Sicherheit – für oder gegen wen?

What would you give for security?, sang Gershon Kingsley schon 1982 und listete die Grundrechte und Ansprüche, die Träume und Glückserlebnisse auf, die alle zur Disposition stehen, wenn das Bedürfnis nach Sicherheit – real oder nur geschürt – das menschliche Miteinander zu ersticken droht. Dieses Thema greift die Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin in ihrer ersten Ausstellung im Jahr 2009 mit dem Titel Embedded Art. Kunst im Namen der Sicherheit auf, wo in Zusammenarbeit mit der Künstlergruppe BBM (Beobachter der Bediener von Maschinen) ein Panorama der mechanischen Sicherheitsvorkehrungen präsentiert wird, der den ganzen Bau der Akademie einbezieht. Mit dieser Schau setzt die Akademie der Künste ihre Veranstaltungsreihe fort, die sich mit dem Verhältnis von Kunst und öffentlichem Raum befasst.

Wir haben uns daran gewöhnt

Seit den Terroranschlägen von New York, Madrid, London und Moskau ist die Sicherheit die magische Formel der politischen Diskussion. Der Schutz vor Angriffen auf die körperliche, politische und staatliche Sicherheit ist zur zentralen Aufgabe staatlichen Handelns geworden. Alles und jedes wird überwacht, beobachtet, registriert, immer im Namen der Sicherheit, aber niemand weiß, was mit den dabei gewonnenen Erkenntnissen geschieht, wer sie wie benutzt. Wir haben uns daran gewöhnt, allgegenwärtigen Videokameras ausgesetzt zu sein. Die Naiven verweisen auf ihr gutes Gewissen und die Untadeligkeit ihres Verhaltens, wenn sie den Überwachungsstaat nicht nur akzeptieren, sondern auch noch gut heißen. Wir sind auf einer gefährlichen Reise zu noch mehr Überwachung und zu noch weniger Bürgerrechten. Die Überwachungsmechanismen werden dann noch gefährlicher, wenn sie sich der demokratischen Kontrolle entziehen und von nichtstaatlichen Institutionen ausgeübt werden, sei es nun der Ladenhüter am Eingang von C&A, der Türsteher an der Disco, der Security-Mann in der U-Bahn. Der öffentliche Raum schrumpft und mit ihm das Feld der demokratischen Artikulation.

  Schallwaffen töten weniger

Mit Sicherheit lässt sich viel Geld verdienen. Ständig werden neue Techniken von der Wirtschaft angeboten, die Thinktanks überbieten sich mit immer neuen Technologien. In den USA ist es das Bostoner Massachusetts Technology Institute, in Deutschland die Fraunhofer-Gesellschaft mit ihren Instituten ISI und IITB in Karlsruhe, die unter so harmlos klingenden Projektnamen wie Bildauswertung oder Innovationsforschung die Überwachungsschraube immer fester ziehen. Neue Techniken der Personenidentifikation wie die Beobachtung von Fußballfans mit Hilfe von Drohnen, Zugangskontrollgeräte auf der Basis von unveränderlichen Körpermerkmalen und scheinbar harmlose Waffen, die angeblich nicht töten aber in Wirklichkeit nur etwas weniger töten, wie Taser oder Mikrowellen- und Schallwaffen, wecken die Begehrlichkeit des Überwachungsstaates und kommen bereits weltweit – auch bei uns – zum Einsatz.

Sicherheitskräfte machen die Führung

Die aktuelle Ausstellung in der Akademie der Künste zeigt Arbeiten von Künstlern, die vor Ort, beim aktuellen Umgang mit den neuen Sicherheitstechniken dokumentieren, was möglich ist oder sein kann. Sie nähern sich als embedded artists dem Thema nicht affirmativ sondern kritisch. 43 Auftragsarbeiten beleuchten seine vielfältigen Facetten in einer ebenso vielfältigen Auswahl der künstlerischen Methoden. Der Besucher wird in den Ausstellungsräumen die Exponate nur auf Videobildschirmen sehen können. Sie werden dorthin mit Überwachungskameras aus den eigentlichen Ausstellungsräumen in den Kellergeschossen der Akademie übertragen. Wer die Ausstellungsstücke im Original sehen will, muss sich einer Führung durch Sicherheitskräfte (in eigens dazu entworfenen Sicherheitswesten!) anschließen, was einen Extrapreis kostet, dafür aber neben den Kunstwerken auch dieses sonst verborgene Innenleben der Akademie erleben lässt.

Da der Pariser Platz der gesichertste Ort Berlins ist, konnte die Installation Klaus Staecks Off limits for Google auf dem Dach der Akademie nicht aus der Luft mit Hilfe einer Drohne aufgenommen werden: totales Überflugverbot.

Text © Manfred Wolff


EMBEDDED ART
Kunst im Namen der Sicherheit
Ausstellung der Akademie der Künste und der Künstlergruppe BBM
24.01. – 22.03. 2009
Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin-Mitte


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Weiter zum Text über die Ausstellung von Radek Szlaga "Neue Bilder",  Alexander Ochs Galerie Berlin, 28.02.-21.03.2009