Zahnloser Bär

Die Freude am Bild war wieder erwacht: mit den Ausstellungen "German Open" (Kunstmuseum Wolfsburg, 1999/2000), "Lieber Maler, male mir" (Kunsthalle Wien, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2002/2003) und "Painting Pictures" (Kunstmuseum Wolfsburg, 2003) begann eine Rückbesinnung auf das Bild, seine Wiederentdeckung und gleichzeitig seine Infragestellung. Da wurde lustvoll erzählt, sich der Bilderflut des Mainstreams hingegeben und aus diesem geschöpft. Es ist doch keine Schande, ein Bild abzumalen, wenn es nur wieder ein Bild wird. Die technischen Möglichkeiten der Bildbearbeitung und Bildgenerierung wurden genutzt und nicht länger schamhaft versteckt. Manches kam laut daher und reihte sich in den Maskenzug der Eitelkeiten und Bedeutsamkeiten, anderes war still und fragte nur nach dem Bild, das ein Bild war

.Malerei nach Bildvorlagen

Mit "Harmonie" zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg nun zum ersten Mal eine große Einzelausstellung des Dresdners Malers Eberhard Havekost (Jahrgang 1967), die schon in ihrem Ambiente den Standort des Künstlers beschreibt. Man gelangt zu den Arbeiten Havekosts erst, wenn man die gleichzeitig gebotene Ausstellung "Generation X - Junge Kunst aus der Sammlung" durchschritten hat, und die Wände, an denen seine Bilder hängen, sind zum Teil von jenem Grau, das den Hintergrund des Bildbearbeitungsprogramms Photoshop bildet. Gezeigt werden Ölgemälde aus den Jahren 1998 bis 2005, in denen er sich mehr und mehr von den Vorlagen aus Zeitungen oder dem Fernsehen löste und eigene - digitale - Kamerabilder (Fotografien ist wohl ein falsches Wort) zum Ausgangspunkt seiner Bilder machte. Havekosts Malerei nach Bildvorlagen ist aber nicht die Umsetzung eines Mediums in ein anderes, wie es zum Beispiel bei Elizabeth Peyton der Fall ist. Havekosts Bilder sind keine Wiederholungen der Bildvorlage. Er feiert nicht den Augenblick des Kameraklicks, schon gar nicht das daraus resultierende Bildergebnis: das ist eher zufällig und beliebig, ein Schnappschuss in den Alltag. Indem er das digitale Bildergebnis durch die Software des Photoshops laufen lässt, die vielfältigen Möglichkeiten des Dehnens und Quetschens, der perspektivischen Verzerrung und des Filterns anwendet, stellt er das Bild als autonome Aussage eines Gedankens in Frage.

Eberhard Havekost vor seinem Bild "Blitzlicht", 2002, Öl auf Leinwand, 180 x 180 cm

Eberhard Havekost vor seinem Bild "Blitzlicht", 2002, Öl auf Leinwand, 180 x 180 cm. Sammlung der Familie Hort. Foto © Manfred Wolff

Eberhard Havekost vor seinem Bild "Blitzlicht", 2002, Öl auf Leinwand, 180 x 180 cm

Angebot an die Kunstwelt

Die präzise gemalten Bilder führen heraus aus der Scheinwirklichkeit der herkömmlichen Bilderwelt und lassen den Betrachter allein vor gefilterten Ausblicken aus der scheinbaren Sicherheit des Geborgenen, vor dem Anblick der scheinbaren Verfügbarkeit des Bergenden: der Blick aus dem Fenster eines fahrenden Zuges, auf das hermetisch geschlossene Fenster dieses Zuges. Durch die abstrahierende Veränderung des Bildes mittels der Bearbeitungstechnik wird jedes Suchen nach einer Abbildungsabsicht unterbunden. Das Bild sagt nichts aus über seinen Gegenstand oder seinen Autor. Es ist nur noch der Vorwurf einer Welt, die sich der Betrachter selbst erfinden muss, wie er es auch sonst in seinen Alltagserfahrungen tut. Das Bild ist kein Ausschnitt eines Weltbilds, es verlangt ein Weltbild, das der Betrachter in seinen Gedankenräumen schafft. Die Entfernung von der Realität, die ironische Distanz zu ihr sind ein Wesensmerkmal der Bildkunst Havekosts, sein - wie er selbst sagt - "Angebot an die Kunstwelt". Seine Architekturen sind ebenso wie seine Porträts eigentlich austauschbar mit beliebigen anderen. Durch die präzise Benennung wird das noch unterstrichen. Da es sich bei der Wolfsburger Bilderschau um einen Längsschnitt der letzten sieben Jahre von Havekosts Schaffen handelt, ist seine Bewegung im Themenfeld gut nachvollziehbar.

Eines der Bilder zeigt einen aufgerichteten Bär vor einem unscharfen Hintergrund, eine mächtige Erscheinung. Seine Schnauze ist weit geöffnet. Er ist zahnlos.

Text und Fotos © Manfred Wolff

9.11.2005


Eberhard Havekost
Harmonie. Bilder/Paintings 1998 - 2005
5.11.2005 - 19.02.2006
Kunstmuseum Wolfsburg

9.03. - 29.05 2006
Stedelijk Museum CS, Amsterdam


Hier geht es direkt zum Havekost-Katalog im Hatje Cantz Verlag

Katalog
Eberhard Havekost
Harmonie. Bilder/Paintings 1998 - 2005
Mit einem Vorwort von Thomas Köhler
sowie Texten von Annelie Lütgens, Ludwig Seyfarth und Susanne Köhler
Deutsch/Englisch
128 Seiten, 126 Abb., davon 103 farbig
Hatje Cantz, 2005
ISBN 3-7757-1651-3
Preis 24,80 Euro (im Buchhandel), 18 Euro (an der Museumskasse)


Eberhard Havekost: "Harmonie" im Kunstmuseum Wolfsburg

Eberhard Havekost: "Privat 1" (Fragment), 2001, Öl auf Leinwand, 18-teilig, je 70 x 50 cm. Sammlung Bastian, Berlin. Foto © Manfred Wolff

Eberhard Havekost: Eberhard Havekost: "Privat 1" (Fragment), 2001, Öl auf Leinwand, 18-teilig, je 70 x 50

Eberhard Havekost vor seinem Bild "Filter 2", 2003, Öl auf Leinwand, 100 x 200 cm. Sammlung Kunstmuseum Wolfsburg. Foto © Manfred Wolff

Eberhard Havekost vor seinem Bild "Filter 2", 2003, Öl auf Leinwand, 100 x 200 cm

Eberhard Havekost: "Privat 1" (Fragment), 2001, Öl auf Leinwand, 18-teilig, je 70 x 50 cm. Sammlung Bastian, Berlin. Foto © Manfred Wolff

Eberhard Havekost: "Privat 1" (Fragment), 2001, Öl auf Leinwand, 18-teilig, je 70 x 50 cm

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