Gäste lud er in sein Restaurant ein. Obwohl
Robert M. Buergel in einem Anflug von Ehrlichkeit anmerkte, er mache
immer das, was er nicht kann, hat er für den Koch diesmal viel Gutes
getan. Ansonsten ist die documenta 12 weitgehend eine Parade der
Peinlichkeiten und gutgemeinter verbaler und künstlerischer Gemeinplätzen.
Die Lichtblicke sind eher rar, wie in diesem launischen und verregneten
Sommer halt so gewohnt. Text © Urszula
Usakowska-Wolff 27.08.2007 documenta
12 Katalog Das
"Bilderbuch“ der ausgestellten Werke, 256 S.
Zur
Geschichte der documenta in Kassel >>> |