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Wortmeldungen Berlin bietet in diesen Tagen die seltene Gelegenheit, gleichzeitig die Retrospektiven von zwei Künstlern der ZERO-Gruppe zu sehen: Im Pergamonmuseum wird Heinz Mack als erster lebender Künstler mit einer großer Schau gefeiert und in der Akademie der Künste am Pariser Platz sind die Arbeiten von Hans Haacke zu sehen, letztere wiederum auch eine Doublette, denn es ist nicht der ganze Haacke, die erste Hälfte - mit seinen frühen Arbeiten sowie Werken, die die Verflechtungen zwischen Wirtschaft, Unternehmen und Sponsoring zeigen - wird in den Hamburger Deichtorhallen gezeigt. Aber das ist mit der Bahn auch nur anderthalb Stunden entfernt, weshalb die Akademie das Angebot macht, am 9.12.2006 eine geführte Exkursion in beiden Ausstellungen zu erleben. Die Duplizität der Ereignisse macht noch einmal deutlich, welch hohes Maß an Energie und Kreativität sich Ende der 1950er Jahre des 20. Jahrhunderts im Rheinland gebündelt hatte. Dort entstanden mit neuen Materialien und Formen nicht nur neue Prozesse der Verwirklichung eines Kunstwerks, es wurden auch neue Wege der Kunst in die Gesellschaft gefordert und verwirklicht.
Für
eine humanere und gerechtere Welt Hans Haacke (* 1936 in Köln) hat sich des dialektischen Verhältnisses von Kunst und Gesellschaft seit 1970 angenommen. Während seine frühen Objekte ganz in der ZERO-Linie anzusiedeln sind - Installationen, die mit Luft und Wasser und ihren Bewegungen experimentieren - und zu neuem Sehen anleiten, tritt in den späteren Arbeiten das Wort in den Vordergrund. Diese Dokumentationen, die die Verflechtungen von Politik, Ökonomie und institutionellen Strukturen analysieren, stellen eine Gratwanderung zwischen künstlerischer Produktion und Publizistik dar. Er lehnt es zwar ab, als "politischer" Künstler bezeichnet zu werden, und "für parteipolitische Kampagnen möchte ich nicht zur Verfügung stehen", doch seine publizistischen Wortmeldungen, in denen er sich mit Macht und Machtmissbrauch auseinandersetzt und für eine humanere und gerechtere Welt eintritt, sorgen jedes Mal für Aufsehen, werden in den Medien ausführlich kommentiert, provozieren Parlamentsdebatten, erreichen Menschenmassen, die sonst nie Museen besuchen würden. Auch seine Haltung gegenüber den Medien und dem Publikum ist eher eine Ausnahme: Für Fotos posiert er nicht, Kataloge signiert er nicht, es sei denn, man darf sich sein langjähriger Freund nennen.
Brombeeren
auf der Bevölkerung Haacke hat mit seinem Anspruch auf Moral und Unabhängigkeit der Kunst neue Räume erschlossen. 1998 wurde er gebeten, ein Kunstwerk für den Reichstag beizusteuern. Seine Installation DER BEVÖLKERUNG, die er als Gegenstück zu der über dem Eingang zum Reichstag angebrachten Parole "Dem deutschen Volke" konzipierte, die die nichtdeutsche Bevölkerung der vereinigten Republik diskriminiere und ausgrenze, hat 2000 eine zum Teil von patriotischen Tönen geprägte, skurrile Debatte des Bundestages und eine Kampfabstimmung - 260 zu 258 Stimmen -provoziert. Die Ausstellung in der Akademie der Künste dokumentiert das. Wenn jetzt, wie Haacke berichtet, "rabiate Pflanzen - Brombeeren" immer wieder den Schriftzug zu überwuchern drohen, ist das eine schöne Symbolik der Natur: Sie sind hartnäckig und wehrhaft, treiben nur bescheidene Blüten, tragen aber reiche und süße Früchte. Sie wuchern auf der Erde, die von den Abgeordneten aus ihren "harmlosen" Wohnorten, aber auch aus den von der älteren und neueren Geschichte belasteten Orten wie dem ehemaligen KZ Buchenwald und dem Haus in Solingen, in dem 1993 fünf Menschen nach einem ausländerfeindlichen Anschlag verbrannten, gebracht und aufgeschüttet wird. Bevölkerungsgruppen
in Lebensgefahr "Man kann es nicht leugnen, dass es bestimmte Bevölkerungsgruppen gibt, die nicht als typisch deutsch gelten und sich in manchen Gegenden in Lebensgefahr befinden", sagt Hans Haacke. Die Fassade der Akademie der Künste hat er nun mit 46 großformatigen Tafeln bedeckt mit Namen von Personen, die wegen ihres ausländischen Aussehens, ihrer Herkunft erschlagen oder verbrannt, erstochen und ertränkt wurden in allen Teilen Deutschlands. "Kein schöner Land" nennt er die Installation, die gegen das Vergessen der Opfer mahnt. "Dieser Platz ist ein Touristenzentrum, wo Zehntausende täglich vorbeiziehen“, erklärt der Künstler. Sie sollen merken, dass hier nicht alles in Butter ist." Kunst
spielt eine öffentliche Rolle Obwohl
der seit Anfang der 1960er Jahre in New York lebende Künstler
inzwischen Weltruhm genießt, und 1993 gemeinsam mit Nam June Paik für
die Einrichtung des Deutschen Pavillions mit dem Goldenen Löwen der
Biennale Venedig ausgezeichnet wurde, machen große Museen, die auf
Sponsorengelder angewiesen sind, einen Bogen um ihn. In den 1970er
Jahren sagten das New Yorker Guggenheim und das Kölner
Wallraf-Richartz-Museum seine Ausstellungen ab, nachdem er sich mit den
wirtschaftlichen Machenschaften ihrer Leihgeber auseinander setzte. Die
gegenwärtige Doppelausstellung in der Berliner Akademie der Künste und
den Hamburger Deichtorhallen kam auf Initiative von Hans Haacke
zustande. Seine in Berlin gezeigten Arbeiten begleiten und dokumentieren
die Geschichte der Bundesrepublik und setzen sich mit der Politik, die
hier im Herzen der Hauptstadt wieder ihren Platz gefunden hat,
auseinander. Wo Haacke die Zustände in seiner Wahlheimat USA
analysiert, George W. Bush und seinen Irakkrieg kritisch unter die Lupe
nimmt, ist mit dem Neubau der US-Botschaft zwei Häuser weiter von der
Akademie ebenfalls der räumliche Bezug gegeben. "In dem Milieu, in
dem ich verkehre, werden meine US-kritischen Kunstwerke positiv
aufgenommen. Ich bin nicht der Einzige, der sich über die amerikanische
Politik aufregt“, sagt er. Und zeigt erneut mit einfachen und
allgemein verständlichen Mitteln, dass Kunst eine öffentliche Rolle
spielen kann.
2.12.2006
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