Sein und Licht  

Diese Bilder erinnern an Röntgenaufnahmen der vergänglichen Materie. Man erkennt darauf Sonnenblumen mit lichtbekrönten Köpfen, Spuren der Schlangenbewegungen unter bläulich-silbrigen Wasseroberflächen, schemenhafte Schmetterlinge, durchsichtige Babykleider, Baby-Silhouetten vor dem Hintergrund des in warmes Licht getauchten Wassers, Umrisse der Kindergesichter, die nach längerem Hinschauen aus den schwarzen Bildern auftauchen sowie Schädel, in denen sich die Gesichter der Besucher spiegeln.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Die Ausstellung "Fotogramme vom Leben und Tod“, die gegenwärtig in der Kunsthalle Bielefeld gezeigt wird, ist ein leises, doch sehr ergreifendes memento mori. Ihr Autor ist der 42-jährige Brite Adam Fuss, der seit über zwanzig Jahren in New York lebt und dessen Kunst in unserer heutigen schmerzhaft bunten Ära ein seltenes Phänomen  ist.

  Unvergänglich vergänglich

Adam Fuss ist ein altmodischer Künstler. Der digitalen Fotografie zum Trotz schafft er Daguerrotypien und Fotogramme, die vom Louis Jaques Mandré Daguerre (1787 - 1851) und Henry W. Fox Talbot (1800 - 1877) erfunden wurden, setzt also künstlerische Verfahren aus einer entfernten Vergangenheit ein. Vielleicht scheint gerade deshalb seine Kunst sehr sparsam, wenig spektakulär und leise zu sein, denn ihre künstlerischen Ausdrucksmittel sind auf ein Minimum reduziert. In Zeiten des Massentriumphs widmet sich der Künstler dem einzelnen Wesen und dem einzelnen Sein. Er dokumentiert Spuren des einzelnen Lebens, die zugleich Spuren der universellen Vergänglichkeit sind. Das Sein und die Vergänglichkeit betreffen gleichermaßen alle, unabhängig davon, ob es sich dabei um die Welt der Menschen, Tiere, Pflanzen oder Gegenstände handelt. Die Gestalt, in die unsere diesseitige Existenz gezwängt wurde, ist unwichtig, denn unser individuelles Sein währt  bekanntlich nicht ewig. Das, was irgendwann einen Beginn hat, hat früher oder später auch ein Ende. Jedes Ende birgt zugleich die Möglichkeit eines neuen Beginns - eine faszinierende Unendlichkeit der Endlichkeit, Kern der Existenz.

  Illuminierte Welt

Adam Fuss´ "Fotogramme vom Leben und Tod“ sind Ausdruck seines Röntgenblickes auf die Welt. Im wahrsten Sinne dieses Wortes röntgt er die Objekte seiner Arbeiten, er durchdringt das Innere, das sich unter den leiblichen oder pflanzlichen Hüllen verbirgt. Er zeigt die vergängliche Materie, von einem unvergänglichen Geist belebt. Dieser Geist belebt gleichermaßen ein Baby, ein Blatt, einen Vogel, ein Kaninchen und den Rauch, der in den grauen Himmel aufsteigt: Es ist der Geist des Seins im Licht der Vergänglichkeit, die Illumination der Schöpfung und die Schöpfung der Illumination. "Das Licht ist ein Mysterium“, sagt Adam Fuss, "denn es bildet die Treibkraft unserer Existenz.“ Es scheint, dass der britische Künstler mit polnisch-jüdisch-australischen Wurzeln Vorläufer einer neuen "Illumination“ ist, denn er glaubt daran, dass seine Lichtbilder  beim Verständnis der Welt und der Natur behilflich sein können, von der sich unsere heutige "künstliche“ Zivilisation so weit entfernt hatte. Die mit Hilfe des künstlichen Lichts entstandenen Stillleben von Samen, Pflanzen und anderen Wesen von dieser Welt wenden sich an uns, wie der Künstler meint, in einer authentischen, universellen, also allgemein verständlichen Sprache. Dort, wo das Licht die Höhen und Tiefen unserer Existenz zum Vorschein bringt, braucht man keine Worte.

  Stillleben der Liebe

Adam Fuss ist ein Verfechter der Ästhetik des Schönen, deshalb sind alle seine Arbeiten schön und perfekt ausgeführt. "Die Erfahrung der Schönheit ist eine Art von Licht“, sagt er und erklärt, er wolle damit das Publikum ködern, doch er hoffe, dass es "hinter dieser Schönheit etwas Relevantes gibt.“  Das stimmt, denn seine schönen Fotogramme aus der Serie "Details of Love“ (1992) zeigen, was man auf den ersten Blick nicht sehen kann, zwei tote, ausgenommene Kaninchen, die mit farbigen Ketten ihrer Innereien verbunden sind. Der Zyklus "In Between“ (1994) besteht u.a. aus Abbildungen toter Vögel, die über den Zweigen verharren: Symbole des Lebensbaums. Diese Arbeiten, ein eigentümlicher Ausdruck der Ästhetisierung des Todes, sind jedoch vor allem ein Beweis dafür, dass man heute den eigenen Augen nicht trauen darf. Das Lebendige sieht tot aus, das Tote, wie etwa die Babykleidchen aus der jüngsten Serie "My Ghost“, scheint sehr lebendig zu sein. Der die Werke von Adam Fuss durchdringende Geist ist hintersinnig. Er deutet an, dass in den heutigen computergesteuerten Zeiten, alles manipuliert werden kann.

    Meister der Ästhetik ohne modernste Technik

Adam Fuss ist ein Perfektionist, deshalb verwendet er nur zehn Prozent seiner Zeit darauf, die Motive für seine Stillleben zu finden und die restlichen neunzig Prozent für ihre vollkommene Ausführung. Die ästhetischen Reize seiner außerordentlich malerischen Werke, von denen viele wie Reliefs aussehen, erzielt er dank einer Technik, die im Widerspruch zur Hi-Tech, vor allem zur digitalen Fotografie steht, die der Künstler programmatisch ablehnt. Er schafft vor allem Fotogramme, also Bilder, die ohne Kamera, Linse und Film entstehen. Die von ihm abgelichteten Objekte legt er direkt auf eine lichtempfindliche Platte oder lichtsensitives Papier und verewigt sie mit Blitzlicht.

Die gegenwärtig in der Bielefelder Kunsthalle gezeigte Ausstellung "Fotogramme vom Leben und Tod“, also 65 Arbeiten aus den letzten 15 Schaffensjahren des Künstlers Adam Fuss, ist auch ein Beweis dafür, dass Man Ray (1890 - 1976) und Christian Schad (1894 - 1982) einen würdigen Nachfolger haben: Nach den Rayografien und den Schadografien ist die Zeit für die Fussografien reif.

Text © Urszula Usakowska-Wolff  

Fotos © Kunsthalle Bielefeld


Adam Fuss

"Fotogramme vom Leben und Tod”

Kurator: Dr Thomas Kellein

Kunsthalle Bielefeld

Artur-Ladebeck-Straße 5

D-33602 Bielefeld

02.03. - 11.05.2003  


Katalog

Adam Fuss

"Fotogramme vom Leben und Tod”/“Photograms of Life and Death“

Mit einem Vorwort von Dr Thomas Kellein

Auf Deutsch und Englisch, 115 S., zahlreiche Farbabbildungen

Verlag der Buchhandlung König, Köln, 2003

ISBN 3-88375-697-0

Preis 16 €  


Adam Fuss

 

Adam Fuss in der Kunsthalle Bielefeld. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Adam Fuss in der Kunsthalle Bielefeld. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

wurde 1961 in London geboren. Sein Vater war ein polnischer Jude, der sich in den 1930-er Jahren in Wien niederließ und anschließend nach England emigrierte, seine Mutter stammt aus Australien. Nach dem Verlust des Vaters, der 1968 an den Folgen einer Gehirnblutung starb, wohnte er abwechselnd in der Nähe von Sydney in Australien und in der Ortschaft West Chiltington im Südosten Englands. 1980 reiste er in die USA, von dort erneut nach Australien. Er begann seine Arbeit als Fotoassistent in der Werbeagentur Oglivy & Mathers´ in Sydney, zu deren Kunden die Warenhauskette Woolworth gehörte. In jener Zeit besuchte er Abendkurse am Australian Center of Photography. Seit November 1982 wohnt er in New York, wo Mitte der 1980-er Jahre seine ersten Fotogramme entstanden.

Die Ausstellung "Fotogramme vom Leben und Tod”, gegenwärtig in der Kunsthalle Bielefeld gezeigt, ist seine 37. Einzelausstellung, darüber hinaus nahm er an 117 Gruppenausstellungen teil.

Die Arbeiten von Adam Fuss befinden sich in 25 Museumssammlungen, u.a. im Museum of Fine Arts, Boston; im Museum of Modern Art, New York,  in der National Gallery of Victoria, Melbourne, im Victoria and Albert Museum, London, im Israel Museum, Jerusalem sowie im Museum für Moderne Kunst, Wien.

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