Identität zwischen Fiktion und Realität

Alle guten Dinge sind drei: Das neue Ausstellungsjahr 2006 beginnt im MARTa Herford mit zwei Einzelpräsentationen und einer Gruppenschau, die einerseits im großen Kontrast zueinander stehen, sich andererseits überraschend ergänzen. Die Hauptausstellung ist diesmal eine schon seit vier Jahren vom künstlerischen Direktor Jan Hoet geplante Retrospektive mit vierzehn Filmen der aus Herford stammenden Wahlberlinerin Asta Gröting (* 1961), die direkt auf die Wände des "Doms", der umliegenden Galerien und der Eingangshalle gebeamt werden. Dadurch, dass die Videoprojektionen in keinen Boxen stattfinden und räumlich nicht begrenzt sind, entfalten sie eine suggestive psychologische Wirkung, umso mehr, dass das Hauptthema der Künstlerin die Beziehungen zwischen dem Individuum und seiner Umwelt ist. Das, was sie vor allem interessiert, ist das subtile und von der Kultur beeinflusste Verhältnis zwischen dem, was sich im Innern eines Individuums abspielt und dem, was es bereit ist, nach draußen dringen zu lassen, zu artikulieren, preiszugeben und es in Worte zu fassen. Asta Gröting visualisiert die von der Kultur gezähmte Natur, den Kreislauf der Kommunikation und zeigt, welchen selbstauferlegten oder von gesellschaftlichen Normen erzwungenen Einschränkungen er unterliegt. Die Absolventin der Düsseldorfer Kunstakademie, die am Anfang ihrer Karriere als Bildhauerin in ihren skulpturalen Arbeiten innere Organe und ihre Transmissionsnetzwerke nach außen (den Gehörgang, das Nerven- und Verdauungssystem) offen legte, machte das Verborgene sichtbar und wies darauf hin, dass der menschliche und tierische Organismus wie ein Förderband funktioniert, auf dem lebenswichtige- und schädliche Stoffe weitergeleitet, verarbeitet und ausgeschieden werden. Ihre Auseinandersetzung mit den "lebendigen" anatomischen Kreisläufen brachte sie an die Grenzen ihrer Darstellbarkeit mit den Mitteln der "unbelebten" Bildhauerkunst, so dass sie sich Anfang der 1990er Jahre zunehmend einem "bewegten" und "bewegenden" Medium - dem Film - zuwandte, um mit den mannigfaltigen Mitteln, die er bietet, individuelle und kollektive Kommunikationssysteme zu erforschen.

Asta Gröting im MARTA Herford, 19.01.2006. Foto © Manfred Wolff

Asta Gröting im MARTA Herford, 19.01.2006. Foto © Manfred Wolff

Zirkulation und Artikulation

Dass Asta Göring eine multimediale Künstlerin, Regisseurin und Drehbuchautorin ihrer kurzen Filme über das Leben und (die unterdrückte Gewissheit) darüber, dass es mit dem Tod endet, geworden ist, verdankt sie einerseits ihrer Liebe zur Anatomie, was bei einer Bildhauerin nichts Überraschendes sein muss, andererseits der Erkenntnis, dass eine anatomische Figur wie der Mensch, unabhängig von seiner natürlichen inneren Zirkulation, auch einen Drang nach Artikulation seiner Gedanken und Gefühle empfindet. Kurz gesagt: Neben dem anatomischen Herzen entdeckte die Künstlerin die hypothetische Seele und versuchte, ihr einen räumlichen Ausdruck zu verleihen, was mit den im Studium erlernten Mitteln und Techniken nur unbefriedigend verwirklicht werden konnte. Auf dem Weg, das unbestimmte und schwer definierbare innere Seelenleben nach außen zu transportieren, es bildlich zu machen und andere daran teilhaben zu lassen, erfand und baute sie eine Puppe, die zu ihrem Alter Ego, ihrer "Inneren Stimme" wurde. Und weil die "Innere Stimme" häufig nicht so sehr vom Verstand, sondern aus dem Bauch kommt, wandte sich die akademische Künstlerin einer besonderen und von der akademischen Kunstwelt weitgehend vernachlässigten Kleinkunstgruppe aus der Welt der Varietés, den Bauchrednerinnen und Bauchrednern zu. Ihre Arbeit, in deren Mittelpunkt seit 1993 die Film- und Performanceserie "The Inner Voice" steht, wie auf Englisch die "Innere Stimme" heißt, macht der Künstlerin Spaß, nicht nur, weil das Bauchreden, so Asta Gröting, "vor allem eine angelsächsische Spezialität ist" und sie, um die Darstellerinnen und Darsteller ihrer Filme zu treffen, sich häufig auf Reisen und Konvente der internationalen Zwei-Stimmen-Elite (u.a. nach Großbritannien, in die Vereinigten Staaten, aber auch nach Japan) begeben muss.

Dualität und Labilität

Die Bauchredner und Bauchrednerinnen sind für Asta Gröting ein Medium, um die Dualität des Individuums sichtbar und hörbar zu machen: die Dualität zwischen seiner "Inneren Stimme" und dem, was davon in Worte gefasst und laut (oder nur in Gedanken) ausgesprochen wird. Es ist auch die Dualität unseres äußeren Auftretens und der Zweifel, die wir an uns selbst und der Welt hegen. In den Dialogen, die die Künstlerin meistens selbst schreibt, scheint jene duale Stimme aus dem Geist geboren, der zwar nicht immer verneint und sich nicht immer des rechten Wegs bewusst ist, aber fast immer zweifelt. Es ist die Dualität des Individuums, das nach außen ein Bild von sich selbst vermitteln möchte und nicht weiß, ob und wie dieses Bild ankommt. Zugleich sind die 29 bisher entstandenen Filme und Performance aus der Werkgruppe "The Inner Voice", von denen sechs gegenwärtig in MARTa Herford gezeigt werden, auch subtile psychologische Studien über die brüchige Identität der Menschen und die Labilität, mit der sie sich selbst und ihrer Umwelt begegnen. Obwohl die Dialoge (die eigentlich Monologe, also Selbstbefragungen sind), wie die Künstlerin sagt „denkbar einfach sind“, setzen sie sich auf eine leicht verständliche, unterhaltsame und nicht belehrende Weise mit den banalen und erhabenen Problemen des Seins auseinander: dem Leben, und allem, was an Annehmlichkeiten und Leid dazu gehört, der eigenen Unsicherheit bei der Begegnung seines Ego und des "ich als eines anderen", der Angst vor dem Altern und dem Tod sowie der Korrektheit, die uns häufig daran hindert, das laut zu sagen, was uns wirklich - als innere Stimme - durch den Kopf oder Bauch geht. Identität, Labilität und Schwierigkeiten, die im Kommunikationsprozess von innen nach außen entstehen, sind auch das Thema der anderen acht Videoarbeiten von Asta Gröting, die ihre Retrospektive in Herford vervollständigen. Die handelnden Personen sind immer Künstler: Varieté, Sport- und Lebenskünstler, die auf Eis, im Wasser oder auf scheinbar festem Grund ihre Kunststücke vorführen. Ein Bär tanzt auf Eis und wird dafür mit einem Eimer Honig belohnt. Für die Eistänzerinnen und Tänzer schmeckt der Applaus des Publikums wie Honig. Eine Synchronschwimmerin stellt die Welt auf den Kopf, indem sie kopfüber unter der Wasseroberfläche läuft. Und ein Schatten sucht vergeblich nach dem Menschen, der ihn wirft.

Sicilia dalla Battaglia

Mit der zweiten Ausstellung, die MARTa gegenwärtig parallel zur "Inneren Stimme" präsentiert, taucht das Publikum in die scheinbar sonnige Welt Siziliens ein, auf die sich der mörderische Schatten der Mafia legt. Mit dem Titel "Leidenschaft, Gerechtigkeit, Freiheit" werden 57 Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Letizia Battaglia (*1935) vorgestellt, der großen alten Dame der italienischen Fotografie, die nicht nur mit der Kamera, sondern auch als Stadträtin von Palermo, den Kampf des Bürgermeisters Leoluca Orlando gegen die "ehrenwerte Gesellschaft“ unterstützte. Die 57 Fotos (aus denen sich der 1999 in Mailand, im Motta Verlag erschienene Bildband "Passione, Giustizia, Libertà. Fotografie dalla Sicilia" von Letizia Battaglia zusammensetzte) gewähren einen schonungslosen Blick in eine Welt, die mit der mediterranen Inselromantik für sonnenhungrige Touristen wenig gemein hat: Zwar gibt es dort vereinzelte Reiche, die sich in ihren Palästen vor der (selbstverschuldeten) Misere verbarrikadieren und ihre prunkvoll-kitschigen Feste feiern, doch der Alltag wird von Armut, Leid, der katholischen Kirche und dem Tod aus der Hand der Mafia geprägt. Heruntergekommene Häuser, heruntergekommene Kinder mit alten Gesichtern, schreiende Witwen und Mütter, erschossene Männer, die wie Müll auf den schmutzigen Straßen liegen, hingerichtete Prostituierte in billigen Zimmern unter Kalendern mit Pin-up-Girls und Heiligenbildern, alte barfüssige Frauen, die auf Knien zu der Heiligen Rosalia pilgern: Bilder, wie aus der dritten Welt, wo Armut und der (Aber)glauben die Gewalt, und die Gewalt den (Aber)glauben und die Armut nähren. Zwar bricht die italienische Fotografin mit ihren Aufnahmen, die häufig in den Prozessen gegen die Mafia benutzt wurden, das Gesetz des Schweigens, die "Omerta", doch zugleich führt sie eine Welt vor, in der die innere Stimme, die Stimme des abgestumpften Gewissens, in der Blutlache auf der Straße versinkt, neben einem erschossenen Mann mit dem Antlitz des dornengekrönten Heilands, auf der Schulter tätowiert. Trotz der vielen Kirchen und der Schutzheiligen Rosalia scheint es ein verfluchtes gottvergessenes Land zu sein. Sizilien und der Kampf gegen die Mafia ist, wie Battaglia auf einem ihrer Fotos zeigt, häufig ein vorgetäuschter und aussichtsloser Kampf: Eine ausgemergelte schmutzige weiße Katze läuft hinter einer dicken Ratte her. Doch man sieht: Die Katze jagt die Ratte nicht richtig, und die Ratte läuft nicht richtig weg.

Identität und Realität

Während die düster-realistische Sizilien-Ausstellung von Letizia Battaglia einen dokumentarischen Charakter hat und die "Fotografie als Fotografie" zeigt, widmet sich die dritte aktuelle Gruppenschau im MARTa Forum der "Fotografie als Bild". Den dort präsentierten, vorwiegend jüngeren Künstlerinnen und Künstlern scheint die Wirklichkeit ein Stoff zu sein, mit dem sie spielerisch und manchmal augenzwinkernd umgehen. Die überdimensionalen stereotypen und programmatisch entindividualisierten Porträts Thomas Ruffs rücken die darauf Abgebildeten in die Nähe von Fahndungsfotos, Sergey Bratkovs "Sekretärinnen" zeigen gewöhnliche Frauen in Reizwäsche, die wie Pin-up-Girls posieren. Das ist alles nicht echt, obwohl es wie echt aussehen soll. Die Identität ist eine Mischung aus Realität, Wunsch und Fiktion. Und wenn Blut - wie auf dem Küchenfoto von Lisa May Post fließt - ist es in Wirklichkeit Marmelade. So täuschend echt kann nur Fiktion sein, denn bei Letizia Battaglia fließt in Wirklichkeit echtes Blut statt Marmelade.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

25.01.2006


Asta Gröting
The Inner Voice
21.01. - 5.03.2006
MARTa Herford  

Katalog Asta Gröting, The Inner Voice, Revolver Verlag, 2006

Katalog
Asta Gröting
The Inner Voice
Revolver Archiv für aktuelle Kunst
Frankfurt am Main
139 Seiten
ISBN 3-86588-003-7
Preis 25 €

Asta Gröting im MARTA Herford, 19.01.2006. Foto © Manfred Wolff

Asta Gröting im MARTA Herford, 19.01.2006. Foto © Manfred Wolff

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Letizia Battaglia
Passione, Giustizia, Libertà
21.01. - 5.03.2006
MARTa Herford


Fotografie als Bild
21.01. - 5.03.2006
MARTa Herford

"Fotografie als Bild" im MARTa Forum, 19.10.2006. Foto © Manfred Wolff

"Fotografie als Bild" im MARTa Forum, 19.10.2006. Foto © Manfred Wolff


Katalog
Sammlung/Collection MARTa Herford
Selbstverlag des Museums, 2006
128 Seiten
ISBN 3-938433-03-5
Preis 20 €


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