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Emil
Nolde mit Faible für Natur und Figur Als Kind benutzte Hans Emil Hansen Scheunentore und Bretter, die er auf dem elterlichen Bauernhof in Nolde an der dänischen Grenze fand, um Bilder darauf zu malen. Schon früh wusste er, dass er kein Landwirt, sondern ein Maler werden wollte, doch das Leben eines freischaffenden Künstlers schien ihm zu unsicher. Er musste also einen praktischen Beruf erlernen, ging nach Flensburg, wo er zum Schnitzer und Möbelzeichner ausgebildet wurde, wonach er in verschiedenen Möbelwerkstätten in München und Karlsruhe arbeitete. Von 1892 bis 1898 unterrichtete er ornamentales Zeichnen und Modellieren an der Kunstgewerbeschule in St. Gallen. Aus dieser Zeit stammen seine ersten vorzeigbaren Landschaftsbilder, Aquarelle und Zeichnungen, von denen einige in der Zeitschrift "Jugend" veröffentlicht wurden. Nachdem ihm 1898 Franz von Stuck die Aufnahme in die Münchener Kunstakademie verweigerte, nahm er Unterricht in privaten Malschulen in München und Dessau und entschied sich, als freier Künstler zu wirken. Er lebte in Kopenhagen, wo er 1902 die dänische Schauspielerin Ada Vilstrup heiratete, danach immer wieder in Berlin, wo er Mitglied der Berliner Sezession wurde. Seit 1902 nannte er sich - als Referenz an den Ort in Nordschleswig, wo er am 7. August 1867 zur Welt kam - Nolde und ging unter diesem Namen in die Kunstgeschichte ein, denn der am 13. April 1956 in Seebüll verstorbene Maler, Zeichner, Aquarelllist und Grafiker, der unbestreitbar zu den wichtigsten Vertretern des Expressionismus gehört, drückte der Kunst des 20. Jahrhunderts seinen unverkennbaren Stempel auf. Farbstürmer
und Kunstrebellen Für den Künstler, der als Emil Nolde bekannt wurde, war sein Aufenthalt in Paris im Jahr 1900, wo er an der renommierten Académie Julian studierte, von ausschlaggebender Bedeutung. Der Maler, der seine künstlerische Laufbahn mit naturidyllischen Bildern und stimmungsvollen Interieurs begann, kam in der französischen Hauptstadt mit den Werken der Impressionisten und Postimpressionisten, mit van Gogh, Gauguin, Munch in Berührung. Unter ihrem Einfluss wurde seine Malerei expressiver und hemmungsloser, er benutzte leuchtende, kontrastvolle Farben, die er mit einem stürmischen Pinselduktus auftrug. Von nun an wurde er zu einem wahren "Farbstürmer", der emotionsgeladene, dichte und pulsierende Bilder malte. Die darin festgehaltene Bewegung schien den Bilderrahmen zu sprengen. 1906 forderte Karl Schmidt-Rottluff Nolde auf, aktives Mitglied der Künstlervereinigung "Brücke" zu werden, die der Architekturstudent zusammen mit seinen Kollegen Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Fritz Bleyl 1905 in Dresden gegründet hatte. Die jungen Kunstrebellen wollten mit kraftvollen Farben und der Verfremdung natürlicher Formen den Ausdruck ihrer Bilder intensivieren. Unter ihrem Einfluss begann Nolde, mit großen Farbflächen und starken Farbgegensätzen zu experimentieren, malte expressive Ölbilder und Aquarelle, schuf Holzschnitte, Lithografien und auch einige Holzskulpturen. Südsee
und Domizil in Seebüll Während seiner kurzen Zeit bei der "Brücke", die er nach einem Jahr verließ, entdeckte Nolde auch sein Interesse für die Kunst der Naturvölker, deren Ursprünglichkeit und intensive Ausdruckskraft er lebenslang als beispielhaft empfand und deren Erfahrungen sich in seinem Werk niederschlugen. So wurde die baldige Begegnung mit den "primitiven" Kulturen zu einem entscheidenden Erlebnis und zu einer wichtigen Inspirationsquelle des norddeutschen Künstlers. Von 1913 bis 1914 nahm er von Berlin aus über Moskau, Korea, Japan und China an einer Expedition nach Neuguinea teil, wo er im Auftrag des Reichskolonialamtes die Bewohner der Südseeinsel zeichnete. Diese fremde und ursprüngliche Welt übte auf Emil Nolde eine ähnliche Faszination aus, wie sie zehn Jahre zuvor auch Paul Gauguin im Südpazifik zuteil wurde und die seine Malerei ebenfalls radikal veränderte. Nach seiner Südseeexpedition lernte Nolde auf seinen Reisen nach England, Frankreich und Italien auch Europa kennen. Obwohl er häufig in Berlin lebte, kehrte er immer wieder in sein ehemaliges Wohnhaus nach Seebüll zurück, das er in den Jahren 1927 - 1937 zu seinem festen Domizil, Atelier und Museum ausbaute. Dort flüchtete er vor der großen kosmopolitischen Welt, verweigerte sich dem mondänen Leben. Er war seiner norddeutschen Heimat stets eng verbunden, deren weite Marsch-, See- und Insellandschaften, blühende Wiesen und Gärten er gern malte. Sein malerisches Werk ist von einer beeindruckenden Vielfalt: Landschaften und Stillleben, Szenen aus dem städtischen Nachtleben und der Südsee, profane Bildnisse und Christusdarstellungen. Und doch beschränkte sich der Künstler nur auf zwei Themen: Sein umfangreiches malerisches und grafisches Werk widmete er der Natur und Figur. Malerische
Fantasie und braune Ideologie Der Maler Emil Nolde wurde auch als Grafiker bekannt. Er hinterließ ein umfangreiches, aus über 500 Radierungen, Holzschnitten und Lithografien bestehendes druckgrafisches Werk, das er 1905 mit der Serie "Phantasien" begann und das er im wesentlichen bis 1926 perfektionierte und fortführte. Wie kein anderer Grafiker seiner Zeit erzielte er in seinen virtuosen Radierungen, die durch raffinierte Ätztechnik, Hell-Dunkelkontraste, weiche ineinander fließende Formen bestechen, in denen Linie und Fläche verschmelzen, eine beindruckende malerische Wirkung. Seine vorwiegend schwarz-weiße Druckgrafik ist genauso vielseitig, ausdrucksstark und genuin wie sein Malwerk und genau so eigenständig. Es ist deshalb kaum verständlich, dass dieser Meister aus Deutschland (seit 1920 dänischer Staatsbürger), dessen Kunst jeden nationalen und genrespezifischen Rahmen sprengte und in der Kultur der "Primitiven" Anregungen suchte, schon sehr früh die primitive Ideologie der Nationalsozialisten zu befürworten schien, denn er trat bereits 1934 der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig (NSAN) bei, die ein Jahr später mit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) zwangsvereinigt wurde. Diese braune Episode im Leben des namhaften deutschen Expressionisten inspirierte den Schriftsteller Siegfried Lenz zu seinem Roman "Die Deutschstunde". Viele Lebensdaten Noldes sind mit denen der Romanfigur Max Ludwig Nansen identisch. Bilder
auf Blättchen Wenn Emil Nolde meinte, dass er sich durch die Mitgliedschaft in der NSDAP eine künstlerische Freiheit erkaufen konnte, wurde er bald eines Besseren belehrt: 1937 stuften die Nationalsozialisten seine Kunst als "entartet" ein und zeigten 48 seiner Arbeiten in der berüchtigten Ausstellung "Entartete Kunst" in München. Am 23. August 1941 erhielt er dann ein Schreiben des Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste, Professor Adolf Ziegler mit folgendem Inhalt: Anlässlich der mir vom Führer aufgetragenen Ausmerzung der Werke entarteter Kunst in den Museen mussten von Ihnen allein 1052 Werke beschlagnahmt werden. (...) Ich schließe Sie wegen mangelnder Zuverlässigkeit aus der Reichskammer der bildenden Künste aus und untersage Ihnen mit sofortiger Wirkung jede berufliche - auch nebenberufliche - Betätigung auf den Gebieten der bildenden Künste. Trotz des absoluten Malverbots, das seit 1941 bis Anfang Mai 1945 von der Gestapo streng kontrolliert wurde, arbeitete der in seinem Haus in Seebüll zurückgezogen lebende Künstler bis zum Kriegsende heimlich an einer Serie von 1300 kleinformatigen Aquarellen und Gouachen auf Japanpapier, zu denen er tagebuchartige Aufzeichnungen, die "Worte am Rande" verfasste und die er vor dem Zugriff der Gestapo bei seinen Freunden versteckte: Die Jahre vergingen. Verstohlen hatte ich bisweilen in einem kleinen, halbversteckten Zimmer gearbeitet. … Es waren fast nur meine kleinen, besonderen Einfälle, die ich auf ganz kleine Blättchen hinmalen und festhalten konnte, meine 'ungemalten Bilder'… Die "ungemalten Bilder", oft nicht größer als eine Handfläche, denen Emil Nolde sein Leid, seine Qual, seine Verachtung anvertraute, zeigen das menschliche Leben in seiner ganzen Bandbreite. Es gibt darauf Tanz- und Spielszenen, realistische und fantastische Gestalten, Traumwelten, durchsichtige oder leuchtende Visionen von beispielloser Intensität, die zu den Höhepunkten seines Werks gehören. Emil Nolde hat die "ungemalten Bilder“ nie zum Verkauf angeboten und nur wenige von ihnen an Freunde verschenkt, denn er hoffte, sie nach dem Ende des Malverbots in großformatige Ölbilder übertragen zu können. Diese kleinen Blätter haben mir als Mensch und Maler viel Freude gegeben. Immer wieder, fast ohne es zu wissen, stand ich dabei, mich durch neu Erfundenes überraschend. Viele Hunderte sind es geworden. Wenn ich sie alle malen soll, müsste meine Lebenszeit mehr als verdoppelt werden, das aber gibt es nicht auf unserem naturhaft streng geordneten Planeten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als dem Künstler die verschnürten Hände wieder freigegeben wurden, malte er noch hundert Ölbilder: Der Hälfte davon dienten seine "Ungemalten Bilder" als Vorlage. Kleinformatige
Größe 120
dieser Aquarelle, wovon 70 zum ersten Mal öffentlich gezeigt werden,
sowie einige Ölgemälde, die Emil Nolde unmittelbar vor und nach dem
Malverbot geschaffen hat, kann man noch bis zum 17. Januar 2010 in der
Ausstellung "Mit verschnürten Händen - 'Ungemalte Bilder'"
in der seit über zwei Jahren in Berlin ansässigen Dependance der Nolde
Stiftung Seebüll bewundern. Vor allem die dicht gehängten, winzigen Blättchen,
die der geächtete und mit Berufsverbot belegte Künstler heimlich nach
Bildern und Empfindungen fertigte, die seiner Fantasie entsprungen
waren, beweisen, dass die erzwungene Arbeit im Kleinformat Großes
leisten und Meisterwerke vollbringen kann: Die Qualität eines Bildes
ist entscheidend, nicht seine Größe. Text © Urszula Usakowska-Wolff Alle
Zitate aus dem Ausstellungskatalog. 05.01.2010 Fotos © Nolde
Stiftung Seebüll Mit verschnürten Händen
- "Ungemalte Bilder" von Emil Nolde Jeden ersten Montag im
Monat Eintritt frei.
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