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Sein
und Licht Diese
Bilder erinnern an Röntgenaufnahmen der vergänglichen Materie. Man
erkennt darauf Sonnenblumen mit lichtbekrönten Köpfen, Spuren der
Schlangenbewegungen unter bläulich-silbrigen Wasseroberflächen,
schemenhafte Schmetterlinge, durchsichtige Babykleider, Baby-Silhouetten
vor dem Hintergrund des in warmes Licht getauchten Wassers, Umrisse der
Kindergesichter, die nach längerem Hinschauen aus den schwarzen Bildern
auftauchen sowie Schädel, in denen sich die Gesichter der Besucher
spiegeln.
Die Ausstellung "Fotogramme vom Leben und Tod“, die gegenwärtig in der Kunsthalle Bielefeld gezeigt wird, ist ein leises, doch sehr ergreifendes memento mori. Ihr Autor ist der 42-jährige Brite Adam Fuss, der seit über zwanzig Jahren in New York lebt und dessen Kunst in unserer heutigen schmerzhaft bunten Ära ein seltenes Phänomen ist.
Unvergänglich
vergänglich Adam
Fuss ist ein altmodischer Künstler. Der digitalen Fotografie zum Trotz
schafft er Daguerrotypien und Fotogramme, die vom Louis Jaques Mandré
Daguerre (1787 - 1851) und Henry W. Fox Talbot (1800 - 1877) erfunden
wurden, setzt also künstlerische Verfahren aus einer entfernten
Vergangenheit ein. Vielleicht scheint gerade deshalb seine Kunst sehr
sparsam, wenig spektakulär und leise zu sein, denn ihre künstlerischen
Ausdrucksmittel sind auf ein Minimum reduziert. In Zeiten des
Massentriumphs widmet sich der Künstler dem einzelnen Wesen und dem
einzelnen Sein. Er dokumentiert Spuren des einzelnen Lebens, die
zugleich Spuren der universellen Vergänglichkeit sind. Das Sein und die
Vergänglichkeit betreffen gleichermaßen alle, unabhängig davon, ob es
sich dabei um die Welt der Menschen, Tiere, Pflanzen oder Gegenstände
handelt. Die Gestalt, in die unsere diesseitige Existenz gezwängt
wurde, ist unwichtig, denn unser individuelles Sein währt
bekanntlich nicht ewig. Das, was irgendwann einen Beginn hat, hat
früher oder später auch ein Ende. Jedes Ende birgt zugleich die Möglichkeit
eines neuen Beginns - eine faszinierende Unendlichkeit der Endlichkeit,
Kern der Existenz.
Illuminierte
Welt Adam
Fuss´ "Fotogramme vom Leben und Tod“ sind Ausdruck seines Röntgenblickes
auf die Welt. Im wahrsten Sinne dieses Wortes röntgt er die Objekte
seiner Arbeiten, er durchdringt das Innere, das sich unter den
leiblichen oder pflanzlichen Hüllen verbirgt. Er zeigt die vergängliche
Materie, von einem unvergänglichen Geist belebt. Dieser Geist belebt
gleichermaßen ein Baby, ein Blatt, einen Vogel, ein Kaninchen und den
Rauch, der in den grauen Himmel aufsteigt: Es ist der Geist des Seins im
Licht der Vergänglichkeit, die Illumination der Schöpfung und die Schöpfung
der Illumination. "Das Licht ist ein Mysterium“, sagt Adam Fuss,
"denn es bildet die Treibkraft unserer Existenz.“ Es scheint,
dass der britische Künstler mit polnisch-jüdisch-australischen
Wurzeln Vorläufer einer neuen "Illumination“ ist, denn er glaubt
daran, dass seine Lichtbilder beim
Verständnis der Welt und der Natur behilflich sein können, von der
sich unsere heutige "künstliche“ Zivilisation so weit entfernt
hatte. Die mit Hilfe des künstlichen Lichts entstandenen Stillleben von
Samen, Pflanzen und anderen Wesen von dieser Welt wenden sich an uns,
wie der Künstler meint, in einer authentischen, universellen, also
allgemein verständlichen Sprache. Dort, wo das Licht die Höhen und
Tiefen unserer Existenz zum Vorschein bringt, braucht man keine Worte.
Stillleben
der Liebe Adam
Fuss ist ein Verfechter der Ästhetik des Schönen, deshalb sind alle
seine Arbeiten schön und perfekt ausgeführt. "Die Erfahrung der
Schönheit ist eine Art von Licht“, sagt er und erklärt, er wolle
damit das Publikum ködern, doch er hoffe, dass es "hinter dieser
Schönheit etwas Relevantes gibt.“
Das stimmt, denn seine schönen Fotogramme aus der Serie
"Details of Love“ (1992) zeigen, was man auf den ersten Blick
nicht sehen kann, zwei tote, ausgenommene Kaninchen, die mit farbigen
Ketten ihrer Innereien verbunden sind. Der Zyklus "In Between“
(1994) besteht u.a. aus Abbildungen toter Vögel, die über den Zweigen
verharren: Symbole des Lebensbaums. Diese Arbeiten, ein eigentümlicher
Ausdruck der Ästhetisierung des Todes, sind jedoch vor allem ein Beweis
dafür, dass man heute den eigenen Augen nicht trauen darf. Das
Lebendige sieht tot aus, das Tote, wie etwa die Babykleidchen aus der jüngsten
Serie "My Ghost“, scheint sehr lebendig zu sein. Der die Werke
von Adam Fuss durchdringende Geist ist hintersinnig. Er deutet an, dass
in den heutigen computergesteuerten Zeiten, alles manipuliert werden
kann.
Adam Fuss ist ein Perfektionist, deshalb verwendet er nur zehn Prozent seiner Zeit darauf, die Motive für seine Stillleben zu finden und die restlichen neunzig Prozent für ihre vollkommene Ausführung. Die ästhetischen Reize seiner außerordentlich malerischen Werke, von denen viele wie Reliefs aussehen, erzielt er dank einer Technik, die im Widerspruch zur Hi-Tech, vor allem zur digitalen Fotografie steht, die der Künstler programmatisch ablehnt. Er schafft vor allem Fotogramme, also Bilder, die ohne Kamera, Linse und Film entstehen. Die von ihm abgelichteten Objekte legt er direkt auf eine lichtempfindliche Platte oder lichtsensitives Papier und verewigt sie mit Blitzlicht. Die
gegenwärtig in der Bielefelder Kunsthalle gezeigte Ausstellung
"Fotogramme vom Leben und Tod“, also 65 Arbeiten aus den letzten
15 Schaffensjahren des Künstlers Adam Fuss, ist auch ein Beweis dafür,
dass Man Ray (1890 - 1976) und Christian Schad (1894 - 1982) einen würdigen
Nachfolger haben: Nach den Rayografien und den Schadografien ist die
Zeit für die Fussografien reif. Text
© Urszula Usakowska-Wolff Fotos © Kunsthalle Bielefeld Adam
Fuss "Fotogramme
vom Leben und Tod” Kurator:
Dr Thomas Kellein Kunsthalle
Bielefeld Artur-Ladebeck-Straße
5 D-33602
Bielefeld 02.03.
- 11.05.2003 Katalog Adam
Fuss "Fotogramme
vom Leben und Tod”/“Photograms of Life and Death“ Mit
einem Vorwort von Dr Thomas Kellein Auf
Deutsch und Englisch, 115 S., zahlreiche Farbabbildungen Verlag
der Buchhandlung König, Köln, 2003 ISBN
3-88375-697-0 Preis
16 € Adam
Fuss
wurde
1961 in London geboren. Sein Vater war ein polnischer Jude, der sich in
den 1930-er Jahren in Wien niederließ und anschließend nach England
emigrierte, seine Mutter stammt aus Australien. Nach dem Verlust des
Vaters, der 1968 an den Folgen einer Gehirnblutung starb, wohnte er
abwechselnd in der Nähe von Sydney in Australien und in der Ortschaft
West Chiltington im Südosten Englands. 1980 reiste er in die USA, von
dort erneut nach Australien. Er begann seine Arbeit als Fotoassistent in
der Werbeagentur Oglivy & Mathers´ in Sydney, zu deren Kunden die
Warenhauskette Woolworth gehörte. In jener Zeit besuchte er Abendkurse
am Australian Center of Photography. Seit November 1982 wohnt er in New
York, wo Mitte der 1980-er Jahre seine ersten Fotogramme entstanden. Die
Ausstellung "Fotogramme vom Leben und Tod”, gegenwärtig in der
Kunsthalle Bielefeld gezeigt, ist seine 37. Einzelausstellung, darüber
hinaus nahm er an 117 Gruppenausstellungen teil. Die Arbeiten von Adam Fuss befinden sich in 25 Museumssammlungen, u.a. im Museum of Fine Arts, Boston; im Museum of Modern Art, New York, in der National Gallery of Victoria, Melbourne, im Victoria and Albert Museum, London, im Israel Museum, Jerusalem sowie im Museum für Moderne Kunst, Wien. |