Symphonie aus Licht im Kammerton Gelb

István Haász steht mit seinen konstruktivistischen Arbeiten in einer großen Tradition, deren Bildwelten uns stets bewusst sind, ausgehend von dem legendären Quadrat Malewitschs. Das Quadrat, das Ruhe und Gelassenheit, Sicherheit und Solidität vermittelt, ist auch die alle Arbeiten beherrschende Form seiner Ausstellung in der Alten Synagoge in Oerlinghausen. Die Quadrate ziehen den Betrachter aus der Unruhe und Aufgeregtheit des Alltags heraus und fordern ihn auf, sich dieser ruhigen und gelassenen Meditation aufzuschließen.

István Haász: Fuge, 2003, 150 x 100 x 9 cm, Acryl/Collage/Karton/Holz. Foto © Manfred  Wolff

István Haász: Fuge, 2003, 150 x 100 x 9 cm, Acryl/Collage/Karton/Holz. Foto © Manfred  Wolff

  Gesetzlichkeit der Form

Die Quadrate von István Haász erzählen nichts. Sie sind keine Literatur in Bildern. Sie sind auch keine Zitate, weder aus der Kunstgeschichte, noch aus der Natur. In der steten Wiederholung derselben Form leistet diese Kunst eine andere Arbeit: sie erinnert an die Gesetzlichkeit der Form, an deren absoluten Anspruch. Insoweit gleicht die Arbeit von István Haász der der Moralisten und Priester. Auch die verkünden nichts Neues. Aber sie erinnern immer wieder an das Notwendige und Absolute. Er entmythologisiert die Form im Sinne des griechischen Philosophen, der feststellte, dass nicht die Dinge, sondern unsere Meinungen über die Dinge uns verwirren.

István Haász: Objekt 21.01.05, 2005, 60 x 60 x 6 cm, Acryl/Collage/Karton/Holz. Foto © Manfred Wolff

István Haász: Objekt 21.01.05, 2005, 60 x 60 x 6 cm, Acryl/Collage/Karton/Holz. Foto © M. Wolff

  Gefährdung der Ordnung

Die Quadrate und ihre Zu- und Anordnung sind das Protokoll eines Forschungsweges – von der Unsicherheit des Mannigfaltigen zum gesicherten Erfassen des Endgültigen., und wie jedes Forschungsergebnis ist auch dieses verblüffend einfach; man fragt sich, warum man nicht selbst darauf gekommen ist. István Haász belässt es nicht dabei, die Form an sich zu analysieren oder sie in einen Dialog mit anderen Zeichen zu stellen, wie es die Konstruktivisten taten. Durch die Teilung der quadratischen Fläche legt er ihre historische Dimension offen. Die Teilflächen, untereinander aus der Ebene gebrochen oder – je nach Betrachtungsweise – zueinander an die Ebene herangeführt verraten die Gefährdung, der die Ordnung der Form ausgesetzt ist. Sie ist "schon" oder "noch nicht", aber nie ganz.

István Haász: Struktura Solidita, 2000, 60 x 60 x 6 cm, Acryl/Collage/Karton/Holz. Foto © Manfred Wolff

István Haász: Struktura Solidita, 2000, 60 x 60 x 6 cm, Acryl/Collage/Karton/Holz. Foto © Manfred Wolff

  Theater der Möglichkeiten

Die Teilung der Quadrate erzeugt eine Unschärfe, die der klaren Form zu widersprechen scheint. Aber diese Unschärfe ist das Ergebnis eines umfassenden Bemühens, die Unbedingtheit der quadratischen Form aus ihrer Bedingtheit zu erklären. Indem Haász nicht nur lineare Teilungen vornimmt, sondern diese Teilungen auch in den Raum ausweitet, imaginiert er dem Betrachter ein Theater der Möglichkeiten der Form. Nicht nur das: er bezieht den Betrachter mit in die Handlung ein, denn mit jeder eigenen Bewegung bewegt der Betrachter auch den Zustand der Teilflächen, erschließen sich ihm neue Dimensionen des historischen Prozesses einer Form, erfährt er die gefährliche Unsicherheit des scheinbar Gesicherten. Und selbst wenn der Betrachter seinen Standpunkt nicht verändert, wird er im Tageslicht, das von der Frühe bis zum Niedergang der Sonne über diese Szene geht, vor immer neue Perspektiven gestellt, schaut er immer wieder neu hindurch durch die Bedingtheit der Ordnung.

István Haász: Structura Solida IV, 2000, 100 x 200 x 20 cm, Acryl/Collage/Karton/Holz. Foto © M. Wolff

István Haász: Structura Solida IV, 2000, 100 x 200 x 20 cm, Acryl/Collage/Karton/Holz. Foto © M. Wolff

  Analyse und Meditation

Jede Analogie oder auch nur Verführung zur Analogie meidet István Haász auch in seiner Farbgebung. Er deckt seine Objekte mit monochromem Gelb ab, lässt die Spuren des Pinsels sichtbar, meidet die Eintönigkeit der Farbfläche und provoziert so eine Symphonie aus Licht, geschrieben um den einen Kammerton Gelb. Im Zusammenwirken mit den Schatten seiner räumlichen Oberflächen entfaltet das Licht, das der Fläche zu entspringen scheint, Kraft und Vielfalt, gleicht einer Aura, wie sie sonst an kultischen Objekten wahrgenommen wird. Wenn Haász diesem Licht Schwarz entgegen stellt, bedient er sich der klassischen Warnfarbe. Er zeigt die Grenze der Belastbarkeit von Form und Farbe auf und versperrt dem Betrachter den Weg in unverbindliche Träumerei, verweist ihn zurück in die Analyse. Analyse und Meditation sind die Methoden von István Haász. Sie sind auch das Herangehen des Betrachters, wenn er zu István Haász Zugang finden will.

Text und Fotos © Manfred Wolff

Ausstellungseröffnung "Die Farbe des Lichts" von István Haász, 28.08.05, Kunstverein Oerlinghausen. Foto © Manfred Wolff

Ausstellungseröffnung "Die Farbe des Lichts" von István Haász, 28.08.05, Kunstverein Oerlinghausen

István Haász
"Das Licht der Farbe"
28.08. – 09.10.2005
Kunstverein Oerlinghausen
Tönsbergstr. 4
33813 Oerlinghausen

Kurator: Marek Radke

Öffnungszeiten:
Do. + Sa. 15 – 17 Uhr
So. 11 – 13 und 15 – 17 Uhr

István Haász

 

István Haász und Gisela Burkamp (rechts). Kunstverein Oerlinghausen, 28.08.05. Foto © Manfred Wolff

István Haász und Gisela Burkamp (rechts). Kunstverein Oerlinghausen, 28.08.05. Foto © M. Wolff

Geboren 1946 in Gönc/Ungarn, 1964-68 Pädagogische Hochschule Eger, 1975-79 Hochschule für Bildende Kunst Budapest, seit 1988 Dozent an der Universität für Angewandte Kunst Budapest, Mitglied der Künstlerkolonie Szentendre, lebt und arbeitet in Budapest. Seit 1970 zahlreiche Ausstellungen in Ungarn, Deutschland, Polen, Österreich, Holland, Schweiz, Jugoslawien, Brasilien, Großbritannien, Tschechische Republik, Frankreich, Griechenland, Belgien, Israel, Italien, Rumänien, Schweden und Japan. Zahlreiche Stipendien (u.a. 1992 in Worpswede). Kunstpreise und Auszeichnungen, Goldenes Verdienstkreuz der Republik Ungarn.

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