Die Idee hinter den Bildern

Es gibt Künstler, die man gern sieht und hört. Zu ihnen gehört Robert Häuser, der große alte Herr der deutschen Photographie, der bedeutendste deutsche Photograph der letzten fünfzig Jahre. Seine schwarz-weißen Bilder sind von einer durchdringenden schmerzhaften Schönheit. Sie zeigen verfallene Häuser und Bahnhofe in einer einsamen leeren Landschaft, Straßenzüge, die an Friedhöfe erinnern und Friedhöfe, die vornehmen Villenvierteln gleichen, ausgediente Boote und Schiffwracks, sterbende Bäume und sterbende Gegenstände, die die Menschen verlassen oder aufgegeben haben, als sie auszogen oder selbst starben. Sie sind Zeitdokumente und Zeitzeichen, obwohl sie fernab jeder Aktualität liegen. Dem Peripheren, Unscheinbaren, Kaputten, im Sand oder Wasser versinkenden gilt die Aufmerksamkeit dieses grandiosen Künstlers, der - wie ein Archäologe - die Spuren der Vergänglichkeit registriert, um sie vor dem Vergessen zu bewahren, bevor sie sich im Nichts auflösen, verwittern, von Erde oder Wasser verschluckt werden. Diese vergänglichen Spuren der Kultur in der Natur möchte der Künstler festhalten, um sie für die Erinnerung zu retten. Seine technisch perfekten Bilder, die an das Werk eines Radierers denken lassen, sind zeitlos, denn sie zeigen, wie der Zahn der Zeit an den materiellen Werken des Menschen, den friedlichen Behausungen, den kriegerischen Bunkern am Atlantik, den profanen und religiösen Kult- und Statussymbolen nagt. Häufig sind auf seinen Photographien auch Straßenmarkierungen, Zäune, Treppen und Leiter zu sehen: Symbole eines unvergänglichen, den Menschen immanenten, häufig repressiven Ordnungssystems: der Ein- und Begrenzung, der Einsperrung. Obwohl die Photographien anmuten, als seien sie das Ergebnis einer sorgfältig durchdachten Inszenierung, sind sie authentisch: Sie befinden sich wirklich an Orten, an denen Robert Häusser den Dingen begegnete, die er abbilden wollte. "Inszenieren kann ich nicht“, sagt er. "Viele Male kehre ich an den Ort zurück, wo etwas meine Aufmerksamkeit fesselte, bis ich verstanden habe, was es ist - die Idee, die hinter dem Bild steht. Weil meine Kunst vom Kopf und Herzen kommt, müssen Inhalt und Form eine Einheit bilden."

Robert Häusser im DHM Berlin, 27.09.2006. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Robert Häusser im DHM Berlin, 27.09.2006. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Höhepunkt der Photokunst

2004 wurde Robert Häusser achtzig Jahre alt. Aus diesem Anlass richtete ihm das Forum Internationale Photographie der Reiss-Engelhorm-Museen (das über 60.000 Negative und bibliographische Dokumente dieses Künstlers verfügt) in Mannheim, der Stadt, in der er seit 1952 lebt, eine große Retrospektive. Es war die hundertste Ausstellung des Photokünstlers, der 1995 als erster Deutscher der renommierten Internationalen Preis der Photographie der schwedischen Hasselblad Stiftung bekam. Knappe hundert Arbeiten - einen vergleichsweise kleinen, aber repräsentativen Querschnitt aus 66 Schaffensjahren dieses Meisters der schwarz-weiß Dramatik - zeigt gegenwärtig das Deutsche Historische Museum in der Ausstellungshalle von I.M.Pei. Mit dieser Einzelpräsentation, die der DHM-Generaldirektor Prof. Dr. Hans Ottomayer "den letzten großen Höhepunkt in diesem Jahr" nennt, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Mannheimer Forum für Internationale Photographie, beginnt das Deutsche Historische Museum, Werkkomplexe aus renommierten photohistorischen Sammlungen nach Berlin einzuladen. In der Schau mit dem Titel "Robert Häusser. Aus dem photographischen Werk 1938 - 2004" kann man seine "Frühen Bilder" (1938 - 1942), seine "Helle Periode" (1953 - 1954), ferner Arbeiten aus den Serien "Spuren und Zeichen", "Thanatos", "Behausungen", "Orte und Situationen", "Magie der Dinge" bewundern. Was aus Platzgründen fehlt, sind Bilder aus den Werkgruppen "Menschen" und "Begegnungen". Die erstere zeigt, wie der Künstler sagt, "die kleine Welt der kleinen Leute", und die zweite seine Begegnungen mit anderen Künstlern in ihren Ateliers, in ihrem Arbeitsmilieu, denn "das Leben der Hight Society interessiert mich sowieso nicht."

Chronik der Einsamkeit

"Unter den Photographen bin ich ein Dinosaurier“, schmunzelt Robert Häusser, der seit seinem vierzehnten Lebensjahr der Schwarz-Weiß-Photographie treu blieb und immer mit einer analogen Kamera arbeitete: " Schwarz-Weiß-Photographie bietet mir mehr Möglichkeiten, durch eine gewisse Abstraktion den Inhalt und Form auf das Wesentliche zu reduzieren. Die Kontraste zwischen schwarz und weiß und allen ihren Schattierungen ergeben eine Dramatik, in der Farbe fehlt dagegen die Stimmung. Die Digitalphotographie eröffnet enorme Möglichkeiten der Kreativität, der Phantasie, aber auch der Fälschung. Das möchte ich nicht.“ Der in Stuttgart geborene Künstler griff bereits als Jugendlicher zum Photoapparat und hat sich, wie er sagt, "in die kleinen Dinge geflüchtet." Menschen tauchen auf seinen ersten Bildern höchstens als Schatten auf. Er ging ihnen aus dem Weg, war eingeschüchtert und misstrauisch. Weil seine Eltern Nazigegner waren (der Vater saß sogar im KZ ein), "wurden wir aus dem Volksgemeinschaft ausgeschlossen." Die frühen Bilder sind eine Chronik der Einsamkeit, der Ausgeschlossenheit, des Verfalls, aber auch der Geborgenheit, die die kleinen Dinge auf den Bildern ausstrahlen. Sie zeigen sterbende Bäume, Baugerüste, Kamine, welke Pflanzen vor einem zubetonierten Fenster, vertrocknete Sträucher an einer Wand, von der der Putz herunterbröckelt, zwei einsame Kleidungsstücke an einer Wäscheleine. Andere sind von einer durchdringenden poetischen Kraft, die sich aus dem Kontrast zwischen Licht und Schatten, zwischen den hellen und den dunklen Tönen entwickelt: Ein Wagen mit Kohl, der auf einem dunklen Pflaster steht, ist genauso ein erhabenes und großartiges Kunstwerk wie die Skulptur einer sitzenden Nackten, die in der dunklen Parkvegetation in einem magischen Licht erscheint. Zärtliche Gefühle weckt das Fragment einer Bank im Regen und der Schatten der Baumkrone eines Baumes, von dem man nur den unteren Teil seines Stammes sieht. Es ist die Schönheit des Gewöhnlichen, der nature morte, die durch Licht, Regen und Wind zum Vorschein kommt.

Fundstücke aus dem Schattenreich

"Erst mit 28 Jahren bin ich ein freier Mensch geworden", sagt Robert Häusser. "Die Hitlerzeit war Zwang. Die Hitlerjugend war Zwang. Der Krieg war Zwang. Die Gefangenschaft war Zwang. Das Leben in der Ostzone war Zwang." Von 1946 bis 1952 arbeitete er als Bauer auf dem elterlichen Hof in der Mark Brandenburg und veröffentliche seine Photoarbeiten bereits in Westdeutschland, was die ostdeutschen Kulturfunktionäre verdächtig fanden. 1952 flüchtete er über Westberlin nach Mannheim. Dort wurden seine Bilder heller, luftiger, eingetaucht in ein warmes Weiß. Nach der kurzen hellen Periode kehrte Häußer zu seiner Schwarz-Weiß-Dramatik zurück, die, wie er meint, "seiner Natur am besten entspricht." Er ist ein künstlerischer Einzelgänger, der viele Kunstentwicklungen vorweggenommen hat. Bereits Anfang der 1940er und 1950er Jahren photographierte er verhüllte Kinderwagen und Markstände, in seinen "Behausungen“ aus der zweiten Hälfte der 1950er Jahre erscheint er (u.a. im "Nescafé“, 1956) wie ein Vorläufer der Popart. Man hat seine frühen Bilder mit der "Neuen Sachlichkeit" verglichen, ihn einen Vertreter der "Subjektiven Photographie“ genannt. Doch Robert Häusser erklärt: "Früher konnte ich es mir nicht leisten, eine Photozeitschrift zu kaufen. Und das ist gut so. Meine Vorbilder kommen nicht aus der Photographie. Ich hänge eher mehr an der Malerei: an Caravaggio, Caspar David Frierdrich, de Chirico, Hopper. Ich habe immer sehr einfach gearbeitet und deshalb ist meine Arbeit ganz einfach: die passende Form für den Inhalt zu finden." Und die findet Robert Häusser in seinen wunderbaren auf das Wesentliche reduzierten Bildern, in denen sich die Melancholie, die Monotonie, die Zwänge und die Endlichkeit der irdischen Existenz widerspiegeln. Es sind Fundstücke aus dem Schattenreich morbider Schönheit.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

12.10.2006


Robert Häusser
Aus dem photographischen Werk 1938 - 2004
28.09. - 26.11.2006
Fotogalerie im Pei-Bau
Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums
In Kooperation mit dem Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim
Im Rahmen des Europäischen Monats der Photographie


Genauso lesens- wie sehenswert ist auch Katalog der Ausstellung

Robert Häusser
Photographien 1938 - 2004
Herausgeber: Katrin Peters-Klaphake und Dieter Vorsteher für das DHM
Text: Claude W. Sui
Edition Braus, Heidelberg, 2006, 98 S.
Preis 22 €
ISBN 3-86102-141-2


Mehr über Robert Häusser:

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Weiter zum Text über die künstlerische Interventionen am U-Bahnhof Berlin Alexanderplatz "U2. NGBK.  Eyse Erkmen: U8. Christine Hill: Welt der Weisheit. Thomas Hirschhorn: Ingeborg Bachmann Altar. 28.09.- 29.10.2006