Ein Herz(zentrum) für Figuren

Die Mammutausstellung, die gegenwärtig im Kunstforum des Herz- und Diabeteszentrums gezeigt wird, gibt sich alle Mühe, eine gute Figur zu machen, heißt sie doch "in figura... die menschliche Figur in der bildenden Kunst“ und führt figürliche Werke und Werkgruppen in Hülle und Fülle und manchmal auch unbekleidet vor: 160 sind es an der Zahl. Die Werkmasse, mit der die achtzehn Künstlerinnen und Künstler, Mitglieder im Westdeutschen Künstlerbund, ihre Schau in Bad Oeynhausen bestücken, könnte jedes Großmuseum in den deutschen Kunstmetropolen neidisch machen, die Klasse entspricht der Logik der Gruppenausstellungen: Möglichst viel, möglichst multimedial, von allem etwas. Gegenständliche und kubistisch-konstruktive Skulpturen, informelle und fotorealistische Malerei, Zeichnungen, Aquarelle, Collagen und Offsetdrucke auf Leinwand, Papier, Bütten und Tuch, Lichtkästchen und sogar eine dreiteilige Videoinstallation: Kein Medium wird ausgespart und die (Post) Moderne in ihrer westfälischen Vielfalt lässt die Herzen der Patienten und Besucher hoffentlich nicht zu hoch schlagen. "in figura“ ist auch eine Generationsschau: Die jüngste Teilnehmerin Petra Warras ist 34, der älteste Teilnehmer Woldemar Winkler 102 Jahre alt. So trifft man in den geräumigen Sälen und auf den engen Fluren des kunstsinnigen Herzzentrums Altbekanntes und von bleibender Qualität, wie etwa die zauberhaften anthropomorphen Objekte Woldemar Winklers (*1902) und die pastösen Gemälde Hans Sieverdings (*1937) mit schemenhaften Umrissen menschlicher Silhouetten, die vor nicht allzu langer Zeit in einer Einzelausstellung an derselben Stelle gezeigt wurden. Auch die großformatigen, farbenfrohen und dekorativen Ölbilder Bernhardt Sprutes (*1949) dürfen nicht fehlen, ist er der bekannteste Künstler der Badestadt, bereits mit einer Einzelpräsentation im Herzzentrum geehrt, auf dessen Wänden und Parketts seine Arbeiten auch außerhalb der Wechselausstellungen einen festen Platz haben.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Kunstdirektoren lassen Hüllen fallen

Die Kommerzialisierung der Kunst, wie wir sie aus den Museumsshops kennen, macht Gunhild Söhn (*1952) in ihrer Installation "Neue Seilschaften“ zu ihrem Thema. Das beachtliche Ölgemälde "Kunstturner“ (1999/2000; 125 x 220 cm) kündigt eine Ausstellung im Museum für Moderne Kunst in München an. Die Künstlerin nimmt den Kunstbetrieb auf den Arm, indem sie einerseits auf den bekannten englischen Landschaftsmaler Turner anspielt und andererseits deutsche Museumsdirektoren, die sie als Keramikwandteller für 680 DM anbietet, persifliert. Ihre Installation mit dem Untertitel "Museumsdirektoren im Dialog“ müsste heutzutage zwar in Euro ausgeschildert sein, doch die Feststellung: Kunst ereignet sich dort, wo der Kurator ist - curo, ergo, sum hat an ihrer Aktualität nichts verloren. Bei Kunstdirektoren und  Kunstdirektorinnen lässt die Künstlerin Silke Rehberg (*1963) alle Hüllen fallen: Wenn sie - aus Engobe, Stahl und Holz geformt - fast nackt vor uns stehen, nur mit fantasievollen Kopfbedeckungen, Lendenschürzen und Armreifen bekleidet, geben sie eine eher schlechte Figur ab. Doch an den Speeren in ihren Händen können wir sie erkennen: Sie sind immer auf der Jagd nach neuem Kunstfleisch, für den Kunstmarkt museumsreif verpackt und dem Kunstpublikum schmackhaft aufgetischt: Curo ergo figuro. Kunst machen und sie dann an die über Kunst entscheidenden Frauen und Männer zu bringen, geht halt nicht immer Hand in Hand.

Endlosschleifen und Bewegungsabläufe

Pointilistische Effekte erzielt Manfred Holtfrerich (*1948), indem er Fotos von Frauen, Männer und Kinder so lange vergrößert und durch den Fotokopierer jagt, bis sie nur noch aus einem Geflecht schwarz-weißer Punkte bestehen. Michael Müller (*1956) fertigt Offsetdrucke auf Karton, in denen er seine großen Vorbilder (Vermeer), den Volkstanz und Landschaften mit Kühen verewigt. Matthias Beckmann (*1965) porträtiert sich mit Bleistift 78 Mal als einen andere porträtierenden "Zeichner“. Ein mehrteiliges "Imaginäres Porträt fraktureal“ malt Dietrich Maus (*1942) auf Bütten, aus fragmentarisierten Gesichtsteilen bestehend. Körper der sonnenhungrigen Urlauberinnen und Urlauber bringt wiederum Ingrid Becker (*1943) in fotorealistischer Manier mit Acryl auf Leinwand. Georg Tokarz (*1934) findet Gefallen an kleinformatigen Mischtechniken (Aquarell, Tempera, Öl auf Bütten), aus denen verträumt-ängstliche Gesichter blicken. Fotofilm auf Malerei ist das Medium, in dem Evangelos Koukouwitakis (*1956) Großes leistet: Seine Studien der menschlichen Figur, deren Bewegungsabläufe er meisterlich festhält, gehören zu den Höhepunkten der Bad Oeynhausener Kunstschau. "Tisch Schau Stücke“ heißt die multimediale Installation der Künstlerin Petra Warras (*1970), die aus zwölft Leuchtkästen mit schmutzigen Stoffservietten und drei Fernseher besteht, in denen drei Videofilme mit drei ähnlich gekleideten Frauen in einer Endlosschleife laufen. Sie sitzen vor drei leeren Tellern und sind zusammen mit den Servietten in Kästen Zeugnis eines üppigen Mahls, das in großer Runde stattgefunden hat, wie die Multimedialistin im Ausstellungskatalog erklärt. Sie scheinen also Fragmente eines Ganzen zu sein, das sich dem Betrachter nur schwer erschließt.

Konstruktiv und plakativ

Fragmentarisch und auch ziemlich rund sind die plastischen Werke des Bildhauers Voré (*1941). Seine unaufdringlichen und leisen Sandstein- und Eisenskulpturen muten wie archaische Knochenfunde an. Eckig und kantig geht dagegen sein Künstlerkollege Hagen Hilderhof (*1937) ans Werk. Seine Figuren aus Gusseisen und Karton lassen die konstruktive Plastik wiederauferstehen. Die farbenfrohen Objekte Edgar Eubels (*1958) aus Draht, Papier, Acryl, Holz und Maltuch gehören zu den sehenswerteren Leistungen der Figuren-Schau. Zur Teilnahme an der "In Figura“ wurden auch zwei Gäste aus Litauen eingeladen. Die Malerin Ramuné Staskeviciute (*1965) und der Grafiker Egidijus Rundinskas (*1962), deren Arbeiten inhaltlich und kompositorisch in die Richtung wiesen, die ihr in Polen lebender Landsmann Stasys Eidrigevičius einige Zeit erfolgreich vorgemacht hat: plakative und scheinbar naive Menschenkarikaturen, trotz ihrer Expressivität ziemlich eintönig und flach.

Mehr als die Gelehrten wissen

Wie die Künstlerinnen und Künstler die Figürlichkeit sehen und darstellen, ist ein weites Feld. Darauf wachsen zarte Pflänzchen, reife Blüten und manchmal auch vertrocknete Stängel. Die Ausstellung mit dem recht anmaßenden Titel "in figura... die menschliche Figur in der bildenden Kunst“, die ihre Premiere im vorigen Herbst in den Flottmannhallen in Herne erlebte, zeigt dementsprechend verschiedene künstlerische Positionen und Variationen zum vorgegebenen Thema. Und sie zeigt: Weniger wäre entschieden mehr gewesen. Dagegen könnte man vom Katalog mehr erwarten. Die Qualität der Illustrationen und der künstlerischen Viten ist zwar angemessen, das Vorwort dagegen ruft gemischte Gefühle hervor. Obwohl sich sein Verfasser Dr. Christoph Kivelitz in der Geschichte der Figur und ihrer gestalterischen und semantischen Bedeutung wortreich vertieft und weder die Pyramiden noch Thomas von Aquin noch Arno Breker unerwähnt lässt, verliert er kein Wort über die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern und darüber, warum ihre Figurdarstellungen für die zeitgenössische Kunst so exemplarisch seien. Er bemüht sogar Novalis, um die unvergängliche Bedeutung der Figur zu rechtfertigen. Und jener schrieb in dem vom Kunsthistoriker zitierten Gedicht "Heinrich von Ofterdingen“, dass es Menschen gibt, die mehr als die Gelehrten wissen. Aber einen Hinweis, wo sie in der "In Figura“ zu finden sind, sucht man im weitschweifenden Text vergeblich.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

5.04.2004


in figura... die menschliche Figur in der bildenden Kunst
7.03. - 13.06.2004
Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen
Georgstr. 11
D-32545 Bad Oeynhausen


Kuratorenteam/Organisation:
Harald Becker, Anja Brandt, Ulrich Buse, Ekkehard Neumann,
Jutta Laurinat, Sepp Hiekisch-Picard, Ingrid Strehl  


Katalog
in figura... die menschliche Figur in der bildenden Kunst
DruckVerlag Kettler, 2004
ISBN: 3-934940-11-0
Preis 12 €


Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler:

Ingrid Becker, Matthias Beckmann, Edgar Eubel, Hagen Hilderhof, Manfred Holtfrerich, Evangelos Koukouwitakis, Dietrich Maus, Michael Müller,
Silke Rehberg, Egidijus Rudinskas, Hans Sieverding, Gunhild Söhn,
Ramuné Staskeviciute, Bernhard Sprute, Georg Tokarz, Voré,
Petra Warras, Woldemar Winkler


zu den Kunstnews

zum Text über die Doppelausstellung von Tilman Riemenschneider in Würzburg