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Manische
Bastler und blinde Seher Zu
den Kunstzentren des Sommers 2007 in Deutschland, die mit den
Mammutschauen documenta 12 im hessischen Kassel und den Skulptur
Projekten im westfälischen Münster liegen, gesellte sich auch die
Landeshauptstadt Niedersachsens, die mit einem auf drei Häuser
verteilten Event der künstlerischen Wertarbeit mit dem Gütesiegel
"Made in Germany" einen vielbeachteten und gut besuchten
Auftritt beschert. Die drei führenden Kunststätten in Hannover: das
Sprengel-Museum, der Kunstverein und die kestnergesellschaft schlossen
sich zum ersten Mal in ihrer Geschichte zusammen, um das Großereignis,
das u.a. auch die documenta-Besucher an die Leine locken sollte, auf die
Beine zu stellen. "Grundsätzlich ist das eine positive
Konkurrenz", sagte Veit Görner, Direktor der kestnergesellschaft
dem NDR. "Das war früher nicht immer so und ist auch in anderen Städten
nicht so. Wir haben folgende Einsicht gewonnen: Selbst wenn jeder von
uns Spitzenleistungen bringt, ist es in der überschaubaren Provinz
Hannover zu wenig, um in die internationalen Schlagzeilen zu kommen.
Erst wenn wir zusammenarbeiten, haben wir nicht nur über 5000
Quadratmeter Ausstellungsfläche, sondern auch von der Manpower her und
von den finanziellen Ressourcen so viele Möglichkeiten, dass wir
problemlos mit den großen Zentren konkurrieren können. Das hat
letztendlich den Ausschlag gegeben. Die Zusammenarbeit war getragen von
hohem Respekt. Die Kuratoren der einzelnen Häuser haben die Ausstellung
gemeinsam erarbeitet. Es galt immer die Voraussetzung, dass mindestens
zwei Häuser mit einem Künstlervorschlag einverstanden waren. Das hat
sehr gut funktioniert. Und untereinander hat jeder den Ehrgeiz, die schönste
der drei "Made in Germany“-Ausstellungen zu machen. Das ist ja
ganz klar."
Keine
blutjungen Anfänger Wenn
man die Besucherzahlen betrachtet, die im heutigen Ausstellungsbetrieb
eine ähnliche Rolle wie die Einschaltquoten im Fernsehen spielen, so
ist ganz klar, dass das "Dreierpack“-Ausstellungskonzept mit
Arbeiten von 52 deutschen oder in Deutschland lebenden Künstlerinnen
und Künstlern ein Erfolg ist: Bisher haben die "Made in Germany“
in Hannover über 50.000 Menschen besichtigt, obwohl die Veranstalter
mit höchstens 30. - 40.000 Schaulustigen gerechnet haben. Tatsächlich
befanden sich unter ihnen viele - auch internationale Kulturtouristen -
die auf dem Weg von Kassel nach Münster (oder umgekehrt) einen
Abstecher nach Hannover machten. Im Vergleich zu den anderen beiden
internationalen Kunstevents, die vor allem durch Konzeptionslosigkeit,
Beliebigkeit und Erklärungsnot (ein Kunstwerk kann man nur verstehen,
wenn man im Katalog liest, was der Künstler gemeint haben könnte),
schneidet Hannover auf den ersten Blick nicht schlecht ab. 5.000
Quadratmeter auf drei Häuser verteilt, das macht die Sache überschaubar
und nicht allzu beschwerlich. Die Entfernungen zwischen den
Ausstellungsorten sind nicht groß, bequem zu Fuß zu erreichen und
trotz der hohen Besucherstatistik kann man die neue, von der Generation
der 30 - 40jährigen geschaffen Kunst aus Deutschland (die Hälfte der Künstler
stammt aus anderen Ländern), ziemlich ungestört von anderen Leuten,
die sich in den geräumigen Sälen eher rar machen, auf sich wirken
lassen. Und weil die Ausstellungen unter Dach der drei Kunsttempel in
Hannover stattfinden, weiß man meistens auf Anhieb, dass es sich um
Kunst handelt und muss nicht - wie z. B. bei den Skulptur Projekten in Münster
- raten, welcher Trampelpfad in der Aawiese die unverwechselbare
Handschrift des polnischen Künstlers Althamer trägt. Doch auf den
zweiten Blick ist der Eindruck zwiespältig: Die Kunst ist nicht so neu,
wie behauptet wird, denn sie erinnert an vielen Stellen an Altbekanntes
und dèja vu. Die vier Kuratorinnen und zwei Kuratoren, die im Vorfeld
der Ausstellung "Made in Germany“ hundert Ateliers, die meisten
davon in Berlin, besuchten, wählten die Ausstellenden mit Bedacht aus.
"Sie sind schon alle am Beginn einer Kariere. Das darf man nicht
vergessen“, sagte Veit Görner in dem zitierten Gespräch mit dem NDR.
"Das sind keine blutjungen Anfänger mehr.“ Und so ist es nicht
verwunderlich, dass sich unter ihnen viele befinden, die von der
Kunstkritik gefeiert, von deutschen und internationalen Galerien (z. B.
Kuckei + Kuckei, Johnen, Barbara Thumm, Barbara Wien, Johann König,
neugerriemschneider, Guido W. Baudach, Arndt & Partner in Berlin,
Gebrüder Lehmann in Dresden, White Cube in London, Francesca Kaufmann
in Mailand) vertreten werden und bedeutende Sammlungen (u.a. Storch,
Haubrock, Deutsche Bank, Falckenberg) schmücken. Dazu gehören vor
allem solche Namen wie Oliver van den Berg, Michael Beutler, Arnim
Boehm, Canditze Breitz, Marcel van Eeden, Slawomir Elsner, Jeppe Hein,
Jonathan Monk, Michael Sailsdorfer, Florian Slotawa, Sean Snyder, Amelie
von Wulfen, Tobias Zielony und Thomas Zipp, auf denen seit geraumer Zeit
die Hoffnung der Kunstinteressen und Kunstinteressierten ruht.
"Made in Germany“ sollte eigentlich "Made in Berlin“ heißen,
denn zwei Drittel der Künstlerinnen und Künstler, die in Hannover die
Ergebnisse ihrer weitgehend mit Hilfe moderner Technik (oder Werkelns)
verwirklichen Werke zeigt, wohnt nämlich in der Metropole an Havel und
Spree. Die deutsche Hauptstadt (in der angeblich 16.000 Künstler aus
aller Welt versuchen, über die Runden zu kommen), ist für ihre
niedrigen Mieten und Lebenshaltungskosten, Vernissagen und Finissagen
bekannt, in denen man, neben dem Kunstgenuss, meistens auch umsonst
etwas zu Essen und Trinken bekommt. In den Leerstand- und
Problembezirken Wedding und Neukölln locken die
Wohnungsbaugesellschaften kunstschaffende Mieter mit Atelierpreisen von
1,50 € pro Quadratmeter. Es ist zu schön, um wahr zu sein, doch es
ist wahr, und viele Künstler, die in Berlin leben und arbeiten, haben
sehr große Ateliers, in denen sehr große Arbeiten entstehen können.
Die können sie aber in Berlin nur selten zeigen, denn die dortigen
Museen, auch die, deren Aufgabe es ist, zeitgenössische Kunst zu fördern,
machen sich diese Mühe nicht, kaufen am liebsten fertige Ausstellungen,
die vorher in Bregenz, Paris oder sonst wo liefen, vor allem von Künstlerinnen
und Künstler, die ihre Blütezeit bereits erlebten und den Höhepunkt
ihrer Möglichkeiten spätestens Ende des 20. Jahrhunderts erreichten. Vampire
und schwarze Witwen Groß
ist in und Großes ist gefragt, zumindest außerhalb von Berlin: das
sieht man an den drei Ausstellungsorten von "Made in Germany“, an
denen die für die heutige Kunst so typische Mischung aus einer
"Art Mall“ und einem Baumarkt zur Schau gestellt wird. Es ist das
übliche Sortiment aus Flachware und raumgreifenden Objekten und
Installationen (Video- und Fotoinstallationen inbegriffen), die häufig
so aussehen, als seinen sie von manischen Bastlern gefertigt. Bei den
ersteren fallen besonders die im Sprengel Museum gezeigten gigantischen
und scheinbar naiven Holzschnitte der aus Rumänien stammenden Brüder
Gerd und Uwe Tobias, die sich, wie könnte es anders sein, durch Zitate
aus Vampirfilmen mit ihrer transsilvanischen Herkunft auseinandersetzen.
Sind die 1973 in Braşov (Kronstadt) geborenen und in Köln lebenden
Zwillinge etwa Nachfahren des Grafen Dracula? Eine unfreiwillige Komik
entsteht durch die Nachbarschaft der Vampirholzschnitte zum achteckigen
Turm, den Benjamin Bergmann (*1968) aus schwarzen Brettern gezimmert und
mit rotierenden Licht ausgestattet hat. Er nennt sein Werk
"Schwarze Witwe“ (so heißen bekanntlich die tschetschenischen
Selbstmordattentäterinnen) und jemand, der über einige Phantasie verfügt,
kann sich lebhaft vorstellen, wie die "Schwarze Witwe“ die
Vampire (in die Luft) jagt oder die Vampire die "Schwarze Witwe“
mit dem obligatorischen Biss traktieren. Leider liegt kein Knoblauch in
der Nähe… Einen Sinn für große Papierbahnen mit kleinformatigen
Zeichnungen zum Thema "Sex & Crime“ hat auch Ralf Ziervogel
(*1975), was man schwarz auf weiß auf seinen Papierarbeiten "Euroma“
und "Immobilie (Real Estate)“ sehen kann. Sein Pendant in
bewegten Bildern sind die Filme von Nathalie Djurberg (*1978), deren
animierte Plastilinfiguren allerlei Perversitäten: harte Pornos
inklusive Sodomie und Pädophilie vorführen. Ganz normalen, dafür aber
oft verkannten und anonymen Frauen aus aller Welt, die in den Jahren
1800 - 1900 lebten, gibt die Künstlerin Mathilde ter Heijne (*1969) ein
Gesicht, indem sie ihre Konterfeis auf 320 Postkarten drucken und sie,
durch ihren Lebenslauf ergänzt, in Kartenständern ausstellen lässt.
Zuerst denkt man, diese Karten gehören zum Museumsshop und müssen auch
dort bezahlt werden. Doch man wird vom Museumspersonal eines Besseren
belehrt, greift sich ganz unentgeltlich dann so viele Karten, wie man
will und die anonymen Lebenskünstlerinnen kommen unter die Leute.
Leider sind sie von der Künstlerin ter Heijne nicht signiert. Auch
sonst geht in der Kunst nichts verloren: Seinen eigenen Hausrat
inklusive Möbel schlachtet Florian Slotawa (*1972) aus, um daraus große
Wandobjekte zu bauen, die vom weiten wie ein konstruktivistisches Bild,
aus der Nähe wie ein Relief aussehen. In der Installation "Für
tot erklärt“ baut Franka Kaßner (*1976) ein Büro des Amtsgerichts
Berchtesgaden aus dem Jahr 1956 nach, bedeckt alles mit weißer Farbe
und deutet an, dass die Erinnerung verblasst. Mit der deutschen
Geschichte setzen sich auch andere Künstler auseinander. Das Duo
Elmgreen & Dragset (*1961 und 1965) lässt einen jungen, wie eine
"living sculpture“ auf einem Podest stehenden Mann Kärtchen mit
dem Satz "HAVE YOU COME HERE FOR FORGIVENESS“ verteilen. Man ahnt
schon: hier wird der deutsche Schuldkomplex angesprochen und hat Mitleid
mit dem jungen Mann, der sich in der Rolle des Drückers, auch wenn er
sie in einem Museum spielt, nicht wohl fühlt. Sergej Jensen klebt einen
mit dem Konterfei der Gebrüder Grimm verzierten Ein-Tausend-DM-Schein
auf einen Bildträger, was wohl heißt: Es ist ein Märchen, dass in
Deutschland der Euro immer das nationale Zahlungsmittel gewesen sei.
Passend zum mit Kopfstein gepflasterten Untergeschoss des Sprengel
Museums, das stellenweise den Charme einer Tiefgarage versprüht, wurde
dort der Deutschen liebstes Auto: der VW Golf, Baujahr 1990 in der
leichten Verfremdung durch den Künstler Jonathan Monk (*1969) geparkt.
Er weidete den Wagen aus, sodass nur die Karosserie zurückblieb und ließ
sie mit Spiegellack überziehen. Diese glänzende Hülle nennt er
"Ohne Titel (Dem Deutschen Volke)“, was bedeutet, dass ein
titelloses Werk doch einen Titel hat. Das ist die eine Erkenntnis, die
man aus diesem Objekt schöpft. Die andere lautet: was Hans Haacke mit
seiner Arbeit für den Bundestag "Der deutschen Bevölkerung“
recht ist, ist „Dem Deutschen Volke“ recht billig. Kontaktlinsen
und Kameras Das
Treppenhaus des Kunstvereins in Hannover ist dank dem Künstler Julian
Popp (*1973) zu einem Wasserfall mutiert, was an heißen Tagen besonders
wohltuend ist. Seine raffinierte und aufwendige Installation "Bit.fall“
ist ein Wunder der Technik, dem Friedrichstadt-Revuetheater in Berlin
entlehnt: ein PC-Programm filtert aktuelle Schlagworte aus den
Nachrichtenwebsites und verwandelt sie über 320 Magnetventile zu
Millionen von Tropfen, die auf den Boden fallend, sich immer zu neuen
Buchstaben formen. Man kann sie nur sehr schwer entziffern, denn bereits
nach einigen Sekunden werden sie unleserlich: Die Informationsmenge, die
uns täglich überflutet, ist so gigantisch, dass man in ihr zu
ertrinken droht und überhaupt keine Informationen mehr wahrnehmen kann.
Das Leben in der Informationsgesellschaft ist zwar nicht leicht, aber im
Vergleich dazu, was das Aufsichtspersonal alles für die Kunst auf sich
(besser in sich) nehmen muss, scheint es erträglich zu sein. Simon
Dybbroe Møller (*1973) verpasste den Damen und Herren von der Aufsicht
im Kunstverein grau eingefärbte Kontaktlinsen: "Dasselbe
18-prozentige Grau der Farbfilter, mit denen Fotografen verbindliche
Belichtungszeiten ermitteln. Das derart visuell vereinheitlichte
Personal bildet so eine beunruhigende Irritation, die den Besucher schon
am Eingang empfängt: 'Blinde Seher', die dem Besucher den Weg in die
Ausstellung weisen!“, liest man dazu im Kurzführer. Dass blinde Seher
zu manchen Blendern führen, macht sich an einigen Stellen von
"Made in Germany“ ohne Kontaktlinsen, Brille oder Führung auch
bemerkbar. Zu den größten und spektakulärsten Installationen aus der
Hand von „manischen Bastlern“ gehören die "Kameras“, auch
eine Art "Blinde Seher“, denn Oliver van den Berg (*1967)
drechselte sie oder ließ sie aus Holz drechseln und beraubte sie
dadurch ihrer ursprünglichen Aufnahme- oder Überwachungsfunktion.
Obwohl sie treue Kopien der Originale sind, muten sie, durch ihre
Fertigung in Holz, wie Originale an. Weil Holz schöner und ästhetischer
als Kunststoff ist, schaut man sich diese Holzplastiken gern an und
bedauert, dass man ihre glatten Oberflächen nicht anfassen darf. Von
den vielen meist großen Kunstwerken, die im Kunstverein Hannover
besichtigt werden können, fällt vor allem das mit metallisch glänzenden
Kugeln gespickte Mobile von Jeppe Hein (*1974) ins Auge. Durch
verborgene Bewegungsmelder reagiert es auf die Besucher und kommt ihnen
manchmal bedrohlich nahe, ohne sie jedoch körperlich in Mitleidenschaft
zu ziehen. Slawomir Elsner (*1976) scheint sich dagegen von den
Personen, die er nach fotografischen Vorlagen malt, nachdem er sie
offensichtlich mit Photoshop bearbeitet hat, zu distanzieren. Er
verfremdet sie, macht sie unkenntlich, lässt ihre Gesichter hinter den
Händen und Gläsern verschwinden. Dass das Individuelle nicht zwangsläufig
in der Masse verschwinden muss, zeigt wiederum Candice Breitz (*1972) in
ihrer großen und beeindruckenden Videoarbeit "King (A Portrait of
Michael Jackson“, in der sechzehn deutsche Fans des Popstars a capella
sein komplettes "Thriller“-Album singen. Dieser komische und anrührende
Film führt vor, dass der Star, ein Markenprodukt der Unterhaltungs- und
Medienindustrie, seinen "Doppelgängern“ und Nachahmern vor allem
als Projektionsfläche für Wünsche nach Ruhm, Anerkennung und
geliehener Identität dient. Kleopatra
und die sieben Hennen In
der kestnergesellschaft gilt es, Räume (die im Kurzführer als
Zwischenräume, Durchgangsräume, Nichträume und Unräume bezeichnet
werden) und imaginäre Räume mit dem "echten“ Raum (was das auch
heißen mag) zu verbinden und sichtbar zu machen. Gleich im
Eingangsbereich, unter der Treppe, stapelt sich allerlei verpacktes Zeug
und einige leere Bierkisten auf Europaletten. Ist das Kunst oder bloß
ein Stapel mit Werkzeugen, Abfall und Leergut, die nach jedem
Ausstellungsaufbau zurückbleiben und ins Lager, den Supermarkt gebracht
oder in die Mülltonne gekippt werden müssen? Zwei Stimmen, die man in
unmittelbarer Nähe dieses Stapels wahrnimmt, sind ein Indiz dafür,
dass es sich um ein Kunstwerk handeln muss. Und tatsächlich: diese
Stimmen sind "das Alter Ego“ (so der Kurzführer) der Künstlerin
Haegue Yang (*1971), Autorin der Installation "Storage Piece“,
die sich mit der "Relevanz von Selbstreferenz in der künstlerischen
Tätigkeit“ ironisch auseinandersetzt. Einen anderen, "echten“
Raum, taucht die in Berlin und London lebende Koreanerin in rotes und
lila Licht ein, stattet ihn mit raumteilenden Jalousien, beweglichen
Spiegeln, Lampen, Stoffbahnen und kleinen Bildern aus. Hier ist
ebenfalls Yangs Stimme zu hören, die sie, wie einst Gilbert &
George, im Alkoholrausch aufgenommen hatte. Vom Selbstreferenzcharakter
dieser wahrlich multimedialen Arbeit zeugt ihr Titel: "Suppression
and Distraction - another way of being busy with the self“. Die
Ausstellung "Made in Germany“ wartet in der kestnergesellschaft
in Hannover auch mit anderen relevanten ironischen und ernsten Werken
auf. Zu den ersteren gehören vor allem der von Alexander Laner (*1974)
aus Spannplatten und Stahlträgern gebaute Flügel "Für Elise“,
das dazu passende aus einfachen Materialien (Holzlatten, Styropor,
Leuchtmittel und Fundgegenständen) konstruierte aber kosmisch betitelte
Objekt "Schwarzes Loch (M-Sphären II)“ von Björn Dahlen (*1974)
und ein schwarzer, sich stets drehender und an der Wand abschleifender
Ferrari-Rennreifen mit dem philosophisch-ironischen Titel "Zeit ist
keine Autobahn - Hannover“ von Michael Sailsdorfer (*1979). Es gibt
ferner viele ernste Zeichnungen, die den Tod thematisieren und sich
gegen den Rassismus wenden, wie die von Marcel van Eeden (*1965), eine
surreale Installation ("Forbidden Worlds“) - halb Standuhr, halb
Wurmgestalt von Andreas Hofer (*1963) und eine Elefantenskulptur aus
Bronze von Fernando Bryce (*1968), die auf zwei Bänden der
"Dekadenz des Okzidents“ von Oskar Spengler steht. Auch heimische
Tiere kommen in der "Made in Germany“-Schau in der
kestergesellschaft nicht zu kurz: Sieben weiße Hennen von einem Biohof
bei Berlin sind dort jetzt ein lebender und lebendiger Bestandteil der
Skulptur "The New Breed“ von Thomas Zipp (*1966), die aus einem
dunkelbraun lackierten ehemaligen DDR-Feuerwehrauto (Marke Robur)
besteht. Die Auto-Plastik dient jetzt den Hennen als Zuhause und
Arbeitsplatz, wo sie leben und ihre Eier unter einer versilberten
Kleopatrabüste legen können. "Die um den Fetisch der Büste
versammelten Tiere bilden ein geschlossenes Öko-System, das
metaphorisch die Verbindung zwischen Mensch, Macht und Naturwissenschaft
herstellt“, wird der Besucher im "Kurzführer“ aufgeklärt.
Drei Praktikantinnen füttern die Hennen und kümmern sich darum, dass
sie in den "echten“ Museumsraum nicht ausreißen können. Sie
dienen ja der Kunst. Und als angenehme Nebenerscheinung auch der
Backkunst, denn die Eier, die sie auch in diesem geschlossenen Öko-System
laufend produzieren, werden vom Team der kestnergesellschaft dankend zu
schmackhaften Kuchen verarbeitet. Angucken
und zuschlagen "Die neue Brut“ ist ein alter Hut: sie knüpft offensichtlich an die große Ausstellung der jungen Kunst aus Deutschland, der "German Open“, die 1999/2000 im Kunstmuseum Wolfsburg stattfand an und von Veit Görner mitkuratiert wurde. Dort sorgte u.a. die aus zwei lebenden Hühnern bestehende Installation "Lombard Bängli“ von John Bock (*1965) für Aufsehen. Die meisten der Teilnehmer der damals von der Kritik nicht besonders gehätschelten Gruppenschau sind heute arrivierte, hochgehandelte, von Feuilletonisten und Sammlern geliebte Künstler, um nur Jonathan Meese, Neo Rauch, Tobias Rehberger, Franz Ackermann, Silke Wagner, Cosima von Bonin, Olafur Eliasson, Peter Friedl, Manfred Pernice, Johannes Wohnseifer und Kai Althoff zu nennen. Den Künstlern der "Made in Germany“ soll der Erfolg ihrer Vorgänger ebenfalls beschieden sein. "Wir wissen, dass mit so einer Ausstellung auch noch einmal ein Schub für deren künstlerische Arbeit und natürlich auch für die Weiterentwicklung entsteht“, ist Veit Görner überzeugt. "Wer jetzt noch kaufen will, ist gut beraten, nach Hannover zu fahren, sich die Künstler anzugucken und sofort zuzuschlagen.“ Der Kurator als Kuppler des Künstlers mit dem Käufer: Ist das der Sinn der Übung? Text © Urszula Usakowska-Wolff Made
in Germany
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