Metaphern der Ziellosigkeit  

 

Franz Ackermann im Wolfsburger "Naherholungsgebiet", 2003. Foto Urszula Usakowska-Wolff

Franz Ackermann im Wolfsburger "Naherholungsgebiet", 2003. Foto Urszula Usakowska-Wolff

Der Ausgangspunkt für Franz Ackermanns (*1963 im österreichischen St. Veit) künstlerische Aktivitäten sind Zeichnungen, die er auf seinen Reisen in Asien oder Südamerika anfertigt. Diese Zeichnungen nennt er ‚Mental Maps‘, sie symbolisieren Orientierung in fremder, bisweilen ‚exotischer‘ Topografie oder urbanen Strukturen. Der in Berlin und Karlsruhe lebende Franz Ackermann hat seit Anfang der 1990er Jahre dieses vielschichtige Werk entwickelt, das die individuelle Erfahrung des Reisens ebenso thematisiert wie Globalisierung, Mobilität und Tourismus.

Kurztrip in die Tropen

Gerne wird in den Medien das Szenario einer Welt entworfen, in der nicht nur die Informations-, Finanz- und Warenströme zwischen den urbanen Megazentren frei fließen, sondern auch die Menschen schnell und flexibel pendeln. Ein Wochenende in New York oder eine "Nacht in den Tropen“ (so der Titel einer Ausstellung Ackermanns in Basel und Nürnberg) - der schnelle Transfer an entlegene Orte der Sehnsucht ist jederzeit möglich, doch zugleich ist die vom Reisenden als authentisch erlebte Aneignung des fremden Terrains heute immer schon vorgeprägt durch die medial vermittelten Bilder und Klischees der Tourismusindustrie.

 Auflösung von Raum und Zeit

Analytisch und offensiv zugleich verhandelt Franz Ackermann die Verwerfungen und Widersprüche unserer global vernetzten Welt in seinen multimedialen Rauminszenierungen. Aquarelle, großformatige Gemälde und Wandmalerei in Kombination mit Fotografien, Architekturmodellen, Lichtquellen, Printmedien und Zeichnungen repräsentieren eine individuelle Vermessung der Welt, in der unterschiedliche Erzählstränge aufeinandertreffen und immer neue, wechselnde Perspektiven die Einheit von Raum und Zeit dynamisch auflösen.

Naherholungsorte

Für das Kunstmuseum Wolfsburg hat Franz Ackermann einen 40-teiligen Zeichnungszyklus konzipiert, der den Titel "Naherholungsgebiet“ trägt und der Bezug nimmt auf  die Veränderungen in der Tourismusbranche nach dem 11. September 2001. Studien der Touristikunternehmen zufolge werden weniger Fernreisen unternommen und man bleibt stattdessen in heimischen Gefilden. Naherholungsgebiete können die Parks der Metropolen sein, die Wellness-Farmen im nahen Umkreis der Städte oder der Campingplatz an der Ostsee. Das Thema steht durchaus in Zusammenhang mit dem Standort des Museums. Wolfsburg ist nicht nur Ort industrieller Produktion, sondern auch Ort der Naherholung für die in der Stadt tätigen Menschen. Ackermann hat sich durch mehrere Aufenthalte in der Stadt mit dem Ort vertraut gemacht.

Dekorative Bildzonen

Franz Ackermanns Bildwelt ist überaus expansiv. Ausgehend von punktartigen Zentren entwickelt sich ein dynamisches Raumgeflecht aus leuchtend satten, häufig konzentrisch angelegten Farbbändern, die sich zu ornamentalen Mustern verdichten können. Franz Ackermann fasst die Bildfläche als Energiefeld auf: Es gibt hier keinen leeren Raum, sondern nur unterschiedliche energetische Zonen. Unterscheiden kann man zwischen klaren und weniger eindeutig definierten Bildzonen, nicht aber zwischen einem klar definierten Raum und dessen Inhalt. Ackermanns Bilderwelten scheinen sich ihren Raum selber zu schaffen.

 VW-Copter

In den unteren Ausstellungsräumen wird Franz Ackermanns Installation "Helicopter no.21 (Flucht und Befreiungsfahrzeug) gezeigt. Der Künstler hat einem alten VW 1500 in ein utopisches Reisegefährt umfunktioniert. Auf das Dach des Volkswagens werden die Rotorblätter eines alten Armeehubschraubers montiert, so dass ein skurril anmutendes Flugobjekt entsteht. Den Plan, ein Auto in einen Hubschrauber zu verwandeln, hatten Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF), die mit diesem gefangene Genossen beim Freigang aus der Haft befreien wollten. Franz Ackermann hatte durch die Lektüre des Buches „Der Baader-Meinhof-Komplex“ von Stefan Aust Kenntnis von dieser Ausbruchsidee erlangt.

Temporäre Nähe

Für Franz Ackermann sind seine Arbeiten  "Metaphern der Ziellosigkeit" und Ausdruck der "temporären Nähe." Einige Stellen an den Wänden der Lounge des Kunstmuseums Wolfsburg, wo das "Naherholungsgebiet" gezeigt wird, bleiben vorerst halbgefüllt oder ganz leer: Dort werden während der Ausstellungsdauer Zeichnungen und Collagen mit aktuellem Bezug zum "Enthauptungsschlag" entstehen. Eine davon ziert bereits das immer noch intakte Bild-Haupt von Saddam Hussein, eine ist, wie der Künstler versichert, für Tony Blair reserviert.

Text © Kunstmuseum Wolfsburg

Bearbeitung und Zwischentitel: Urszula Usakowska-Wolff


Franz Ackermann:

Naherholungsgebiet


22. 03  - 29. 06.2003

Kunstmuseum Wolfsburg

Kuratorin:
Annelie Lütgens

Katalog
Franz Ackermann:
Naherholungsgebiet
Mit einem Vorwort von Gijs van Tuyl, Essays von Carmela Thiele und Michael Glasmeier
 sowie einem Interview zwischen Franz Ackermann und Annelie Lütgens.
Kerber Verlag Bielefeld, 2003. 76 S., 40 farbige und 8 s/w Abbildungen  
ISBN 3-936646-04-X  
Preis 32 €


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