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Edward Narkiewiczs Abschied von der Natur Es
ist doch eine rechte Lust, Bilder zu betrachten. Seit den frühesten Anfängen
kulturellen Schaffens der Menschen haben sie Bilder gemacht und Bilder
angeguckt. Und in unserer persönlichen Entwicklung als Konsumenten
kultureller Güter beginnen wir ebenfalls mit dem Anschauen von Bilderbüchern.
Was macht diese Faszination der Bilder aus, die uns seit Jahrtausenden
und ein Leben lang in ihren Bann schlägt? Zuerst
einmal scheint das Bild nur Information zu sein, wenn es uns in den
Medien begegnet: „ein Bild sagt mehr als tausend Wörter“ ist eine
journalistische Binsenweisheit. Aber ist es nicht eine Illusion zu
meinen, das Bild lasse uns teilhaben an der Wirklichkeit als
Verdoppelung der Welt unabhängig von Raum und Zeit? Diese Bilder sind
nicht selbständige Dinge, allein dem abgebildeten Gegenstand verbunden,
sondern sie sind gemacht von einem Menschen, der seine eigenen
Erfahrungen und Absichten im Bild verwirklicht. Und damit ist auch das tägliche
Bild in der Zeitung in der unmittelbaren Nachfolge der Höhlenmalerei,
den ältesten Zeugnissen bildnerischen Schaffens.
Bilder
verursachen Illusionen. Sie bannen ihren Abbildungsgegenstand ebenso wie
der steinzeitliche Jagdzauber und sie bannen den Betrachter, indem sie
seine Denk- und Empfindungswelt auf einen Gegenstand richten, der außer
seiner Welt ist. Befindet sich der Betrachter im besten Sinne naiver
Offenheit, lässt er sich bereitwillig vom Autor der Bilder in eine
scheinbare Wirklichkeit entführen und nimmt diese als Wirklichkeit, um
beim Anblick eines dem Bild nahen tatsächlichen Wirklichkeitszustandes,
z.B. einer Landschaft, auszurufen: „Wie bei Caspar David Friedrich!“ Aber
nur zu schnell verlässt uns diese Unschuld. Wir durchschauen den
subjektiven Schaffensprozess des Bildermachers und fragen: „Was will
der Künstler damit sagen?“ Das Bild wird zum Bilderrätsel, und der
Autor trägt das seine dazu bei, indem er mit Allusionen, Zitaten und
Symbolen arbeitet, um etwas zu sagen. Hinter dem Bild entsteht ein
verborgener Text, sei es nun eine Geschichte oder ein Bekenntnis, ein
Gedicht oder ein philosophischer Traktat.
Nur:
„Was will der Künstler damit sagen?“ ist natürlich mit Verlaub
gesagt Quatsch. Denn wenn er etwas sagen wollte, würde er es sicher
sagen. Kunst ist kein mutwilliges Rebus, um Weisheiten welchen Niveaus
auch immer zu verschlüsseln und sie dann dem Publikum als
Denksportaufgabe zu präsentieren. Auch da, wo ein Künstler mit seinen
Mitteln etwas darstellt, was zu seiner Zeit gegen die political
correctness verstößt, ist es keine Camouflage, sondern Ausdruck
dessen, was andere noch nicht sagen können oder wollen oder dürfen,
mit eben seinen Mitteln. Der vielbeschworene Zeitgeist schreibt nun mal
nicht mit gewöhnlichen Stiften, sondern mit der Feder des Poeten oder
dem Pinsel des Künstlers.
Und
dennoch stehen wir oft beim Betrachten eines Kunstwerks vor einem Rätsel.
Allein nicht der Künstler gibt uns das Rätsel auf, sondern - wenn wir
ehrlich sind - wir wundern uns, welche Reaktionen das Kunstwerk bei uns
auslöst. Mal ist es die Erleichterung, endlich etwas gefunden zu haben,
was man sich schon immer bewusst machen wollte, aber nicht konnte, mal
ist es die Verärgerung über die Verstärkung einer eigenen
Missstimmung, die einem so noch nicht ganz klar geworden war, mal ist es
nur die Ratlosigkeit, mit sich selbst und dem Kunstwerk nichts anfangen
zu können. Es ist ein Ausflug in eine andere Welt, die Begegnung mit
einem fremden Menschen und mit einem noch fremden Aspekt seiner selbst.
Zu einem solchen Ausflug laden die Bilder von Edward Narkiewicz ein. Edward
Narkiewicz wurde 1938 in Troki, heute Litauen, geboren, studierte an der
Warschauer Akademie der Schönen Künste von 1959 bis 1965 und lebt
heute als freischaffender Künstler in Piaseczno bei Warschau. Im selben
Jahr 1965, als er die Akademie verließ und sich dem Surrealismus
verschrieb, starb André Breton, der große Programmatiker dieser
Kunstrichtung, und die Kunstwelt war sich eigentlich einig, dass der
Surrealismus tot sei, dass die Salvador Dali oder Max Ernst
nachfolgenden Arbeiten anderer Künstler nicht der Rede wert seien und
als bloßes Epigonentum abzutun seien. Doch schon drei Jahre später,
anlässlich seiner ersten Einzelausstellung in der renommierten
Warschauer Galerie „Foksal“ stellt Narkiewicz in einer fiktiven
Biographie für den Katalog - ganz in der Tradition Bretons - fest:
„Mein Platz ist unter den größten Malern der Welt: 1. Salvador Dali, 2. Edward Narkiewicz, 3. Pablo
Picasso.“
Narkiewiczs
Surrealismus ist ein eigenständiger Weg, der nicht den ausgetretenen
Pfaden des Dali-Erbes folgt. Dafür lassen sich zwei Gründe belegen.
Zum
anderen ist die Erlebnis- und Gedankenwelt Narkiewiczs wesentlich durch
die Sehnsucht nach der Natur und die Liebe zu ihr geprägt. Während die
klassischen Surrealisten des Westens Natur lediglich als Staffage oder
Symbolträger in ihre Werke einließen, ist sie für Narkiewicz
handelndes Subjekt und zentraler Gegenstand seiner Bildgestaltung. Er
musste in Folge der Kriegsereignisse seine litauische Heimat und sein
Dorf verlassen, aber diese Heimat und das Naturerleben im ländlichen
Raum haben ihn nie verlassen. Schmerz und Wehmut fasst er nicht in
sentimentalen Erinnerungsbildern, sondern überhöht sie in
Darstellungen der zerbrechlichen und zerbrochenen Natur.
Gerade
weil Edward Narkiewicz in altmeisterlicher Präzision seine Bilder malt,
in dieser Präzision die abbildende Photographie wenigstens einholt,
erscheinen seine Bilder als wirkliche Abbilder der Natur. Aber natürlich
ist das alles komponiert, schafft eine neue Wirklichkeit jenseits der
Wirklichkeit des Alltagsblicks. Vielleicht erschließt sich das Malen
Narkiewiczs von seinen Hintergründen her. Sie sind in der Regel
monochrom, in kalten, mitunter auch ganz unnatürlichen Farben gehalten,
und schließen das Blickfeld des Betrachters mit einem
undurchdringlichen Vorhang. Damit bergen sie einerseits ein Geheimnis,
machen das Gezeigte nicht zum Teil einer unendlichen Geschichte, die
irgendwo hinter dem Horizont weitergeht, sondern trennen dieses Weiter
radikal von der Gegenwart des Bildes ab. Aber diese Hintergründe lenken
auch gleichzeitig den Blick auf den Bildgegenstand, konzentrieren ihn
darauf und erlauben keine Abschweifung, sei es aus Angst, sei es aus
Bequemlichkeit. Und wenn sich doch einmal eine Landschaft aufzutun
scheint, wird sie durch Übertreibung und ironische Verfremdung ad
absurdum geführt, als Kopfinszenierung entlarvt, hinter der wieder
nichts anderes stehen kann als die kalte Unendlichkeit. Edward
Narkiewicz erzählt keine Geschichten. Seine Bildaussagen sind Fundstücke,
Zitate, sei es aus der Natur, sei es auch aus der Kunstgeschichte. Wie
er das Gewöhnliche, das scheinbar gesicherte Wissen um die Welt um uns
und aus uns aus dem Zusammenhang zerrt, stellt er es in Frage, nimmt ihm
seine Alltäglichkeit und lässt es als Wunder neu entstehen, noch
einmal erblickt, bevor es endgültig untergeht. Was
auf den ersten Blick wie eine Hommage an die Schönheit und
Vollkommenheit der Natur erscheint, erweist sich bei genauerem Hinsehen
als ein beschädigter Rest, der gerade in seiner übernatürlichen Schönheit,
wie er auf dem Bild vorkommt, so gar nicht mehr zu finden ist, lediglich
als Zeugnis eines Martyriums überkommen ist. Blätter sind angefressen,
Schmetterlingsflügel zerbröseln und fransen aus. Fröhliche Szenerien
mit bunten Papageien erweisen sich als Leichenfeiern.
Die Zitate aus der Kunstgeschichte, sei es die Venus von Giorgione, sei es das verhängnisvolle Ei, aus dem ein Monstrum aus der Phantasie des Hieronymus Busch schlüpft, die aus einer Birke wachsende Nofretete oder das Selbstporträt van Goghs, von Tulpen und Narzissenblüten umschwebt, sie alle weisen mit ihrer Beschränkung auf einen willkürlichen Ausschnitt, mit ihrer Einbindung in die Natur auf ihre Stellung in einem Prozess hin, der zwischen Künstler, Kunstwerk und Betrachter abläuft und erst dann seinen Abschluss findet, wenn alle drei nicht mehr sind, weder in der Wirklichkeit noch im Bewusstsein. In diesem Prozess sind Kunst und Natur in ihren Rollen austauschbar. Blickt der Renaissancemensch nicht ebenso stolz wie der Hahn und das Krokodil aus dem Bild?
Indem
Narkiewicz einige seiner Bilder selbst schon im Schaffensprozess zerstört,
quer über Rahmen und Malgrund zerreißt, macht er den Kontrast zwischen
Prächtigkeit und Zerfall deutlich. Bereits im Entstehen ist Schöpfung
dem Verfall preisgegeben, erweist sich als zerbrechlich und vergänglich.
Alles ist halt, wie der Titel seiner letzten Ausstellung in der
Warschauer Galerie XX1 besagt, letztendlich eine „runde Leere.“ Wenn
einige Kritiker Narkiewicz wegen seiner Liebe zum Detail und seiner überschäumenden
Phantasie mit dem Zöllner Rousseau verglichen haben und ihm damit das
Prädikat des Naiven anhängen wollten, haben sie nicht nur seinen künstlerischen
Werdegang außer acht gelassen, sie haben auch seine Bilder nicht
verstanden. Sicher malt er übernatürlich schön und hat seine Freude
an dieser Malerei in der Technik alter Meister, aber die Malerei ist
nicht Selbstzweck, vielmehr sorgfältig komponierte Reflexion und
Trauer, Dokumentation von Werden und Vergehen.
Ist
da das Etikett des Surrealismus eher passend? Narkiewicz drückt nicht
die wilde Traumwelt, die Albe der Zivilisation aus, wie wir es von
Salvador Dali oder Max Ernst kennen. Seine Bilder sind keine
nihilistischen Aneinanderreihungen von Zufälligkeiten, spontanen
Eingebungen, wie sie Breton in seinem surrealistischen Manifest als höchste
Form des Surrealismus postuliert. Eher kann man sein Werk, das Ungemäßes
zusammenführt und dieser Ungemäßheit den gleichen Wahrheitswert
zumisst wie der alltäglichen Wirklichkeit, dem Symbolismus zuordnen. In
der Tat wirkt vieles kafkaesk, gewinnt erst aus der verfremdenden
Zuordnung nicht zusammengehöriger Dinge Bedeutung und Leben und weist
über den greifbaren Bildinhalt hinaus auf eine der letzten Bestimmung
unzugängliche Welt. Edward
Narkiewicz ist ein Einzelgänger. Er gehört keiner der so beliebten
Gruppen an, lässt sich nicht in die Schublade einer Stilrichtung oder
Strömung packen. „Ich bin heute ein wenig traurig, ich bin hundert
Jahre alt.“ schreibt er in seiner fiktiven Autobiographie von 1968, in
der er seiner Einsamkeit Ausdruck verleiht. In seiner Bilderwelt sieht
das so aus: unter einer abgestorbenen Eiche steht ein Marabu im Schnee
und sinnt über einen giftigen Pilz, während über ihm auf einem Ast
eine Krähe lauert und aus einer Höhle des Baumes ein Papagei lacht -
Selbstporträt nennt Edward Narkiewicz so ein Bild.
In
dem Gedicht „Freude am Schreiben“ der polnischen Lyrikerin Wislawa
Szymborska, Literaturnobelpreisträgerin 1996,
lesen wir: So
gibt es also eine Welt, deren
unabhängiges Schicksal ich bestimme? Eine
Zeit, die ich mit Ketten von Zeichen binde? Eine
Existenz, die beständig ist durch meine Verfügung? Freude
am Schreiben. Möglichkeit
des Erhaltens. Rache
der sterblichen Hand.
Edward Narkiewicz Runde Leere 28.11.2002 - 5.01.2003 Galeria
XX1
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