Dinge und ihre Menschen

Rolf Escher mit seiner Zeichnung "Großer Büchertisch im Kloster Lilienfeld", 2002. Foto © Manfred Wolff, 24.11.2005

Rolf Escher mit seiner Zeichnung "Großer Büchertisch im Kloster Lilienfeld", 2002. Foto © Manfred Wolff

"Ich möchte das Unsichtbare sichtbar machen“, sagt Rolf Escher. Seit fast vier Jahrzehnten geht er den Spuren nach, die der menschliche Geist in der Kultur hinterlassen hat. Er ist ein Reisender, stets auf der Suche nach der Unvergänglichkeit der Dinge, die der vergängliche Mensch geschaffen hat. Um diese Dinge: vor allem Bücher, Möbel und Häuser, also Requisiten und Kulissen, in denen der unvergängliche menschliche Geist lebt, aufs Papier zu bannen, bereist er die große und die kleine Welt und zeichnet sie - einem melancholischen Tagebuch gleich - in Wolfenbüttel und Wien, in Waldsassen und Venedig, in Weimar und New York, in Lüneburg und Porto, in Lilienfeld und Florenz, in Zutphen und London, in Dublin und Schötmar, in Oxford und Salzburg, in Istanbul und Gaesdonck, in Florenz und Barcelona, in Dresden, Herford und an anderen Orten, wo es bedeutende Kulturstätten gibt. Seine häufig kleinformatigen Zeichnungen und Radierungen sind eine Hommage an die Vergänglichkeit und enthüllen ihre Schönheit: die Schönheit der abgenutzten Dinge als Folge ihres langjährigen, häufig Jahrhunderte währenden Gebrauchs. Sie zeigen, so der 1936 in westfälischen Hagen geborene Künstler, "die Arbeit der Zeit an den Dingen“, an alten Büchern und Bibliotheken, Möbeln und Fassaden historischer Prachtbauten. Sie sind Zeugen einer Kultur, die in der heutigen schnelllebigen grellen und oberflächlichen Wegwerfgesellschaft zunehmend zur "Unsichtbarkeit“ verurteilt und von der virtuellen Wirklichkeit verdrängt wird. Seine altmeisterlichen Blätter, in denen "wirkliche Dinge für die Menschen stehen“, sind von einem Zauber umgeben, dem man sich nicht entziehen kann. Sie wirken, als seien sie von einem leichten Schleier, wie von der Patina der Zeit verhüllt.

Anwesenheit der Abwesenden

Bevor Rolf Escher sich entschied, Künstler zu werden, studierte er Germanistik. Die Bücherwelt war für ihn die reale Welt, die ihn zu der Bilderwelt führte. Franz Kafkas berühmte literarische Metamorphose aus dem Jahr 1915 inspirierte ihn zu einer Grafikserie (1973/74), deren Held der zu "einem ungeheuren Ungeziefer" verwandelte Gregor Samsa war. Käfer, Wanzen, Hummer, Langusten, Scampis und Krebse, also "verschachtelte“ Lebewesen, die unter ihren panzerartigen Hüllen ein geheimnisvolles und verletzliches Inneres verbergen, gehören vom Anfang an zu den stummen Zeugen und Wächtern, die die bildgewordene Eschersche Bücherwelt bevölkern. Sie sind literarische Metaphern, die ein Eigenleben führen, denn das geschriebene Wort verwandelt sich in ein Bild, das die Phantasie des Betrachters anregt, nach Worten zu suchen, um das Gesehene auszudrücken. Was Escher interessiert, ist einerseits ein nicht endender Kreislauf aus Worten und Bildern: durch Worte erzeugen wir Bilder, mit den Bildern assoziieren wir Worte. Andererseits gilt seine Aufmerksamkeit der "Verschachtelung“, was bedeutet, dass sich hinter jeder Hülle: dem Panzer eines Käfers oder Hummers, einem Buchdeckel, einer Häuserfassade, einem vom Stuhl hängenden Morgenmantel, venezianischen Schuhen und Karnevalsmasken, gestapelten oder nebeneinander stehenden alten Koffern ein auf den ersten Blick unsichtbarer Inhalt befindet. In seinen melancholischen und ironischen Bildern enthüllt Rolf Escher das Verhüllte und entpackt das Verpackte: Er zeigt, wie die Vergangenheit in den Hüllen lebt, die die Natur und Kultur geschaffen haben. Obwohl die Menschen auf seinen Blättern, die an alte Stiche erinnern, selten anwesend sind, sind sie doch allgegenwärtig. Von ihrem einstigen Sein zeugen Dinge, die sie der Nachwelt hinterlassen haben: erhabene, wie kostbare Bücher, Bauten und Möbel; banale, wie alte Schuhe, Kleidungsstücke oder Brillen. Die Abwesenheit der Menschen unterstreicht geradezu ihre Anwesenheit in den Dingen, die für sie wichtig oder offensichtlich waren und die sie überlebten. In diesen Dingen, von Menschenhand und dem menschlichen Intellekt geschaffen, drückt sich sowohl die Vergeblichkeit unserer vergänglichen Existenz als auch die Unvergänglichkeit unseres irdischen Wirkens aus: Jeder Mensch wird irgendwann vergehen, viele seiner materiellen und geistigen Werke bleiben lange Zeit nach seinem Ableben stellvertretend für ihn stehen.

Sarkophage der Erinnerung

Der Zeichner Rolf Escher weiß um den Lauf der Dinge, die von der Zeit langsam aber unaufhaltsam gezeichnet werden. Seine Bilder zeigen Bühnen, Kulissen und Requisiten: theatralische Inszenierungen, in denen sich das menschliche Leben abspielt. Der Auftritt der Protagonisten in diesen Bühnenstücken ist zwar meistens viel zu kurz und zeitlich recht begrenzt, ihren gegenständlichen Existenzbeweisen ist in der Regel eine lange Dauer beschert. Alte Bücher, Koffer, Häuser und abgegriffenes Mobiliar sind eben jene schwer vergänglichen äußeren Hüllen, in denen die Erinnerung an ihre einstigen Erzeuger und Besitzer gespeichert ist. Die Spuren der Abnutzung auf den Hüllen und in ihrem Innern durch die kontinuierliche Benutzung zeugen davon, dass die alten Dinge immer neuen Menschen dienen. Sie sind einerseits eigentümliche Sarkophage der Erinnerung und andererseits Gegenstände des fortwährenden Gebrauchs. Geduldig lassen sie die Zeit mehrer Menschenleben über sich ergehen, und trotzen, im Gegenteil zu den Menschen - der Zeit. Zwei Stühle, ein mit Stoff verhüllter Sessel und ein Haken in der Wand sind die "Hinterbliebenen“ (2003) und "Die Wartenden“ (2002 - 2005) sind die in einer Reihe stehenden Koffer, mit Aufklebern versehen, die über die Reisen ihrer Passagiere Auskunft geben. Diese "Stillleben“ der zurückgebliebenen und verlassenen Dinge sind Porträts ihrer Besitzer und Benutzer, die auf die letzte Reise gegangen sind. "In den Dingen, die ich auf meinen Blättern zeige, suche ich den Menschen in seiner Zeitverfallenheit, mit seinen Obsessionen zu finden“, sagt Rolf Escher. "Wie an einem Tatort Dinge zu Zeugen werden können, möchte ich in den verbrauchten abgenutzten Gegenständen und Räumen die Spur des Menschen deutlich machen. Beim Zeichnen oder Radieren arbeite ich auf den Punkt hin, wo das Motiv anfängt, die Phantasie des Betrachters in Gang zu setzen, ohne doch seine Identität zu verlieren. Alles soll erkennbar, durchsichtig sein und gleichzeitig befremden - 'zur Kenntnis entstellt.'"

Leises memento mori

Rolf Eschers Obsession ist die Dimension der Zeit und wie sie in den Zeugnissen der menschlichen Existenz sichtbar wird. Seine Zeichnungen und Radierungen, seine Lithografien, die er selbst fertigt, entstehen in einem aufwendigen, langwierigen Prozess. Sie werden vom Künstler mehrere Male überarbeitet und so lange verfremdet, bis man seine unverkennbare Handschrift erkennt. Es ist die Handschrift eines geduldigen Forschers, der die Spuren der Vergänglichkeit akribisch untersucht und die Gegenwart des menschlichen Geistes, der sogar banalste Gegenstände des täglichen Gebrauchs durchdringt, vor dem Vergessen bewahren möchte. Seine zeitlosen Zeit-Bilder, die an wirklichen Orten entstehen, sind wirklich und entrückt, wörtlich und metaphorisch, leer und dicht zugleich. Es sind "ZeitOrte“, in denen die Dinge erwachen und vom Leben ihrer Menschen künden. Eschers dinggewordene Menschenwelt regt dazu an, über die Fülle hinter der scheinbar leeren Hülle nachzudenken. Unaufdringlich erinnert er uns zugleich daran, dass die Dinge uns überleben werden: Seine Kunst ist ein leises memento mori und offenbart, dass wir endlich sind. Ewig ist nur der "Tod als Bibliothekar“ (1999), der irgendwann jedes Buch zu Ende liest und es in seinen Regalen abstellt, wo bekanntlich kein Platzmangel herrscht. Doch obwohl Rolf Escher todernste, also existentielle Themen aufgreift und sie suggestiv darstellt, sind seine Bilder weit davon entfernt, bedrückend zu wirken, Beklemmung oder Ängste auszulösen. Weil er um den Gang alles Irdischen weiß, betrachtet er die Vergänglichkeit häufig mit einer sanften Ironie, etwa wenn er "Chardins Hund“ oder die "Flämische Katze“ (2003) darstellt: Die beiden kunsthistorischen Stillleben sind Wirklichkeit geworden und liegen vor den hungrigen Augen der "lebendigen“ Haustiere als schmackhafte tote Hasen, Fasane und Vögel: ein gefundenes Fressen leicht zugänglich gemacht auf dem Tisch. Der Lebenshunger ist also stärker als das Wissen um die Vergänglichkeit. Das Leben und der Tod, das Leben und die Kunst, das Leben und die Literatur sind unerschöpfliche Metamorphosen, die Rolf Escher immer wieder aufs Neue in seinen altmeisterlichen Bildern sichtbar macht, variiert, mit ihren Motiven spielt. Alles verwandelt sich ständig in etwas anderes, auch wenn es unveränderlich zu sein scheint.

Vanitas im Spiegel

Dass die gegenständliche und zeitlose Kunst, der Rolf Escher - trotz allen Moden und Zwängen des Zeitgeistes - auf eine wohltuende altmodische Art unveränderlich treu bleibt, eine faszinierende und magische Wirkung entfaltet, kann man gegenwärtig im Herforder Kunstverein erfahren, wo seine Retrospektive mit Arbeiten aus dem letzten Jahrzehnt bewundert werden kann. Sie heißt "Die Magie der Dinge“ und zeigt fast hundert Zeichnungen, Radierungen und Mischtechniken aus den Serien "Bücherzeiten“, "Venedig“ und "Das Leben der Dinge“, ferner seine Bücher und druckgrafische Mappenwerke. Es ist die dritte Ausstellung Rolf Eschers im Herforder Kunstverein, jedes Mal in einem Abstand von zehn Jahren. "Herford ist für mich eine Kontinuität geworden“, sagt der Künstler. Im Mittelpunkt seiner gegenwärtigen Ausstellung im Daniel-Pöppelmann-Haus steht sein neuer Zyklus von Zeichnungen mit Motiven aus Dresden und Herford, eine Hommage an den in Herford geborenen und in Dresden verstorbenen Barockarchitekten Pöppelmann (1662 - 1737), seit 1705 Landbaumeister des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, August des Starken, für den er u.a. den Dresdner Zwinger, eine Perle der Rokokoarchitektur erbaute. Unabhängig davon, ob Rolf Escher Werke großer Baumeister, verlassene Gondeln, aufgelöste Haushalte, von Büchern und alten Schuhen überquellende Schränke oder das zum "Schwierigen Abflug“ (2000) aus der Bücherwelt ansetzende "ungeheure Ungeziefer“ darstellt, ziehen die Dinge und die Menschen, die sich dahinter verbergen, das Publikum magisch an. Die Welt, wie sie Escher sieht und zeigt, ist eine in sich ruhende, doch sehr bewegte Welt, die sich um ihre Beständigkeit und Vergänglichkeit im Klaren ist. In ihr lebt das Erbe der humanistischen Kultur fort, das sich in unserer hektischen oberflächlichen Zeit aufzulösen droht. Vielleicht ist die zeitlose Kunst des "Magiers der Dinge“ ein Zufluchtsort vor den schnelllebigen Dingen der heutigen Welt. Er hält ihr einen Spiegel mit einem Vanitas-Stilleben vor: mit Buch, Uhr und Yoricks Kopf.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

15.12.2005

Hier geht es zur Website des Herforder Kunstvereins

Rolf Escher
Die Magie der Dinge
Arbeiten aus dem letzten Jahrzehnt
26.11.2005 - 22.01.2006
Herforder Kunstverein
im Daniel-Pöppelmann-Haus
Deichtorwall 2
32052 Herford

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Samstag 14 bis 18 Uhr
Sonntag 11 bis 18 Uhr
Montag geschlossen

Rolf Escher
 kommt am 7. Januar 2006 nach Herford und wird selbst ab 15:00 Uhr
 durch seine Ausstellung
 im Pöppelmann-Haus führen.

Rolf Eschers Website >>>

 


Rolf Escher und Urszula Usakowska-Wolff, Herforder Kunstverein, 24.11.2005. Foto © Manfred Wolff

Rolf Escher und Urszula Usakowska-Wolff, Herforder Kunstverein, 24.11.2005. Foto © Manfred Wolff


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