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Korrekt,
kritisch, anarchisch Es
ist wohl das Größte, was ein Künstler leisten kann: das Gesicht
seiner Zeit zu erfassen, indem er penibel die Gesichter seiner Zeit
beobachtet und sie zu dem Archetypen verdichtet, der auch heute noch den
Nachgeborenen als die idealtypische Ikonographie der 1920er Jahre des
vorigen Jahrhunderts erscheint. Der gebürtige Berliner George
Grosz (1893-1959) hat das geleistet.
Des Künstlers
Handwerkszeug Mit
der Ausstellung "George Grosz. Korrekt und anarchisch" hat am
24. Januar 2010 die Akademie der Künste in Berlin ihre Arbeit im
laufenden Jahr begonnen. Damit ehrt sie zum zweiten Mal ihr außerordentliches
Mitglied, nachdem bereits 1962 eine George-Grosz-Retrospektive in den Räumlichkeiten
der Akademie am Hanseatenweg 10 zu sehen war.
Kunst
aus der Kiste Seinen
reichen Schatz an Arbeiten verdankt das Archiv der Akademie der Künste
einmal Peter
Grosz, dem ältesten Sohn des Künstlers, der die Bestände des
amerikanischen Archivs nach Berlin brachte, sowie einem sensationellen
Fund. 1984 wurde im Kohlenkeller des Hauses am Savignyplatz 5 eine Kiste
gefunden, die Grosz dort bei seinem Schwager Schmalhausen gelassen
hatte, als er 1933 nach Amerika ging. Wie durch ein Wunder waren fast
alle Arbeiten in der Kiste unversehrt. Die jetzt in Berlin zehn Wochen
lang gezeigten Werke werden auf längere Zeit zum letzten Mal dem
Publikum zugänglich sein. Aus konservatorischen Gründen vertragen sie
kaum noch eine längere Lichtexposition und reisefähig sind sie schon
gar nicht.
Dandys
und Dada Mit
den Skizzenbüchern, die der zwölfjährige George Grosz 1905 beginnt
und die er bis zum Lebensende emsig fortführt, blickt man in Studien
und Skizzen, die sowohl die Fantasie des Künstlers widerspiegeln als
auch ein Zeugnis ablegen von den genauen Beobachtungen, mit denen er
Haltungen, Typen und Charaktere festhielt, die Dandys, Bildungsbürger
und Militärs wie in einer Käfersammlung aufreihte. 1917 erreichte Dada,
aus Zürich kommend, Berlin und wurde von der jungen Künstlergeneration
begeistert aufgenommen. Für Grosz waren es vor allem Fotomontagen, von
ihm "Klebebilder" genannt, die ihn faszinierten. Zusammen mit
John Heartfield hatte er diese Technik erfunden und später erinnerte er
sich: "Alle diese seltsamen Gebilde, Klebebilder, Montagen lösten
damals eine richtige Schockwirkung auf das Publikum und die öffentliche
Meinung aus."
Beleidigung
und Gotteslästerung George
Grosz war zeitlebens ein sozialkritischer Künstler. Seine
Gesellschaftskritik führte ihn 1918 in die KPD, in deren Medien er nun
zahlreiche seiner Arbeiten veröffentlichte. Eine Reise nach Russland
1923 ließ ihn, sich aber von dieser Partei wieder abwenden. Sein
sozialkritisches Engagement litt darunter nicht. Weiterhin zeigte er die
Ausschweifungen eines dekadenten Bürgertums, die Klassenunterschiede
und die Feinde der Bürgerfreiheit in Kirche, Justiz und Militär.
Besonders seine Mappenwerke, die zwischen 1917 und 1928 entstanden,
riefen nicht nur Begeisterung hervor, sondern auch die Justiz auf den
Plan. Man warf ihm Beleidigung der Reichswehr, Angriffe auf die öffentliche
Moral, Verbreitung unzüchtiger Schriften und Gotteslästerung vor. Der
"Christus mit Gasmaske" aus der Mappe "Hintergrund"
beschäftigte die Justiz bis zu seiner Ausreise.
Erfolgreich
im Exil 1932
erhielt Grosz ein Angebot, als Gastdozent an der Kunstakademie The
Art Students League in New York zu unterrichten, am 12. Januar
1933 verließ er mit seiner Familie endgültig Deutschland und
verwirklichte sich so seinen "amerikanischen Traum", ehe die
Nazis nach ihm greifen konnten. In Amerika konnte er an seine Berliner
Erfolge anknüpfen, erwarb 1939 die US-Staatsbürgerschaft. 1948 zählte
er zu den zehn bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern. 1954 wurde er
Mitglied der American
Academy of Arts and Letters. 1958 wurde George Grosz als außerordentliches
Mitglied in die Akademie der Künste in Berlin gewählt, denn Ausländer
konnten damals keine ordentliche Mitgliedschaft erwerben. Am 6. Juli
1959 starb er in Berlin.
Erinnerung
an die Verantwortung Mit
der Ausstellung "George Grosz. Korrekt und anarchisch" würdigt
die Akademie der Künste nicht nur einen großen Künstler, sondern
erinnert auch an die soziale und politische Verantwortung der Kunst in
unseren Tagen. Die Kapitalisten haben heute keine dicken Bäuche mehr,
Zigarren passen nicht in ihr asketisches Erwerbsweltbild; Politiker mit
den Narben ihrer Burschenherrlichkeit sind ebenfalls selten geworden,
und Frauen im Hosenanzug sehen auch nicht mehr nuttig aus. Aber sie
treiben noch immer ihr böses Spiel. Text © Manfred Wolff George
Grosz. Korrekt und anarchisch Kuratorin:
Birgit Möckel 2.
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