Engel für jeden Geschmack

In der Vorweihnachtszeit haben Engel Hochkonjunktur. Sie schmücken Geschenkpapier, Schaufenster und Einkaufsmeilen, sie baumeln goldfarben von den aufwendig verpackten Douglas-Kosmetika. Vor allem die Raffael-Engelchen sind zu einer Ikone der Werbung und somit zu einem festen Element der Massenkultur mutiert. Arme Himmelsboten, die zum Zweck des irdischen Konsums missbraucht werden: Süß, kitschig und so allgegenwärtig, dass man sie zum Glück meistens nicht mehr wahrnimmt.

Raffaelengel als Untersetzer

Raffaelengel als Untersetzer

  Begehrt auch in der Kunstwelt

Wie die Raffaelengel auf die Weihnachtsserviette so gehörten auch Ausstellungen des "himmlischen Geflügels“, wie die polnische Dichterin Wisława Szymborska die geflügelten und die Fantasie beflügelnden Wesen nannte, neben Krippenausstellungen, zum Lieblingsrepertoire der Museen in der festlichen Winterzeit. Denn die Engel, mythologisch-religiöse Geschöpfe nicht von dieser Welt und vielleicht deshalb von den Irdischen besonders begehrt , sind sowohl ein kultur- und kunstgeschichtliches Phänomen als auch ein Produkt der Massenkultur: aus der hohen Kunst der großen alten Meister hielten sie einen Triumpheinzug in die populäre Kultur und - dank der Entwicklung der industriellen Vervielfältigungstechniken im 19. Jahrhundert, konnten sie als Wandschmuck die guten Stuben verhübschen. Ende November dieses Jahres haben die Engel sich sogar nach Bad Oeynhausen aufgemacht und beglücken die ostwestfälische Kurstadt mit ihrer Anwesenheit. In deren führender Kulturstätte mit dem Namen "Deutsches Märchen- und Wesersagenmuseum“ haben sie die ganze erste Etage erobert und präsentieren unter dem Titel "Engelhaftes“ und recht eng gehängt - die ganze Breite des Geschmacks der privaten Leihgeber, deren Öldrucke, Stickereien, Figuren aus dem Erzgebirge, Skulpturen, Reliefs, Öl- und Hinterglasbilder, um museumseigene Illustrationen und andere Exponate ergänzt, die mit Ausnahme der polnischen Volkskunst, alle in den Bereich der Massenengelproduktion des 19. und 20. Jahrhunderts gehören.

Engel mit Lilie. Glanzbild, Ende 20. Jh. Deutsches Märchen-und Wesersagenmuseum Bad Oeynhausen

Engel mit Lilie. Glanzbild, Ende 20. Jh. Deutsches Märchen-und Wesersagenmuseum Bad Oeynhausen

Lichte Schichten

Aus jüngster Zeit stammen dagegen die Bilder, Grafiken, Zeichnungen, Fotos und Objekte, die parallel zum Märchenmuseum (und als ein Teil des gemeinsamen Projekts) im Kunstforum des Herz- und Diabeteszentrum gezeigt werden. Die vierzigste Kunstausstellung, diesmal unter dem Titel "Engelhaftes. Der Traum von einer Sache“ in der Vorzeigekardiologie lässt die Herzen sicherlich nicht zu hoch schlagen und hat eher eine besänftigende Wirkung: Die Engel oder was die neun Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland, Italien, Großbritannien und Niederlanden dafür halten, passen zu der großen hellen Empfangshalle mit den blau-roten Sitzgelegenheiten und sehen an den Wänden in den Gängen und der ersten Etage auch recht beindruckend aus. Sehr dynamisch sind die flachen Acrylbilder des ältesten und bekanntesten Teilnehmers (vor einigen Jahren mit einer Einzelausstellung im Herzzentrum vertreten) der engelhaften Gruppenschau: Gerd Winner (*1936) fertigt seine großformatigen Engelsbilder und seine kleineren Radierungen aus - wie er es selbst schreibt - lichten Schichten, die sich zu schemenhaften Umrissen von ephemeren, meist kopflosen Statuen mit mehr oder weniger sichtbaren Flügeln formen und die eher an antike Skulpturen erinnern. Einige von ihnen halten ein Kreuz in der Hand: wohl ein Zeichen der Kontinuität der mythischen Vorstellungen, die Einzug in die christlichen Religionen erhielten.

  Zwischen Kunsthimmel und Erde

Während Gerd Winner auf die Köpfe verzichtet, sind sie das Hauptmotiv der großformatigen Bilder, auf denen Ingema Reuter altbekannte kunsthistorische Sujets mit moderner Technik verfremdend variiert. Ihre Scanachrome auf Leinwand unter dem Titel "Fra Angelico befragt“ bilden eine Serie, in der der Engelskopf des Alten Meisters jedes Mal in einem andern Licht und einer anderen Farbgebung erscheint. Der Geist Andy Warhols scheint noch immer beflügelnd zu wirken. Reiner Gerke (*1952) ist auch ein Serienkünstler. Seine seriellen Arbeiten heißen "Engel“ und "Todesengel“ und bestehen aus quadratischen (44 x 44 cm) Linoldrucken und Mischtechniken auf Aluminium. Sie sind wohltuend sparsam in der Farbgebung, mit dominierenden erdigen und bläulichen Tönen, und zeigen - auf eine ziemlich abstrakte Weise - Himmel und Erde, also das Vergehen und das Werden, den ewigen Kreislauf der Materie. Den letzten Ruhestätten der Menschen gilt das serielle Interesse der Fotokünstlerin Jutta - Nomen Omen - Engelage (*1960), die auf alten Friedhöfen steingewordene "Himmlische Begleiter“ fotografiert. Peter Frisch (*1958) baut wiederum ästhetische "Schwebeobjekte“, über deren Verbindung zu den Engeln man rätseln darf. Die Grundformen des Holzes und seiner Eigenschaften sowie andere Naturmaterialien bilden den Grundstock meiner Skulpturen, schreibt er im Ausstellungskatalog. (...) In den ausgehöhlten Skulpturen entstehen Hohlräume, Verstecke, Behälter und Aufbewahrungsorte, die hinter die Geheimnisse des Wesens der Bäume, der Welt und der Natur deuten.

Rätselhafte Symbolik

Nicht minder geheimnisvoll und entrückt erscheinen die Engel auf den Collagen von Silke Rehberg (*1963), die bereits zum zweiten Mal im Kunstforum des Herzzentrums ausstellt. Ihre Engel kommen aus einer Zeit, als das Glauben noch half, die Verkündigung, der die Jungfrauengeburt folgte, für eine wahre Geschichte zu halten. Die religiöse Symbolik - zum und im kunsthistorischen Zitat erstarrt - ist nur ein Ornament, dessen Muster wir heute immer weniger verstehen. Auf ein Spiel zwischen dem Sakralen und dem Profanen - wobei die Grenzen fließend sind - lässt sich auch die niederländische Malerin Lara de Moor (*1969) ein. Ihre großformatigen Bilder, deren Machart häufig an Frida Kahlo erinnert, sind zwar figürlich, aber recht rätselhaft: Ein Engel wärmt sich am Kamin, doch die Frau, der das Zimmer wohl gehört, ist damit beschäftigt, sich einen Fleck von ihrem Kleid zu entfernen. Im "Besuch“ schwebt ein offensichtlich männlicher Engel gefährlich nahe über einer nackten schlafenden Frau und legt ihr eine Hand auf den Kopf, während sein Blick ihren Hintern streift. Wunder gibt es immer wieder, doch in unserer profanen Existenz gefangen, merken wir sie gar nicht. Vielleicht auch deshalb, weil wir die christlichen Symbole nicht richtig deuten können.

  Profane Heiligenportraits

Einer, der das trotzdem, doch für den Betrachter ziemlich unverständlich versucht, ist der aus Bozen stammende Arnold Mario Dall´O (*1960). Seine Mischtechniken (Zeichnungen, Foto, Siebdruck und Linoleumstempel) auf Papier, die er zu großen Wandinstallationen unter dem Titel "Portraits der Heiligen“ anordnet, sind mit Zeichen und Symbolen überfrachtet, die sich einer Interpretation weitgehend entziehen. Man erkennt darauf zwar Bekanntes: Kreuze, Tiere, Körperteile, Alltagsgegenstände, Pflanzen und Schriftzüge, aber was das mit den Heiligen, geschweige denn mit den Engeln zu tun hat, bliebt eine offene Frage. Vielleicht sollten wir aus diesen Bildern den Schluss ziehen, dass die Heiligen Menschen waren, bevor sie in den Himmel erhoben wurden. Viel einfacher ist es dagegen, die Sprache der Zeichnungen des in London geborenen Kanadiers Stephen Cone Weeks (*1952) zu entziffern. Es sind Stillleben mit Puttonippes und Gartenengel: Rache der sterblichen Hand.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

7.12.2004 


Engelhaftes
Deutsches Märchen- und Wesersagenmuseum
21.11.2004 - 30.01.2005
Am Kurpark 3
32545 Bad Oeynhausen
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag von 14:00 - 17:00 Uhr

Engelhaftes
"Der Traum von einer Sache“
Arnold Mario Dall´O, Jutta Engelage, Peter Frisch, Reiner Gerke, Lara de Moor, Silke Rehberg, Ingema Reuter, Gerd Winner, Stephen Cone Weeks
21.11.2004 - 30.01.2005
Kunstforum des Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen
Bad Oeynhausen

Katalog
Engelhaftes
"Der Traum von einer Sache“
Hrg. vom
Kunstforum des Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen
Bad Oeynhausen, 2004
Ohne ISBN
Preis: 23 Euro

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