Menschen und Möbel

Das Kunstmuseum Wolfsburg hat sich in den neun Jahren seines Bestehens in Einzelausstellungen immer wieder Persönlichkeiten gewidmet, deren Schaffen von großer Wirkungskraft für die jungen zeitgenössischen Künstler ist. Zu diesem Personenkreis gehört zweifellos der 1948 in New York geborene Amerikaner Eric Fischl, der seit dem Ende der siebziger Jahre zu einem der einflussreichsten Künstler seiner Generation zählt. Obgleich Eric Fischls Werk in Deutschland, insbesondere während der achtziger Jahre, ausführlich rezipiert worden ist, sucht man doch seine Bilder in deutschen Museumssammlungen vergeblich. Auch stand bislang hierzulande eine Retrospektive des Künstlers noch aus. Letztmalig wurde er ausführlich in Europa im Jahr 1991 durch das Aarhus Kunstmuseum und das Louisiana Museum in Dänemark vorgestellt. Die nun vom Kunstmuseum Wolfsburg konzipierte Ausstellung vereint ca. 40 Gemälde und ebenso viele Zeichnungen und teilt die ausgewählten Werke in neun Kapitel ein, die sich mit seinen voyeuristisch-bizarren Bildern von Innenräumen und seinen Strandszenen ebenso auseinander setzen wie mit den ab 1989 entstandenen Bildern von Reisen, seinen Selbstporträts und der kürzlich entstandenen sogenannten The Bed, The Chair-Serie.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

  Böse Buben

Eric Fischl wächst im suburbanen Kontext von Port Washington auf Long Island auf, beginnt seine Collegeausbildung 1966, siedelt nach San Francisco über und beginnt ein kontinuierliches Studium im Jahr 1968 an der Arizona State University in Phoenix, wo sich seine Eltern niedergelassen hatten. In diesem Jahr entdeckt Fischl die Malerei, schließlich schreibt er sich 1970 am California Institute of the Arts in Valencia ein und setzt 1974 seine Studien am Nova Scotia College of Art and Design in Halifax, Kanada, fort. Die Bilder, die in dieser Zeit entstehen sind abstrakt, allerdings befriedigen die Resultate Fischl nur bis zu einem gewissen Grad. Er will ‚Bedeutung schaffen‘ und empfindet das Dogma der abstrakten Malerei als Limitierung. Ab 1979 entstehen dann jene Bilder, die die amerikanische Kunstszene vollends konsternierten, wie beispielsweise Bad Boy aus dem Jahr 1981, in welchem Fischl eine ebenso schlüpfrige wie schockierende Schlafzimmerszene geschaffen hatte, in der ein Junge einer nackten Frau zwischen die Beine starrt und sich gleichzeitig hinter seinem Rücken mit seiner Hand an ihrer Handtasche zu schaffen macht. In der Folge entstehen weitere Bilder mit ähnlich starker sexueller Ambivalenz und rätselhafter Aussage. Immer wieder ist das Klaustrophobisch-Bigotte der amerikanischen Vorstädte Fischls Thema bis er sich in Ergänzung zu seinen malerischen Untersuchungen ausführlich scheinbar wollüstig-exhibitionistischen Strandszenen widmet.

  Erotische Filmstorys

Als Grundlage für seine Malerei dienen Fischl unzählige selbst gemachte Fotos. Das Foto ist der Ausgangspunkt für einen malerischen Prozess, der in den Bildern der letzten Jahren zu einem besonders lockeren und lebendigen Pinselduktus geführt hat, aber selten die fotografische Vorlage gänzlich vergessen lässt. Man hat seine Bilder, die immer wieder erotische Sujets haben, auch manchmal als "voyeuristisch" bezeichnet; indem sie Figuren in den Raum stellen, deuten sie - vergleichbar einem Film-Still - Geschichten an. Fischl selbst hat die Bedeutung der Bilderwelt der Medien für sich erkannt: „Ich gehöre einer Generation an, die mit Film und Fernsehen aufgewachsen ist. Meine figurative Sensibilität kommt von dort her: Das Bilder-Machen entsteht aus dem Film-Machen.“ In den neunziger Jahren findet er auf Reisen nach Indien und Rom in der Auseinandersetzung mit der Malerei Manets und Caravaggios neue Impulse für seine Kunst. Neue Themen treten in den Vordergrund, wie die Beschäftigung mit dem Fremden und mit Alter und Tod.  Insbesondere in seiner malerischen Behandlung von Licht und Schatten erreicht seine Kunst einen neuen Höhepunkt. Ende der neunziger Jahre beschäftigt sich Fischl erstmals auch ausführlich mit Porträtmalerei. Auch hier greift er bei der Arbeit auf fotografische Vorlagen zurück.

  Kammerspiel im Schlafzimmer

Zwischen 1999 und 2001 entsteht die 15 Bilder umfassende Serie The Bed, The Chair..., die jüngste Werkgruppe der Ausstellung, bei welcher Fischl ein komplexes Montageverfahren anwendet und mit wenigen immer wieder auftauchenden Objekten, ergänzt um neue Elemente, verschiedene Bedeutungskonstellationen realisiert. Einem Bühnenbild gleich arrangiert Fischl, wiederum Fotovorlagen folgend, Menschen und Möbel und inszeniert in einem Schlafzimmer ein Kammerspiel mit unterschiedlichen Akteuren und rätselhaften Aussagen. Über diese Werkgruppe schlägt die Ausstellung den Bogen zurück zu den Bildern der späten siebziger und frühen achtziger Jahre.

Gijs van Tuyl sagt zu den Werken des Künstlers: „Die Bilder und Zeichnungen von Fischl erzählen die ganz und gar nicht heroischen Geschichten von Vertretern des amerikanischen Mittelstands, fassen diese in allegorische Darstellungen, porträtieren ihre Darsteller oder repräsentieren sie durch Figuren aus der Vergangenheit. Es sind gewissermaßen Historienbilder ex negativo.“

Die Ausstellung konnte durch die großzügige Unterstützung der Volkswagen Bank, Braunschweig, realisiert werden. Die Volkswagen Bank unterstützt seit 10 Jahren Kulturprojekte und setzt mit ihrem Engagement für die Eric Fischl-Ausstellung die Kooperation mit dem Kunstmuseum fort.

Quelle: Kunstmuseum Wolfsburg

16.09.03

 
Eric Fischl

Gemälde und Zeichnungen 1979 - 2001

Kunstmuseum Wolfsburg

13. September 2003  - 04. Januar 2004

   


Katalog
 

"Eric Fischl: Gemälde und Zeichnungen 1979-2001“

Hatje Cantz Verlag, 2003

144 Seiten mit 70 ganzseitigen farbigen Abbildungen, einem Vorwort von Gijs van Tuyl, einem Gespräch zwischen Eric Fischl und Frederic Tuten
  sowie Essays von Carolin Bohlmann,
Jörg Garbrecht, Victoria von Flemming,
  Annelie Lütgens und Peter Schjeldahl

zu den Kunstnews

zum Text über die Installation "Meet Your Angel" von Emilia und Ilya Kabakov im Gutspark Böckel, 2003