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Der
Apotheker als Galerist und Sammler Er hatte weiße, mit schwarzen Strähnen durchsetzte Haare, wuchtige, schwarze Augenbrauen und war stets korrekt gekleidet: mit Nadelstreifenanzug, Nadelstreifenhemd und Nadelstreifenkrawatte. Der Apotheker Mateusz Grabowski (1904 – 1976) war eine elegante und dezent extravagante Erscheinung im London der Swinging Sixties. Der in einem Dorf in der Nähe der polnischen Kleinstadt Łomża geborene Bauernsohn wollte eigentlich Architekt werden, studierte dann aber Pharmazie an der Stefan-Batory-Universität in Wilna und ließ sich Mitte der 1930er Jahre in Warschau nieder. Er nahm als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil und gelangte über Frankreich nach England. 1948 kaufte er für geliehenes Geld seine erste Apotheke im Londoner Arbeiterviertel South End. Eine schwere Krankheit zwang ihn, die Apotheke nach nur einem Jahr zu verkaufen. Doch bald erwarb er eine neue, diesmal im Zentrum, und zwar in der Draycott Street, zwischen Chelsea und Kensington. Dieses Viertel war ein Treffpunkt der Londoner Szene, weil dort viele Künstler und Intellektuelle wohnten. Die Apotheke lief gut, sodass Mateusz Grabowski sich einen Traum erfüllen konnte: Er kaufte das benachbarte Haus, in dem sich früher eine Arbeiterkneipe befand und richtete dort 1959 seine Galerie ein. In den sechzehn Jahren ihres Bestehens fanden in der Grabowski Gallery 150 Ausstellungen statt, ihre ersten Präsentationen hatten dort Künstler, die zu den führenden Vertretern der britischen Pop- und der Op Art gezählt werden: u.a. Derek Boshier, Pauline Boty, Michael Kidner und Jeffrey Steele. Er war einer der Ersten, der das Potential und die Bedeutung dieser neuen Kunstrichtungen entdeckte und trug eine große Sammlung zusammen. Kurz vor seinem Tod schenkte er seine Kollektion dem Kunstmuseum in Łódź und dem Nationalmuseum in Warschau. Die einzige Vorgabe war, die geschenkten Kunstwerke umgehend zu katalogisieren und einen Sammlungskatalog zu veröffentlichen. Detektivarbeit
nach dreißig Jahren Es dauerte aber etwas länger, bis die gesammelten Kunstschätze des polnischen Apothekers in London dem Publikum in seinem Heimatland zugänglich gemacht werden konnten. Zwar wurden die Bilder der früheren Pop Artisten (vor allem von Boty und Boshier) immer wieder an ausländische Museen ausgeliehen (zuletzt konnte man sie 2003 in der spektakulären Schau der britischen Kunst "Blast to Freeze“ im Kunstmuseum Wolfsburg sehen), doch ein Großteil der "Collection of Grabowski“ - 238 Werke von 128 Künstlerinnen und Künstlern - schlummerte im Depot des Kunstmuseums in Łódź. Vor zwei Jahren begannen zwei seiner Kuratorinnen, Anna Saciuk-Gąsowska und Paulina Kurc, daran zu arbeiten, dass die Vorgabe des Sammlers doch noch erfüllt werden konnte. "Die Unterlagen für den Katalog begann Frau Dr. Mikina bereits 1976 während ihres Aufenthalts in London zu sammeln, also unmittelbar danach, als das Kunstmuseum Łódź die Schenkung der Grabowski-Sammlung angenommen hatte. Sie waren der Ausgangspunkt für unsere Arbeit“, sagen die Kuratorinnen. "Leider sind seitdem über dreißig Jahren vergangen, sie mussten also vervollständigt und aktualisiert werden. Viele der Künstlerinnen und Künstler wechselten ihren Wohnort, manche hatten mit Kunst nichts mehr zu tun, andere waren unauffindbar oder tot. Es war eine Detektivarbeit, bei der uns Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt halfen. Als es uns manchmal schien, dass alle Bemühungen fehlgeschlagen waren, erreichten uns plötzlich Briefe, Kataloge oder Hinweise aus verschiedenen Ländern, die uns weitergeholfen haben.“ Große Hilfe leistete auch der Sohn von Mateusz Grabowski, Wojciech, auch er Apotheker, Sammler von Kunst, Büchern, Briefmarken und der Inhaber der größten Sammlung von Medaillen mit dem Konterfei des polnischen Papstes Johannes Paul II. "Ich stamme aus einer Familie, die sich schon immer für Kunst interessierte“, bekennt Wojciech Grabowski. "Mein Vater war ein wohlhabender Mensch. Er liebte die Kunst und er liebte junge Künstler.“ Vergessener
Förderer der britischen Kunstszene Die
Grabowski-Sammlung kann sich auch nach drei (oder gar nach vier
Jahrzehnten) sehen lassen, denn gute Kunst verjährt nicht. Das zeigt
die kleine aber feine Ausstellung "Swinging London“ im
Kunstmuseum Łódź, in der 50 Arbeiten, also ein knapper Fünftel
der Kollektion des kunstliebenden Apothekers zum ersten Mal der Öffentlichkeit
vorgestellt werden. Es ist größtenteils britische aber auch
internationale (darunter polnische, finnische, deutsche,
lateinamerikanische, jugoslawische, griechische und italienische) Kunst
der 1960er und 1970er Jahre: vor allem Pop, Op und Brut Art, aber auch
figürliche und abstrakte Malerei, Zeichnungen, kleine Plastiken und
Installationen, also Kunst aus der Zeit, als London zur Hauptstadt der
"Swinging Sixties“ und die Grabowski Gallery zum Treffpunkt und
Ausstellungsort der jungen britischen und internationalen Kunstszene
wurde. Der zweisprachige polnisch-englische Katalog (dem eine CD mit
Reproduktionen der gesamten Sammlung und Informationen über die Künstlerinnen
und Künstler beiliegt), in dem die meisten Ausstellungsexponate
abgebildet werden, widmet viel Platz dem polnischen Galeristen und
Kunstsammler in London: Viele Künstler haben nach dreißig Jahre ihre
Erinnerungen an ihn niedergeschrieben und sie werden dort veröffentlicht.
Einer von ihnen ist Derek Boshier, der in Los Angeles am 8. Februar 2007
notierte: "Mit Rührung denke ich an Mateusz Grabowski, meinen
Freund und wegweisenden Inhaber seiner Anfang der 1960er Jahre
entstandenen Galerie. In der im Mai 1962 eröffneten Ausstellung
versammelte er Arbeiten solcher Künstler wie: David Hockney, Allen
Jones, RB Kitaj, Peter Phillips, Norman Toynton, Brian Wright und mich,
was eine Neuigkeit in einer kommerziellen Galerie war. Er ermutigte und
unterstützte auch andere Künstler, die unterschiedliche Stile und
Interessen vertraten. (…) Wir waren sehr jung und er konnte uns
motivieren, er strotzte vor Enthusiasmus und half vielen jungen Künstlern
bei ihrer Karriere. Er war auch immer ehrlich bei der Abrechnung,
interessierte sich auch für das Leben der Künstler außerhalb der
Kunst (im Sinn von Gesundheit, Kontakten mit anderen Menschen u.s.w.). Häufig
vergisst man, welchen außerordentlichen Anteil er an der Herausbildung
der britischen Kunstszene Anfang der 1960er Jahre hatte.“ Die
Ausstellung und der Katalog "Swinging London. Collection of
Grabowski“ sind ein erster Versuch, den etwas in Vergessenheit
geratenen Galeristen und Sammler in Erinnerung zu bringen und ihm einen
angemessenen Platz in der Kunstgeschichte der zweiten Hälfte des
zwanzigsten Jahrhunderts zu gewähren. Nachdem das nun endlich in seiner
Heimat Polen geschehen ist, bleibt zu hoffen, dass seine Verdienste bei
der Förderung der britischen Kunst auch in seiner Wahlheimat angemessen
gewürdigt werden. Text © Urszula Usakowska-Wolff Swingujący
Londyn. Kolekcja Grabowskiego Katalog |