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Symphonie
aus Licht im Kammerton Gelb István
Haász steht mit seinen konstruktivistischen Arbeiten in einer großen
Tradition, deren Bildwelten uns stets bewusst sind, ausgehend von dem
legendären Quadrat Malewitschs. Das Quadrat, das Ruhe und Gelassenheit,
Sicherheit und Solidität vermittelt, ist auch die alle Arbeiten
beherrschende Form seiner Ausstellung in der Alten Synagoge in
Oerlinghausen. Die Quadrate ziehen den Betrachter aus der Unruhe und
Aufgeregtheit des Alltags heraus und fordern ihn auf, sich dieser
ruhigen und gelassenen Meditation aufzuschließen.
Gesetzlichkeit
der Form Die
Quadrate von István Haász erzählen nichts. Sie sind keine Literatur
in Bildern. Sie sind auch keine Zitate, weder aus der Kunstgeschichte,
noch aus der Natur. In der steten Wiederholung derselben Form leistet
diese Kunst eine andere Arbeit: sie erinnert an die Gesetzlichkeit der
Form, an deren absoluten Anspruch. Insoweit gleicht die Arbeit von István
Haász der der Moralisten und Priester. Auch die verkünden nichts
Neues. Aber sie erinnern immer wieder an das Notwendige und Absolute. Er
entmythologisiert die Form im Sinne des griechischen Philosophen, der
feststellte, dass nicht die Dinge, sondern unsere Meinungen über die
Dinge uns verwirren.
Gefährdung
der Ordnung Die
Quadrate und ihre Zu- und Anordnung sind das Protokoll eines
Forschungsweges – von der Unsicherheit des Mannigfaltigen zum
gesicherten Erfassen des Endgültigen., und wie jedes Forschungsergebnis
ist auch dieses verblüffend einfach; man fragt sich, warum man nicht
selbst darauf gekommen ist. István Haász belässt es nicht dabei, die
Form an sich zu analysieren oder sie in einen Dialog mit anderen Zeichen
zu stellen, wie es die Konstruktivisten taten. Durch die Teilung der
quadratischen Fläche legt er ihre historische Dimension offen. Die
Teilflächen, untereinander aus der Ebene gebrochen oder – je nach
Betrachtungsweise – zueinander an die Ebene herangeführt verraten die
Gefährdung, der die Ordnung der Form ausgesetzt ist. Sie ist
"schon" oder "noch nicht", aber nie ganz.
Theater
der Möglichkeiten Die
Teilung der Quadrate erzeugt eine Unschärfe, die der klaren Form zu
widersprechen scheint. Aber diese Unschärfe ist das Ergebnis eines
umfassenden Bemühens, die Unbedingtheit der quadratischen Form aus
ihrer Bedingtheit zu erklären. Indem Haász nicht nur lineare Teilungen
vornimmt, sondern diese Teilungen auch in den Raum ausweitet, imaginiert
er dem Betrachter ein Theater der Möglichkeiten der Form. Nicht nur
das: er bezieht den Betrachter mit in die Handlung ein, denn mit jeder
eigenen Bewegung bewegt der Betrachter auch den Zustand der Teilflächen,
erschließen sich ihm neue Dimensionen des historischen Prozesses einer
Form, erfährt er die gefährliche Unsicherheit des scheinbar
Gesicherten. Und selbst wenn der Betrachter seinen Standpunkt nicht verändert,
wird er im Tageslicht, das von der Frühe bis zum Niedergang der Sonne
über diese Szene geht, vor immer neue Perspektiven gestellt, schaut er
immer wieder neu hindurch durch die Bedingtheit der Ordnung.
Analyse
und Meditation Jede
Analogie oder auch nur Verführung zur Analogie meidet István Haász
auch in seiner Farbgebung. Er deckt seine Objekte mit monochromem Gelb
ab, lässt die Spuren des Pinsels sichtbar, meidet die Eintönigkeit der
Farbfläche und provoziert so eine Symphonie aus Licht, geschrieben um
den einen Kammerton Gelb. Im Zusammenwirken mit den Schatten seiner räumlichen
Oberflächen entfaltet das Licht, das der Fläche zu entspringen
scheint, Kraft und Vielfalt, gleicht einer Aura, wie sie sonst an
kultischen Objekten wahrgenommen wird. Wenn Haász diesem Licht Schwarz
entgegen stellt, bedient er sich der klassischen Warnfarbe. Er zeigt die
Grenze der Belastbarkeit von Form und Farbe auf und versperrt dem
Betrachter den Weg in unverbindliche Träumerei, verweist ihn zurück in
die Analyse. Analyse und Meditation sind die Methoden von István Haász.
Sie sind auch das Herangehen des Betrachters, wenn er zu István Haász
Zugang finden will. Text
und Fotos © Manfred Wolff
István
Haász
Geboren 1946 in Gönc/Ungarn, 1964-68 Pädagogische Hochschule Eger, 1975-79 Hochschule für Bildende Kunst Budapest, seit 1988 Dozent an der Universität für Angewandte Kunst Budapest, Mitglied der Künstlerkolonie Szentendre, lebt und arbeitet in Budapest. Seit 1970 zahlreiche Ausstellungen in Ungarn, Deutschland, Polen, Österreich, Holland, Schweiz, Jugoslawien, Brasilien, Großbritannien, Tschechische Republik, Frankreich, Griechenland, Belgien, Israel, Italien, Rumänien, Schweden und Japan. Zahlreiche Stipendien (u.a. 1992 in Worpswede). Kunstpreise und Auszeichnungen, Goldenes Verdienstkreuz der Republik Ungarn. |