Atlantis lebt weiter

Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit

Vor der Ausstellungseröffnung tobte ein kurzes Gewitter über den Berliner Uferhallen, einem Kulturzentrum in privater Trägerschaft, das ursprünglich als Straßenbahndepot diente und in den Jahren 1898-1931 im Ortsteil Wedding am Ufer der Panke erbaut wurde. Nach dem Schauer erstrahlte die Sonne, sodass sich ein großer Regenbogen bildete und lange am Himmel stehen blieb: Ein symbolträchtiger Auftakt zu einer Exposition, die sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen Kultur und Natur auseinander setzt und für einen verantwortlichen Umgang mit der Natur plädiert. Zur Nachahmung empfohlen! heißt die von Adrienne Goehler kuratierte Gruppenschau, die Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit verspricht. Nachhaltigkeit – das klingt nicht gerade verlockend, doch in einer Ausstellung, in der Recycling eine große Rolle spielt, kann auch ein Wort recycelt werden und zu seinem Ursprung zurückkehren. Das Wort Nachhaltigkeit ist heute völlig verbraucht, aber es war schon Anfang des 19. Jahrhunderts in der Denklandschaft präsent, erklärt Adrienne Goehler. Die Definition des Begriffs Nachhalt verdankt die Nachwelt nämlich dem Schriftsteller, Pädagogen, Verleger und Sprachforscher Joachim Heinrich Campe (1746-1818), der 1807 ein großes Wörterbuch der deutschen Sprache herausgegeben hatte, in dem man lesen kann: Nachhalt: woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält. Die Berliner Uferhallen sind die erste Station dieser von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Ausstellung, die anschließend im Westwendischen Kunstverein Gartow, im Umweltbundesamt Dessau, im Neuen Kunstverein Pfaffenhofen, im Kunstverein Ingolstadt, in der Städtischen Galerie Neuburg an der Donau, danach in Kooperation mit den jeweiligen Goethe-Instituten in Russland, Griechenland und Australien gezeigt wird: Zur Nachahmung empfohlen! geht vorerst bis ins Jahr 2013 auf Deutschland- und Welttournee.

Jaana Prüss (links), Anne Maier und Adrienne Goehler, Macherinnen der Ausstellung "Zur Nachahmung empfohlen! Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit",  Uferhallen Berlin, 2.09.2010. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Jaana Prüss (links), Anne Maier und Adrienne Goehler,
 Macherinnen der Ausstellung Zur Nachahmung empfohlen!
 Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit
"
 Uferhallen Berlin, 2.09.2010. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

 Transdisziplin macht Sinn

Es dauerte fast drei Jahre, um die Gelder für die Finanzierung der nachhaltigen Ausstellung – immerhin eine halbe Million Euro – aufzubringen. Das lag nicht so sehr an der Summe, sondern daran, dass die Sponsoren sich streng an ihre Zuständigkeiten halten und sich schwer tun mit Projekten, die Disziplingrenzen überschreiten: Während ihrer Arbeit als Präsidentin der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, als Berliner Senatorin für Wissenschaft, Bildung und Kultur und als Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds hat Adrienne Goehler die Erfahrung gemacht, dass Politiker nicht in Verantwortung, sondern in Zuständigkeiten denken. Doch ich glaube, dass wir es uns nicht mehr leisten können, abgetrennte Bezirke und abgezirkelte Zuständigkeiten zu haben. Aus diesem Glauben ist die Idee eines Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit entstanden, in dem verschiedene Disziplinen wie Kunst, Design, Wissenschaft, Erfindungen und Aktivismus gebündelt, untersucht und als gemeinsame Projekte gefördert werden können: eine Werkstatt für transdisziplinäres Denken und Handeln. Dieser Fonds, der sich den Problemen der nachhaltigen Wahrnehmungserweiterung widmen will, sollte am Anfang mit fünf bis zehn Millionen Euro ausgestattet sein und fünf Jahre Zeit haben, um zu sehen, ob die von ihm angestoßenen Fragen auf gesellschaftliche Resonanz treffen. Die Ausstellung Zur Nachahmung empfohlen! ist ein Schritt in diese Richtung, ein Mittel zum Zweck: Sie soll die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass es Sinn macht, eine Institution zu gründen, die ressortübergreifend und transdisziplinär arbeitet, die sozusagen über den Tellerrand einzelner Disziplinen schaut. Dass Künstler zugleich auch Wissenschaftler und Erfinder sein können, dürfte sich spätestens seit Leonardo da Vincis disziplinübergreifendem Wirken herumgesprochen haben.

Hermann Josef Hack:" World Climat Refugee Camp". Installation, mixed media. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Hermann Josef Hack: World Climat Refugee Camp. Installation, mixed media. 
Foto © Urszula Usakowska-Wolff

 Post-Peachum an der Panke?

Die Architektur der Ausstellung Zur Nachahmung empfohlen! wurde aus recyceltem Material hergestellt, die Ausstellungspublikationen (ein Katalog, ein Lesebuch, ein Malbuch für Kinder und eine Windrad-Bauanleitung) samt dazu gehöriger Tasche sowie die Pressemappen wurden aus Recyclingpapier und Reißspinnstoff gefertigt, hundert Stühle von den Anwohnern der Uferhallen gestiftet. Wir haben nur technische Dinge angeschafft, betont die Projektleiterin Jaana Prüss. Wir haben versucht, die Transportwege so klein wie möglich zu halten und, im Gegensatz zu vielen Museen und Galerien, alles in Deutschland produziert. Die rundum umweltbewusste Gruppenschau, an der sich über vierzig Künstlerinnen und Künstler beteiligen, von denen viele Kunst als wissenschaftliche Forschung betreiben, hat vor und in der geräumigen Halle der ehemaligen Hauptwerkstatt an der Uferstraße in Weddig, wo bis 2006 Busse der Berliner Verkehrsbetriebe gewartet wurden, viel Platz, um weltbewegende Probleme zu visualisieren, wozu Klimaflucht, Wasserverschmutzung, Elektrosmog, verschwenderischer Energieverbrauch, durch Atomenergie verursachte Missbildung der Insekten, Genmanipulation, durch Biopiraterie bedrohte Biodiversität, Unmengen an Müll, die Versorgung der Kriegs- und Katastrophenopfer mit Nahrungsmitteln und Zelten als lukrativer Wachstumsmarkt gehören. Wenn man die Ausstellung betritt, drängt sich zuerst der Eindruck auf, an einem Ort zu sein, der einer Mischung aus Recyclingbörse und Trödelmarkt ähnelt. Was man sieht, ohne sich in Inhalte und Autorenschaft zu vertiefen, sind u.a. eine von der Decke hängende Autokarosserie und fahrradähnliche Fortbewegungsmittel, eine Wasserfilteranlage mit Soundfiltern, eine Art Grotte aus leeren Plastikmineralwasserflaschen, eine Wunderkammer mit ausgestopftem Pfau und vielen alten Medizinflaschen, ein überraschender, weil atmender Laubhügel, ein gläserner Sarg mit einem Unendlichkeitsbeerdigungsanzug, in den, wie man liest, ein Unendlichkeitspilz integriert ist, um die Toten in Zukunft umweltfreundlich zu recyceln, ein großer Würfel aus Kohlebriketts, eine Ecke, in der Baumstämme aus Schaumstoff gestapelt sind, viele kleine und bunte Kartonzelte, viele kleine weiße Beutel, ein Stand mit selbstgebastelten Gegenständen aus Verpackungsmüll, viele Plastiktüten, einige Zeichnungen mit Darstellungen deformierter Blattwanzen, ferner ein Büro, das einsamen Europäern Patenfamilien in Afrika und Asien vermittelt. Vor der Halle steht ein selbstgebasteltes Windrad aus Abfall, in der Luft hängen acht klingende Kugeln, außerdem ertönt eine Gras-Glas-Orgel. Ist das die Kulisse für eine Neuinszenierung der Dreigroschenoper, die in diesem Fall Recyclingoper heißen könnte? Post-Peachum an der Panke?

Dina Shenhav vor ihrer Installation "The End of the  Forest", Schaumstoff. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Dina Shenhav vor ihrer Installation The End of the Forest, Schaumstoff. 
Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Dermoherba für herbe Zeiten

Ja, das ist gar nicht so abwegig, denn die sozialen, kulturellen und ökonomischen Zerfallsprozesse, die Brecht Ende der 1920er Jahre in seinem Meisterwerk exemplarisch in Szene setzte, sind am Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts nicht verschwunden. Sie sind eher noch größer und fast unlösbar geworden. Die Probleme unserer Zeit werden von den Künstlerinnen und Künstlern aufgegriffen, denn die Kunst hielt schon immer der Gesellschaft einen Spiegel vor, registrierte Veränderungen, sah unheilvolle Entwicklungen voraus. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Ausstellung Zur Nachahmung empfohlen! zeigen mal ernst und mal ironisch, dass es unserer Welt an Respekt vor der Natur fehlt, dass die Menschen sich selbst und ihre Umwelt zerstören, denn alles wird in Unmengen produziert, konsumiert und weggeworfen. Es ist eine Welt, die verschwenderisch und auf Pump lebt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass die Rechnung irgendwann bezahlt werden muss. Mit einem Cent, den die in Berlin und Leipzig lebende Christin Lahr seit dem 25. Mai 2009 täglich per Online-Banking an das Bundesministerium der Finanzen überweist, oder mit Time-Notes (Zeitnoten), die der Argentinier Gustavo Romano seit 2004 in mobilen Zeitwechselstuben verkauft? Nicht nur die Ökonomie, sondern auch die Ökologie muss sich neuen Herausforderungen stellen. Für ihr Projekt Museum of Nature entwirft Ilkka Halso aus Finnland Schutzräume, damit große Ökosysteme im heutigen Zustand überleben können: Doch was soll man schützen, wenn es, wie in der Installation The End of the Forest der israelischen Künstlerin Dina Shenhav zu sehen, keinen Wald mehr gibt? Nicht nur der Wald, sondern auch die meisten Weizenarten verschwinden. Die über 60.000 Landrassen sind heute auf ein paar Duzend Hochertragssorten reduziert. In Samen- und Genbanken lagert die einstige Vielfalt, eingefroren und nummeriert. Die Installation Ewiger Weizen von Ursula Schulz-Dornburg aus Düsseldorf bringt sie in Erinnerung: ein Archiv des gefährdeten Naturreichtums. Zum Glück schafft der Ungar Antal Lakner Abhilfe für Zeiten, in denen die Natur gar nicht mehr grünt. Er entwickelte nämlich die Pflanzenart Dermoherba, die auf der Epidermis leben kann. So wird vielleicht schon bald jeder Mensch, der sich traut, eine grüne Haut tragen. Ob dann die Marsmännchen vor Neid erblassen?

Miguel Rothschild: "Das Haus der Atlantiden (nach Hermann Finsterlin)". Installation, PET-Wasserflaschen, Plastikdeckel für PET-Wasserflaschen, verschiedene Bücher. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Miguel Rothschild: Das Haus der Atlantiden (nach Hermann Finsterlin). Installation, 
PET-Wasserflaschen, Plastikdeckel für PET-Wasserflaschen, verschiedene Bücher.
Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Utopie wird wirklich

So viele Probleme und Fragen, dass man sich während der Expeditionen in Nachhaltigkeit und Ästhetik eine Verschnaufpause gönnen muss. Beim Lauschen der Sonnengesänge, einer solaren Klangkugelinstallation von Marlen Liebau und Marcel Lingk aus Berlin zu Ehren des ersten Umweltpatrons Franz von Assisi, des heiligen Franziskus. Oder im Haus der Atlantiden, das Miguel Rothschild nach einer Tuschezeichnung von Hermann Finsterlin (1887-1973) aus dem Jahr 1919 gebaut hat. Der in Berlin lebende Argentinier ließ die utopische Architekturskizze des deutschen Expressionisten Wirklichkeit werden und errichtete eine luftige Konstruktion aus dreitausend leeren Plastikmineralwasserflaschen. Beim Sitzen auf dem Boden des Atlantiden-Hauses kann man ein schönes Mosaik aus Plastikflaschendeckeln bewundern, in einem Buch blättern – oder einfach nur nachsinnen: Das mächtige, von Platon beschriebene Inselreich Atlantis ist untergegangen. In der Kunst lebt es nachhaltig weiter.

Text und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff


 Zur Nachahmung empfohlen!
Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit

Uferhallen Berlin
03.09.-10.10.2010

Publikation Deutsch, Englisch
416 S., Hatje-Cantz, 2010
ISBN: 978-3-7757-2772-3
Preis 48,00 Euro


Das Baby einer Teilnehmerin der Ausstellung "Zur Nachahmung empfohlen! Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit wurde auch umweltbewusst verpackt :) Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Das Baby einer Teilnehmerin der Ausstellung Zur Nachahmung empfohlen!
Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit
wurde auch umweltbewusst verpackt :)
Foto © Urszula Usakowska-Wolff

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Weiter zum Text über die 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst "was draußen wartet", Berlin, 11.06.-08.08.2010