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Ein opulentes Mahl "Mahlzeit!“ ist nach "Heil Hitler!“ der zweitdümmste Gruß, den sich die Deutschen haben einfallen lassen. Und "Mahlzeit! Kultur des Essens und Genießens“ ist der Obertitel einer Reihe von vierzig Ereignissen in ostwestfälischen Museen aus Anlass des "Ernährungsjahres“ 2004 in dieser Region, die mit dem Lebensmittelhersteller Dr. Oetker (unter anderem Götterspeise in verschiedenen Farbtönen, mit Grün debütierte vor dreißig Jahren Timm Ulrichs in Bielefeld) und dem Waschmaschinenhersteller Miele (für den Fall, dass man sich beim Essen bekleckert) wichtige Beiträge zur Ess- und Tischkultur geleistet hat.
Das große Fressen in der Kunsthalle In diesen Rahmen ist die Ausstellung "Das große Fressen. Von Pop bis heute“ einbezogen, die die Kunsthalle Bielefeld vom 25. Januar bis 24. April 2004 zeigt. Von dreißig Künstlerinnen und Künstlern werden über siebzig Arbeiten gezeigt, die sich alle mit Lebensmitteln und dem Essen auseinandersetzen. Mit dem entliehenen Titel von Marco Ferreris Film aus dem Jahr 1973 wird zugleich der Zeitraum festgelegt, dem sich die Ausstellung zuwendet: vom Anfang der 1960er Jahre bis zur Gegenwart. Wie die erfasste Zeitspanne sich keine weitschweifigen Ausflüge zu früheren Manifestationen des Themas erlaubt, so ist auch geographisch die Herkunftswelt der Kunstwerke sorgfältig geschieden - im ersten Stock die Europäer, im zweiten die Amerikaner. Dies zur Orientierung zukünftiger Besucher, denn in allen Presseartikeln wird die Reihenfolge umgekehrt und somit falsch wiedergegeben; da hat wohl fröhlich einer vom anderen abgeschrieben, oder alle sind nicht sehenden Auges bei der Pressekonferenz am 22. Januar durch die Kunsthalle gestolpert… Spielmaterial
der Künstler Dem Ausstellungszeitraum vorausgegangen war in Westeuropa die große Nachkriegsfresswelle, die lustvolle Gier, sich endlich wieder richtig satt essen zu können, das sinnliche und sinnhafte Nachholen von Versäumtem und Entbehrtem der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Nun schlug das um in ein fetischhaftes Ritual, das von den Gewissensbissen der Diäten und des Welthungers ummantelt war. In Amerika erreichte die Lebensmittelindustrie einen ersten Höhepunkt und konnte immer mehr der immer gleichen Ware auf die Märkte werfen. Das individuelle Nahrungsmittel wurde zur standardisierten Marke des Wohlstands. In beiden Fällen verloren die Lebensmittel und der Vorgang des Essens ihre existentielle Bedeutung, sie wurden frei und damit Spielmaterial der Künstler, was schon deshalb skandalös war, weil wir doch alle gelernt hatten: "Mit Essen spielt man nicht!“ Bilder
des Essbaren Die Pop-Art-Künstler aus Amerika betreiben ihr Spiel mit dem Bild des Essbaren: Andy Warhols Suppendosen und Kaffeebüchsen, die das Objekt zum Objekt der Kunst machen, Claes Oldenburg, der durch seine überdimensionierten Vergrößerungen die Dimension des Essens erweitert, Tom Wesselmann, der die Lebensmittelwerbung, das Scheinprodukt, mit der Umwelt collagiert. (Wie war das doch mit George W. Bushs Truthahn in Bagdad?). Kunst stellt Ware dar, Ware wird Kunst. Man täte den Pop-Künstlern sicher Unrecht, sie als Kritiker der Warengesellschaft zu entlarven, aber auch, sie als unkritische Bewunderer des Konsums zu denunzieren. Sie spielen mit ihrer Kunst und ihrer Welt. Schockieren ist ihnen fern, schockierend ist noch am ehesten der Versuch des Publikums, das alles mit einem tiefen Sinn zu verbinden. Genuss
und Ekel Ganz anders das Herangehen der Europäer. Fluxus ging in den frühen 1960ern voran. Nicht das Abbild des Essbaren war der Gegenstand in Europa, sondern das Essbare selbst. Die Fallenbilder Daniel Spörries, das Fett Joseph Beuys’, das mit Nägeln und Glassplittern durchsetzte Brot Dieter Roths bis hin zum Fleischkleid Jana Sterbaks, sogar noch die Künstlerscheiße Piero Manzonis hinterfragen das Essen, den Genuss, der in den Ekel übergeht. Sie versuchen, hinter dem vordergründigen Erleben des Essens und des Essbaren zu geistigem Hintergrund zu gelangen. Gerade indem sie die Vergänglichkeit, die Vanitas alles Schönen, zum Gegenstand machen - Roths Schimmelbilder, Timm Ulrichs Verbindung von DEATH und EAT - reklamieren sie das Ewige, das über die flüchtige Freude am Schönen oder bloß Angenehmen hinausweist. Freude
und Nachdenklichkeit Thomas
Kellein und seiner Kuratorin Angela Lampe ist mit der Ausstellung
"Das große Fressen“ nicht nur ein sehr informativer Längsschnitt
durch die Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelungen, sie
haben es auch geschafft, die Unterschiede zwischen Alter und Neuer Welt
am Beispiel des Essens zu demonstrieren. Sie haben ein opulentes Mahl
angerichtet, das nicht nur dem kunsthistorisch Interessierten schmecken
wird, sondern auch einfach Freude macht und zur Nachdenklichkeit anregt.
Eben jedem nach seinem Geschmack! Wie immer in Bielefeld ist auch diesmal ein Katalogbuch zur Ausstellung erschienen, das nicht nur im aktuellen Kontext lesenswert ist, sondern darüber hinausweist und zum Schmökern einlädt. Text © Manfred Wolff 29.01.2004 Das
Große Fressen. Von Pop bis heute Katalog |